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Mahnmal oder: "Hier ist der Ort!"

Ein ultimativer Vorschlag, vom Juni 2001

Anderthalb Jahre nach der sogenannten Tafelweihe habe ich jetzt genug. Ich will endlich das Mahnmal. Es soll uns nicht vage an den "Holokaust", dieses Unwort, neuerdings ja sogar mit "k" geschrieben, sondern an die Vernichtung von sechs Millionen Juden gemahnen. An das, was es war. Ergänzend könnte es noch an andere Taten und Tote erinnern, wie beispielsweise an Homosexuelle, Sinti und Roma sowie an die mittels Genickschuß erledigten sowjetischen Offiziere und Soldaten, an die im Krieg ermordeten "Kommissare", an die russischen, serbischen und jüdischen Partisanen, die französischen Widerstandskämpfer und an die Gefallenen der alliierten Truppen. Es wäre ein Aufwasch. Die paar bei uns lebenden Juden werden schon nichts dagegen haben, daß der Gedenkkreis einschlägig erweitert wird.

Mein ultimativer Vorschlag: Wir fangen das Projekt sofort an. An dem Platz mit dem Bauzaun "Hier ist der Ort!"

Wie gehen wir vor?

Auf dem Grundstück bauen wir aus Platzgründen zunächst nur eine Baracke. Dazu bedienen wir uns alter Pläne, die es noch gibt. Fotos können zu Rate gezogen werden, um eine realistische Kopie einer Baracke, sagen wir aus Auschwitz oder Theresienstadt, hinzukriegen. Auch die Innenarchitektur muß stimmen. Fragen werden sich aufwerfen: aus welchem Holz waren die Pritschen, gab es Eßgeschirr und Wolldecken für die Insassen usw. Kurz, wir beschäftigen uns mit unserer Vergangenheit, das hilft dem Gedenken auf.

Selbstverständlich muß über dem Eingangstor in Jugendstillettern "Arbeit macht frei" stehen. Das beliebte Motto darf nicht fehlen.

Eine kleine Gaskammer, eine Genickschußanlage und ein Galgen gehören ebenfalls aufs Gelände, genauso wie eine exemplarische Arbeitsstätte der Firma Siemens & Halske oder einer anderen Firma, die sich damals der billigen jüdischen Arbeitskräfte bedient hat. Welche Firma auf diese Weise zum Zuge kommen kann, will reiflich durchdacht sein. Wir erhoffen uns von ihr vor allem finanzielle Unterstützung, da wir für die Firma werben.

Auf der Grundlage alter noch vorhandener chemischer Formeln wird das Giftgas Zyklon B hergestellt. Dazu treten wir an die IG Farben Nachfolgefirma Degussa heran und bitten sie, in ihren Werkstätten diese verhältnismäßig kleinen Mengen, die wir ja nur benötigen, getreulich zu reproduzieren. Besonders gern sähen wir es, wenn auch die Behälter den Originalen weitgehend entsprächen. Auch hier sollte der Firmenname zu Werbezwecken aufgemalt werden. Durch diesen Arbeitsvorgang könnten wieder einige Menschen direkt mit dem Gedenken an frühere Zeiten befaßt werden.

Die Häftlingskleidung lassen wir in Textilfirmen Südosteuropas herstellen, vielleicht in Kroatien und Bosnien. So kann das Gedenken nach dem ehemaligen Jugoslawien ausgedehnt werden. Die Nachkommen der Ustaschas und der Handjar und Kama Divisionen, die schon damals immer gut mit uns Deutschen zusammen arbeiteten, haben auch ein Gedenkrecht, oder?

Schnittmuster für die KZ-Kleidung neueren Stils leihen wir von einer Vereinigung ehemaliger KZ-Häftlinge aus. Diese kommen ja in den letzten Jahren schon des öfteren im neu geschneiderten Konzi-Dress zu den Gedenkveranstaltungen. So werden Entwicklungskosten eingespart. In die Judensterne, auf den Kleidern, könnten wir den Firmennamen oder den Namen der Häftlingsvereinigung einnähen lassen. Dafür würden wir von der begünstigten Firma Werbekosten nehmen. Die Vereinigung der ehemaligen Häftlinge dürfte selbstverständlich kostenlos werben. Das wären wir den Opfern schuldig.

