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Backenzahn und Gelber Stern

Schon jetzt, am Abend des 10. Mai, sind die Medien voll von Berichten über das große Ereignis der Eröffnung des Mahn- oder Denkmals. Man stelle sich vor, bis heute sind sich die Initiatoren und Auftraggeber der 2711 Stelen und des "Ortes der Information" nicht einmal einig, ob´s ein Mahn- oder ein Denkmal sein soll. Gedenken ist etwas anderes als mahnen. Das eine ist statisch und auf die Vergangenheit gerichtet, es verpflichtet zu nichts, das andere ist dynamisch, weist von der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft und fordert zum Entscheiden und zum Handeln auf.

Hier einige Übersetzungen aus meinen bescheidenen Lexika:

Mahnmal = memorial, Denkmal = monument, memorial to (englisch)
Mahnmal = mémorial, Denkmal = monument (französisch)
Mahnmal = (no hay), Denkmal = monumento (spanisch)
Mahnmal = (yok), Denkmal = âbide, anit, heykel (türkisch)
Mahnmal = (nist), Denkmal = yadbud, yadgari, naschaneh (persisch)

Zumindest in drei Sprachen besteht ein Unterschied zwischen den beiden Begriffen. Die Spanier, Türken und Iraner haben anscheinend keine Mahnmale, nur Denkmäler.

Die Stiftung, der wir die zwei Fußballfelder voll grauen Betons zu verdanken haben, heißt jedenfalls "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas". (1)

Die Stiftung meint also, daß es weniger zu mahnen gibt, als nur zu gedenken, sonst hätte sie sich "Stiftung Mahnmal für die ermordeten Juden" genannt. Ihr haben wir das steinerne Meer inmitten der Stadt Berlin zu verdanken, genauer gesagt, den Stiftungsgründern, der Journalistin und Autorin Lea Rosh und dem Historiker Professor Eberhard Jaeckel, die an einem heißen Tag im Jahre 1988, beeindruckt von der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem, auf Har Hazikaron, dem Erinnerungsberg, in Jerusalem, beschließen, bei uns auch ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu errichten, sie hätten´s verdient. (2)

Das Hin und Her darüber ist seit Jahren in den Zeitungen zu verfolgen. Dieser Entwurf, jener Entwurf, ein Denkmal unter dem Motto "Du sollst nicht morden!" verworfen, weil nicht umfassend genug, aber jetzt gibt es etwas, wovon ein Historiker sagt: "Man stolpert nach Auschwitz hinein", berichtet Simone Fibinger in PHOENIX. Eine Schülerin der jüdischen Schule sagt, die Besucher des Stelenfeldes würden in Beklemmung versetzt. Der Architekt Peter Eisenman schwärmt von seinem Werk: "Groß muß es sein. Der Besucher ist mit sich allein, verunsichert", und "Steine des Anstoßes" (Stolpersteine gar?) sollten die Stelen sein und Betroffenheit auslösen, "auf die Gefühle wirken". Der Verstand wird dabei sicherlich nicht benötigt, ja er würde stören.

Genau diese romantische Art der Betroffenheit ist es, die mit dem Denkmal erzeugt wird. "Die Vergangenheit sollte wieder gegenwärtig werden", erklärt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse später in seiner Rede. Warum dieser dramaturgische Effekt angestrebt ist, erläutert er nicht, aber man kann es vermuten: die Besucher verlassen den Ort der Tragödie und sind geläutert. Die deutschen unter ihnen können und sollen sich mit den Opfern und deren Angehörigen identifizieren, so wie Lea Rosh das schon seit Jahren tut, wenn sie bei den Jüdischen Kulturtagen in der ersten Reihe sitzt und schaut, ob sie gesehen wird.

So verschwimmen die Konturen zwischen Tätern und Opfern viel subtiler, als das von "Brand" und "Untergang" je geleistet werden könnte.

Joschka Fischer, ehrenvoller und würdiger Preisträger

Bevor das Denkmal eröffnet wird, bekommt Außenminister Joschka Fischer im Hotel Adlon den Leo-Baeck-Preis 2004 des Zentralrates der Juden in Deutschland aus der Hand seines Präsidenten Paul Spiegel. Der "ehrenvolle und würdige Preisträger", erschienen "in charmanter Begleitung", sonnt sich im Lob. Erst aber singt die 15-jährige Israelin LIEL aus der Managementagentur des Lobredners Paul Spiegel zur festlichen Einstimmung mit mittelmäßigem Talent ein Liedchen.

