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Vertraulich: Das Amerika des Lance Armstrong

Zwei Experten, David Walsh, ein Sportjournalist der britischen Sunday Times, und Pierre Ballester, ein Radsportexperte der französischen Sportzeitung L´Équipe, bringen rechtzeitig zur Tour de France ihr Enthüllungsbuch L.A. Confidentiel, les secrets de Lance Armstrong, über die Geheimnisse des Lance Armstrong auf den Markt. Darin wird nach der Devise Wirf genug Dreck, und es bleibt welcher hängen der Doping-Vorwurf gegen den Rennfahrer erhoben. Seit fünf Jahren ist David Walsh schon am Werk, und es gibt keinen Artikel, in dem er seine Vorwürfe nicht direkt und indirekt wiederholt. Er glaubt daran. Die Irin Emma O´Reilly, ab 1998 für drei Jahre Physiotherapeutin des US Postal Teams, erzählt dem David Walsh, daß Lance Armstrong das Dopingmittel Erythropoietin (EPO) genommen habe.

Lance Armstrong weist die Vorwürfe seit fünf Jahren zurück und klagt gegen das Buch vor einem französischen Gericht. Obgleich keiner der Vorwürfe bewiesen werden kann, wird Lance Armstrongs Klage vom Gericht zurückgewiesen und die beiden Sportjournalisten dürfen ihre Beschuldigungen aufrecht erhalten. Lance Armstrong legt Berufung dagegen ein und wird vom Gericht der nächsten Instanz erneut zurückgewiesen. Das Gericht verurteilt ihn wegen Rechtsmißbrauchs zu einem symbolischen Euro Strafe. Dem Verleger und den Autoren muß er 1500 Euro Gerichtskosten zahlen.

Wer jetzt meint, er träume, der irrt. Die Wege der französischen Justiz sind wunderbar, wie man auch bei anderen juristischen Fällen aus Politik und Wirtschaft fast täglich den französischen Medien entnehmen kann.

Schon zu Beginn der Tour, am 3. Juli, zur Einstimmung auf den befürchteten sechsten Sieg des Lance Armstrong, weiß Olivier Zilbertin in Le Monde, daß es eine malédiction, ein Fluch ist, daß die vier anderen Tour-Gewinner kein sechstes Mal siegen konnten. Es geht nicht mit rechten Dingen zu zwischen Himmel und Erde, anders kann man es sich nicht erklären.

Greg LeMond, der dreimalige Tour-Gewinner 1986, 1989 und 1990, schaltet sich medienwirksam während der Tour ein. Er läßt sich in dem Enthüllungsbuch über Lance Armstrong aus, dessen Integrität er bereits 2001 in Frage stellt, und er wiederholt gegenüber der Zeitung Le Monde, daß es keinen Zweifel gebe: Armstrong ne roule pas à l´eau clair, was heißt: er ist nicht frei von Dopingmitteln. Für ihn kann es gar nicht anders sein. Wenn man bei Lance Armstrong nichts finde, so heiße das noch gar nichts. Dann sei er eben schlau genug, daß man es nicht nachweisen kann: Seit zehn Jahren sind die Produkte derartig ausgereift, daß sie einen Athleten verändern können.

Er bezweifelt, daß Lance Armstrong, nachdem er den Krebs überstanden hat, wieder solche Höchstleistungen erbringen kann. Greg LeMonds Zweifel und Behauptungen veröffentlicht Stéphane Mandard in Le Monde am 16. Juli 2004, passend zum Beginn der Bergetappen in den Pyrenäen, die der Franzose Richard Virenque zum siebenten Mal gewinnen soll, unter dem Titel Lance Armstrong ist zu allem bereit, um sein Geheimnis zu wahren. Lance Armstrong sei atterré, niedergeschmettert, von den Erklärungen seines Landsmannes, der nunmehr seit vier Jahren die Leistung und den Charakter des Lance Armstrong in Frage stellt. atterré setzt Le Monde dabei in Anführungszeichen und distanziert sich so davon. Im Juli 2001 äußert sich Greg LeMond in der Sunday Times: Wenn seine Geschichte wahr ist, handelt es sich um das größte Come-Back der Sportgeschichte. Wenn sie es nicht ist, ist es der größte Betrug. Von Betrug geht Greg LeMond aus. Gründe und Beweise gibt er nicht an, es sei denn, man lasse Greg LeMonds eigenen Fall für alle anderen und für alle Zeiten gelten. Nach einem Unfall bei einem Verfolgungsrennen gewinnt er nie mehr seine Höchstform zurück.

