
Florence Aubenas befreit - Hussein Hanoun al-Saadi in Paris!
Über die nach 157 Tagen aus dem Kerker irakischer Entführer befreite Geisel Florence Aubenas sind die französischen Medien übervoll. Sogar die Tagesthemen der ARD widmen ihr gestern eine Nachricht. Die gut aussehende 44-jährige Auslandskorrespondentin der linken Zeitung "Libération" gibt zwei Tage nach ihrer Rückkehr aus Bagdad im Press Club de France, am 14. Juni 2005, um 16 Uhr, eine Pressekonferenz, auf der sie über ihre Gefangenschaft, seit dem 5. Januar 2005, humorvoll und teils schelmisch berichtet. Ihre Brille hat sie dabei yuppiemäßig in die wehenden rotbraunen Haare geschoben: eine patente Person, der man nicht ansieht, daß sie fünf Monate in einem 4x2 Meter messenden, 1,50 Meter hohen fensterlosen Kellerloch inhaftiert, geschlagen, gefesselt, augenverbunden unter ständiger Angst vor Ermordung ausgeharrt hat: "Wir werden ein Urteil fällen", hätten ihre Entführer ihr mitgeteilt, nachdem sie über ihre Ansichten zum Krieg der Franzosen in Algerien, zur palästinensischen Frage und zum Krieg im Irak befragt worden sei.
Nach ausführlichem Debriefing im Irak, auf Zypern und im Flugzeug nach Paris benötigen die französischen Regierungs- und Geheimdienstkreise zwei weitere Tage nach der Ankunft der befreiten Geisel in Frankreich, um mit ihr abzusprechen, was sie auf der Pressekonferenz sagen darf, nämlich nichts. So unterhält sie die gespannte Zuhörerschaft ausführlich mit der Chronologie ihrer Gefangenschaft, angereichert durch Anekdoten und Lügen, oder besser Weglassen der Fakten.
Die Pressekonferenz ist wenig ergiebig, allerdings kann Florence Aubenas einige interessante Aspekte doch nicht ganz unbemerkt übergehen:
Welche Rolle spielt ihr "fixeur", ihr Dolmetscher, Fahrer und Begleiter, ihr "Mädchen für alles" Hussein Hanoun al-Saadi und welche der inzwischen aus der UMP des Jacques Chirac beurlaubte Didier Julia? Welche Beziehung besteht zu den drei am 22. Mai befreiten rumänischen Geiseln und welche zur Geiselaffäre der Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot?
Es ergeben sich Ungereimtheiten, die von den formierten französischen Medien nur angedeutet werden.
Die Bedeutung der rumänischen Geiseln für ihre eigene Befreiung wird von Florence Aubenas heruntergespielt. Sie sind vom 1. April bis 22. Mai in den Händen der Geiselnehmer, und sie kommen auf Grund von Kontakten und alten Seilschaften aus Zeiten des Nicolae Ceaucescu frei. Die französische Geisel profitiert davon. Dominique de Villepin, der neue Premierminister, bedankt sich bei der rumänischen Regierung offiziell für die Hilfe.
Wieso können zwei der drei rumänischen Geiseln spontan erklären, sie seien mit Florence Aubenas in dem kleinen Kellerloch gefangen gehalten worden, und die Französin habe ihnen Mut gemacht, wenn sie ihrerseits angeblich nach vielen Wochen erstmalig mitbekommen hat, daß ihr Begleiter Hussein Hanoun al-Saadi ebenfalls in dem Raum ist? "Wo ist Hussein?", habe sie gefragt und sei für diese Worte bestraft worden. Dann aber sei er 90 Zentimeter von ihr entfernt gesessen, und das seit vielen Tagen. Bizarre!
In einem ersten Statement, nach ihrer Landung auf dem Militärflughafen Villacoublay spricht sie nicht von "wir", wenn es um die Zeit im Kerker geht, sondern sie sagt sehr französisch diskret: "On était dans une cave ...", man war in einem Keller.
