
Knittelverse
Der Priestermönch in der elsässischen Reichsabtei Weißenburg Otfried (um 790 - 875), der erste mit Namen bekannte deutsche Dichter, verwendet in seiner Evangelienharmonie "Der Krist" erstmalig Endreime. (1)
Auf Otfried von Weißenburg gehen die im 16. Jahrhundert populären vierhebigen Verse zurück. Sie reimen paarig und sind in ihrer reinen jambischen Form acht- oder neunsilbig, wobei die achtsilbigen mit betonter Silbe endenden Zeilen als männlich und die neunsilbigen mit unbetonter endenden als weiblich bezeichnet werden. Ihrer meist schwerfälligen Holprigkeit wegen nennt man sie seit dem Barockzeitalter, dem 17. Jahrhundert, in der Poetik abfällig Knittel- oder Knüppelverse. (2)
Ein absoluter Meister des Knittelverses ist der Nürnberger Schuhmacher und Meistersinger Hans Sachs (5. November 1494 bis 19. Januar 1576). Er schöpft die Mittel und Möglichkeiten der Volkssprache seiner Zeit voll aus. (3)
"Er ist der Großmeister des vierhebig paarreimigen Knittelverses, den er nicht erfunden, aber zu überragender Geltung gebracht hat. Der Sachs´sche Knittelvers, dessen ´leichten Rhythmus´ und ´sich bequem anbietenden Reim´ Goethe rühmte und nachahmte, beherrscht die Gelegenheitsdichtung (Geburts- oder Hochzeitsgedichte, Büttenreden etc.) bis in unsere Tage", schreibt Hartmut Kugler, der uns in der Auswahl der Reclam-Ausgabe auch das herrliche Zechlied von den "kurzen Bauernschwänzen" vorstellt: "Jn der steigweis Hans Pogners. Die kuerczen pawren schwencz", geschrieben "Anno domini 1551, am 22 tag Aprilis". So endet das Zechlied:
"Der dichter lest pitten die zuechting frawen
Vnd auch die herren in gemein,
Jr wolt im das verzeyen sein;
Er kuncz nit pas peschneiden.
Die schwencz waren an das zw klein,
Kunden des schnicz nit leiden."
Die 5 Euro fürs Reclamheft lohnen allein dieses Meisterliedes wegen schon den Einsatz. (4)
"Versmaße sind keine äußeren Formen, die man nach Belieben an jeden Inhalt herantragen kann; ein Ausdruckswille, der zum Knittel oder zum ´freien Rhythmus´ greifen läßt, hat längst auch über den ´Stil´ entschieden", und der Knittel gelte uns als "bieder, volkstümlich, deutsch", schreibt Wolfgang Kayser in seiner "Bibel" des Germanistikstudenten "Kleine deutsche Versschule". (5)
Es könnte interessieren, welche Vorstellung Hans Sachs von den Juden hat. Er bringt seinen Landsleuten nicht nur griechische und lateinische Klassiker der Antike nahe, sondern er faßt auch biblische Erzählungen in der Übersetzung seines Zeitgenossen Martin Luther in Verse. Dieser ist bekanntermaßen Antisemit. Es gibt, veröffentlicht in Heft 77 der "Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg", zum Thema der "Darstellung der Juden im Werk von Hans Sachs" einen längeren Beitrag. Das Heft kostet 30 Euro. (6)
Bieder, volkstümlich und deutsch kommen die antisemitischen Äußerungen der Gegenwart daher. Ihre Urheber verhalten sich nach dem Motto: "Da stelle mer uns janz dumm, und da sage mer so ..." Deshalb auch trage ich das deutscheste aller Versmaße an den folgenden Inhalt heran. Fünf männliche und ein weibliches Verspaar in reinen Jamben Hans Sachs´ seligen Angedenkens überbringen die Nachricht: (7)
Der Jude ist an allem schuld
Haust du den Juden eine rein,
muss es zitiert von Juden sein,
von Zimmer- und von Zuckermann,
dass niemand etwa sagen kann,
du hättest etwas gegen sie.
O, nein, es sind der Avnery,
der Chomsky und der Finkelstein,
die sehen längst schon reuig ein:
der Jude ist an allem schuld.
Mit Seligmann hab noch Geduld!
Der muss erst seinen Hitler lesen,
dann weiß auch er, wer es gewesen…
4. Mai 2005
(1) Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band VI (1993)Spalten 1334-1335 Autor: Nicolaus Heutger
http://www.bautz.de/bbkl/o/otfried_v_w.shtml
(2) Sachwörterbuch der Literatur. Von Gero von Wilpert. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 3. Auflage 1961, S. 293
(3) Hans Sachs. Projekt Gutenberg-DE. Spiegel Online Kultur
http://gutenberg.spiegel.de/autoren/sachs.htm
Hans Sachs. Bibliotheca Augustana
http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/16Jh/Sachs/sac_intr.html
(4) Hans Sachs. Meisterlieder, Spruchgedichte, Fastnachtsspiele. Auswahl. Eingeleitet und erläutert von Hartmut Kugler. Reclam Band 18288, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2003
(5) Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule, Tübingen 1946. 27. Auflage, A. Francke Verlag 2002
(6) Brigitte JÜNGER, Die Darstellung der Juden im Werk von Hans Sachs, in: MVGN 77, 1990, S. 17-61
http://www.phil.uni-erlangen.de/~p1ges/zfhm/mvgn1.html
(7) Der Jude ist an allem schuld. Von Gudrun Eussner. Erstveröffentlichung in der Rubrik Fremde Federn auf der offiziellen Homepage von Henryk M. Broder "... selber schuld, wenn Sie mir schreiben!"
http://www.henryk-broder.de/fremde_federn/eussner.html
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