Selbstverständlich kann der beinharte, emotionslose Lance Armstrong, die perfekte Rennmaschine, über diese Schmierkampagne nicht atterré, niedergeschmettert sein. Die Äußerungen fallen, während um das Team US Postal herum eine gereizte Stimmung herrscht. Lance Armstrong erhält anonyme Drohungen. Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, beginnen die sehr anstrengenden Bergetappen. In der Nacht vom 14. zum 15. Juli versuchen patriotische französische Fernsehjournalisten in das Hotel einzudringen, in dem die Fahrer des Teams US Postal gewohnt haben. Vielleicht wollen sie Beweise sammeln und dazu die Doping-Spritzen aus den Papierkörben bergen?

Ausgerechnet mitten in die Tour platzt am 15. Juli ein Schreiben an die Direktion der Tour de France vom Gericht in San Remo über eine Doping-Affäre des tschechischen US Postal Team-Mitglieds Pavel Padrnos aus dem Jahr 2001. Das Gericht hat sich drei Jahre Zeit gelassen, um sein Schreiben jetzt medienwirksam in die Tour de France zu entsenden. Auch hier heißt das Medikament EPO.

Nach der Tour de France 2004 geht die Kampagne gegen Lance Armstrong in die nächste Etappe: Die USA am Pranger

Wer nun meint, die Tour de France sei vorbei und die Gemüter beruhigten sich, auch der irrt. Jetzt geht es richtig los in den französischen und den Sportmedien der Welt. Damit sollen hier nicht die Spannungen um die Tour 2005 gemeint sein, die Streckenführung, ob Lance Armstrong wieder teilnehmen wird und eine Chance für Jan Ullrich oder Andreas Klöden besteht, Sieger zu werden, sondern es geht weiter um Doping und Schmäh gegen Lance Armstrong. Dieser Schmäh wird inzwischen auf die USA ausgeweitet.

Der Italiener Filippo Simeoni, der sich selbst des Dopings bezichtigt hat und in einem Dopingverfahren gegen den italienischen Sportarzt Michel Ferrari als Zeuge auftritt, wird am Dienstag, den 27. Juli, drei Stunden lang von der italienischen Antidrogen-Brigade des Vorfalls der möglichen Nötigung in der 18. Etappe wegen verhört. Man behält sich juristische Schritte gegen Lance Armstrong vor. Den zeichnet laut Libération ein égoïsme radical aus, was sich am Samstag, beim Zeitfahren erneut bewiesen habe. Ich mache keine Geschenke mehr, wird Lance Armstrong zitiert. Für die Libération ist übrigens nicht das prämierte T-Mobile Team das beste, sondern CSC des Bjarne Riis. So bekommen die Deutschen nebenbei ihr Fett weg.

Der Etappensieg an Neid, Schmäh und Bösartigkeit gebührt jedoch wohl schon jetzt der Le Monde. Am 28. Juli 2004 heißt eine Analyse des Benoît Hopquin auf der ersten und zwölften Seite des Blattes: Das Amerika des Lance Armstrong .

Seit sechs Jahren lobhudelten die US-Medien in jedem Juli ihrem Champion. Dopingprobleme kümmerten sie dabei nicht. Ihrer Überzeugung nach sei ihr Held sauber. Selbstverständlich sind hier allein Dopingprobleme des Lance Armstrong gemeint. Von anderen Fahrern, erst recht von französischen, ist jedenfalls nicht die Rede, wohl aber von alten Zeiten.

Dieser Chauvinismus wäre letztlich hinreichend klassisch, wenn er sich nicht festmachte am Gefühl, daß ein Amerikaner natürlicherweise besser ist als andere, beginnt Benoît Hopquin seine Analyse.

George W. Bush, der ihm gratulierte, finde die Leistung des Lance Armstrong impressionnante, beeindruckend. Derartig beeindruckend, daß die Überlegenheit des texanischen Fahrers in Frankreich und andernorts in Europa eine Debatte ausgelöst habe, von der man nicht wisse, ob sie eines Tages beendet sein werde. Der Autor erwägt anscheinend, daß die abgehängten Verlierer sich zusammenrotten könnten, um dem Objekt ihrer Mißgunst den Garaus zu machen. Damit haben sie ja, wenn auch zunächst dilletantisch, schon während der Tour 2004 begonnen.

