
Der Fall Didier Julia weitet sich zum politischen Skandal aus
Philippe Brett und Philippe Evanno aus dem Team des Didier Julia werden am Montagmorgen, den 27. Dezember, von der Division nationale anti-terroriste (DNAT), der Nationalen Antiterrorismus-Abteilung, des Verdachts von "heimlichen Verbindungen zu einer auslÀndischen Macht oder deren Agenten der Art, grundlegenden Interessen der Nation zu schaden, besonders seiner Diplomatie und dem Schutz seiner Bevölkerung" wegen in Untersuchungshaft genommen. Das ist gleichbedeutend mit Bezichtigung der Spionage. (1)
Dieser Straftatbestand wird Ă€uĂerst selten angewendet. Er stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges. Bis zu zehn Jahre GefĂ€ngnis und 150 000 Euro Strafe kann einem eine Verurteilung einbringen. 2001 wird der Kommandant Pierre-Henri Bunel danach vom Pariser MilitĂ€rgericht des Geheimnisverrats an Serbien wegen zu fĂŒnf Jahren GefĂ€ngnis verurteilt. Zur Ahndung einer parallelen diplomatischen Mission eines Abgeordneten ist dieser Tatbestand noch niemals angewendet worden. (2)
Didier Julia wird zunĂ€chst von der Verfolgung ausgespart. Man mĂŒĂte auch, um ihn einzusperren, seine ImmunitĂ€t aufheben, was sich zwischen den Festtagen und auch sonst wohl niemand traut. Er verbringt seinen Weihnachtsurlaub auf Korsika. Der französische AuĂenminister begibt sich derweil zu den geschundenen Opfern der Tsunami-Sturmflut, wo ihn keiner wird gebrauchen können. Er ist weit weg, und die französischen Vertretungen, die eh schon nicht wissen, wie sie ihre Aufgaben im Rahmen der Betreuung der Flutopfer leisten sollen, bekommen mit dem Ersten Diplomaten Frankreichs zusĂ€tzliche Arbeit.
Das sieht nach allem, was von der Mission des Didier Julia bekannt ist, wie eine Schmierenkomödie aus, ist es aber keineswegs. Didier Julia droht damit, Einzelheiten der Mission auszupacken und zu dokumentieren, und Philippe Evanno sagt dem Parisien, am 25. Dezember: "Wenn´s sein muĂ, sind wir bereit, die groĂe EnthĂŒllung weiterzufĂŒhren! Die französische Regierung sollte die schweren Konsequenzen bedenken, die das fĂŒr den französischen Staat haben könnte." (1)
Die juristische Aktion ist weniger der Einzelheiten wegen interessant, als der grundsĂ€tzlichen Folgen wegen, die sie fĂŒr die Transparenz des Falles haben wird.
Die Einleitung eines juristischen Verfahrens macht die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses unmöglich. AuĂerdem kassieren die maskierten mit "Kriegswaffen" ausgestatteten Polizisten bei der Durchsuchung des Hauses von Philippe Brett, in Anwesenheit von dessen Frau und ihrem Baby, Dokumente ein, die Didier Julia vorlegen will, um die UmstĂ€nde seiner Mission zu erhellen - "mit Gestapo-Methoden", wird er spĂ€ter auf France Inter sagen. Beweise und Fakten, die dem UntersuchungsausschuĂ hĂ€tten vorgelegt werden sollen, sind nun beschlagnahmt fĂŒr einen eventuellen ProzeĂ, ĂŒber dessen Eröffnung am Mittwoch, 29. Dezember, entschieden wird. Wie lange es dauert, bis solch ein ProzeĂ in Gang kommt, ist bekannt. Bis zum Ergebnis und zum Urteil können weitere Jahre vergehen. Beim Pariser Gericht wird mit den Vorermittlungen die Abteilung fĂŒr TerrorismusfĂ€lle beauftragt. (2)
Ein merkwĂŒrdiges VerstĂ€ndnis von Terrorismus scheint in Frankreich zu herrschen; denn es soll ja nicht der Fall der Geiselnahme durch Terroristen im Irak aufgeklĂ€rt werden, sondern die Versuche zur Freilassung der Geiseln durch einen Abgeordneten der Nationalversammlung und seiner Mitarbeiter. Es ist nicht anzunehmen, dass die Weisheit der französischen Regierung und Gerichtsbarkeit soweit geht, Syrien und den Iran etwa des Staatsterrorismus zu bezichtigen und dadurch die Einsetzung der Abteilung fĂŒr TerrorismusfĂ€lle zu begrĂŒnden.
