
Dieudonné und das Dîner des CRIF
Auf www.google.fr eingeben "Dieudonné" und man hat alles zusammen.
Idith Zertal bestreitet "pornographie mémorielle" gebraucht zu haben, nicht im französischen und nicht im englischen Text ihres Buches. Ihr Übersetzer Marc Saint-Upéry behauptet, im englischen Text stünde das, aber die Autorin habe gemeint, in der französischen Übersetzung solle man es besser weglassen etc. etc.
Bei Google.fr eingeben: "pornographie mémorielle upery", dann hat man´s.
Welche Einstellung Idith Zertal hat, kann man am besten bei Daniel Mermet hören (1) - und der hätte sie nicht interviewt, wenn es nicht gegen die Juden und Israel ginge. Ich habe in den Text nur reingehört und bin sofort auf die Stelle gestoßen, wo sie erklärt, zuviel Gedenken führe zur Amnesie, zum Gedächtnisschwund. Was das heißen soll, weiß ich nicht. Bei mir führt viel Gedenken zu immer mehr längst vergessenen Erinnerungen, die mir einfallen - und zuviel Gedenken kann es gar nicht geben, das ist ein Paradox in sich, ob es sich um die Trauer um den Verlust eines lieben Menschen oder um die Judenvernichtung handelt.
Roger Cukierman provoziert Dieudonné
In diesen Tagen melden sich diejenigen, die schon lange etwas gegen den CRIF Präsidenten Roger Cukierman haben, Juden und Nichtjuden (was letztere dazu zu sagen haben, ist Roger Cukierman nicht klar - und mir auch nicht) und kritisieren dessen Rede beim jährlichen Dîner des CRIF. Jean-François Kahn, Herausgeber der Zeitschrift "Marianne", nimmt sich seine Äußerungen beim Dîner vor, zu dem sich 800 geladene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter 200 linke und rechte Politiker sowie 16 Minister drängeln, um kostenlos einen schönen Abend zu verbringen und zu demonstrieren, daß sie nicht antisemitisch sind, sondern auf Seiten der Juden Frankreichs stehen. Die Einladung hierzu kann man nicht ablehnen, es sei denn, man heiße Nicolas Sarkozy.
Die Rede des CRIF-Präsidenten demonstriere notorischen Antisemiten und Israelfeinden wie Dieudonné, daß sie recht hätten damit, daß die Juden eine mächtige Lobby bildeten, "so mächtig, daß er (Roger Cukierman) ungestraft und ohne Risiko einer Erwiderung 16 Minister der Republik auf einen Streich demütigen kann." Er habe den Kampf gegen den Antisemitismus verwechselt mit einer Aktion, die Außenpolitik Frankreichs zu ändern.
Roger Cukierman bedauert, daß trotz der Bemühungen der Regierung
- die antisemitischen und rassistischen Ausschreitungen wie eine Epidemie fortschritten,
- christliche, muslimische und jüdische Gräber geschändet würden,
- die Aufklärung der Straftaten gering sei,
- Sanktionen allein nicht ausreichten, sondern in den Schulen das Zusammenleben gelehrt werden müsse,
- die Integration nicht ausreichend sei.
Er fordert, die Gesetzgebung an die Straftaten anzupassen, Rassismus nicht unter dem Presserecht, sondern unter dem öffentlichen Recht zu behandeln, darauf zu achten, daß der Staat keine antijüdischen Propagandafilme wie "La Porte du Soleil" finanziere, und daß eine Harmonisierung der Zulassung von Fernsehsendern auf europäischer Ebene stattfinde. Dann sagt er:
"An dieser Stelle muß ich Sie teilhaben lassen an dem Unbehagen, daß ich empfinde. Ein Unbehagen dabei, daß es mir eine Unvereinbarkeit zwischen der Außenpolitik Frankreichs und der Innenpolitik des Kampfes gegen den Antisemitismus zu geben scheint. ... Die Außenpolitik Frankreichs wird oft empfunden als Gleichsetzung von Amerika und Israel, Zionismus und Imperialismus, Globalisierung und Unterdrückung. Ob es von unseren Diplomaten gewollt wird oder nicht, diese Verwirrung besteht wirklich in der öffentlichen Meinung, und sie nährt die Vermengungen, unter deren unheilvollen Wirkungen die Juden leiden."
