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Die Schizophrenie der französischen Medien am Beispiel der Afghanistan-Berichterstattung des "Midi Libre"

Am Mittwoch, den 13. April 2005, liest man auf Seite TE04 der zur Le Monde-Gruppe gehörenden Tageszeitung "Midi-Libre", verschönert durch ein Foto eines Ladengeschäfts in Kabul für Brautkleider im westlichen Stil "arous", die Braut, einen Artikel des Afghanistan-Berichterstatters Richard Boudes über "Afghanistan. La si longue route des femmes vers la lumière", Afghanistan. Der so lange Weg der Frauen zum Licht bzw. zur Aufklärung. Vier prächtige Brautkleider, in grün, weiß, rosa und rot sind im Schaufenster ausgestellt. Daran vorbei eilt eine Frau in der üblichen blauen Burka. Sie würdigt die Kleider keines Blickes.

Der Artikel handelt von der gegenwärtigen Situation in Afghanistan, vom Analphabetismus usw. Ein Satz des Artikels sticht einem besonders ins Auge: "La république islamique d´Afghanistan du président Karzaï, soutenue par les Américains ...", die Islamische Republik Afghanistan des Präsidenten Karzaï, unterstützt von den Amerikanern ...

Der Autor suggeriert durch den Verweis auf die Unterstützung Hamid Karzaïs angeblich allein durch die USA, daß Frankreich und andere Staaten sich nicht mit dieser Unterstützung gemein machen, nichts mit ihr zu tun haben wollen; denn sonst würden nicht nur die USA erwähnt, sondern Frankreich und andere Unterstützerstaaten ebenfalls. Es stünde dort vielleicht "die Islamische Republik Afghanistan des Präsidenten Karzaï, unterstützt von der internationalen Staatengemeinschaft", "unterstützt von den Vereinten Nationen, den USA und der NATO" oder sogar "unterstützt von den USA, von Frankreich und 45 weiteren NATO- und Nicht-NATO-Staaten".

Die NATO-Staaten haben im Rahmen der von den Vereinten Nationen mandatierten International Security Assistance Force (ISAF), am 10. Februar 2005, 8500 Soldaten vor Ort. (1)

Das Kontingent aus 47 NATO- und Nicht-NATO-Staaten soll nach dem informellen Treffen der Verteidigungsminister der NATO-Staaten, vom 9.-10. Februar 2005, auf 9000 erhöht werden, wovon Frankreich 1 800 Soldaten stellen wird. Es ist damit nach Deutschland (2250) der zweitgrößte Partner der USA in Afghanistan. 900 seiner Truppen sind im Rahmen der ISAF stationiert, die übrigen zur Ausbildung der afghanischen Armee und als Spezialeinheiten von Bodentruppen im Rahmen der Operation Enduring Freedom, zur See und in der Luft. (2)

IRIN News des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs berichtet am 14. Februar 2005, daß das Kommando der ISAF an die Türkei wechselt. Die vergangenen zwei Jahre lang wird sie vom französischen General Jean-Louis Py vom Eurocorps, einer Schnellen Eingreiftruppe der NATO, befehligt. (3)

Am 4. Oktober 2004 sind die Truppen der Koalition mit Streitkräften in einer Stärke von ungefährt 18 000 in Afghanistan vertreten, also sind ca. 10 000 Militärs der USA dort vertreten. (4)

Das Einverständnis Frankreichs mit dem Vorgehen in Afghanistan zeigt sich seit der Bonner Konferenz, vom Dezember 2001. Seit August 2003 wird die ISAF von der NATO befehligt. Sie umfaßt eine Allianz von 26 Staaten. Herausragend beteiligt sich Frankreich zuletzt durch die erstmalige Ausrichtung seit 1966, seit dem Rücktritt General Charles de Gaulles vom integrierten Militärkommando der NATO, eines informellen Treffens der Verteidigungsminister der NATO-Staaten, in Nizza, vom 9. bis 10. Februar 2005. Dies bedeutet die definitive Rückkehr Frankreichs in die politischen und militärischen Strukturen der NATO. Die NATO-Kommandeure unterrichten die Verteidigungsminister über den Stand und die Optionen der Militäraktionen in Afghanistan, im Kosovo und im Mittelmeerraum sowie ihre militärische Unterstützung im Irak.

