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Robert Brasillach, der Denunziant, der noch immer "ĂŒberall ist"

Auf Robert Brasillach, geboren 1909 in Perpignan, hingerichtet 1945 in Montrouge, und seine Lebensgeschichte stoße ich in Paris, als Freunde 1994 im Auftrag einer deutschen Stiftung ĂŒber französische Kriegsgefangene im "OFLAG VIa Soest" arbeiten und ich bei dem Projekt mitmache. Der berĂŒhmteste Kriegsgefangene des OFLAG VIa in Soest, ab Juni 1940, heißt Robert Brasillach. Er wird von den fĂŒnf ehemaligen Offizieren der Vereinigung "OFLAG VIa Soest", die wir interviewen, heiß verehrt.

Die AnfÀnge des Robert Brasillach

Wenn man in Frankreich an frĂŒhen militanten Antisemitismus denkt, fĂ€llt einem die AffĂ€re Dreyfus ein, da der jĂŒdische aus dem Elsaß stammende Offizier Alfred Dreyfus 1894 des Landesverrats geziehen wird. Obgleich es ziemlich bald klar ist, daß ein anderer die Tat begangen hat, dessen Name obendrein bekannt ist, dauert es bis zum Jahre 1906, bevor Alfred Dreyfus nach zwölfjĂ€hriger Gefangenschaft und Verbannung rehabilitiert wird. Das hindert die Gegner Dreyfus´ nicht, in ihrem Haß fortzufahren.

Die 1899 vom Politiker und Journalisten Charles Maurras gegrĂŒndete royalistische "Action française", die sich in der AffĂ€re Dreyfus entwickelt und festigt und eine gleichnamige Zeitschrift herausgibt, ist recht im Sinne des jungen, 1909 in Perpignan geborenen Dichters, Schriftstellers und Theaterkritikers Robert Brasillach. Er engagiert sich wie Charles Maurras, Maurice BarrĂšs, und Leon Daudet, Sohn von Alphonse Daudet, zunĂ€chst in einem christlichen antiliberalen, autoritĂ€ren Nationalismus. Charles Maurras, seit 1938 Mitglied der AcadĂ©mie française, ist gegen die Republik sowie gegen die EnglĂ€nder, die Deutschen und vor allem gegen die Juden. FĂŒr ihn ist Dreyfus das Symbol fĂŒr alles Übel, das nach der französischen Revolution ĂŒber Frankreich hereingebrochen ist.

Das alles beginnt lange, bevor in Deutschland Adolf Hitler die Macht ĂŒbergeben wird. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und besonders in den 30er Jahren tun sich dann zahlreiche französische Intellektuelle, Dichter, Schriftsteller und Journalisten, wie Louis Ferdinand CĂ©line, Pierre Drieu la Rochelle, Henri BĂ©raud, Charles Maurras und eben Robert Brasillach besonders hervor in zĂŒgellosem Antisemitismus.

In den 30er Jahren ist man in Frankreich "national" und "sozial", Linke und Rechte schließen sich zusammen gegen den Materialismus, fĂŒr einen Dritten Weg zwischen und gegen Liberalismus und Marxismus, zum Nationalsozialismus. Die demokratische Republik wird zum Feind erklĂ€rt. Der Kampf gegen die kapitalistische Demokratie und gegen alle, die von ihr leben, bis hin zu den Kommunisten, wird aufgenommen. Schon damals handelt es sich um einen Kampf gegen das "Einheitsdenken", es wird nur noch nicht so bezeichnet. Ein solcher Ansatz fĂŒhrt direkt in den Faschismus. Wenn sich dieser auch extrem gewalttĂ€tig gegen den Kapitalismus, gegen die Konzerne, die Banken, die Plutokratie in allen ihren Formen richte, so rĂŒhre er weder das Privateigentum noch den individuellen Profit an, schreibt Zeev Sternhell. Auch Robert Brasillach schreibt an gegen "diese furchtbare Ordnung dieser furchtbaren kapitalistischen Gesellschaft." Man mĂŒsse nicht das Privateigentum verantwortlich machen und es abschaffen, sondern man mĂŒsse die Herrschaft des Geldes brechen. (1)

Robert Brasillach, Herausgeber und Chefredakteur von "Je suis partout"