Daß er einen Sport vernichtet, der durch Dopingprobleme untergraben ist, bringt ihre Überzeugung über die Sauberkeit ihres Helden nicht ins Wanken, schreibt Benoît Hopquin, der die Vorwürfe selbstverständlich für erwiesen hält und damit sogleich zur großen Weltpolitik überwechselt. George W. Bush erkläre im Jahr 2003, die USA seien die großartigste Nation, vom großartigsten Volk der Welt bevölkert. Diese Formel wiederhole sich regelmäßig in den innenpolitischen amerikanischen Reden. Dabei muß man wissen, daß la Grande Nation , die großartige Nation, der für Frankreich reservierte Begriff ist. Nun gibt es also einen für die USA von George W. Bush geschaffenen gesteigerten Begriff: la Nation la plus grande. Von der kanadischen Grenze bis nach Louisiana lösten die Sprüche des US-Präsidenten von der großartigsten Nation und vom großartigsten Volk der Welt jedesmal begeisterte Zustimmung aus. Von nun an fänden alle sportlichen Ereignisse unter diesem Vorzeichen statt. Nach Atlanta und Sydney könnten die Olympischen Spiele von Athen ein neuer Beweis sein.

So baut der Autor den Enttäuschungen über Niederlagen der Franzosen schon vor: gegen die Aggressivität der USA gibt es kein Mittel, wenn man nicht auch dopen will. Der in Seoul 1988, also vor 16 Jahren, des Dopings überführte Schwimmer Tim Montgomery wird aufgeführt und die Sprinterin Florence Griffith-Joyner, der Welt schnellste Frau, von ihren Landsleuten liebevoll Flo Jo genannt, die vier Medaillen in Seoul gewinnt. Sie verkörpert seinerzeit wie kaum jemand den American Dream. Im Alter von 38 Jahren stirbt sie 1998 an Herzstillstand. Heute wisse man, daß Rußland und die DDR gedopt hätten, und es sei unwahrscheinlich, daß die USA als einzige widerstanden hätten. America, number one, schreie ein Athlet 2000 in Sydney in die Fernsehkameras. Der Autor übersetzt America number one mit: forcément numéro un, notwendigerweise die Nummer Eins, was da in englisch gar nicht steht. Das Gegenteil dürfe man nicht äußern.

Dann kommt der Analytiker auf die Versuche der USA, Dopingfälle zu vertuschen, und er beruft sich auf Wade Exum, bis 2000 Dopingfahnder des US-amerikanischen Olympischen Komitees (USOC). Während seines Prozesses gegen das USOC, im April 2003, legt er eine Dokumentation von 30 000 Seiten offen und berichtet von mehr als 100 Fällen, da gedopte Sportler keine Sperre erhalten hätten. Bei den letzten drei olympischen Sommerspielen habe es amerikanische Medaillengewinner gegeben, die ihre Siege unter Doping errungen hätten, sie seien positiv auf Drogen getestet worden und hätten dennoch an den Wettkämpfen teilnehmen dürfen. Der Sprinter und neunfache Goldmedaillengewinner Carl Lewis, the King, habe auf der Liste des Wade Exum gestanden, berichtet Benoît Hopquin. Carl Lewis nimmt letztmalig in Atlanta 1996 an einer Olympiade teil.

Er kommt dann noch auf die Affäre Balco, benannt nach dem Laboratorium, das Dopingpräparate an Athleten aller Art in aller Welt verkauft habe. Über den Fall hätten die US-Medien mit großer Zurückhaltung berichtet, was man bei der Beschuldigung von Sportlern anderer Nationen nicht sagen könne.

Die amerikanischen Sportler haben mehr Erfolg, weil sie härter als die anderen arbeiten, sei das unwiderlegbare Argument jenseits des Atlantik, so erklärten die Medien den Sieg des Lance Armstrong. So habe es Anfang der 90er Jahre analog auch bei den Italienern geheißen, bevor 1998 der Dopingskandal beim Team Festina bekannt geworden sei. Untersuchungen und Zeugenbefragungen dazu ergeben, daß zu der Zeit im Spitzen-Radsport großflächig gedopt wird. Das gilt noch für die Giro d´Italia 2001.

Die Amerikaner hielten das alles nur für eine Neidkampagne der Franzosen. Greg LeMond unterstelle man dort seiner Äußerungen wegen ebenfalls Neid und mangelnden Patriotismus: Man kann nicht umhin, seine Lage mit der der Schauspieler Sean Penn oder Martin Sheen zu vergleichen, die ihrer Position gegen den Irakkrieg 2003 wegen denunziert werden, bemüht der Autor die Weltpolitik. Aber wie bei der militärischen Intervention im Irak so auch im Dopingfall, man vernehme Stimmen des Widerstandes. Im Baseball fange es an, andere Sportarten folgten. Die US-Gesellschaft nimmt sich der Sache an. Der Autor merkt anscheinend gar nicht, daß er damit den positiven Kräften in den USA ein Lob ausspricht. Patriotimsus als Ausrede ziehe dort bei Doping nicht mehr.