Als Beispiel bringt er die Affäre des antisemitischen Herzbollahsenders Al-Manar TV und den Vertragsschluß des Conseil Supérieure de l´audiovisuel (CSA) mit diesem, der somit im Einklang mit dem Gesetz seine antisemitische Propaganda in Frankreich habe verbreiten können. Erst nach Protesten der öffentlichen Meinung und der Sammlung von zig Tausend Unterschriften sei der Vertrag annulliert worden.
Ein weiteres Beispiel sei der Pomp, den die französische Regierung mit dem Begräbnis des Yasser Arafat betrieben habe samt Elogen und Marseillaise; er sei gewaltiger ausgefallen als selbst der in Ägypten.
Er fragt, warum die französische Regierung nicht eindeutig die Gerüchte über eine Vergiftung Yasser Arafats dementiert und warum sie die Falschaussage Yasser Arafats über seinen Geburtsort toleriert habe. Jeder wisse, daß er in Kairo und nicht in Jerusalem geboren sei.
"Ich hätte es gern gesehen, wenn Frankreich soviel Freundschaft gegenüber Israel empfände, wie es gegenüber den Führern der arabischen Staaten zeigt."
Die Geiselnahme der beiden Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot betreffend beklagt er, daß die französische Regierung Wert gelegt hätte darauf zu betonen, daß diese ein Irrtum gewesen sei, da Frankreich auf Seiten des irakischen Volkes sei (was hier heißt, auf Seiten des "Widerstandes"). Er beklagt, ohne den Namen zu nennen, daß "Reporters sans frontières" das Verbot des Senders Al-Manar TV bedauert habe, und zum Schluß geht er noch auf die Francophonie ein, die im Oktober 2002 in Beirut stattfand und in ein Forum der anti-israelischen Hetze bei Anwesenheit des Chefs der Hezbollah verwandelt worden sei. Er läßt dabei aus, daß sich Jacques Chirac dort zu einem Gespräch unter vier Augen mit dem Terroristenführer trifft. Er bedauert, daß Israel nicht in die Gruppe der Francophonie gebeten werde, obgleich 20 Prozent seiner Bevölkerung französisch sprächen.
"Ist es nicht Zeit, endlich Syrien, mit dem Iran gemeinsam Pate der Hezbollah, eine Absage zu erteilen? Ist es nicht Zeit, daß Frankreich sich nicht mehr wehrt gegen die Einstufung der Hezbollah durch Europa als terroristische Vereinigung?"
Er beklagt, daß Jerusalem nicht als Hauptstadt Israels anerkannt wird, und er fordert Frankreich auf, daran mitzuwirken, daß Frieden im Nahen Osten herbeigeführt wird. Dabei lobt er die Kritik, die von der französischen Diplomatie an der Besatzung des Libanons durch Syrien geübt wurde.