Ich vermute, daß Hussein Hanoun al-Saadi, der Mirage-Pilot und ehemalige Oberst der irakischen Armee Saddam Husseins, gar kein Gefangener war, sondern Komplize, der nur hin und wieder dort war, um die Journalistin zu besuchen und ihr den Stand der Verhandlungen zu erklären.
Hussein Hanoun al-Saadi ist Schiit, der in Bagdad in einem Schiitenviertel wohnt. Florence Aubenas betont auf der Pressekonferenz, daß sie auf die Frage an ihre Entführer, ob sie Schiiten oder Sunniten seien, die Antwort bekommen habe, daß Schiiten keine Journalisten entführten. Die angeblichen Sunniten bezichtigen sich also selbst. Hussein Hanoun al-Saadi erklärt denn auch in einem Interview mit Patrice Claude, von der Zeitung "Le Monde", auf dessen Frage nach der Identität der Entführer: "Alles, was ich weiß, ist, daß sie Sunniten und eher moderate Salafiden sind, denke ich." (1)
Das Paradoxon "moderater Salafiden" erklärt er nicht. Solche gibt es nämlich gar nicht. Salafiden/Wahhabiten sind grundsätzlich nicht moderat, sondern sie sind übelste Fundamentalisten, die sich nicht an der Nation und dem Patriotismus, sondern an der Ummah orientieren, der islamischen Weltgemeinde. Sie verachten die Schiiten als Ungläubige und kämpfen nicht gemeinsam mit ihnen gegen die US-Besatzung. Ihr Geld kommt von den Saudis, während das Geld des schiitischen Widerstandes vor allem aus dem Iran kommt:
"Uns interessiert es nicht, daß du Schiit bist, wenn du gegen die amerikanische Besatzung bist. Wenn du ein irakischer Patriot bist, dann bist du für uns ein Bruder." Sie, die Salafiden, seien "während der gesamten Zeit unserer Haft sehr, sehr freundlich" gewesen. "Das sind irakische islamistische Patrioten, verstehen Sie ..." Wie verträgt sich das mit der Schilderung von Florence Aubenas, daß sie mehrfach geschlagen wurde, unter anderem, weil sie nach ihm fragt, der angeblich im selben Raum weilt? Merkt er dort davon nichts? Absurd!
Hussein Hanoun al-Saadi erklärt in dem Interview noch anderes, beispielsweise, daß die Geiseln ein oder (!) zweimal täglich zur Toilette geführt werden. Florence Aubenas ist sich jedoch sicher, daß die Geiseln täglich zweimal zur Toilette gehen. Sie betont das ausdrücklich.
Auf die Frage von Patrice Claude, ob sich die Franzosen während seiner Abwesenheit seiner Familie gut angenommen hätten, antwortet er: "Oh ja. Super, die Franzosen ... Sie waren ´formidable´ (toll), wirklich. Und die Leute von der ´Libération´ ebenfalls."
Dann kommt er auf seine Familie Al-Saadi zu sprechen, zu der Sunniten wie Schiiten gehören. Einer seiner Onkel, der pro-amerikanisch gewesen sei, "und mit dem ich endlose Diskussionen hatte, sagte mir jetzt, daß er ab sofort einräume: die Franzosen sind viel treuer in der Freundschaft als die Amerikaner." Diese Einschätzung ist nicht allein dadurch zu erklären, daß die Franzosen die höchsten Lösegelder von allen zahlen, mehr als Italiener und Rumänen, was die US-Amerikaner gar nicht schätzten, wie der "Canard enchainé" heute berichtet. Dahinter stecken vielmehr militärische und wirtschaftliche Beziehungen, wie sie durch die Mitglieder der Vereinigung "Amitié franco-irakienne" gepflegt werden. (2)
Trotz seines Lobes für Frankreich reist der Franzosenfreund nicht dorthin; denn: "Du gehörst jetzt mir, und du bewegst dich nicht von hier fort", habe seine Frau ihm gesagt, und er lacht dabei. Es wäre ihm auch nicht anzuraten, nach Frankreich zu reisen, jetzt nicht und in nächster Zeit ebenfalls nicht. (*)
Ein Zusammenhang zwischen ihrer Geiselnahme und der von Christian Chesnot und Georges Malbrunot verneint Florence Aubenas, die andererseits mehrfach erklärt, keine Kenntnis über ihre Entführer zu haben. "Es waren andere!" ist sie sich sicher. Allerdings kennten sie die Affäre ihrer verschleppten Kollegen genau sowie auch Didier Julia, den sie, wie mit den französischen Regierungs- und Geheimdienstkreisen offensichtlich verabredet, nur im schlechtesten Licht zeichnet. Hadji, einer ihrer Entführer, sei der Meinung, Didier Julia wolle sich für die unwürdige Behandlung rächen, die man ihm in der Angelegenheit der Befreiung ihrer beiden Kollegen habe angedeihen lassen.