"Je suis partout", Ich bin ĂŒberall, heißt die faschistische antisemitische Zeitschrift mit der grĂ¶ĂŸten Verbreitung in Frankreich. Herausgeber und Chefredakteur (1937-1943) ist Robert Brasillach, der 1935 vom NĂŒrnberger Reichsparteitag der NSDAP als ĂŒberzeugter Faschist zurĂŒckkehrt. FĂŒr ihn ist der Faschismus Ethik und Ästhetik gleichermaßen, "eine universelle Revolution", deren AnhĂ€nger "eine reine Nation, eine reine Rasse wollten. Sie liebten, oft gemeinsam in diesen immensen ZusammenkĂŒnften von MĂ€nnern zu leben, wo die in einen Rhythmus gebrachten Bewegungen der Armeen und Massen wie das Schlagen eines riesigen Herzens anmutet. Sie glaubten nicht an die Versprechungen des Liberalismus, an die Gleichheit der Menschen, an den Willen des Volkes ... Sie glaubten nicht an die Gerechtigkeit, die sich in Worten ergießt, aber sie riefen die Gerechtigkeit, die durch Kraft regiert. Und sie wußten, daß aus dieser Kraft die Freude geboren werden kann."

Aus den aus Hitlerdeutschland mitgebrachten EindrĂŒcken vom "mythischen und poetischen Aspekt des Faschismus", vom "Mythos der Zeremonie", von diesem "Imperativ der nationalen Einheit", der "ĂŒberraschenden Mythologie einer neuen Religion" und der "anhaltenden Predigt an die Jugend zu Treue, Opfer und Ehre", vom "heiligen Ort (NĂŒrnberg) des nationalen Mysteriums", dieser "Poesie" ergibt sich konsequent seine alltĂ€gliche journalistische TĂ€tigkeit. (2)

Sie besteht fĂŒr ihn und seine Mitarbeiter darin, in seiner Zeitschrift gegen die liberale Demokratie, die bĂŒrgerliche Gesellschaft, den Marxismus und gegen die Juden anzuschreiben. Um die Zivilisation zu retten, wollen sie der Nation eine neue politische und soziale Ordnung auferlegen und sie mit einem neuen Geist erfĂŒllen. Konkret Ă€ußert sich das in Verleumdungskampagnen gegen politische Gegner, Hetze gegen die Juden und Aufforderung zum Mord an mißliebigen Personen. Als im April 1939 das Gesetz Marchandeau Angriffe der Presse gegen religiöse und soziale Gruppen unter Strafe stellt, bedient Robert Brasillach sich des SchlĂŒsselwortes "Affen", um das Gesetz zu umgehen: "Man geht ins Theater? Der Saal ist voll mit Affen ... Die Affenweibchen, die sie begleiten, sind mit Pelzen und Perlenkolliers behangen, und sie maunzen fast wie Menschen ... Das, was wir Antisimietismus (lesen Sie bitte gut, bitte ich Sie) nennen werden, wird tĂ€glich notwendiger ..." (3)

Der Übersetzer und Schriftsteller Robert Brasillach

Ansonsten ist Robert Brasillach ein ausgezeichneter Kenner der klassischen Literatur, er ĂŒbersetzt beispielsweise Sappho, und er schreibt freundliche BĂŒcher mittelmĂ€ĂŸiger QualitĂ€t mit Titeln wie "Der Funkendieb", "Der VogelhĂ€ndler", "Die sieben Farben", "Wie die Zeit vergeht" oder auch "Geschichte des Kinos", letzteres gemeinsam mit seinem Schwager Maurice BardĂšche. Zeev Sternhell hĂ€lt Robert Brasillach trotz seiner QualitĂ€ten nicht fĂŒr einen Erben der großen Dichter und Denker Frankreichs im Zwanzigsten Jahrhundert. Dennoch werden seine Werke heute noch beim Verlag Hachette herausgegeben, der zum französischen RĂŒstungskonzern LagardĂšre gehört. Es besteht offensichtlich ein Bedarf. Robert Brasillach schreibt auch ĂŒber seine Heimat, das Roussillon. Dieses und andere seiner Werke liegen in seiner Heimatstadt Perpignan jederzeit in den Buchhandlungen aus. Acht seiner Werke kann man in der Online-Buchhandlung des Front National erwerben. (4) Er schreibt, schon vor dem Krieg, Erinnerungen an seine Jugend, wie er zur extremen Rechten gekommen und wie er der Faszination des Nationalsozialismus verfallen ist. Die Ästhetik einer Leni Riefenstahl und eines Arno Breker, die Huldigung an die virile Jugend, beeindruckt ihn, den Homosexuellen, ganz besonders. Soweit zur angeblich politisch wertfreien Wirkung der Kunst der Leni Riefenstahl und ihresgleichen.