Was sonst noch alles benötigt wird, um ein echtes KZ möglichst naturgetreu wieder erstehen zu lassen, muß von einem ausgewählten Gremium von Kennern bestimmt werden. Sie sollten aus Kreisen der ehemaligen Täter und Opfer kommen, um somit von vornherein spätere Proteste der jeweils anderen Seite auszuschließen. Wir werden um Anträge auf Subventionen der Bundesregierung und des Landes Berlin nicht herum kommen, wenngleich wir möglichst wenig davon in Anspruch nehmen wollen. Das Gedenken sollte sich mittel- und langfristig finanziell selbst tragen.

Wenn wir nun die "Hard Ware" fertig haben, bitten wir einige noch lebende Opfer der damaligen KZ-Zeit, sich unsere Arbeit anzusehen, um sie zu begutachten. Für Tips sind wir dankbar. Der polnische Jude Martin, sollte er noch leben, das Faktotum aus der KZ-Gedenkstätte Dachau könnte eingeflogen werden. Wahrscheinlich würde er wieder erzählen, daß da ein Baum war, an dem die Menschen rittlings, an den Armen gefesselt, aufgehängt wurden, seinerzeit, in Dachau. Na, ja, vielleicht ist es doch besser, wenn wir ihn das nicht im einzelnen beschreiben lassen, sonst wollen wieder welche warten, bis der Baum groß genug ist. Bis ein neu gepflanzter Baum die Stärke hätte, solche schaukelnden Menschen auszuhalten, vergingen zu viele Jahre.

Wir aber wollen sofort mit dem Gedenken anfangen. Zwölf Jahre des Wartens sind genug.

Wie gehen wir nun weiter vor?

Stelen, leere Räumlichkeiten, Gedenkbibliotheken, all das hat auf dem Gelände "Hier ist der Ort!" glücklicherweise nun keinen Platz mehr. Unser Ort ist komplett und wartet, mit Leben und mit Sterben gefüllt zu werden. Dazu benötigen wir Menschenmaterial. Juden kommen dafür mangels Masse nicht in Frage. Sie werden hier und da in den netten deutschen Städten und Gemeinden, in Ost und in West, fallweise behandelt. So gedenken die Menschen in diesen Städten und Gemeinden schon in eigenen Einzelaktionen und dezentralisiert der Vergangenheit. Eine richtige Kristallnacht können sie allerdings nicht mehr hinkriegen, heutzutage, weil Synagogen und jüdische Geschäfte in Deutschland heuer Mangelware sind. Ja, hätten die übrig gebliebenen Juden nach dem Krieg mehr und freudiger aufgebaut, würde sich die Frage anders stellen.

Sowjets haben wir auch nicht mehr, oder wenigstens geeignete Russen. Überhaupt ist uns der Kommunismus und Realsozialismus abhanden gekommen, so daß wir diese Spur nicht verfolgen können.

Woher aber bekommen wir die Insassen unseres Gedenkortes; denn wir wollen hier richtige Big-Brother-Verhältnisse herstellen. Es soll alles wie in Wirklichkeit sein: "das KZ im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit".

Da es in unserem deutschen Volke inzwischen doch eine unserer Sache wenig dienliche Hemmschwelle gibt, großzügig Menschen einzukerkern und zu beseitigen (sieht man einmal von den seit zwanzig Jahren einsitzenden RAF-Terroristen ab, die ihren sozialen Tod schon erlitten haben), müssen für unsere Gedenkstätte solche gefunden werden, für die es einen breiten Konsens gibt, daß sie aus der Gesellschaft eliminiert gehören. Die Argumente der Gegner der Todesstrafe müssen berücksichtigt und ihrem feinen Rechtsgefühl Rechnung getragen werden. Dazu bedürfen wir der Hilfe derjenigen, die es seinerzeit, Anfang März 1999, geschafft haben, Kriegsgegner in bombenfreundliche Gerechte zu verwandeln. Wie haben sie das geschafft? Diese Gerechten sollen sich einfallen lassen, wer in Frage kommt, und mit welchen Argumenten die zögerlicheren Teile der deutschen Bevölkerung vom guten Zweck überzeugt werden können.

Wir lesen schon jetzt und verschärft während der Bauphase unserer Gedenkstätte regelmäßig die deutschen Zeitungen und Zeitschriften und sehen die Tagesschau und das Heute-Journal. Dabei konzentrieren wir uns notgedrungen auf unser Land, denn Menschenmaterial aus anderen Ländern ist noch nicht wieder so leicht zu beschaffen, es sei denn, es gelänge uns, gute Kontakte zum Internationalen Tribunal für Jugoslawien und seiner Chefanklägerin Frau Carla del Ponte, in den Haag, zu entwickeln.