Schon jetzt stellt sich die Frage, wie die Gruppe des Didier Julia angeblich ohne Wissen der französischen Regierung mindestens zweimal vom Flughafen Le Bourget aus mit dem Privatjet des ivorischen PrĂ€sidenten Laurent Gbagbo losfliegen kann, wie die "note blanche" des Pierre Brochand, Chef des Auslandsgeheimdienstes Direction gĂ©nĂ©rale de la sĂ©curitĂ© extĂ©rieure (DGSE), die vom französischen AuĂenministerium vermittelten Visa fĂŒr Syrien und manches mehr erklĂ€rt werden sollen. (1)
Inzwischen ist die Inhaftierung von Philippe Brett und Philippe Evanno um weitere 24 Stunden, bis zum Mittwochmittag, verlĂ€ngert worden. Die französische Regierung scheint sich des leidigen Falles durch WegschlieĂen der Akteure und durch Beschlagnahme der Unterlagen entledigen zu wollen. Sie wird ihre Kollaboration mit der rechtsextremen Saddam Hussein-freundlichen Gruppe nicht ungeschehen machen können, im Gegenteil, mit jeder dieser MaĂnahmen delegitimiert sie sich mehr. (3)
Didier Julia steht dem ehemaligen Premierminister Edouard Balladur nahe. Die GrĂŒndung des Office français pour le dĂ©veloppement de l´industrie et de la culture (Ofdic), einer pro-irakischen Gesellschaft zur Förderung der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit Frankreichs, einem Lobby-Verein fĂŒr Saddam Hussein, unternimmt Didier Julias Mitarbeiter Philippe Brett seinerzeit gemeinsam mit Pierre Girard-Hautbout, der dem ehemaligen General und Europaabgeordneten (UDF) Jeannou Lacaze nahesteht. So gibt es eine direkte Verbindung zum Verteidigungsministerium, dessen Berater fĂŒr afrikanische Fragen der ex-General seit 1985 ist, gleich welcher Minister das Amt innehat. In diesen Zusammenhang gehören auch die Beziehungen des Philippe Evanno zu den "RĂ©seaux Foccart".
Bei dieser Gemengelage fliegt Philippe Brett, am 22. Dezember, von Abidjan kommend nach Beirut, um von dort nach Syrien weiterzureisen, wo er aber plötzlich nicht mehr willkommen ist, obgleich er und Philippe Evanno von Ende September bis Anfang Dezember in Damaskus residieren, wo ihnen alle politischen und militĂ€rischen TĂŒren offenstehen. Enrico Porsia, von Amnistia.net, vermutet, dass der Gesinnungswandel in Syrien auf ausdrĂŒcklichen Wunsch der französischen Regierung stattfindet, die etwas gegen die besonderen Beziehungen von Didier Julia mit syrischen Kreisen hat.