Man habe sie gezwungen, das Video aufzunehmen, auf dem sie dreimal Didier Julia um Hilfe anfleht. Die Aufnahmen hätten mehrfach wiederholt werden müssen. "Du bist eine unbrauchbare Geisel!" sei sie angeschnauzt worden. Sie aber hätte erklärt, sie mache sich lächerlich, wenn sie Didier Julia anrufe. Auch ihr Aufzug, deprimiert, Haare strähnig im Gesicht, sei inszeniert gewesen, um Mitleid zu erwecken und die französische Regierung zum Handeln zu bewegen.
Die französischen Medien lassen von Didier Julia und seiner Rolle nicht ab. Seine Äußerungen und die Tatsachen widersprechen einmal mehr der offiziellen Darstellung, wie bereits in der Geiselaffäre Chesnot-Malbrunot bewiesen. Er wird am 23., 24. und 25. März 2005 von den Entführern angerufen. Wo ist er zu der Zeit? Er befindet sich hoch offiziell in einem Büro der französischen Regierung, mit ihm sein Mitarbeiter, der Franco-Tunesier Karim Guellaty und Mitglieder des Auslandsgeheimdienstes DSGE. (3)
Bleibt noch Anne-Sophie Le Mauff zu erwähnen, eine permanent im Irak residierende Korrespondentin der kommunistischen "Humanité". Sie schreibt auch für andere Medien. Bernard Bajolet, der Botschafter Frankreichs im Irak, fordert sie schriftlich auf, das Land zu verlassen. Sie riskiere ihr Leben und das anderer, die bereits im Falle der drei befreiten Geiseln tätig wurden. Die Operationen dürften einige Millionen Euro gekostet haben. Menschenleben aber, wenn sie nicht von amerikanischen Besatzern ausgelöscht oder gefährdet werden, interessieren eine ordentliche Linke wenig, und wir dürfen abwarten, wie sich ihr Kidnapping und die anschließende Befreiungsaktion ausnehmen. Die französischen Friedensfreunde wollen ihren Spaß und die "Huma" ihren Gewinn. Dafür sind Linke allzeit gut. Die bewährten Unterstützergruppen könnten die abgehängten Soli-Poster für Florence&Hussein auf der Rückseite schon einmal mit dem Konterfei von Anne-Sophie Le Mauff versehen, dann geht´s bei Bedarf schneller mit der Veranstaltung von Festen vorm Pariser Rathaus. (4)
Die wesentlichen Geschäfte der französischen Regierung mit dem irakischen Widerstand sind allerdings getätigt, so daß niemand mehr großes Interesse an aufwendigen Rettungsaktionen haben kann.
