
Bernard-Henri Lévy und die Affäre des Skandalbuches La face cachée du Monde
Ein von größerer Karriere verschonter noch nie in Mode gewesener linker deutscher Journalist aus Paris bezeichnet mir gegenüber in einer Email, vom 5. März 2003, Bernard-Henri Lévy (BHL) als krarrieristischen Modeintellektuellen. Er sei ein erfolgreiches - und inhaltsleeres - Beispiel französischer Intellektueller, die sich in den 80er Jahren der "antitotalitären" Ideologie zugewendet und Abschied von der Linken genommen hätten.
Seine Einschätzung stimmt grundsätzlich überein mit derjenigen des auch Online vertretenen Schmutzblättchens Pour Lire Pas Lu (PLPL). Dort beginnt im Juni 2000 die Schlammschlacht gegen die Abendzeitung Le Monde. Pour Lire Pas Lu (PLPL) ist treffend untertitelt als Zeitschrift die beißt und flüchtet ... Sie wird herausgegeben vom Diplo-Redakteur Serge Halimi und von Pierre Rimbert, ATTAC Paris. Auf PLPL werden Laisses d´or, Goldene Hundeleinen, vergeben, auch an den unterwürfigsten Autor Bernard-Henri Levy (BHL) den Leitartikler des Monde, Freund des bretonischen Milliardärs François Pinault, des Besitzers u.a. des Warenhauses Printemps, der Redoute und der FNAC, sowie der Zeitschrift Le Point und des Weingutes Château-Latour, sowie Freund des Jean-Luc Lagardère (Besitzer von Matra-Hachette und Waffenhändler).
PLPL beglückwünscht Bernard-Henri: Speichellecken ist eine delikate Übung, wenn man seine Speicheldrüsen mit einer goldenen Leine zusammengedrückt hat. (1)
PLPL, kongenial verlinkt u.a. auf dem Diplo, bei ATTAC France und bei Les Amis du MONDE diplomatique, den Freunden des Diplo, Gruppe Nord Franche-Comté, in Belfort, Sitz des Jean-Pierre Chevènement, erwähnt selbstverständlich nicht, daß die Pamphlete der ATTAC von eben dem Jean-Luc Lagardère über seine Verlagsgruppe Matra-Hachette beim Verlag Mille et une nuits herausgegeben werden, genauso wie das Enthüllungsbuch La face cachée du Monde - Du contre-pouvoir aux abus de pouvoir. Das verborgene (bzw. geheimgehaltene) Gesicht der Le Monde - Von der Gegenmacht zum Mißbrauch der Macht. Die Autoren Pierre Péan und Philippe Cohen stehen beide politisch dem Jean-Pierre Chevènement nahe. Solche Einzelheiten könnten die begeisterten Leser von PLPL durcheinander bringen. (2)
Kamarade, ein linksradikales, strömungsübergreifendes kommunistisches Informationsbulletin, feiert denn auch das von Sieg zu Sieg eilende PLPL und sein Internetschaufenster, das ATTAC-Mitglied acrimed, la vitrine de PLPL sur le net. acrimed spart ebenfalls nicht mit beifälligen Artikeln über das Enthüllungsbuch. In der Nr. 14 erledigt PLPL das Dossier Le Monde, noch bevor das Buch auf dem Markt erscheint, wo es von Lesern des Diplo, von Linksradikalen sowie rechten und linken Nationalisten seit Monaten sehnsüchtig erwartet wird. Entsprechende Gerüchte sind seit langem in Umlauf. (3)
Wie erwartet, entwickeln sich überall in Frankreich Diskussionen über das Buch. Denunziation, Neid, Haß und Mißgunst wirken verkaufsfördernd. Man erwartet sich Neuigkeiten über die Mächtigen der Le Monde. Allein am Tag des Erscheinens werden 60 000 Exemplare verkauft. À lire absolument, unbedingt zu lesen, wie Diffamation.org meint. Die Auflage muß mehrfach erneuert werden. Die Kassen klingeln beim Rüstungs- und Medienkonzern Lagardère und seinem Verlag Fayard-Mille et une nuits. 13 Klagen werden gegen das Buch eingereicht, vom Monde und von in dem Enthüllungsbuch angegriffenen Einzelpersonen. Insgesamt werden 2 685 000 Euro Schadensersatz gefordert. acrimed findet die legalen Schritte, die Le Monde zu seiner Ehrenrettung unternimmt, als coup de théatre, Theaterdonner. (4)
Derweil werden die Autoren zu Lesungen und Diskussionen herumgereicht, beispielsweise Philippe Cohen, am 29. März 2003, bei der Génération République. Dort treten am 12. Oktober 2003 der ATTAC-Präsident und ehemalige Marxist und PCF-Funktionär Serge Nikonoff zum Thema ATTAC, Speerspitze der Globalisierungskritik auf: déconstruire l´idéologie néolibérale, Zerstören der neoliberalen Ideologie, und am 12. Mai 2004 der Diplo-Redakteur und PLPL-Herausgeber Serge Halimi. Er referiert über Le grand bond en arrière, ou comment l´ordre libéral s´est imposé au monde, den großen Schritt rückwärts, oder wie sich die liberale Ordnung der Welt aufgedrängt hat. (5)
Die Libération wirft dem Aufsichtsratsvorsitzenden Alain Minc, dem Präsidenten des Direktoriums von Le Monde Jean-Marie Colombani und dem Redaktionsdirektor Edwy Plenel vor, daß sie sich als Opfer eines Komplotts aufgeführt und daß sie nicht mit ihren Kontrahenten über das Buch und seinen Inhalt diskutiert hätten. Es ist schwierig, mit einem Exekutionskommando zu debattieren, meint Edwy Plenel zu Bernard-Henri Lévy, dem Herausgeber der Revue la Règle du jeu. Das kann derjenige bestätigen, der die massenhaft vorgebrachten Anschuldigungen der Autoren Pierre Péan und Philippe Cohen gegen Edwy Plenel und Jean-Marie Colombani liest. Es handelt sich in der Tat um ein Komplott. Das geht hin bis zur Erwähnung der jüdischen Ehefrau von Edwy Plenel. Die wird dort einzig erwähnt, um den Leser auf die Richtung einzustimmen; denn ansonsten hat die Nachricht im Zusammenhang mit der Recherche keine weitere Bedeutung.