1938 trifft Robert Brasillach mit dem Dichter Jean Anouih zusammen, den er sehr beeindruckt. Jean Anouilh wird sich spĂ€ter fĂŒr seine Begnadigung einsetzen. "Le voici pour toujours", schreibt er ĂŒber ihn; etwa "Hier ist er - fĂŒr immer!" (5)

Robert Brasillach zur Zeit der deutschen Besatzung

Zur Zeit der deutschen Besatzung ist es um Robert Brasillach vollends geschehen. Er beginnt ein VerhĂ€ltnis mit dem KulturattachĂ© der Deutschen Botschaft Karl-Heinz Bremer und kollaboriert, in dem er im "Je suis partout" Regierungsmitglieder der Dritten Republik, WiderstandskĂ€mpfer, Kommunisten, Sozialisten sowie versteckte Juden mit Namen und Adressen denunziert. Wenn sie nach einer Weile noch immer nicht verhaftet sind, faßt er nach und beschwert sich. Er stiftet seine Mitarbeiter an, wie den Schriftsteller Lucien Rebatet, der sich im August 1942 auf Robert Brasillach beruft, um einen politisch unliebsamen Mann beim Erziehungsministerium zu denunzieren, einen Schuldirektor. Dieser sei gegen die Regierung Laval, verherrliche die Gaullisten und kommunistischen Terroristen und sei ein Judenfreund, was zu der Zeit fĂŒr den Denunzierten tödlich enden kann. Um seiner Denunziation Nachdruck zu verleihen, droht er in dem Schreiben indirekt an, daß Robert Brasillach und er den Fall demnĂ€chst auch in der Zeitschrift veröffentlichen könnten: "Wir geben Ihnen die Machenschaften dieser Person zur PrĂŒfung, bevor wir den Fall mit den uns zur VerfĂŒgung stehenden Mitteln an die Öffentlichkeit bringen." (6)

Robert Brasillach wird mit Kriegsanbruch eingezogen und im Juni 1940 im OFLAG VIa, Soest, interniert, wo er ein Jahr bleibt. Auf Anforderung des Marschalls Philippe PĂ©tain wird er von den Deutschen im Juni 1941 freigelassen. Man braucht ihn fĂŒr propagandistische TĂ€tigkeit dringend in Frankreich. Die bereits erwĂ€hnten französischen Offiziere des Offizierslagers OFLAG VIa, die ich 1994 interviewe, erinnern sich gerĂŒhrt an den liebenswĂŒrdigen Robert Brasillach, der auswendig die griechischen und französischen Klassiker beherrscht und Lesungen und Theaterabende im Lager veranstaltet. Viele beeindruckende Geschichten erzĂ€hlen sie uns von ihm, dem Dichter, Schriftsteller, Übersetzer griechischer Autoren und Herausgeber der "Anthologie de la poĂ©sie grecque", einer heute noch bei den Editions Stock verlegten Anthologie griechischer Dichtung. Sie sind traurig, als er im Juni 1941 das OFLAG verlĂ€ĂŸt.

Er ist bis 1943 wieder Herausgeber und Chefredakteur von "Je suis partout" und reist mit deutschem MilitĂ€r in die Sowjetunion, an die Front, wo er die mit den Nazideutschen gegen die Rote Armee kĂ€mpfenden Franzosen besucht. Betreut wird er vom deutschen Literaturzensor in Paris Leutnant Gerhard Heller. Anschließend schreibt er fĂŒr andere Publikationen, z.B. fĂŒr "RĂ©volution nationale", noch deutschenfreundlichere Artikel als vorher und arbeitet als Dichter. Am 25. September 1942 schreibt er: "Man muß die Juden ausrotten und die Kinder nicht schonen." (7)

Prozeß und Hinrichtung des Robert Brasillach

Bei der Befreiung wird er verhaftet. Er geht nicht, wie beispielsweise Louis Ferdinand CĂ©line, der nach dem Krieg begnadigt wird, mit der Vichy-Regierung nach Sigmaringen, in Deutschland, sondern er hĂ€lt in Frankreich aus. Er wird ins GefĂ€ngnis von Fresnes eingeliefert, erwartet dort seinen Prozeß und schreibt Gedichte.

General Charles de Gaulle geht gegen die VerrĂ€ter Frankreichs hart und schnell vor. Als erster wird der Herausgeber der Zeitschrift "Aujourd´hui", Heute, Georges Suarez im Oktober 1944 verurteilt und am 9. November hingerichtet. 1944 findet ein Prozeß gegen den politischen Direktor der antisemitischen Nazi-Zeitschrift "Gringoire", von 1928 bis 1943, Henri BĂ©raud statt. Er wird 1944 wegen Landesverrats zum Tode verurteilt aber von General Charles de Gaulle begnadigt. (8)

