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Marianne Müller: Ein besonderer Tag
Neues aus der literarischen Ecke

Ein Mann, schmale Lippen, hochgezogene Schultern, stand auf dem Bahnsteig. In der rechten Hand hielt er eine Aktentasche, in der Linken die Zeitung. Neben ihm versuchte ein Mädchen mit geschlossenen Beinen die weißen Fliesen, die vor den Gleisen als Markierungslinie in den Zementboden eingelassen waren, zu überspringen ohne sie zu berühren. Sein Haar war am Hinterkopf eingeflochten, das Zopfende schwang über dem rosa geblümten Rucksack. Die U-Bahn fuhr ein. "Komm Sandra", hastig klemmte der Mann die Zeitung unter den Arm und griff nach der Hand des Mädchens. Stolz stieg dieses an der Seite ihres Vaters in die U-Bahn.

Sie setzten sich, der Vater spannte die Zeitung auf, das Mädchen kniete sich vors Fenster, die U-Bahn fuhr an. Sandra verfolgte, wie erst langsam, dann immer schneller, Menschen, Plakate, Säulen, Bänke und Müllkörbe verschwanden, dann glitt sie zurück auf die Bank, zog ihren Rucksack aus, schob sich, auf den Pobacken hin und her wippend, an die Rückenlehne und strich ihr Kleid glatt. Es war ihr Lieblingskleid. Heute war ein besonderer Tag. Sie durfte mit Papa in der U-Bahn zum Kindergarten fahren, weil Mama eine Schulfreundin vom Flughafen abholen musste. Glücklich blickte sie an der Zeitung entlang zu ihrem Vater hoch. Dieser schlug eine neue Seite auf.

Die U-Bahn hielt. Sandra betrachtete eine dicke Frau, die schwer atmend ausstieg. Dann schaute sie wieder zu ihrem Vater, der mit verspanntem Rücken hinter der Zeitung saß. Vorsichtig zupfte sie an seinem Ärmel. Ohne die Augen von den Buchstaben zu lösen, hob dieser den Ellbogen und rutschte etwas zur Seite. Das Mädchen zog seine Hand zurück und blickte geradeaus. Auf der gegenüberliegenden Bank hockte ein alter Mann und döste. Neben ihm war eine Frau in ein Buch vertieft. In der Ecke saß ein Mann und las die Zeitung.

Sandra nahm den Rucksack und knotete ihn auf. Zuoberst lag die rote Pumuckldose mit dem Frühstücksbrot, das heute nicht mit Nutella, sondern wie das von Papa, mit Schinken belegt war. Daneben steckte die Saftflasche mit einem Bild von Meister Eder. Ob Papa wohl die Geschichten von Meister Eder und seinem Pumuckl kannte? Sie zog die Butterdose und die Saftflasche heraus und hielt beides in die Luft, so dass man den Pumuckl und Meister Eder gut sehen konnte. Doch die Augen des Vaters hafteten am Text, glitten von Zeile zu Zeile. Das Mädchen packte Dose und Flasche ein und kramte weiter.

Neben ihrem Teddy fand Sandra den neuen Bugger. Sie hatte die Murmel gegen das Tamagocci getauscht, das sie vor zwei Wochen von Mama bekommen hatte, weil sie nicht mit nach Paris fahren durfte. Sie mochte das Tamagocci nicht, sie hätte lieber ein lebendiges Tier gehabt. Ob der Tausch wohl richtig war? Sie hielt die Murmel hoch, so dass sich das Deckenlicht in dem bunten Glas spiegelte. "Du, Papa, sieh mal meinen neuen Bugger". Der Vater knickte die eine Zeitungshälfte etwas zur Seite, warf einen kurzen Blick darüber hinweg auf seine Tochter, verzog die Mundwinkel nach oben, nickte und wandte sich wieder seinem Artikel zu. Die Frage "denkst Du er ist wertvoll?" beantwortete er durch das Zeitungsblatt hindurch mit einem unbestimmten Mhmhm. Langsam legte das Mädchen den Bugger in den Rucksack zurück.

Der alte Mann und die Frau mit dem Buch waren ausgestiegen und ein Rockerpärchen hatte sich auf die freigewordenen Plätze gesetzt. Der Mann war auf den Seiten kahlgeschoren, die restlichen Haare standen leuchtend gelb vom Kopf ab. Beide trugen verwaschene, durchlöcherte Jeans und um die Taillen breite Ledergürtel. Zu ihren Füßen lag ein Schäferhund. Fasziniert beobachtete Sandra die beiden. Wie komisch sie aussahen. Die hatten sicher ganz wenig Geld und trotzdem konnten sie sich einen großen Hund leisten. Sie hätte so gern einen Hund gehabt. Ob Papa wirklich keine Hunde mochte, wie Mama immer behauptete? "Du, Papa, sieh mal da drüben, der Mann und die Frau mit dem Hund." Der Vater senkte die Zeitung und blickte auf die gegenüberliegende Bank. Er verzog den Mund, wie wenn er schimmeliges Brot essen müsste, schüttelte den Kopf, zischte "widerlich" und verschwand hinter der Zeitung.

Sandra senkte den Kopf, griff nach dem Rucksack, zog den Teddy heraus und begann gleichförmig über sein Fell zu streichen. Nach einer Weile faltete der Vater die Zeitung zusammen. Sandra schob den Teddy zur Seite, ihr Gesicht heiterte sich auf. "Du, Papa magst du ..." "Komm, pack deine Sachen, wir steigen die nächste Station aus". Sie verstaute den Teddy, schnürte den Rucksack zu und rutschte von der Bank hinunter.

Traurig trottete Sandra an der Seite ihres Vaters aus der U-Bahn. Auf der Treppe am Ende des Bahnsteigs entdeckte sie Florian aus dem Kindergarten. "Hallo, Floh, warte", rief sie und rannte zwischen den Beinen der Wartenden hindurch zur Treppe. Die beiden Kinder hüpften neben Florians´ Mutter die Stufen hoch und verschwanden im Ausgang. Sandras´ Vater blieb verdutzt stehen. Dann schrie er "Sandra, verdammt, komm zurück" und versuchte ihr nachzulaufen. Doch das Spalier der Wartenden hielt ihn auf. Er wich aus, eilte am gegenüberliegenden Plattformrand entlang, stolperte über einen Dackel, der an den als Markierungen in den Boden eingelassenen Fliesen schnupperte, verlor das Gleichgewicht und fiel auf das Gleis. Die U-Bahn fuhr ein.

Marianne Müller (1999)


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