
Ein neuer Kreuzzug der Amerikaner in Afghanistan
Wer hätte es gedacht? Richard Boudes sorgt für spannende Unterhaltung, in dem er auch heute wieder, auf Seite TE03 des "Midi Libre", über die Amerikaner und ihr Treiben in Afghanistan berichtet: "Die Amerikaner erklären den Drogenhändlern des ersten Produktionslandes für Heroin den Krieg". Es ist, wie könnte es anders sein, ein "Kreuzzug", an dem sich der Präsident Hamid Karzaï im Auftrag der USA beteiligt: "Der Präsident Karzaï hat einen Heiligen Krieg gegen die Drogen verfügt." Deutsche Medien berichten stattdessen, für den Präsidenten Hamid Karzaï seien der Kampf gegen Drogenhandel und die War Lords "obere Priorität". Das klingt weniger reißerisch. (1)
Morgen, dem Leser bleibt wirklich nichts erspart, wird Richard Boudes weitermachen: "Dritter Bericht. Jeden Tag zwei Kinder durch Minen verletzt".
Über den Stand des Krieges gegen die Drogen und die verheerenden Ergebnisse und Folgen dieses Krieges habe ich am 6. Januar 2001 eine Bilanz zu ziehen versucht. Zur Zeit der Taliban bekommen die afghanischen Drogenbauern 50 Dollar für das Kilo Rohopium. Sie zahlen Steuern für ihre Einkünfte. Der Preis für den Heroinkonsumenten ist in Europa und in den USA um das 2000-fache höher. Heute soll das Kilo 7000 Afghanis (120 Euro) einbringen, berichtet Richard Boudes. Afghanistan produziere an die 5000 Tonnen, 2004 sei ein Rekordjahr gewesen. Die Hälfte des afghanischen BIP und 80 Prozent der Weltheroinproduktion stamme aus Afghanistan.
Da der viele Milliarden Dollar kostende Drogenkrieg, so wie er jetzt geführt wird, schon lange verloren ist, bleibt nur eine brauchbare Lösung: die Legalisierung aller Drogen und ihre Besteuerung wie bei Tabak und Alkohol. (2)
Der Kampf der Vereinten Nationen gegen den Drogenanbau in Afghanistan
Die Maßnahmen der Vereinten Nationen gegen den Drogenanbau in Afghanistan läßt der Berichterstatter gänzlich unerwähnt, es würde der Theatralik des "Kreuzzuges gegen die Drogenhändler" der Amerikaner Abbruch tun. Man google auf der Seite der Vereinten Nationen, www.un.org, und man erhält bei Eingabe von "Afghanistan Drug Report" 2120 Angebote. Dort liest man, mit Datum vom 1. März 2005, aus den Erhebungen des International Narcotics Control Board (INCB), dem von den Vereinten Nationen 1968 eingesetzten unabhängigen Organ zur Implementierung der Drogenkonventionen der Vereinten Nationen: (3)
"Afghanistan has become the supplier of three-quarters of the world´s heroin and a major source of cannabis resin, as well as a destination for smuggled psychotropic substances.
To fulfil its responsibilities under the international drug control treaties, the Afghan Government has adopted a 10-year strategy to reduce illicit crop cultivation and illicit production and smuggling of illegal drugs, it says. ... " (4)
Nach dem Bericht des INCB wird in Afghanistan Opium auf 131.000 Hektar angebaut. Im Verhältnis zum Vorjahr steigerte sich der Anbau 2004 um fast zwei Drittel. 2004 werden schätzungsweise 4200 Tonnen Opium geerntet. So berichtet es auch Novosti und ergänzt, daß die Ernte für 2005 als noch ergiebiger eingeschätzt wird. Woher Richard Boudes die 5000 Tonnen hat, bleibt sein Geheimnis. (5)
Die Vereinten Nationen verlängern das Mandat ihrer Hilfsmission für Afghanistan (MANUA), am 23. März 2005, um ein weiteres Jahr. Aufgabe dieser Mission ist u.a. die Unterstützung des Kampfes gegen Drogenanbau und -handel in Afghanistan und seinen Nachbarländern sowie die Förderung der Zusammenarbeit unter diesen Ländern, um den Drogenfluß in der Region zu unterbrechen. (6)
Koalitionstruppen in Afghanistan
Richard Boudes erzählt die rührende Geschichte vom Opiumbauern Mir Ahmad, einem paschtunischen Bauern aus der Provinz Wardak. Er hat neun Kinder, seine und die Felder weiterer 400 Familien habe man zerstört, vom Alternativanbau aber könne er sich und seine Familie nicht ernähren. So stehen die Amerikaner und der von ihren Gnaden Präsident Hamid Karzaï wieder für Verelendung und Not: "Und die Amerikaner mit ihren 18 000 Soldaten werden die Produkteure verjagen." Für sie habe der Kampf gegen "diese Quelle der Instabilität" noch vor der Verfolgung der Taliban Priorität.