Dann beginnt, im Januar 1945, der Prozeß gegen Robert Brasillach. Hingerichtet wird er am 6. Februar 1945. Sein Gnadengesuch an General Charles de Gaulle wird von diesem abgelehnt. Sein Verteidiger ist Jacques Isorni, der spĂ€tere Verteidiger von Philippe PĂ©tain und BegrĂŒnder einer Vereinigung zum Gedenken an Marschall Philippe PĂ©tain. Der Verteidiger "beugte sich andĂ€chtig ĂŒber die Leiche, um mit einem Taschentuch eine große Lache Blutes aufzufangen, " wird aus dem Buch von Alice Kaplan: Intelligence avec l´ennemi. Le procĂšs Brasillach", Spionage fĂŒr den Feind. Der Prozeß Brasillach, zitiert. Jacques Isorni tut in dem Prozeß alles, um zu zeigen, daß Robert Brasillach ein großer Schriftsteller ist. Man möge nicht die literarische Zukunft Frankreichs mit ihm umbringen. (9)

2001 wird das Buch von Alice Kaplan bei Gallimard veröffentlicht. Es bedarf einer Professorin fĂŒr französische Literatur aus den USA, um sich des Falles des französischen Kriegsverbrechers Robert Brasillach anzunehmen. Zwar gibt es schon Biographien, aber sie alle beschönigen die Taten Robert Brasillachs. (10) Alice Kaplan sagt es in einem Interview mit Alain Nicolas von der HumanitĂ© deutlich: wegen Spionage und Landesverrats wurde er hingerichtet und nicht seines literarischen Werkes wegen, das, nebenbei bemerkt, mittelmĂ€ĂŸig sei. Nicht als Dichter und Schriftsteller habe er denunziert, aufgefordert, Menschen umzubringen oder sie einzusperren. Er sei nicht seiner Meinung wegen hingerichtet worden, sondern wegen seiner Taten. Sie schreibt ĂŒber den Prozeßverlauf, ĂŒber die Geschworenen, von denen Jacques Isorni behauptet, es wĂ€ren nur Kommunisten, was eine Verleumdung aus den Kreisen um den Schriftsteller Jean Paulhan ist, der sich wie Jean Anouilh und François Mauriac fĂŒr die Begnadigung von Robert Brasillach einsetzt. François Mauriac setzt sich ein, obgleich er selbst von Robert Brasillach im Kriege denunziert wird. Die Geschworenen sind vier WiderstandskĂ€mpfer, von denen einer Kommunist ist, ein Elektriker, der spĂ€ter BĂŒrgermeister von Champigny wird. Der Staatsanwalt Marcel Reboul ist ein Freund des Verteidigers Jacques Isorni. Er ist sein Mieter, und ihrer beider Ehefrauen gehen am Morgen des Prozesses gemeinsam in die Kirche, um fĂŒr Robert Brasillach zu beten. (11)

LĂŒgen und Legenden ĂŒber Robert Brasillach

Der Revisionismus zu den Verbrechen des Robert Brasillach beginnt unmittelbar nach Kriegsende, angefĂŒhrt vom Schwager und homosexuellen Freund des Hingerichteten, dem Herausgeber der Zeitschrift "DĂ©fense de l´Occident" Maurice BardĂšche, Professor fĂŒr Literatur. Er ist nach dem Zweiten Weltkrieg der "Vater des französischen Faschismus", der erste Negationist, noch vor allen, noch vor Paul Rassinier, dessen Werke er 1962 und 1964 herausgibt un dessen Grabrede er 1967 hĂ€lt. Über 50 Jahre hinweg, bis zu seinem Tode 1998, ist Maurice BardĂšche die große ideologische und intellektuelle Leitfigur der französischen Rechtsextremisten. Er sei auf Grund der Verurteilung seines Schwagers zum Tode in die Politik eingetreten. Dieser sei umgebracht worden, weil er Herausgeber des Zentralorgans der kollaborationistischen Presse Frankreichs "Je suis partout" gewesen sei. Das ist eine LĂŒge, denn Maurice BardĂšche schreibt bereits vor dem Kriege in "Je suis partout". 1947 rechtfertigt er in einem Brief an François Mauriac die Kollaboration mit Hitler. Seine Schriften sind von außergewöhnlich brutalem Rassismus und Antisemitismus geprĂ€gt. Er schreibt 1948 ein Buch, in dem er die Nazis von ihren Verbrechen freispricht. (7) (12)

Er ĂŒbt großen Einfluß auf die italienischen Neo-Faschisten aus. Stolz ist er, der Professor fĂŒr französische Literatur, auf seinen SchĂŒler Gianfranco Fini, den heutigen PrĂ€sidenten der rechtsradikalen Alliance Nationale und stellvertretenden Premierminister Italiens. So wirkt Maurice BardĂšche bis heute fort.

