
Florence Aubenas fleht Didier Julia um Hilfe an
Am 1. März 2005 schlägt es in Frankreich ein wie eine Bombe, das 27 Sekunden lange Video, auf dem die seit dem 5. Januar im Irak in Geiselhaft gehaltene Auslandskorrespondentin der "Libération" Florence Aubenas verzweifelt um Hilfe fleht. Dreimal wendet sie sich dabei an den UMP-Abgeordneten Didier Julia. (1)
Nun steht die gesamte französische Medienwelt kopf. Wie kommt es, daß Didier Julia der Retter werden soll?
Solche Fragen kann nur stellen und entsprechend schräge spekulative Antworten geben, wer sich trotz der Geiselaffäre der beiden Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot davor verschließt, daß die offizielle französische Politik gegenüber den arabischen Staaten gescheitert ist, und sie sich nur noch mit Hilfe ihrer "Réseaux parallèles" artikulieren kann. Seit einem Monat gibt Außenminister Michel Barnier vor, den Aufenthaltsort der Geisel zu kennen, aber man darf davon ausgehen, daß es wie bei den beiden anderen Geiseln ist, er weiß nichts. "Il est complètement nul", und "ich diene meinem Vaterland, da die französische Diplomatie im Nebel stochert", wie Didier Julia das kommentiert. "Ich habe vor Ort Risiken auf mich genommen, anstatt unter den Fenstern des Pariser Rathauses wie andere zu tanzen", sagt er dem "Nouvel Observateur", am 26. Dezember 2004, abfällig über die unwirksamen Solidaritätsbezeigungen, die von "Tout Paris" zur Selbstbeweihräucherung vorgeführt werden. (2)
Einzelheiten über die Befreiung der Geiseln Christian Chesnot und Georges Malbrunot sowie über die Rolle, die Didier Julia dabei spielt, und wie er und seine Mitstreiter zum Dank von der französischen Regierung abserviert und dem Anti-Terrorismus-Richter Jean-Louis Bruguière überlassen werden, kann man zur Auffrischung des Gedächtnisses nachlesen. Ergänzt wird, daß der für den 20. Januar von Jean-Louis Bruguière angeordneten Vorladung des Didier Julia von diesem nicht Folge geleistet und er bis heute kein weiteres Mal vorgeladen wird. (3)
Nur wer es nicht wahrhaben will und darf, daß die Unternehmung des Didier Julia und seiner Mitarbeiter Philippe Brett, Bruno Carnez, Philippe Evano, Mustapha Aziz und deren Unterstützer aus der Elfenbeinküste von Anfang an mit dem Präsidenten Jacques Chirac, mit dem Außenministerium, dem Verteidigungsministerium und der Direction générale de la sécurité extérieure (DGSE) abgesprochen und koordiniert ist und von diesen unterstützt wird, kann nun ratlos fragen, warum Florence Aubenas dreimal Didier Julia anspricht.
Nur wer es möglichst vergessen soll, daß die Unternehmung des Didier Julia nicht beendet und "gescheitert" ist Anfang Oktober, sondern daß sie, in Damaskus, immer weitergeht, bis nach der Ankunft der beiden Journalisten auf dem Militärflughafen Villacoublay, am 22. Dezember 2004, muß nun raten und sich etwas ausdenken zur Unterhaltung des neugierigen Publikums.
Starkommentatoren wie Bernard Guetta, vom Radio France Inter, dürfen bei Strafe ihres Ausschlusses aus dem Politset nichts benennen, nicht die Eitelkeit der französischen Regierung, die sich seit dem 5. Januar durch nichts als Reden über die Aktionen zur Befreiung der Geisel medienwirksam profiliert, und nicht die Tatsache, daß die Araber, allen voran die Syrer und der irakische "Widerstand" mit den Franzosen Katz und Maus spielen.
Ganz Frankreich als Dhimmi der syrischen Regierung und von islamischen Terroristen, genannt "irakischer Widerstand"! (4)
Bernard Guetta und seine Kollegen haben davon auszugehen, daß die Mission des Abenteurers Didier Julia zur Befreiung der Geiseln, in Damaskus, im September/Oktober 2004 kläglich scheitert, und die Rettung aus der verpfuschten Lage allein von den Ministerien und dem offiziell agierenden Geheimdienst DGSE kommt. So phantasiert er am Morgen des 2. März darüber, warum Florence Aubenas weder die "Libération" noch die französische Regierung und ihren Präsidenten anruft, sondern Didier Julia. Eine "kodierte Sprache" sei das, die Geisel wolle eine Mitteilung machen, die ihr die Geiselnehmer nicht gestatteten: "aber welche?"