Was die Truppenstärke der Amerikaner angeht: 18 000 sollen es gemäß Richard Boudes sein. "Total number of Coalition forces in Afghanistan: About 18,000", sagt das US-Verteidigungsministerium, mit Stand vom 4. Oktober 2004, die Truppen der Koalition von insgesamt 47 Nationen, darunter 1800 für Frankreich kämpfende Soldaten und Offiziere eingerechnet. Nun werden Richard Boudes und der "Midi Libre" dem Pentagon und seinen Zahlen wahrscheinlich keinen Glauben schenken. Ich will sie hier dennoch zur Information einstellen. (7)
Über die Ausbildung afghanischer Truppen informiert der "Midi Libre" in einem Kasten, ebenfalls auf Seite TE03: die USA bilden die Soldaten, die Briten die Unteroffiziere und die Franzosen die Offiziere aus, mit Hilfe von Dolmetschern für die meistgesprochene Sprache Dari. Seit 2003, dem Jahr als Frankreich durch den Eurocorps-General Jean-Louis Py die ISAF befehligt, bilden die Franzosen 1600 Offiziere aus, begeistert sich Oberstleutnant Eric Nachez, vom 1er Reg, das in Laudun, Gard Provençal, im nordöstlichen Languedoc-Roussillon, stationiert ist.
Auch hier handelt es sich um ein Regiment der Fremdenlegion, was der "Midi Libre" höflich verschweigt: "le 1er régiment étranger de génie, stationné à Laudun, près d´Avignon", eine Pioniertruppe, gestählt im Golfkrieg 1991. (8)
Wie werden diese Militärs von inzwischen 1800 Mann, Franzosen und für Frankreich kämpfende Ausländer, es wohl aufnehmen, wenn sie in den französischen Medien unter die US-Streitkräfte subsumiert werden? Wenn in den Medien ständig nur auf die Operationen und Taten der USA verwiesen wird, Frankreich damit angeblich nichts zu tun hat, der Präsident Hamid Karzaï als allein durch die USA gestützt dargestellt wird? Wofür setzen die für Frankreich kämpfenden Truppen ihr Leben ein?