Gespannt darf man sein, was aus dem ehemaligen Vizepräsidenten des Irak Tarek Aziz, der Pik Acht des amerikanischen Kartenspieles wird. Sein "Help us!" sollte nun nicht mehr ungehört verhallen ... (5)
Berichtigung
Ich gebe zu, daß ich die Ausmaße der französischen Zusammenarbeit mit dem irakischen Widerstand unterschätzt habe. Mir ist es nicht eingefallen, daß Hussein Hanoun al-Saadi jemals Gast in Frankreich sein könnte - wessen auch immer, ob des Direktors der "Libération" Serge July oder gar des Präsidenten Jacques Chirac, ob mit Frau und Sohn oder ohne. Er reist mit diesen. Die Töchter dürfen muslimgerecht zu Hause bleiben. Der Auslandsgeheimdienst DSGE hat mit dem Mirage-Piloten anscheinend noch einiges zu klären, das von den US-amerikanischen Militärs möglichst nicht abgehört werden soll.
Die Schamlosigkeit, mit der diese Politik betrieben wird, ist gewöhnungsbedürftig. Monate-, nicht tagelang, will Florence Aubenas ihren "fixeur" nicht wahrgenommen haben, obgleich er 90 Zentimeter neben ihr untergebracht ist, und obgleich die beiden rumänischen Ex-Geiseln in aller Frische über die Kommunikationsmöglichkeiten in dem Keller berichten. Die Märchen des Hussein Hanoun al-Saadi über die angeblichen moderaten Salafiden werden in allen Medien kolportiert, und inzwischen gewinnt die Rolle des Didier Julia zunehmend an positivem Profil. Heute wird sie auf der Aktualitätenseite des "Midi Libre" herausgestellt, man liest es beim Frühstück.
Ein Land, das einen Molière hervorbringt und den dazu passenden König Ludwig XIV., ein solches Land sollte niemals unterschätzt werden.
(*) Hussein Hanoun sera demain à Paris. Le Figaro avec AFP, 15 juin 2005
http://www.lefigaro.fr/international/20050615.FIG0379.html
Aubenas: la piste roumaine conduit aux anciens baasistes. Par T.O., P.P. et A.T., Le Figaro, 16 juin 2005
http://www.lefigaro.fr/international/20050616.FIG0213.html?0 74956
Quellen
(1) Hussein Hanoun Al-Saadi, ex-otage irakien: "Nos ravisseurs sont des islamistes salafistes anti-américains". Le Monde, 14 juin 2005, page 3
(2) La cote des Français au plus haut à la Bourse des otages, par Claude Angeli. Le Canard enchainé, mercredi 15 juin 2005, page 3
(3) L´Indépendant", mercredi 15 juin 2005, page 12
(4) Irak : la correspondante de "l´Huma" priée de partir. TF1.fr-LCI, 15 juin 2005
http://news.tf1.fr/news/france/0,,3225980,00.html
(5) Tarek Aziz apelle au secours. Par Jean-Alphonse Richard. Info RTL, 14 mars 2005
http://www.rtl.fr/rtlinfo/article.asp?dicid=268495
L´amitié franco-irakienne. Chronologie de la Guerre du Golfe 1990-1991
http://guerredugolfe.free.fr/chirac.htm
Hier einige Links aus meinen Archiven zum Thema französische Journalisten als Geiseln des irakischen Widerstandes:
Versuch zur Freilassung von Tarek Aziz und Florence Aubenas
http://www.eussner.net/schaf_2005-03-21_02-01-55.html
"Didier Julia läßt sich bitten"
http://www.eussner.net/schaf_2005-03-04_16-08-33.html
Florence Aubenas fleht Didier Julia um Hilfe an
http://www.eussner.net/artikel_2005-03-02_14-59-18.html
Frankreichs nächste Waffe im Irakkrieg: Florence Aubenas
http://www.eussner.net/schaf_2005-01-11_23-55-23.html
Christian Chesnot, Georges Malbrunot ...
http://www.eussner.net/artikel_2005-01-05_17-50-30.html
Der Fall Didier Julia weitet sich zum politischen Skandal aus
http://www.eussner.net/artikel_2004-12-29_18-50-46.html
Christian Chesnot, Georges Malbrunot und die abenteuerlichen Unternehmungen des Didier Julia
http://www.eussner.net/artikel_2004-12-25_01-36-49.html
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