Nun wird also tatsĂ€chlich ein juristisches Verfahren eingeleitet, und der von Didier Julia angekĂŒndigte UntersuchungsausschuĂ rĂŒckt in weite Ferne. Die Ermittler der DNAT interessieren sich dabei auch fĂŒr die Beziehungen der Gruppe des Didier Julia zu Laurent Gbagbo, der bei PrĂ€sident Jacques Chirac seiner Techtelmechtel mit den USA wegen in Ungnade gefallen ist. Vielleicht gelten ja die USA in Frankreich inzwischen als schĂ€dliche auslĂ€ndische Macht, auf die der Spionagefall anzuwenden ist? Oder sind es doch die bislang als befreundet geltenden LĂ€nder Syrien und ElfenbeinkĂŒste? Auch der Iran kĂ€me in Frage, der ebenfalls seine Hand bei der Geiselbetreuung im Spiel gehabt haben könnte. "Warum nicht auch Israel"? fragt Enrico Porsia, den Wahn konsequent ad absurdum fĂŒhrend, installiert doch die israelische Firma Verint Systems in der ElfenbeinkĂŒste ein Telefonabhörsystem, das den ivorischen PrĂ€sidenten in die Lage versetzt, die Operation Licorne abzuhören, durch das aber auch die DGSE eventuell gefĂŒhrte Telefonate von Philippe Brett und Philippe Evanno mit in der ElfenbeinkĂŒste stationierten Israelis auffangen könnte. So hĂ€tten wir noch eine schĂ€dliche auslĂ€ndische Macht.
Didier Julia erweitert jedenfalls jetzt seine RundumschlĂ€ge gegen die französische Regierung: Wenn der DGSE tatsĂ€chlich die Befreiung der Geiseln zu danken wĂ€re, hĂ€tte sie dem PrĂ€sidenten Jacques Chirac sicherlich nicht geraten, nach Marokko in Urlaub zu fahren, sondern ihre Ankunft abzuwarten. TatsĂ€chlich ist er ja gerade abgereist, als ihn die frohe Botschaft ĂŒberraschend ereilt, und er am nĂ€chsten Tag schon nach Paris zurĂŒckkehrt. (4)
Die verfehlte Politik der französischen Regierung fĂŒhrt jetzt dazu, dass der Front National ganz groĂ rauskommt. Bruno Gollnisch unterstĂŒtzt Didier Julia, schreibt der Nouvel Observateur. Er hĂ€tte wenigstens etwas unternommen, im Gegensatz zu den tĂ€glichen trĂ€nenreichen ErklĂ€rungen vieler ĂŒber den soundsovielten Tag der Inhaftierung der beiden Geiseln. (5) In der Tat hört man zu der Zeit tĂ€glich irgendwelche Prominente aus Politik, Film, Funk und Fernsehen, dass sie sich am n-ten Tag erinnern an die beiden: "VergeĂt sie nicht!"
Affaire Ă suivre ...
29. Dezember 2004
(1) Der Beitrag ist eine Fortsetzung des Artikels:
Christian Chesnot, Georges Malbrunot und die abenteuerlichen Unternehmungen des Didier Julia - Philippe Brett und Phillippe Evanno in Untersuchungshaft (Stand: 28. Dezember 2004)
http://www.eussner.net/artikel_2004-12-25_01-36-49.html
(2) Deux collaborateurs du dĂ©putĂ© Didier Julia entendus par la justice sur l´Ă©quipĂ©e irakienne de septembre, Par Pascal Ceaux et GĂ©rard Davet,
LE MONDE, 29 décembre 2004, MIS A JOUR LE 29 décembre 2004, 16h15
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-3226,36-392331,0.h tml
(3) Deux proches de Didier Julia en garde Ă vue. Par H.N. avec E.A.,
Libération, mardi 28 décembre 2004
http://www.liberation.fr/page.php?Article=264577
Garde à vue prolongée pour deux collaborateurs de Didier Julia,
Reuters France, 28 décembre 2004
http://www.reuters.fr/locales/c_newsArticle.jsp?type=topNews &localeKey=fr_FR&storyID=7193921
(4) EquipĂ©e Julia-gouvernement: L´heure du rĂšglement des comptes. Par Enrico Porsia, Amnistia.net, mercredi 29 dĂ©cembre 2004
http://www.amnistia.net/siteabon/news/articles/guerirak/regl comp/reglcomp_1225.htm
(5) Didier Julia compare la police Ă la Gestapo.
NOUVELOBS.COM, 29 décembre 2004, 14:13
http://permanent.nouvelobs.com/societe/20041229.OBS4891.html
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