"Expanding in Afghanistan, delivering in Iraq" heißt die Devise, unter der die Verteidigungsminister frei über die Agenda der NATO diskutieren. Dabei wird bestätigt, daß die NATO Kapazitäten besitze, ihre Präsenz in Afghanistan in den Westen des Landes auszudehnen, d.h. in Richtung auf die iranische Grenze. Den Irak betreffend, betont der NATO-Generalsekretär General Jaap de Hoop Scheffer, daß die NATO pro Jahr 1000 irakische Offiziere ausbilden wolle. Er hofft, daß bis zum NATO-Gipfel, am 22. Februar 2005, alle NATO-Mitglieder mit diesen Ausbildungsmaßnahmen im Irak einverstanden sein werden, sei es durch Ausbildung im Lande oder außerhalb. (5)

In Nizza interviewt Stéphane Paoli, vom Radio France Inter, am 10. Februar 2005, für die Sendung "Question Directe" die französische Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie über "le grand retour de la France", die große Rückkehr Frankreichs in die NATO. Die Ministerin bestätigt, daß die Ausrichtung des Treffens durch Frankreich die bedeutende Rolle signalisiere, die Frankreich in der NATO spiele: "Wir stehen an zweiter Stelle, was die Anzahl der Soldaten betrifft, an fünfter bei den Finanzen, und wir leiten seit nunmehr einigen Monaten die zwei wichtigsten Operationen der NATO: die ISAF in Afghanistan und die KFOR im Kosovo."

Sie betont die gleich gelagerten Interessen von Frankreich, der EU insgesamt und den USA angesichts der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus.

Was weiter folgt in dem Interview, ist ein Eiertanz nach dem Motto "Wasch mir den Pelz, aber mach´ mich nicht naß!" Für diejenigen, die französisch lesen können, ist es eine Fundgrube an Sophisterei. Was ist eine "Allianz", was bedeutet "Partnerschaft", was ist die NATO gestern, heute, morgen? Unterschieden wird zwischen politischem Einvernehmen und technischer Realisierung desselben: "da jedes Land immer ´Eigentümer´ seiner eigenen Truppen und Mittel ist, nimmt es teil, oder es nimmt nicht teil an den Operationen. Das heißt Allianz."

"Zu was dient die NATO heute, so wie die USA letztendlich ihre persönliche Doktrin definieren?" fragt Stéphane Paoli, und "Wenn die USA ihre Partner wählen, kann Frankreich im Grunde wählen, ob es einer Aktion irgendwo zustimmt oder nicht, besonders im Irak, wo Frankreich sagt: ´Nein, dahin gehen wir nicht!´." Das bestätigt Michèle Alliot-Marie dem Journalisten. (6)

Am 22. Februar 2005 kann die NATO dann in einem Kommuniqué berichten, daß alle 26 Mitglieder, also auch Frankreich, sich über die Hilfe der NATO für den Irak, die Stärkung des Dialoges innerhalb der NATO und die Ausweitung der Operationen in Afghanistan einig seien. Als Zeichen dafür, daß die Differenzen über den Irak beigelegt sind, beteiligen sich nunmehr alle 26 Alliierten an der Ausbildung der irakischen Sicherheitskräfte, entweder im Irak, außerhalb des Irak, durch finanzielle Unterstützung oder durch Überlassung von Ausrüstung. (7)

Der Journalist des "Midi Libre" Richard Boudes löst sein Problem, das er mit dem Widerspruch zwischen seiner und seiner Zeitung ideologischen Fixierung auf den Anti-Amerikanismus und der Wirklichkeit des internationalen politischen und militärischen Lebens hat, in dem er die Unterstützung für den afghanischen Präsidenten Hamid Karzaï auf die USA reduziert. Vielleicht glauben ihm die Leser ja solche Märchen, oder es liest´s gar ein Entführer der Florence Aubenas und läßt sie zum Dank frei?