Mit Maurice BardĂšche beginnen die LĂŒgen und Legenden ĂŒber Robert Brasillach, und sie enden nicht mit dem Buch von Alice Kaplan. Maurice BardĂšche stirbt im September 1998. Seine Witwe, die Schwester von Robert Brasillach, sieht im Mai 2002 die Angelegenheit so: "Aber inzwischen, da mit de Gaulle wĂ€hrend dieser Zeit, die man ´LibĂ©ration´, Befreiung nennt, alle die Verfolgungen gekommen sind: diejenigen, die man gestern noch Terroristen nannte, sind zu Patrioten geworden, zu Helden. .." (13)

Mit dem Wiedererstarken der extremen Rechten wĂ€chst der Mythos des "MĂ€rtyrers" Robert Brasillach. Schon 1946 sammeln sich die Reste der "Action française", und Pierre Boutang grĂŒndet 1947 die Revue "Aspects de la France". Mit dem Algerienkrieg gibt es dann weiteren Aufschwung in der Legendenbildung um Robert Brasillach. Maurice BardĂšche, der "Ordre Nouveau" und seine GrĂŒndung, der Front National tun ein ĂŒbriges. Bernard-Henry Lejeune, vom Cercle d´Ă©tudes, des relations publiques, Ă©conomiques et sociales (CERPES), Studienzirkel fĂŒr öffentliche, wirtschaftliche und soziale Beziehungen, fordert eine "weiße Freimaurerloge, die ausgewĂ€hlte Mitglieder aus ihrer schwachen in eine starke wirtschaftliche Position" zu bringen habe. In seinem Bulletin "Contre-Attaque", vom September 1987, bezieht er sich dabei direkt auf Robert Brasillach. Die "rechtsextremen Anarchisten" um Michel-Georges Micberth fĂŒhlen sich ebenfalls von Robert Brasillach vertreten. Sie lehnen die Demokratie ab und schwören auf die Ungleichheit, genau wie die "Action française/Centre royaliste d´Action française". FĂŒr deren AnhĂ€nger besteht ein "Mythos der 30er Jahre", der Aufruhr der Jugend, verkörpert durch Robert Brasillach. (14)

SelbstverstĂ€ndlich bezieht sich keiner der Rechtsextremen auf die Verbrechen des Robert Brasillach. Die LĂŒgen und Legenden wirken bis heute fort. Da nĂŒtzt auch keine AufklĂ€rung durch Alice Kaplan und nicht der Tod des Maurice BardĂšche.

Die AffÀre Brasillach in Perpignan, Januar 2003

Diese Affaire setzt sich zusammen aus zwei Teilen, die sich zum Schluß wieder zusammenfĂŒgen.

Der 1839 gegrĂŒndete Toulouser Verlag Privat hat es sich zur Aufgabe gemacht, reprĂ€sentative BĂ€nde ĂŒber die französischen Verwaltungsbezirke herauszugeben. Ein Band, ĂŒber die Haute-Garonne, ist im September 2002 bereits erschienen. Das Prinzip des Verlages ist dabei, jeweils einen Sponsor zu finden, um die kostspielige Ausgabe finanzieren zu können. Die linke MajoritĂ€tsfraktion des Conseil GĂ©nĂ©ral, des Generalrats des Verwaltungsbezirks PyrĂ©nĂ©es-Orientales, der östlichen PyrenĂ€en, unter FĂŒhrung seines PrĂ€sidenten stimmt am 24. Juni 2002, noch bevor eine einzige Zeile geschrieben ist, dem Ankauf von 2000 Exemplaren zur Verteilung in Schulen, zu einem stark ĂŒberhöhten Preis zu. Das Buch ist fĂŒr den Verlag schon vor seinem Erscheinen rentabel. Wenn es sich dann noch gut verkaufe, sei es ein Jack Pot, schreibt ein BĂŒrger von Perpignan auf seiner Web Site Perpignan-toutvabien.com.

Die Opposition enthĂ€lt sich der Stimme, da ihr zu wenige Informationen ĂŒber das Projekt vorliegen, und der PrĂ€sident sich weigere, diese zu geben.

Das Projekt wird von einem Mitarbeiter und Vertrauten des PrĂ€sidenten unter Mitarbeit eines spezialisierten Journalisten koordiniert. Es gibt keinen Wissenschaftlichen Beirat, der die QualitĂ€t der Ausgabe ĂŒberwacht. Dies wird von einigen Autoren moniert. Der Projektkoordinator ist nicht unumstritten als Fachmann fĂŒr die Ausgabe. Die Zeit fĂŒr die Fertigstellung des Bandes wird als viel zu kurz angesehen. Der Beitrag eines dem PrĂ€sidenten nicht genehmen kompetenten Gewerkschafters, der von den Koordinatoren aufgefordert wird, ĂŒber die Landwirtschaft des Bezirkes zu schreiben, fliegt auf Grund eines Vetos des PrĂ€sidenten angeblich wegen Platzmangels kurzfristig aus dem Band heraus. (15)

Soweit die eine AffÀre. Die nÀchste ist noch schlimmer. Sie betrifft die Rehabilitierung des Verbrechers Robert Brasillach.