Das alles sagt der Präsident des CRIF Roger Cukierman beim Festessen, gerichtet an die 16 Minister und 200 Politiker, und dafür wird er nun gescholten und zum Rücktritt aufgefordert. (2)
Jean-François Kahn stellt einen kausalen Zusammenhang her zwischen diesen Äußerungen Roger Cukiermans und denen des Dieudonné. So haben einmal mehr die Juden selbst schuld, wenn man sie beleidigt und verfolgt - es liegt an ihrem Verhalten - und Juden sagen das auch noch selbst, angeblich sogar der Botschafter Israels in Paris! (3)
Proche-Orient.info, obgleich von Dieudonné der Lüge geziehen und soeben von ihm verklagt, tritt nochmal nach, genau wie Bernard Langlois im israelfeindlichen "Politis,", der Postille, die überhaupt nur von Gnaden des ebenso israelfeindlichen "Monde diplomatique" noch existiert. (4) Das Ergebnis wird ein öffentliches Klima sein, in dem die Justiz Dieudonné nicht belangt, sondern er im Gegenteil das Recht zugesprochen bekommen wird, eine Gegendarstellung in allen Zeitungen abzugeben, die ihn kritisiert und falsch zitiert haben. Von "pornographie mémorielle" zu sprechen im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Opfer der Judenvernichtung, der Shoah, des Holocaust, das also hat nicht Dieudonné M´bala M´bala erfunden, sondern die israelische Historikerin Idith Zertal, das gibt´s in Frankreich öfter. Darum auch kann man ihn dafür nicht belangen.
Niemand schreibt übrigens mehr über und zitiert noch die Beleidigungen, die Dieudonné über den CRIF und den Premierminister äußert:
Dieudonné geht in Alger auf der Pressekonferenz, vom 16. Februar 2005, ein auf die Rede des Jean-Pierre Raffarin beim Dîner des CRIF, den er als eine "verfassungswidrige und sektiererische Organisation" bezeichnet. "Raffarin persönlich war am letzten Wochenende beim CRIF, und er klagt mich an, weil man dieser Gaunertruppe immer in den Arsch kriechen muß, diesen Mafiosi, die im Begriff sind, die französische Republik in einen Bürgerkrieg zu zerren", sagt er und beklagt "die vollständige Unterwerfung der Führer und Verantwortlichen Frankreichs unter den Willen des CRIF". (5)
Der Conseil Représentatif des institutions juives de France (CRIF), das ist die Organisation, in der Roger Cukierman Präsident ist. Die Beleidigungen gegen diese Organisation sind nicht der Rede wert. Zu kritisieren sind nur die deutlichen Worte, die am 12. Februar 2005 fallen. Die hätte Roger Cukierman sich verkneifen müssen. Er kann angeblich nicht für die Juden sprechen, wenn er an einem so festlichen Abend den Anwesenden undiplomatisch die Leviten liest. Das ist ein Grund mehr, dieses Dîner abzuschaffen, es ersatzlos zu streichen. Für solche Feste scheint nicht die Zeit zu sein, solange die von Roger Cukierman angesprochenen Zustände herrschen.
24. Februar 2005
Quellen
(1) Idith Zertal, Là-bas, si j´y suis, diffusée le 14 janvier 2005
http://www.la-bas.org/article.php3?id_article=587
(2) Discours de Roger Cukierman, président du CRIF, au dîner annuel du CRIF samedi 12 février 2005
http://www.crif.org/index.php?menu=5&dossier=46&id_doss=4268
(3) Dieudonné-Cukierman. La double défaite des antiracistes. Par Jean-François Kahn. Marianne, 19 au 25 février 2005, page 3
http://www.proche-orient.info/images/mbd/Marianne_Dieudonne. pdf
(4) 22 février 2005 / 10 h 46. Sur RTL, ce matin, un nouveau dérapage du président du CRIF. À propos d´Alain Minc, qui demande sa démission, et de Jean-François Kahn, qui le critique sévèrement dans "Marianne", Roger Cukierman répond : « Ni l´un ni l´autre ne sont actifs dans la communauté juive ou ne sont même pas Juifs dans l´un des deux cas » !
http://www.proche-orient.info/xjournal_pol_der_heure.php3?id _article=36947
Le scandale Dieudonné /Dentelle sémantique/Cukierman l´irresponsable. Par Bernard Langlois, Politis, 24 février 2005
http://www.politis.fr/article1251.html
(5) Des propos de l´humoriste Dieudonné sur la Shoah soulèvent l´indignation.
LEMONDE.FR avec AFP et Reuters, 18 février 2005
http://www.lemonde.fr/web/recherche_articleweb/1,13-0,36-398 742,0.html
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