Zur Vermeidung eines kostspieligen Prozesses, der für den Herbst anstand, ist nunmehr nach Monaten der Vermittlung des Ersten Präsidenten des Berufungsgerichtes Guy Canivet zwischen den Streitenden eine außergerichtliche Einigung erfolgt. Auf Schadensersatz wird verzichtet, aber Fayard verpflichtet sich, keine Taschenbuchausgabe herauszugeben. Das kommentiert die Libération in aller Häme: man diskutiere nicht mit einem Exekutionskommando, aber man einige sich mit Leuten wie Péan und Cohen, obgleich man ihren Äußerungen Extremismus und ein wenig Antisemitismus nachsage. Es seien auch noch 100 000 Exemplare des Buches auf Lager, und bis die ausverkauft seien, läse man das Buch im Internet. (6)
Da schätzt die Libération die Franzosen wohl treffend ein. Sie werden das Lager schon noch räumen. Linksradikale und Rechtsextreme, ATTAC-Mitglieder und Islamisten, von der Mode vergessene Schriftsteller und Journalisten, Personen mit Karriereknick und Liebhaber von Enthüllungen aller Art, ganz gleich, ob wahr oder nicht, davon werden doch noch 100 000 zusammenkommen, die das Buch noch nicht besitzen. Die Affaire Le Monde ist jedenfalls beigelegt. (7)
Der geschmähte karrieristische Modeintellektuelle Bernard-Henri Lévy schreibt dazu in der letzten Ausgabe des Point seines Freundes, des bretonischen Milliardärs François Pinault, Fayard verpflichte sich, keine Neuveröffentlichung des Enthüllungsbuches herauszugeben. Die beiden Autoren erklärten, daß sie nicht gesagt hätten, was sie sagten, und nicht geschrieben hätten, was man geglaubt habe, sie hätten es geschrieben, und was die Leser, die Informationen betreffend, für bare Münze genommen hätten. Die härtesten Vorwürfe nähmen sie insgesamt und im einzelnen zurück, und sie bedauerten die Wunden, die sie verursacht hätten. Die aufgeblasene Affäre sinke so plötzlich in einem Durcheinander von Entschuldigungen in sich zusammen.
Diese Art, einen Skandal loszutreten und damit das Schlimmste als Referenzware zu versprechen, den Gewinn einzufahren und dann mitten in der Schlacht zu kapitulieren und einzugestehen, daß sich das Corpus delicti einfach auslösche und verflüchtige, das sei schon skandalös; ein einmaliger Fall in der Geschichte des Verlagswesens sei das. Eine nie gesehene Variante in der Geschichte der Debatten um Ideen.
Ich wäre nicht gern anstelle der Autoren an dem Tag, da sie versuchen werden, uns den Coup nochmals vorzuführen und uns in der gleichen Tonart ihr nächstes "face cachée" zu verkaufen, meint BHL. (8)
Da ist er aber optimistisch, was die Lernfähigkeit der Klientel von Autoren wie Pierre Péan und Philippe Cohen angeht. Tatsachen haben deren Wahrheit noch nie aushebeln können.
Anmerkungen
(1) Pour Lire Pas Lu, juin 2000
http://www.homme-moderne.org/plpl/n0/p1-1I.html
(2) Pierre Péan et Philippe Cohen: La face cachée du Monde - Du contre-pouvoir aux abus de pouvoir. document (sic!)
Mille et une nuits, février 2003
(3) Kamarade
http://www.kamarade.lautre.net/article.php3?id_article=535
(4) Le Monde vs Cohen: une médiation? 11 mai 2004 - juin 2004
http://www.acrimed.org/article1596.html
(5) Génération République
http://www.republicain.net/
(6) Quotidienne. Péan - le Monde match nul (3-0), par Pierre Marcelle, mercredi 09 juin 2004
http://www.liberation.fr/page.php?Article=213398#
(7) Über die Affäre siehe:
Die Affaire Le Monde vom Februar 2003 - Einige Überlegungen über die Hintergründe des Enthüllungsbuches
http://www.eussner.net/artikel_2004-06-10_13-27-46.html
oder im Artikel-Archiv
http://www.eussner.net/artikel_sectionindex.html
(8) Le bloc-notes de Bernard-Henri Lévy. Le Point no 1656, 10 juin 2004, page 146
10. Juni 2004
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