Unter dem Titel "Schreiben im Roussillon" werden eine Reihe von Schriftstellern des Bezirkes aufgefĂŒhrt und kurz besprochen. Unter diesen sind zwei international bekannt. Der eine ist der NobelpreistrĂ€ger 1985 fĂŒr Literatur Claude Simon. Er ist einer der dezidiertesten Vertreter des Nouveau Roman. Der NobelpreistrĂ€ger, Jahrgang 1913, lebt in Salses. "Die spanische Revolution, der Zweite Weltkrieg, die Kriegsgefangenenlager, die AusbrĂŒche, die Krankheit sind die Ereignisse, die die Fiktion des Claude Simon nĂ€hren", seine Werke hĂ€tten die moderne französische Literatur verĂ€ndert, schreibt das französische Außenministerium auf seiner offiziellen Seite. (16)

Der andere ist der Kollaborateur Robert Brasillach, der bei uns in Deutschland, wenn ĂŒberhaupt jemand von ihm gehört hat, eher berĂŒchtigt als berĂŒhmt ist. WĂ€hrend dem NobelpreistrĂ€ger ein Text von 346 Zeichen gewidmet wird, andere, international gĂ€nzlich unbekannte Schriftsteller 450 oder 583 Zeichen wert sind, widmet der Autor dem Robert Brasillach 1 489 Zeichen. Im Text heißt es unter der Überschrift "Das Pantheon der Roussilloner Schriftsteller", wobei das Pantheon in Paris unter dem Motto "Den großen MĂ€nnern - die dankbare Republik" steht:

"Robert Brasillach wird einer der umstrittensten Schriftsteller des Roussillon, wenn nicht des Hexagon bleiben. Aus dem Leben des 1909 in eine katalanische Familie geborenen und, im Alter von 35 Jahren, Opfer eines der Dramen der SĂ€uberung gewordenen Robert Brasillach behĂ€lt man oftmals nur seinen Überggang, 1939, an die Spitze der Pariser Wochenzeitschrift Je suis partout. Brasillach ist hinter seinem Image verschwunden. Dennoch ist er der Autor eines warmherzigen Werkes, von dem fĂŒr immer Romane bleiben werden, wie: Der Dieb der Funken, Das Kind der Nacht, Der VogelhĂ€ndler, Sechs Stunden zu verlieren und seine Anthologie der griechischen Poesie."

Er schreibt weiterhin, daß Robert Brasillach ein ĂŒberzeugter AnhĂ€nger des Faschismus gewesen sei, und daß seine Sympathie fĂŒr das Naziregime und sein Engagement in der Kollaboration von vielen seiner Bewunderer als ein Irrtum und eine Tragödie erlebt werde. Er schreibt noch vieles mehr ....

AndrĂ© Bonet, der Autor dieses Textes ist PrĂ€sident des öffentlichen Centre MĂ©diterranĂ©en de LittĂ©rature (CML), mit Sitz im Geburtshaus des Robert Brasillach. (17) AndrĂ© Bonet veröffentlicht im Jahr 1998 ein Werk ĂŒber den Pfarrer Jean-Marie Vianney, "Le Saint curĂ© d´Ars", den heiligen Pfarrer von Ars, und im Jahre 2001 das spirituelle Werk "Sainte Rita, la grĂące d´aimer", Heilige Rita, die Gnade zu lieben. Sainte Rita ist die Heilige der hoffnungslosen FĂ€lle, und AndrĂ© Bonet liebt die Heilige sehr. Dieser fromme Autor macht sich nun an die Rehabilitierung des Kriegsverbrechers Robert Brasillach.

Die AffĂ€re weitet sich aus mit der Veröffentlichung eines Email-Wechsels zwischen zwei Professoren der Perpignaner UniversitĂ€t, einer davon ihr ehemaliger PrĂ€sident, der Claude Simon fĂŒr oftmals unlesbar, und damit fĂŒr anscheinend nicht so wichtig erklĂ€rt, und der dokumentiert, daß Robert Brasillach doch lĂ€ngst rehabilitiert sei. Er verweist auf die Taschenbuchausgaben beim Verlag Plon und auf zwölf Zitate des Autors im Larousse. Heute wĂŒrde Robert Brasillach vielleicht die RĂ€nge des am meisten "nationalitĂ€ren" Regionalismus anreichern. Mit dieser Vokabel umgeht der Email-Schreiber den Begriff "nationalistisch", denn dann wĂ€re er auf dem rechten Wege, was Robert Brasillach angeht. Diesen Professor scheint es nicht zu stören, daß ein verurteilter und hingerichteter Nazi-Kriegsverbrecher "lĂ€ngst rehabilitiert" ist.