Andere Kämpfer im Drogenkrieg
Was den Drogenkrieg angeht, so beteiligt sich Deutschland über die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) schon seit Jahrzehnten an diesem vergeblichen Kampf gegen den "Schlafmohn", ob im "Goldenen Dreieck" oder jetzt, nach dem Sieg über die Taliban, in Afghanistan. Beim Googeln von "GTZ Afghanistan Drogenhandel" gibt es 111 Angebote. Die Geschichte lehrt, daß sie nichts lehrt. Auch heute meint Christoph Berg, Projektleiter des Aktionsprogramms Drogen und Entwicklung bei der GTZ, man müsse den Alternativanbau, wie Weizen, Wein, Obst oder Gewürzen, fördern. (9)
Googelt man auf Google.fr "Afghanistan lutte trafiquants drogue", Afghanistan - Kampf - Drogenhandel, so erhält man unter 792 Angeboten, davon neun unter "Actualités", einen Bericht über eine Pressekonferenz, vom 7. Februar 2000, von Opponenten gegen einen Besuch von Mitgliedern der Talibanregierung, die trotz der Kenntnis über deren Verbrechen gegen die Menschheit von der französischen Regierung nach Paris eingeladen werden, und man erinnert sich all des Schmähs, der in den Medien des friedliebenden Europas über die zweifelhaften Geschäfte der USA mit der Talibanregierung zum Bau einer Pipeline für UNOCAL veröffentlicht wird. (10)
Die französische Medienlandschaft über das Drogengeschäft ist bunt, der Meinungen sind viele. Hier einige Beispiele:
Die anarchische "Alternative libertaire" veröffentlicht, im März 2005, einen Artikel aus den USA, von Michael Parenti, der im Krieg gegen die Drogen ein Instrument der Regierung zur sozialen Kontrolle sieht. Das ist eine Stimme gegen den Drogenkrieg. Mehr davon ist zu lesen auf seiner Web Site. (11)
Der Nouvel Observateur berichtet darüber, daß der Iran als Argument für seine aus Europa gelieferte Bewaffnung mit Satellitensystemen und Hochtechnologiewaffen, Nachtsichtgeräten und Hi-Tech-Kommunikation den Anti-Drogenkampf der Vereinten Nationen zitiert. Der Drogenkrieg wird vom Iran zum Vorwand genommen, sich aus Europa mit Hi-Tech-Waffen einzudecken. (12)
Die französische Regierung unterhält eine Drogen-Seite, wo es hauptsächlich ums Haschischrauchen geht: "Ich glaube, meine Tochter raucht Cannabis. Was tue ich?" Da könnte man den guten Rat geben: Rauche auch, es entspannt dich! (13)
In der "Le Monde" kommen Afghanen zu Wort, die meinen, in ihrem Land sei die Armut eine viel größere Bedrohung als der Terrorismus. Dies erklärt die Professorin Shahrbanou Tadjbakhsh, Chefredeakteurin des Ersten National Human Development Report for Afghanistan "Security with a Human Face" des UNDP. Der Bericht wird anläßlich des Treffens zwischen George W. Bush und Wladimir W. Putin am 24. Februar 2005 in Bratislava vorgestellt. (14)
Ein Zusammenhang zwischen Armut und Terrorismus, gerade in Afghanistan, wird nicht gesehen: "Wenn die Bevölkerung mehr bedroht ist durch Armut als durch Terrorismus, dürfen die Lösungen nicht allein militärisch gesehen werden. Die Sicherheitsinteressen der anderen Länder sind nicht immer im eigentlichen Interesse Afghanistans."
Der Bericht weist auf die Operationen des US-Militärs hin, die Opiumernten aus der Luft zu vergiften. Das führe zu nichts anderem, als zum Ruin der Opiumbauern, zum Anstieg der Preise und zur weiteren Bereicherung der Drogenhändler. (15)
Diese Erkenntnis ist völlig richtig. Sie wird überall dort gewonnen, wo ähnliche Vernichtungsaktionen durchgeführt werden. Um überhaupt nur die geringsten Folgen für das Drogengeschäft zu verspüren, müßte man weltweit Dreiviertel aller Drogen am Ort der Produktion vernichten.
In dem Richard Boudes sich wie viele andere wider jede Tatsachen nur auf die USA und deren "Nouvelle croisade au pays de l´opium roi", den neuen Kreuzzug gegen das Land des Königs Opium kapriziert, kann er nicht einmal andeutungsweise die Zusammenhänge zwischen der Kriminalisierung und Verfolgung von Drogenanbau, -handel und -konsum und dem Terrorismus herstellen. An der Verdammung der Drogen beteiligen sich - und treiben damit die Preise hoch - nicht nur die USA, sondern alle anderen Länder der Welt, von Europa bis China und selbstverständlich auch Frankreich. Die USA sind nicht das einzige Land, in dem Milliardenumsätze mit Drogen getätigt und noch mehr Milliarden mit dem Krieg gegen das Drogengeschäft verdient werden. Das aber kann der Autor in seinem blinden Anti-Amerikanismus nicht erkennen. (2)
Ich verspreche, morgen niemanden mit dem dritten Teil der Berichterstattung zu quälen. Es ist vorauszusehen, was die Leser des "Midi Libre" mit "Chaque jour, deux enfants mutilé par les mines" erwartet: einseitige Schuldzuweisung an die USA und Ausblendung der Verantwortung Frankreichs, der EU und der übrigen Staaten der Koalition, insgesamt sind es 47, sowie der ehemaligen Sowjetunion und des heutigen Rußland für die Entwicklungen in Afghanistan.