In den Medien forschen wir nach solchen Ereignissen, die große Empörung weiter Kreise der Bevölkerung zur Folge haben. Diese Täter kommen für unsere Zwecke in Betracht: Kinderschänder, Amokschützen, Drogenhändler, Restterroristen, eventuell auch korrupte Politiker und Mitglieder verfassungsfeindlicher Parteien.

Wir brauchen nicht viele, aber so ungefähr ein Dutzend sollte zusammen kommen. Diese Straftäter werden in unser Gedenk-KZ eingeliefert, und sie können nicht nur von uns Berlinern, sondern von der gesamten deutschen Bevölkerung dort eine Weile bestaunt werden. Ein Zubringertransport ist dazu vorzusehen. Der KZ-Tourismus gehört in ordentliche Bahnen gelenkt.

Ein Teil der eingelieferten Straftäter arbeitet in der auf dem Gelände angesiedelten Arbeitsstätte der von uns zum Mitmachen gewonnenen Firma und fertigt so gesellschaftlich nützliche Dinge, während ein anderer Teil auf wirklich extrem schmale Kost gesetzt wird, um solcherart einen Eindruck des Leidens der damaligen Zeit zu vergegenwärtigen.

Unterstützt wird die Aufklärungsarbeit durch Vorträge, die, von der Gegenwart ausgehend, auf die Vergangenheit verweisen. Dabei ist viel Gedenken möglich. Wir rufen mehrmals und mit unterschiedlicher Betonung: "Nie wieder Auschwitz!" und setzen die Schandtaten der in der Gedenkstätte Inhaftierten mit denen der damaligen dunklen, tragischen Zeit gleich. Hierzu lernen wir von unserem Außenminister Herrn Joseph "Joschka" Fischer.

Wenn nun die in unserem Gedenk-KZ inhaftierten Menschen eine Weile dort gelebt und die Zeitungen und Kameras des Fernsehens ausführlich über die Zustände im Lager berichtet haben, geht es an den Höhepunkt der Gedenkarbeit: wir richten den ersten Inhaftierten hin. Es muß aber wirklich, um den Erfolg zu gewährleisten, ein allseits verachteter Krimineller sein. Am Anfang kann am meisten schief gehen. Das muß vermieden werden, schon, um nicht das gesamte Projekt zu gefährden. Wir erklären auch, daß wir nicht grundsätzlich die Todesstrafe wieder einführen wollen, sondern daß es sich hier um eine Demonstration im Rahmen des Gedenkens handelt. So beruhigen wir besorgte Bürger.

Mit Hängen fangen wir vielleicht an. Die Medien informieren rechtzeitig über den Termin, so daß diejenigen, die gedenken wollen, Zeit genug finden, Urlaub einzureichen und eine Reise nach Berlin zu buchen, um sich an den Ort "Hier ist der Ort!" zu begeben. Wir lernen dabei von der Inszenierung der Hinrichtung des Verbrechers Timothy McVeigh, in den USA, die uns das neulich vorgemacht haben. Auch wir sollten dazu einen Montag wählen. So können die Besucher vorher noch ein schönes Wochenende in Berlin verbringen, gepflegt Essen und in den Zoo oder die "Schaubühne" gehen, und sie können die im Umkreis um die Hinrichtungsstätte errichteten kleinen Verkaufsbuden besuchen und Souvenirs einkaufen.

Schon ein einziger Hingerichteter kann, wenn wir es geschickt anfangen, zu ungeahnten Ausmaßen an Gedenken führen. Wir brauchen dazu keine Millionen Hingerichteter. Es ist so einfach zu gedenken! Und billiger ist es so herum auch, aus dem Gedenk-KZ und seiner Vermarktung selbst finanziert.

Wenn das Gedenken richtig in Gang gekommen ist, führen wir nach und nach weitere Tötungsarten vor: Genickschuß, Vergasen, Erschlagen usw. Immer in kleinen Mengen, damit diejenigen, die gedenken sollen, nicht abgeschreckt werden. Zuviel Grauen ist nicht gut fürs Gedenken.

Allerdings können wir mit unserer Gedenkstätte nicht die im Vorfeld geschehenen alltäglichen Verbrechen der Deutschen an Juden gedenkmäßig wiederbeleben: Denunziationen, Plünderung jüdischer Wohnungen, Billigankauf jüdischer Häuser (für eine Schiffskarte in die USA), Raub von Kunstwerken aus jüdischem Besitz, Schlagen und Umbringen einzelner mißliebiger Juden. Hierzu bedürfte es weiterer ähnlicher Mahnmale, beispielsweise im Vorgarten des Hauses von Lion Feuchtwanger oder in der Vorhalle von Museen: "Hier sind die Orte!"

Berlin, 25. Juni 2001


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