Sein Email-Partner sieht das etwas anders, was einen hoffen lĂ€ĂŸt. Er lĂ€ĂŸt die FĂŒrsprache des selbst rechtsextremen Jean Paulhan nicht gelten. Er verweist auf das Buch von Alice Kaplan und auf die Web Site der Freunde des Robert Brasillach. Er ruft in Erinnerung, daß Robert Brasillach nicht als Schriftsteller, nicht seines mittelmĂ€ĂŸigen literarischen Werkes und nicht seiner Meinung wegen verurteilt wurde, sondern weil er denunzierte und zu Verhaftungen und zum Mord aufrief. Ihn als "Opfer der SĂ€uberung" darzustellen und an die Geschichte zu appellieren, die ihn rehabilitieren werde, sei nichts anderes als Revisionismus. Robert Brasillach habe von Aktionen gesprochen und nicht von Literatur, als er im "Je suis partout" Namen und Adressen von Juden, Kommunisten und WiderstandskĂ€mpfern veröffentlicht habe.

Der Skandal weitet sich aus. Die lokale Wochenzeitschrift der kommunistischen Partei "Le Travailleur Catalan" schaltet sich protestierend dazu, die ehemaligen WiderstandskĂ€mpfer wenden sich gegen die Rehabilitierung des Verbrechers, genauso wie Olivier Cohen, der PrĂ€sident der Alliance juive des PyrĂ©nĂ©es Orientales, der jĂŒdischen Vereinigung des Departments, und Robert Marty, der emeritierte Professor der UniversitĂ€t von Perpignan. Dieser eröffnet eigens eine Web Site DehorsBrasillach.net, auf der er mitteilt, daß sie so lange bestehen bleibe, wie Robert Brasillach nicht aus dem "PanthĂ©on des Lettres Roussillonnaises" entfernt sei. Da die Seite noch besteht, scheint sich nichts getan zu haben. (18)

Maurice Halimi, ein ehemaliges Vorstandsmitglied der jĂŒdischen Gemeinde und VizeprĂ€sident des CML, im Schulterschluß mit dem Verfasser der Elogen AndrĂ© Bonet und dem PrĂ€sidenten des Conseil GĂ©nĂ©ral Christian Bourquin spielen alles herunter und sitzen das aus. Die heilige Rita hilft ihnen, dem Skandal zu entkommen.

Die zur "Le Monde"-Gruppe gehörende Lokalzeitung "L´IndĂ©pendant" berichtet nichts. Vielleicht, weil sie zu Zeiten der Vichy-Regierung, bis zur Befreiung auf der Seite der Kollaboration wirkt und deshalb zunĂ€chst nicht mehr erscheinen darf, oder weil ihr Herausgeber Bernard Revel zum 50. Jahrestag der Hinrichtung des Robert Brasillach in der "Le Monde" diesem einen ganzseitigen mitfĂŒhlenden Artikel widmet?

Es gibt ein umfassendes sehr lesenswertes "Dossier Brasillach" auf Perpignan-toutvabien.info. Bezeichnenderweise hört die Aufregung schon einige Monate danach auf, jedenfalls liest man auf Perpignan-toutvabien.info nichts mehr darĂŒber. (19)

Anmerkungen

(1) Zeev Sternhell: Ni gauche ni droite. L´idĂ©ologie fasciste en France. TroisiĂšme Ă©dition, Bruxelles 2000, page 347 (Weder links noch rechts. Die faschistische Ideologie in Frankreich. Dritte Auflage, BrĂŒssel 2000, Seite 347)
Die Parallelen zur Ideologie von ATTAC sind erschreckend.

(2) Robert Brasillach: Notre avant-guerre (Unsere Vorkriegszeit), Plon 1941, zitiert bei Zeev Sternhell, a.a.O., Seite 402

Einzelne Exemplare der Zeitschrift kann man heute noch fĂŒr teures Geld erwerben. Siehe dazu: Rubrique Politique - Histoire
http://www.journaux-collection.com

(3) Je suis partout, 31. MĂ€rz 1939 Zitiert in: L´antisĂ©mitisme avant la guerre
http://www.educreuse23.ac-limoges.fr/loewy/realisations/enfa nts/avvichy.htm
Im Französischen bedeutet la guenon außer Affenweibchen auch hĂ€ĂŸliches Frauenzimmer.

