
Walter Benjamin: Die Zigeuner
Haben Sie den Text inzwischen gelesen - oder gar gehört?
Wer nicht die Gesamtausgabe von Walter Benjamin besitzt, der hat vielleicht Glück und findet in seiner Suhrkamp Regenbogenausgabe den von Rolf Tiedemann 1985 herausgegebenen Band es 1317 "Aufklärung für Kinder". Darin befindet sich auf den Seiten 103 bis 108, zwischen "Räuberbanden im alten Deutschland" und "Die Bastille, das alte französische Staatsgefängnis" auch der von der Behörde der Integrationsbeauftragten Marieluise Beck inkriminierte Sendebeitrag. Auslöser der Aktivitäten der Behörde, die sich offensichtlich als Zensurbehörde versteht, ist die Herausgabe durch den Hoffmann und Campe Verlag von zwei Audio-CDs von sechs Radiotexten, die der Journalist Harald Wieser für Radio Bremen im Jahre 2002 neu liest. Walter Benjamin verfaßt die Texte zwischen 1929 und 1932 und liest sie im Berliner Rundfunk. Seine Intention ist es, "den jungen Hörern unaufdringlich, aber stetig und bestimmt einen kritischen Blick beizubringen, sie zur Hinterfragung von Vorurteilen und Klischees anzuregen", und "Sein Text über die Zigeuner mit Goethes ´Zigeunerlied´ räumt mit irrationalen Ängsten auf", schreibt der Rezensent bei Amazon.de. Ein treffendes Urteil.
Walter Benjamin erwähnt das Zigeunerlied von Johann Wolfgang von Goethe zum Ende seines Vortrages. Den Text mutet er den Ohren der Kinder nicht zu. Er sagt: "Im ´Götz von Berlichingen´ hat er von ihnen gesprochen. Zur selben Zeit schrieb er das unheimliche, traurige, wilde ´Zigeunerlied´, das ihr in seinen Gedichten findet. Ihr könnt es einmal aufschlagen; es würde laut gelesen so schaurig sich anhören, daß ich es euch nicht vorlesen will. Aber es wird euch an vieles erinnern, was ich euch heute erzählt habe."
Nun wird man neugierig, denn, seien Sie bitte ehrlich: kennen Sie Goethes "Zigeunerlied"? Hier ist es: (*)
Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee,
Im wilden Wald, in der Winternacht,
Ich hörte der Wölfe Hungergeheul,
Ich hörte der Eulen Geschrei.
Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!
Ich schoß einmal eine Katz am Zaun,
Der Anne, der Hex, ihre schwarze liebe Katz.
Da kamen des Nachts sieben Werwölf zu mir,
Waren sieben sieben Weiber vom Dorf.
Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!
Ich kannte sie all, ich kannte sie wohl,
Die Anne, die Ursel, die Käth,
Die Liese, die Barbe, die Ev, die Beth,
Sie heulten im Kreise mich an.
Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!
Da nannt ich sie alle bei Namen laut:
Was willst du, Anne? Was willst du, Beth?
Da rüttelten sie sich, da schüttelten sie sich,
Und liefen und heulten davon.
Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!
Ja, da muß doch sofort die Zensurbehörde einschreiten und die Verlage (Berliner und Frankfurter Ausgabe u.a.), die solches veröffentlichen, dringend ersuchen, den Gedichtband einzustampfen oder zumindest, die Seite zu schwärzen ("Bitte informieren Sie die Beauftragte über Ihre Entscheidung"), wo derartig über Zigeuner hergezogen wird, oder haben Sie es nicht so verstanden, daß Johann Wolfgang die Zigeunerfrauen zu Hexen erklärt, zu Werwölfen? Haben Sie es vielmehr so verstanden, daß der Dichter sich in einen armen Zigeuner im Walde versetzt, der ausgehungert, wie er ist, die schwarze Katze der Dorfbewohnerin Anne erlegt ("Dachhase") und daraufhin von sieben wildgewordenen Dorfbewohnerinnen, darunter die vom Schmerz über den Verlust sinnenverwirrte Katzenbesitzerin, wie von Werwölfen angefallen wird?
Das wäre ja noch schlimmer, "Clash of Civilizations", oder fiele es gerade noch unter Multi-Kulti?
Anmerkungen
(*) Zigeunerlied - Projekt Gutenberg-De. Spiegel Online Kultur
http://gutenberg.spiegel.de/goethe/gedichte/zigeuner.htm
Der Beitrag bezieht sich auf diesen Artikel von Henryk M. Broder:
Gutachten. Praktikantin contra Benjamin. Der Spiegel 18/2004, vom 26. April 2004
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,297017,00.html
Der Beitrag ist eine Ergänzung zu diesem Artikel:
Walter Benjamin
http://www.eussner.net/artikel_2004-04-29_15-41-30.html
Der Regenbogenband es 1317 ist ein Geschenk der Publizistin Dr. Ulrike Ackermann, http://www.ulrike-ackermann.de. Ich danke herzlich.
16. Mai 2004
|