Dann kommt Paul Spiegel, nachdem er die Kunst der Sängerin ausführlich preist, auf Joschka Fischers politische Aktivität seit früher Jugend zu sprechen, wobei er die Kleinigkeit seines Auftrittes beim PLO-Terroristen Jassir Arafat, in Algier 1969, nicht eigens erwähnt, sondern vielmehr meint, der Außenminister hätte "etwas begriffen" und sei seit vielen Jahren im Einsatz gegen Terror. Souverän und selbstverständlich bewege er sich auf dem Parkett der deutsch-jüdischen Beziehungen.

Der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist Amos Oz hält die Laudatio auf seinen Duzfreund: "Ich mag diesen Mann, den Friedenskämpfer, ich als Traktorfahrer ihn, den Taxifahrer". Den feigen Schläger, der mit vier Genossen einen wehrlos am Boden liegenden Polizisten malträtiert, erwähnt er nicht. "Du bist Richtlinie für viele!" Radikaler Weltreformer und politischer Heiler, Künstler des Kompromisses, Synonym für das Leben selbst sei er. Bei anderen heißt ein solcher auch Opportunist. Israelis und Palästinenser betrachteten ihn gleichermaßen als "ehrlichen nachhaltigen Freund". Das bedeutet für die notleidenden Palästinenser beispielsweise, daß sie seit der Auslösung ihrer Zweiten Intifada 183 Millionen Euro von der EU erhalten; gerade heute, am Tag des Mahnmals, sind es allein 28 Millionen Euro. Soviel kostet auch das Mahnmal.

Joschka Fischer sei der beste Vertreter der deutschen Führungsschicht, und für den Tag, da er nicht mehr Außenminister sei, bietet er ihm einen Platz an als Vorsitzender in der israelischen Friedensbewegung. Die wird sich darüber gewißlich freuen.

Amos Oz kommt mit der längst widerlegten Behauptung, der Terrorismus nähre sich aus einer verzweifelten Haltung. "Agression ist die Mutter aller Kriege", analysiert er scharfsinnig, und Ziegenmilch die Mutter des Chabichou du Poitou, möchte man ergänzen.

Das Stelenmeer in der Kritik

Auf der Dachterrasse der Ständigen Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund, mit schönem Weitblick über das wogende Stelenmeer, steht derweil Simone Fibinger und interviewt Lea Rosh, die erklärt: "Es ist schwer, was ich von den Menschen verlange." Lea Rosh, ganz ohne Ohrklunkern, aber beschwert mit einer üppigen dreireihigen lindgrünen Perlenkette, Ton in Ton zum Uhrarmband, meint, früher hätten die ermordeten Juden ein Grab in den Lüften gehabt, jetzt hätten sie die Stelen. So prosaisch kann´s bergab gehen. Wenn Paul Celan das noch hätte erleben dürfen!

Beide Journalisten von PHOENIX, sowohl Simone Fibinger als auch Gerd-Joachim von Fallois, berichten mehrfach von Zweifel und Kritik, die von Juden und Nichtjuden am Mahn-Denkmal geäußert werden. Dabei sind die Kosten von 28 Millionen Euro aus Bundesmitteln sowie die für den Sicherheitsdienst, der ab sofort tätig wird, noch gar nicht berücksichtigt, sondern nur die Konzeption des Mahn-Denkmals selbst. Es gibt übrigens bereits Schmierereien, darunter ein Hakenkreuz, die von Arbeitern am Bauwerk stammen sollen, weil die Stelen gut bewacht würden, und keiner an sie heran käme.

Jüdische Schüler geben zu Bedenken, daß man auch anderer Opfergruppen hätte gedenken sollen. Nun stünden die Juden im Mittelpunkt, als wenn sie das Denkmal gewollt hätten. Das Denkmal, stellen sie klar, sei jedenfalls eine Initiative der Nichtjuden: "Man fühlt hier gar nichts." Rafael Seligmann meint, es trenne eher, als daß es verbinde. Prof. Julius Schoeps, der von Anfang an gegen das Projekt ist, erklärt, die Juden wollten normal leben.

Die Entscheidung, daß allein der ermordeten Juden gedacht wird, trifft der Bundestag am 25. Juni 1999. Zu der Zeit sieht sich Wolfgang Thierse bereits unter internationalem Druck, das Denkmal zu errichten. Er teilt nicht mit, von wem. Von den Juden? So stolpern die Deutschen einmal mehr in etwas hinein, das stärker ist als sie.