(4) Zeev Sternhell, a.a.O., Seite 472

Front National. Boutique
http://www.frontnational.com/boutique/boutique.pdf

(5) Biographie de Jean Anouilh (1910-1987)
http://www.alalettre.com/anouilh-bio.htm

(6) Doc 5 : Une lettre de dénonciation " ordinaire ". MORAL EN VALLOIRE, le 19 août 1942 Archives Nationales, inédit. http://perso.wanadoo.fr/arkham/thucydide/lycee/bac/devoircol labo/devcollaborationfrce.html

(7) Les amis de Rassinier: Maurice BardĂšche.
http://www.phdn.org/negation/rassinier/bardeche.html

(8) Henri BĂ©raud (1885 - 1958)
http://www.imec-archives.com/fonds/ficheauteur1.asp?num=39

(9) Forum des livres, sur la deuxiĂšme guerre mondiale.
http://livresdeguerre.free.fr/forum/contribution.php?index=3 53

Alice Kaplan: Intelligence avec l´ennemi. Le procĂšs Brasillach. Gallimard 2001.

(10) Siehe dazu die Web Site der Freunde des Robert Brasillach
http://www.brasillach.com

(11) LittĂ©rature. Alice Kaplan rouvre le dossier de la Collaboration et de l´exĂ©cution de Robert Brasillach. L´HumanitĂ©, 17 janvier 2002
http://www.humanite.presse.fr/journal/2002/2002-01/2002-01-1 7/2002-01-17-059.html

(12) Le cas Rassinier. Stalinien, déporté, négationniste...
Nouvel Observateur no. 1788, 11 février 1999
http://frigorix.sdv.fr/nouvelobs/archives/voir_article.cfm?i d=3405&

Maurice Bardéche: le pére spirituel de nombreux rebelles. Les 4 Vérités, Sommaire no 186/1998
In der Zeitschrift "DĂ©fense de l´Occident" schreiben Jean Anouilh, Marcel AymĂ©, Jacques Benoist-MĂ©chin, Georges Blond, Antoine Blondin, Bernard de Fallois, Jacques Isorni (der Verteidiger von Robert Brasillach), Marcel Jouhandeau, Roland Laudenbach, Jacques Laurent, Henri Massis, Thierry MauInier, Roger Nimien Jacques Perret, Louis Rougier, Michel de Saint-Pierre, Paul SĂ©rant....
Gianfranco Fini, vom italienischen faschistischen MSI ist einer seiner SchĂŒler.
http://www.les4verites.com/les4verites/lesnumeros/4verites18 6.htm

(13) Interview de Suzanne BardĂšche, Mai 2002. Amis de Robert Brasillach
http://www.brasillach.com/sommaire.htm
Dort ist auch eine Liste der UnterstĂŒtzer Robert Brasillachs und des Freundeskreises veröffentlicht. Zahlreiche Mitglieder des Front National, z.B. Bernard Antony, sind darunter.

(14) Christophe Bourseiller: La Nouvelle extrĂȘme droite. Éditions Rocher, 2000
Siehe dort im Namensverzeichnis unter "Robert Brasillach"

Michel-Georges Micberth, sa vie, son Ɠuvre
http://www.micberth.com

(15) EncyclopĂ©die des PyrĂ©nĂ©es-Orientales. Chronique d´une catastrophe annoncĂ©e, par Fabrice Thomas, 12 janvier 2003
http://www.perpignan-toutvabien.com

(16) Claude Simon. MinistĂšre des Affaires Ă©trangĂšres - FilmothĂšque

http://www.france.diplomatie.fr/culture/france/cinema/docume ntaires/filmer.fr/litterature/entretiens/04.html

(17) ENCYCLOPÉDIE DES PYRÉNÉES ORIENTALES. AndrĂ© Bonet rĂ©habilite le nazi Brasillach
http://www.perpignan-toutvabien.com

(18) DehorsBrasillach.net par Robert Marty
http://marty.robert.chez.tiscali.fr/dehorsbrasillach/affaire .htm

(19) Affaire Brasillach. Des universitaires entrent dans le débat.
http://www.perpignan-toutvabien.com
Dort weitere BeitrÀge im Dossier Robert Brasillach

Stand: 19. Januar 2003
ErgÀnzungen: 7. Mai 2004

Der Artikel in der Fassung vom Janauar 2003, erschien zuerst auf
HaGalil Online, am 19. Januar 2003
http://www.klick-nach-rechts.de/gegen-rechts/2003/01/brasill ach.htm



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