14. April 2005
Quellen
(1) Ein Beispiel für viele: Karsai will gegen Drogenhandel kämpfen. Netzeitung.de, 04. Nov 2004
http://www.netzeitung.de/ausland/311965.html
(2) Drogen, Kriminalität, Terrorismus. 6. Januar 2001
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-15_20-39-13.html
(3) International Narcotics Control Board
http://www.incb.org/e/index.htm?
(4) Narcotics supply and demand reduction strategies must work together, report at UN says. UN News Center, 1 March 2005
http://www.un.org/apps/news/story.asp?NewsID=13504&Cr=drug&C r1=control
(5) La nouvelle politique antidrogue de la Russie. Novosti. Russian News & Information Agency, 8 avril 2005
http://fr.rian.ru/rian/index.cfm?prd_id=128&msg_id=5495210&s tartrow=1&date=2005-04-08&do_alert=0
(6) Le Conseil proroge pour une période de 12 mois le Mandat de la Mission d´Assistance des Nations Unies en Afghanistan. Texte du projet de résolution S/2005/195, 8. Soutient la lutte contre le trafic illicite de stupéfiants ... Conseil de sécurité, 5148e séance - matin. Communiqué de Presse CS/8341, 24 mars 2005
http://www.un.org/News/fr-press/docs/2005/CS8341.doc.htm
(7) Coalition Forces in Afghanistan as of Oct. 4, 2004. Combined Forces Command - Afghanistan
http://www.defenselink.mil/home/features/1082004d.html
(8) A la 6ème brigade légère blindée, on trouve :
- le 1er régiment étranger de cavalerie, stationné à Orange,
- le 1er régiment étranger de génie, stationné à Laudun, près d´Avignon
- le 2ème régiment étranger d´infanterie, stationné à Nîmes.
Ces trois régiments sont ceux qui ont participé à la guerre du Golfe en 1991.
La Légion aujourd´hui
http://www.legionetrangere.fr/leg/default_zone/fr/html/page4 356.html
(9) Weizen statt Schlafmohn. Deutsche Welle, 8. Februar 2004
http://www.dw-world.de/dw/article/0,1564,1107103,00.html
Die GTZ in Afghanistan
http://www.gtz.de/de/weltweit/europa-kaukasus-zentralasien/6 70.htm
(10) Conférence de presse sur la venue d´une délégation Taliban en Europe, le 7 février 2000 à l´Ambassade d´Afghanistan
http://membres.lycos.fr/afghanainfo/conf062000.html
(11) "Guerre contre la drogue". Une arme de l´Etat et un instrument de contrôle social. Alternative libertaire. Mars 2005
http://alternativelibertaire.org/index.php?&action=accueil&d ir=al138&page=138_14.htm&n=
Michael Parenti. Political Archive
http://www.michaelparenti.org/
(12) L´Iran, lancé dans une course discrète à l´armement, par George Jahn. Nouvel Observateur, 26 mars 2005
http://archquo.nouvelobs.com/cgi/articles?ad=etranger/200503 26.FAP3674.html&host=http://permanent.nouvelobs.com
(13) Mission interministérielle de lutte contre la drogue et la toxicomanie
http://www.drogues.gouv.fr/fr/index.html
(14) Editor of Afghan Human Development Report in Bratislava to promote the report´s launch. UNDP, 21 February 2005
http://europeandcis.undp.org/?menu=p_article&ArticleID=26
(15) POINT DE VUE. Pour les Afghans, la pauvreté est une menace plus redoutable que le terrorisme. Shahrbanou Tadjbakhsh, professeur invitée à l´IEP. Daud Saba et Omar Zakhilwal (auteurs principaux). Le Monde, 18 mars 2005
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-3232,36-401915@45- 1,0.html
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