Interessant ist, was die Journalisten von dem durch Dagmar von Wilcken gestalteten vierräumigen "Ort der Information" zu berichten haben, der entgegen den Wünschen des Architekten Peter Eisenman unterirdisch eingerichtet wird. Dort werden sechs große Porträts ausgehängt, "ausgewählte Gesichter", für jede Million ermordeter Juden eines, und das Schicksal von fünfzehn jüdischen Familien wird dargestellt.

Wer erinnert sich nicht daran, wie die Initiatoren der 96 Euro teuren Stolpersteine befehdet werden, weil sie wahllos aus den Millionen ermordeter Juden nur einige herausnähmen? Das sei nicht angemessen, sagen Repräsentanten des Zentralrates der Juden in Deutschland und Münchner Politiker. Nun geht´s auf einmal, und es wird durch die Berichterstattung nicht deutlich, ob von den sechs dargestellten wenigstens die Namen dokumentiert sind.

Mahnmal versus Denkmal

Der Interviewpartner von Simone Fibinger Prof. Zwi Bacharach weist darauf hin, daß es sich bei dem Werk um ein Mahnmal für die Deutschen handle. Er ist Auschwitzüberlebender und in der Gedenkstätte Jad Vashem Forscher zu Antisemitismus und Holocaust. Seine Arbeit verhilft ihm durch die notwendige Disziplinierung, die immer offene Wunde der erlittenen Verfolgung und Leiden zu ertragen. (3)

Dieses Interview ist eines der interessantesten. Unter 1310 aktuellen Angeboten bei Google.de zu "Holocaust Mahnmal" findet sich nicht eines, das auf ihn Bezug nimmt.

Unmittelbar nach ihm kommt wieder Prof. Götz Aly zu Wort, der ganztägig als Interviewpartner verpflichtet ist. Er spricht, als wenn er nichts gehört hätte, mehrmals vom "Denkmal".

Auch bei den offiziellen Feierlichkeiten, die ab 14 Uhr folgen, gehen beide Begriffe durcheinander. Erst einmal aber nehmen wir teil an einer ganz wunderbaren musikalischen Darbietung, von der weder die Komponisten noch die Musiker und Dirigenten von PHOENIX vorgestellt werden. Da das gleiche auch am Ende der Veranstaltung geschieht, kann ich mich kaum verhört haben. Dem Internet entnehme ich, daß es sich um die Junge Deutsch-Polnische Philharmonie Niederschlesien mit Solisten der Staatskapelle Berlin und den Chor der Synagoge Wroclaw und Kantor Joseph Malovany von der Fifth Avenue Synagogue New York handelt. (4)

Es folgen Denkmal- und Mahnmalreden, teils sehr kritische. Dem Bauwerk fehle der Verweis auf die Täter, merkt Paul Spiegel an. Es fehle die Thematisierung ihrer Motive. Das Bauwerk sei nicht der zentrale Gedenkort der Juden, sondern diese gedächten ihrer gedemütigten, verratenen und ermordeten Angehörigen an den authentischen Orten der Verbrechen. Er verweist dabei auch auf ein erst im Herbst 2004 im KZ Sachsenhausen gefundenes Massengrab.

Es ist wohl klar, was Paul Spiegel mit "verraten" meint: verraten von deutschen Landsleuten, denunziert, der Verfolgung und der Ermordung anheimgegeben.

Die deutschen Besucher können sich in Betroffenheit und große Gefühle flüchten, sie haben nun ein Denkmal dazu. Die höchste Stele ist 4,70m hoch. Hinter ihr kann man sich gut verstecken und eine Träne weinen über das Schicksal der sechs Millionen ermordeten Juden. Betroffen macht die Rede der Holocaustüberlebenden Sabina van der Linden, die heute in Sydney lebt. Sie ist elf Jahre alt, als die Deutschen in ihren Ort in Ostpolen einfallen und ihr Leiden beginnt. Sie überlebt als einzige ihrer Familie den Holocaust. 78 Angebote macht Google.de, wenn man "Sabina van der Linden Mahnmal" eingibt. (5)

Peter Eisenman berichtet über die zahlreichen Diskussionen über das Mahnmal: "Wenn wir ihnen allen gefolgt wären, hätte das Mahnmal nicht gebaut werden können." Wie schade, daß es da nun doch steht.