Andererseits verkündet Richard Boudes den Ruhm seiner "Grande Nation". Der liegt ihm ebenso am Herzen, und so berichtet er, der eben noch die Unterstützung für Hamid Karzaï auf die USA beschränkt, in einem mit "R.B." gezeichneten Artikel, direkt unter dem über "den langen Weg der Frauen zu Licht und Aufklärung", über "Ces 200 soldats français qui traquent les talibans", diese 200 französischen Soldaten, die Jagd auf die Taliban machen, über "le général Puga, patron du Commandement (Cos)", den Chef des Kommandos General Puga und die 200 Soldaten der Marine und der Luftstreitkräfte, des 1er RPIMa und des 13ème RDP, die "an der Seite der Amerikaner kämpfen. Das ist die sehr vertrauliche Mission Arès." (8)

Das 1er Régiment Parachutiste d´Infanterie de Marine (1er RPIMa), das Erste Fallschirmspringerregiment der Marine, ist eine Spezialeinheit der französischen Armee. Devise: "Wer wagt, gewinnt!" Das Regiment sagt von sich selbst, daß es gleiche Leistungen vollbringen könne wie die US-amerikanischen Einheiten, 2002 bis 2003, in Afghanistan. (9)

Das 13ème Régiment des Dragons Parachutistes (13ème RDP), das 13. Regiment der Fallschirmdragoner, Devise: "Bald Adler, bald Löwe!" sieht sich als ein Aufklärerregiment mit dreihundertjähriger Tradition, sein Vorgänger wird 1676 gegründet. Später sind sie die Dragoner der Kaiserin Eugénie, der Ehefrau von Napoléon III. Die Dragoner führen bis 1962 geheime Missionen in Algerien durch, danach in Kambodscha und in Jugoslawien, und was die laufenden Operationen angeht, sagt der Korpskommandeur: "Tut mir leid, aber das ..., das ist geheime Verteidigungssache". Nun kämpfen sie also "geheim" an der Seite der USA in Afghanistan. (10)

Ein General Puga als Kommandeur des "commandement des opérations spéciales" (COS), des Kommandos der Spezialoperationen, ist im Internet nicht aufzufinden. Vielleicht handelt es sich um den französischen General Jean-Louis Py?

Es versteht sich, daß der in die Geheimnisse Afghanistans eingeweihte Richard Boudes mehr nicht äußert, und so muß sich der interessierte Leser selbst ergoogeln, was es mit der Mission "Arès" auf sich hat. Der US-Militär Bobby Bran ist, am 8. April 2005, des Lobes voll über die französische Task Force Arès. Er beobachtet ihr Vorgehen im Süden Afghanistans, wo sie die Taliban geschnappt hätten. Im Kontrast dazu wäre das deutsche Kontingent in Kunduz durch seine eigenen Truppensicherungsregeln derartig behindert, daß es wenig erreichte. "Das französische Militär ist eine sehr gute Kampftruppe, im Gegensatz zu dem, was Amerikaner (die sie niemals vorher in Aktion gesehen haben), glauben möchten." (11)

In einem Kasten auf derselben Seite gibt es noch eine Information über Flugzeuge:

"Der Oberst Hubert de Reviers de Mauny, Kommandeur der 2e REI (der Zweiten REI) von Nîmes, ist gegenwärtig, und bis Juni, der Kommandeur der 630 mit den Kräften der NATO zur Sicherung Kabuls und seiner Umgebung eingesetzten französischen Soldaten: ´Für die Parlamentswahlen im September werden die französischen Streitkräfte verstärkt durch Luftwaffen: Jagdflugzeuge, Aufklärer und Frachtflugzeuge´, kündigt er an.

Trotz der Zwistigkeiten im Lande, ´der feudalen Versuche´ der War Lords, nimmt Oberst Reviers de Mauny an, daß es keine ´koordinierten Drohungen´ gibt, und daß Afghanistan von nun an ´einen Schritt nach vorn´ kennt, in Richtung auf Stabilität und Frieden."

Was Richard Boudes und der "Midi Libre" nirgends erklären, ist die Bedeutung der erwähnten Militäreinheiten 1er RPIMa, 13ème RDP und 2e REI. Letzteres ist in Afghanistan mit "630 soldats français", 630 französischen Soldaten vertreten. Der interessierte Leser ergoogelt, was offensichtlich bei allen Franzosen als bekannt vorausgesetzt wird: das "2e REI" ist das in Nîmes stationierte Zweite Infanterieregiment der Fremdenlegion. Seine Kämpfer werden von der Zeitung als "französische Soldaten" vorgestellt. Der Kommandeur Hubert de Reviers de Mauny allerdings ist Franzose. So sieht es aus, das Weltbild der Journalisten und ihrer Zeitung "Midi Libre" von der "Grande Nation": es sind Franzosen, die in Afghanistan kämpfen. Nun wundert es auch nicht mehr, daß sie im Gegensatz zu den deutschen Soldaten einem weniger strengen Schutz der eigenen Truppe unterliegen, und daß Bobby Bran ihren Kampfesmut so loben kann.