Eine Periode der Introspektion könnte beginnen, einer Übung, in der die USA sich oft gnadenlos mit sich selbt zeigen, bis zur Selbstgeißelung.

Nun ist´s also wieder nicht recht. Weiterhin wird Greg LeMond als fernes Echo der von Menschlichkeit und Fortschritt durchdrungenen GIs des Sommers 1944 vorgestellt, die sich wie er, der Yankee Champion, die Herzen der Franzosen erobert hätten. Man müsse die Leistungen des Amerikas des Lance Armstrong wohl anerkennen, aber man hätte das Recht, ihm trotz aller Unvollkommenheit das Amerika des Greg LeMond vorzuziehen.

Der fünfache Toursieger Bernard Hinault (1978 und 1979, 1981 und 1982 sowie 1985) sagt es treffend: es sind damals andere Zeiten, als er und dann Greg LeMond (1986, 1989 und 1990) siegen. Schon Miguel Indurain beendet diese Zeiten. Das Volksfest und Medienspektakel ist keine vergnügliche Sommerstrecke mehr, sollte die Tour de France das denn jemals gewesen sein. Die Zeiten des Schornsteinfegers Maurice Garin kommen nicht wieder. Er ist der erste Sieger der Tour de France 1903. Es wird auch niemand mehr, wie 1934 René Vietto, der die Tour hätte gewinnen können, seinem Mannschaftskapitän Antonin Magne, dessen Hinterrad verbogen war, sein Rad zur Verfügung stellen, damit er als erster durchs Ziel fahren kann, gell, Klödi?

Doping gibt es schon vor der ersten Tour de France, und bereits 1967 bleibt der mit Amphetaminen gedopte britische Rennfahrer Tom Simpson tot am Mont Ventoux. Eddy Merckx (Sieger 1969 bis 1972 und 1974) wird zum Kannibalen erklärt, da er anderen keine Chance lasse. Er ist allerdings kein US-amerikanischer Kannibale, sondern ein belgischer, das ist etwas anderes, da ist die Bezeichnung lieb gemeint.

Der versonnene rückwärtsgewandte Verweis des Benoît Hopquin, der seit vierzehn Jahren in der Abteilung Umwelt der Le Monde über Sonnenenergie und erneuerbare Energien schreibt, auf die angeblich gute alte Zeit des Radsports kann nicht den Blick verstellen darauf, daß die weniger erfolgreichen Franzosen mit Unterstellungen, unbewiesenen Behauptungen und Psychoterror eine Zermürbungskampagne gegen Lance Armstrong und sein Team zusammengebraut haben. Die Aggressionen gegen ihn speisen sich aus sportlichem Minderwertgkeitsgefühl und aus politischer und wirtschaftlicher Konkurrenz gegen die USA.

Vielleicht kommt ja mal wieder ein Schornsteinfeger und bürstet diesen Dreck aus.

Quellen

Sunday Times journalist on the Armstrong offensive again.
BikeBiz.com, Monday, 14 June 2004
http://bikebiz.co.uk/daily-news/article.php?id=4240

Erythropoietin (EPO). Institute of Child Health
http://www.ich.ucl.ac.uk/factsheets/misc/erythropoietin_epo/

Tour de France 2004. Etappen. tour.ARD.de
http://tour.ard.de/tour2004/tdf/etappen/

L´homme. Lance Armstrong perd une bateille juridique à la veille du départ du Tour de France. Libération, 2 juillet 2004
http://www.liberation.fr/page.php?Article=220898

L´Amérique d´Armstrong, par Benoît Hopquin. Le Monde, 27 juillet 2004, p.1 et 12
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-3232,36-373758,0.h tml

Armstrong "atterré" par les dires de LeMond
http://www.lemonde.fr/web/recherche_breve/1,13-0,37-861671,0 .html

LeMond met les pieds dans le plat. Dopage, par Maxime Dupuis. Le Figaro, 15 juillet 2004
http://sports.lefigaro.fr/article.asp?article=38191

Florence Griffith-Joyner. Biography
http://www.florencegriffithjoyner.com/

Der amerikanische Doping-Krimi geht weiter. CarminaRo-Übersetzung aus der Times, vom 27.6.2002 (ohne Gewähr). Der US-Sport steht angesichts der Entlarvung von Olympia-Betrügern auf dem Prüfstand
http://www.carminaro-leichtathletik.de/us_dopingkrimi.htm

28. Juli 2004


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