Um 15 :08 Uhr beginnt dann Lea Rosh ihre Rede. Ausführlich zählt sie die wichtigsten Förderer des Projektes auf, ihren Ehemann Jakob Schulze-Rohr vergißt sie zwischen Edzard Reuter, Helmut Kohl, Eberhard Jaeckel, Hans-Jochen Vogel und Elke Leonhardt nicht. Der muß viel leiden in den Jahren der Denkmalaktivitäten. Deutschland sei weltweit ohne Vorbild darin, daß Täter den Opfern ein solches Mahnmal setzten, und sie sagt, dieses Denkmal sei keines, das über die Täter aufklären solle, sondern eines für die Opfer. Die aber haben nichts mehr davon, weil tot, ermordet von eben den Tätern, über die hier nicht aufgeklärt werden soll.

Sie berichtet dann von Dreharbeiten 1988 in den Konzentrationslagern. Dabei erbeutet sie einen Backenzahn, den sie in der Asche von Sobibor oder einem anderen Vernichtungslager findet. Den umklammert sie fest und bringt ihn als Souvenir mit nach Hause. Außerdem schenkt ihr eine Holländerin den Judenstern ihrer Mutter, "weil sie dessen würdig ist", wie sie einmal in einer Fernsehsendung mittteilt. Es ist die unvergessene Sendung, in der ihr der geliebte schwarzweiße Ohrklunker auf dem Küchenboden zerschellt und sie Teile der Fernsehaufzeichnung mit der Suche danach verbringt.

Beide Trophäen soll Peter Eisenman nun in einer Stele versenken, zum ewigen Angedenken. Den Juden stockt bei solcher Rede der Atem. So gedenkt man bei ihnen nicht. Das hätte Lea Rosh wissen können, wenn sie nur einmal von sich abgesehen und verfolgt hätte, was Israelis auf sich nehmen, um Leichen und selbst kleinste Leichenteile der von Palästinensern ermordeten Menschen zu bergen und zu beerdigen. Sie hätte ja auch einen Juden fragen können, aber was soll´s, das Denkmal ist eh eines von nichtjüdischen Deutschen für nichtjüdische Deutsche. Der Backenzahn ist Teil des von Deutschen für ihre Zwecke geraubten jüdischen Eigentums, zwar klein, aber durch die Symbolik riesengroß geworden. Die anwesenden Juden machen gute Miene. Das Denkmal oder Mahnmal werden sie sicherlich meiden. (6)

Hier ist zum Schluß der Link zu einem durch seine Einfachheit beeindruckenden virtuellen Monument, dem Digitaal Monument Joodse Gemeenschap in Nederland. Dies, die Ausführungen von Sabina van der Linden und Prof. Zwi Bacharach sowie die wunderbaren musikalischen Darbietungen, darunter das Lied von Mordechai Gebirtig "Moyshele mayn fraynd", gesungen von Kantor Joseph Malovany, mögen von dem heutigen Spuk in Erinnerung bleiben. (7)

10. Mai 2005

Quellen

(1) Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
http://www.holocaust-mahnmal.de/

(2) Yad Vashem. The Holocaust Martyrs´ and Heroes´ Remembrance Authority
http://www.yadvashem.org/

(3) Walter Zwi Bacharach, Last Letters from the Shoah, Yad Vashem, 2004. Jerusalem Yad Vashem Magazine
http://www1.yadvashem.org/about_yad/magazine/magazine_new/ma g_36/new_pub.html

(4) Rund um die Uhr für alle offen. BerlinOnline, 27. April 2005
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/442849.ht ml?2005-04-27

(5) 2711 Stelen gegen das Vergessen. Von Severin Weiland. SpiegelOnline, 10. Mai 2005
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,355437,00.h tml

Das Denkmal soll kein Schlußpunkt sein. Von Philipp Gessler, taz, 11. Mai 2005
http://www.taz.de/pt/2005/05/11/a0103.nf/text.ges,1

(6) THEMA: Eröffnung des Holocaust-Denkmals. PHOENIX, Dienstag, den 10. Mai 05, 10.00 - 18.30 Uhr
http://www.phoenix.de/thema_eroeffnung_des_holocaust_denkmal s/19004.htm

(7) Digitaal Monument Joodse Gemeenschap in Nederland. Joodse gezinnen in Nederland
http://www.joodsmonument.nl

Der Artikel ist auch veröffentlicht auf der "Jüdischen", Artikelrubriken: Deutschland, am 11. Mai 2005
http://www.juedische.at
http://www.juedische.at/TCgi/_v2/TCgi.cgi?target=home&Param_ Kat=3&Param_RB=14&Param_Red=3277


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