Zweidrittel des französischen Kontingents der ISAF in Afghanistan sind nichtfranzösische Söldner, die einem berühmten 1841 gegründeten Regiment angehören. Es nimmt an allen Kämpfen der Légion teil. Seine Heldentaten von der Eroberung Algeriens über Mexiko, den Krimkrieg und die Eroberung Indochinas und Madagaskars und der Befriedung Marokkos bis hin zu seiner Auflösung im Jahre 1968 können nachgelesen werden. 1972 wird das "2e REI" auf Korsika wieder gegründet. Seine gegenwärtige Struktur erhält es 1980 unter der Präsidentschaft von Valérie Giscard d´Estaing. 1983 wird es nach Nîmes verlegt. Nach seiner Neugründung ist es an allen militärischen Einsätzen Frankreichs in Afrika, im Libanon (1983), am Golf (1990-91), wo es sich besonders auszeichnet, in Kambodscha (1992-93) und in Jugoslawien (1993-2001) beteiligt. Die Aufzählung ist sicherlich unvollständig. (12)

"L´Algérie attendra son retour jusqu´à la fin des beaux jours en 1962.", Algerien wird auf seine Rückkehr bis zum Ende der schönen Tage im Jahre 1962 warten. (13)

Les médias français. La si longue route des journalistes français vers la lumière ...

13. April 2005

Quellen

(1) Nato weitet Isaf-Mission in Afghanistan aus. Von Katja Ridderbusch, Die Welt, 11. Februar 2005
http://www.welt.de/data/2005/02/11/461733.html

(2) Embassy of France Washington. France from A to Z. National Defense (update April 7, 2005). France is a mayor player in NATO
http://www.ambafrance-us.org/atoz/defense.asp

(3) AFGHANISTAN: Turkey takes over ISAF command. UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs. IRIN, 14 February 2005
http://www.irinnews.org/report.asp?ReportID=45551&SelectRegi on=Asia&SelectCountry=AFGHANISTAN

(4) Coalition Forces in Afghanistan as of Oct. 4, 2004. Combined Forces Command - Afghanistan
http://www.defenselink.mil/home/features/1082004d.html

(5) Alliance to expand Afghanistan mission. NATO update. Last update 15 February 2005
http://www.nato.int/docu/update/2005/02-february/e0209a.htm

(6) Michèle Alliot-Marie sur France Inter, le 10 février 2005. Ministère de la Défense
http://www.defense.gouv.fr/sites/sommet_de_lotan/levenement/ actualites/michele_alliot-marie_sur_france_inter_le_10_fevri er_2005

(7) NATO leaders express unity on Iraq, reaffirm values. NATO Update 22 February 2005
http://www.nato.int/docu/update/2005/02-february/e0222a.htm

(8) Le COS. Ministère de la Défense. Recherche avancé: le cos
http://www.defense.gouv.fr/sites/defense/

(9) Historique du 1er RPMa
http://home.nordnet.fr/~dtanghe/1e_RPIMa.htm

(10) Le 13ème RDP. GIGN.org
http://www.gign.org/unites-francaises/13rdp.php

(11) Bobby´s World, 8 April 2005
http://bobbybran.blogs.com/bobbys_world/2005/04/arounf_the_w orl.html

(12) 2ème régiment etranger d´infanterie (REI)
http://www.legion-etrangere-parachutiste-infanterie-cavaleri e.fr/2re.php

Le Blog Légion étrangère. L´autre façon de découvrir la Légion étrangère
http://www.legion-etrangere.info/2004/10/04/9-presentation-d u-2eme-rei

(13) 2ème régiment etranger d´infanterie (REI). 1290 hommes, stationnés à Nîmes
http://www.br-legion.com/RGT/2rei.htm


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