"Syrien und Baath", raunt er wissend, das seien die Kreise des Didier Julia, Syrien und der "ancien appareil de Saddam". Dahin hätte Didier Julia direkte starke Kontakte. Nicht nur er, sondern die halbe Politklasse Frankreichs, eine rot-braun durchsetzte Gemengelage, hat diese Kontakte, direkt und über die "Amitiés franco-irakiennes", die französisch-irakische Freundschaftsgesellschaft. Es ist nicht anzunehmen, daß Bernard Guetta das nicht weiß. (5)
Er strengt aber seine Phantasie weiter an und hält für wahrscheinlich, daß Florence Aubenas mittels der Nennung des Namens von Didier Julia habe wissen lassen wollen, daß "weder den syrischen Diensten, oder Teilen von ihnen, noch Teilen des Apparates der Baath-Partei, die in der militärischen Aktion gegen die amerikanische Anwesenheit gekippt worden sind, ihre Entführung unbekannt sei."
Es ist naheliegend anzunehmen, daß das syrische Regime "die Karte einer Unterstützung der geheimen irakischen Bewegungen ausspielt und bei den Amerikanern versilbert". Syrien hat seit der bei sechs Enthaltungen von neun Mitgliedern und keiner Gegenstimme angenommenen Resolution Nr. 1559 des UN-Sicherheitsrates zum geforderten Abzug Syriens aus dem Libanon, vom 2. September 2004, etwas gegen Frankreich; denn "Jean-Marc de la Sablière, France, welcomed the adoption of the resolution". Nun setzt es die Geisel ein, um von Frankreich Zugeständnisse zu bekommen. Zur Darstellung der Lage bedarf es intellektueller Verrenkungen wie der des Bernard Guetta, wenn man nahezu die gesamte Wirklichkeit der französischen Nahostpolitik ausblendet. (6)
Die Banalität der Absichten Syriens muß Florence Aubenas nicht durch eine kodierte Sprache, nicht durch die dreimalige Nennung des Didier Julia zu verstehen geben. Sie bittet ihn um Hilfe, weil sie von sonst keiner anderen Seite zu erwarten ist. (7)
Die Entführer kennten ihn wahrscheinlich, und er kennte sie, sagt Didier Julia dem Fernsehsender TF1, es seien "bestimmt Nationalisten, gar keinen Falles Mafiosi, es sind Widerstandskämpfer, die die nationale Sache verteidigen." Solche Äußerungen müssen den Mitgliedern der französischen Regierung peinlich sein, dokumentieren sie doch, daß die enge Verbindung Frankreichs zum irakischen "Widerstand", mit dem alten Regime des Saddam Hussein, bis heute fortdauert. Bedauernd teilt er mit, daß er nach dem 23. Dezember 2004 jeden Kontakt zu ihnen abgebrochen hätte, und daß es diese Verbindungen nun nicht mehr gebe. Die Syrer hält er nicht für verantwortlich, sie seien "traditionell die Freunde Frankreichs". Vor so viel Chuzpe kann man nur den Hut ziehen!
Nicht so die französische Regierung, die eiert hilflos herum, Jean-Pierre Raffarin erzählt etwas von "sehr besorgt über die Lage" und "sehr mobil gemacht, um ihre Freiheit zu erreichen", und der Herausgeber der "Libération" und Arbeitgeber von Florence Aubenas Serge July meint, Didier Julia sei kein "legitimer Unterhändler". Er wird sich dann sicherlich mit den anderen solidarischen Menschen auf dem Vorplatz des Pariser Rathauses aufstellen und weiterhin die Freiheit der Geisel fordern. (8)
Didier Julia bittet derweil seinen Widersacher Michel Barnier, ihm seine Handlungsfreiheit zurückzugeben, die ihm durch das von der Regierung angestrengte juristische Verfahren genommen ist. Er sei an den Füßen gefesselt. "Man hindert mich, zum Nutzen meines Landes und der Geiseln zu handeln", wirft er der Regierung vor. Er muß bitten, von selbst kommt der Außenminister nicht darauf. Er scheint auch nicht die Konsquenzen abzusehen, die es hätte, wenn man Didier Julia keine Handlungsfreiheit gäbe: den wahrscheinlichen Tod der Geisel, was nicht nur das politische Ende des Außenministers, sondern wahrscheinlich auch des Präsidenten Jacques Chirac bedeuten würde. Im übrigen erklärt Michel Barnier, daß er nichts weiß. Er weiß dennoch, daß man an einem Wendepunkt ist.
Auch heute wieder fragen sich sämtliche Medien Frankreichs, warum Florence Aubenas ausdrücklich die Hilfe von Didier Julia erbittet. Da sie ihre Augen nicht zu öffnen scheinen, werden sie das sicherlich noch lange fragen. Die "Libération" ist immerhin schon so weit, an dem jetzigen Video zu erkennen, daß es einen Zusammenhang zwischen den beiden Geiselnahmen geben könnte. Wer hätte das gedacht?
Nicht Didier Julia hat sich unglaubwürdig gemacht, sondern dies besorgt die französische Regierung, die zwar seine dunklen Kanäle gern und wiederholt in Anspruch nimmt, ihn dann aber fallen läßt und das Verdienst für die Befreiung von Christian Chesnot und Georges Malbrunot bei sich verbucht. Deshalb kann er sagen, daß die Entführer von Florence Aubenas es wohl nicht schätzten, wie man ihn behandele. (9)
Wir können darauf warten, daß Didier Julia seine Verhandlungen beginnt, und daß nach einer geraumen Zeit die Journalistin freigelassen und auf dem Militärflugplatz von Villacoublay vom Präsidenten der Republik, von den strahlenden Regierungsvertretern Jean-Pierre Raffarin, Michèle Aliot-Marie, Michel Barnier und vielleicht sogar von ihrem Begleiter, dem Dolmetscher und Jagdbomberpiloten (Mirage), dem Absolventen der Akademie der Luftwaffe in Tours, Hussein Hanoun Al Saadi in Empfang genommen und in die Arme geschlossen wird.
Von Didier Julia wird sich die französische Regierung unter einem Vorwand erneut distanzieren.
Dem französischen Volk wird einmal mehr von Syrien und vom "irakischen Widerstand" seine "gerechte" Haltung betreffend der amerikanischen Besatzung des Irak honoriert. Dies bedeutet die endgültige Verabschiedung des Landes aus dem Kreis ernstzunehmender Mächte. Wer sich selbst zum Dhimmi macht, den sieht die Welt als nichts anderes an. Europa wird sich davon lange nicht erholen.
2. März 2005
Ergänzung
Inzwischen ist eine merkwürdige Situation eingetreten. Der UMP-Abgeordnete Didier Julia wird in der Nationalversammlung vom Premierminister Jean-Pierre Raffarin so behandelt bzw. abgekanzelt, als wenn er es gewesen wäre, der dreimal gebeten hat, sich für Florence Aubenas einzusetzen und nicht diese ihn angefleht hätte. Dieselbe Regierung, die ihn und seine Aktionen nach der Geiselbefreiung der beiden Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot vor aller Welt bloßstellt und verurteilt, ihn und seine Mitarbeiter dem gemäß Paul Labarique im "Réseau Voltaire" des Thierry Meyssan "außergewöhnlichen" Antiterrorismus-Richter an der Front des Rechts und der Staatsraison, dem "Admiral" Jean-Louis Bruguière vorführt und ihm auferlegt, ab sofort alle Kontakte zu seinen Gewährsleuten im Irak und Syrien abzubrechen, dem wird jetzt vorgeworfen, nicht schon früher sein Wissen zur Verfügung gestellt zu haben. Er habe umgehend mit der DGSE zusammenzuarbeiten, und allein habe er nichts zu unternehmen, liest man bei Reuters France.
Man darf gespannt sein, was sich diese Regierung noch einfallen läßt. "Gestern verlacht, wird Julia wieder eine mögliche Rettung aus der Affäre", schreibt der Fernsehsender TV5 heute, am 2. März 2005, auf seiner Web Site....
Quellen
(1) Florence Aubenas appelle à l´aide dans une vidéo. Proche-Orient.info, 1 mars 2005
http://www.proche-orient.info/xjournal_pol_der_heure.php3?id _article=37328
(2) Julia: "J´ai pris des risques". NouvelObs.com, 26 décembre 2004
http://permanent.nouvelobs.com/
(3) Der Fall Didier Julia weitet sich zum politischen Skandal aus
http://www.eussner.net/artikel_2004-12-29_18-50-46.html
Die französische Regierung kooperiert mit dem irakischen Widerstand
http://www.eussner.net/artikel_2005-01-05_17-50-30.html
Christian Chesnot, Georges Malbrunot und die abenteuerlichen Unternehmungen des Didier Julia - Philippe Brett und Phillippe Evanno in Untersuchungshaft (Stand: 28. Dezember 2004)
http://www.eussner.net/artikel_2004-12-25_01-36-49.html
(4) Frankreichs nächste Waffe im Irakkrieg: Florence Aubenas
http://www.eussner.net/schaf_2005-01-11_23-55-23.html
(5) Les "Amitiés franco-irakiennes"
http://amiraq.free.fr
(6) In Lebanon; calls for withdrawal of foreign forces there. Press Release SC/8181, September 2, 2004
http://www.un.org/News/Press/docs/2004/sc8181.doc.htm
(7) Le message de Florence Aubenas.Géopolitique. Chronique de Bernard Guetta, FranceInter.com, 2 mars 2005, 8:15
http://www.radiofrance.fr/chaines/france-inter01/information /chroniques/chronique/index.php?chronique_id=44
(8) Le message de Florence Aubenas, l´allusion à Didier Julia. Le Monde avec AFP, 2 mars 2005
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-3236,36-400004,0.h tml
(9) Barnier: "Nous sommes à un tournant". NouvelObs.com, 2 mars 2005
http://permanent.nouvelobs.com/etranger/20050302.OBS0062.htm l
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