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Jacques Chirac - Olympiade 2012 - Sommeruniversität des Parti Radical, Juli 2005

Die Politik des Jacques Chirac ist am Ende

"CE SITE A POUR VOCATION D´APPELER A LA D√ČMISSION DU CHEF DE L´√ČTAT". Diese Site stellt sich die Aufgabe, den Staatschef zum R√ľcktritt aufzurufen, beginnt der "Appell des 18. Juni. Chirac R√ľcktritt". Eine entsprechende Petition kann angeklickt werden. Dort sind die politischen Fehler des Staatspr√§sidenten Jacques Chirac in neun Punkten aufgelistet: (1)

  • die massivsten sozialen Proteste seit 1968,
  • schlimmste wirtschaftliche und soziale Lage seit langem,
  • seine und die einiger seiner Mitarbeiter Entzug vor juristischer Verfolgung wegen Korruption,
  • verfehlte Aufl√∂sung der Nationalversammlung, 1997, und daraus folgend f√ľnf Jahre Kohabitation mit der Linken,
  • ihm trotz seiner Opposition durch Referendum bei mehr als 70 Prozent Enthaltungen aufgezwungene f√ľnfj√§hrige Amtszeit,
  • Inkonsequenz bei der Abschaffung des bei f√ľnfj√§hriger Amstszeit √ľberfl√ľssigen Postens des nunmehr machtlosen Premierministers,
  • durch verfehlte Politik am 21. April 2002, im ersten Wahlgang, M√∂glichkeit des Jean-Marie Le Pen, in den zweiten Wahlgang zu gelangen,
  • desastr√∂se Europapolitik: der "deutsch-franz√∂sische Motor" seit zehn Jahren tot, Bruch mit den neuen EU-Mitgliedsstaaten, Vertrag von Nizza schlechtester jemals unterzeichneter Vertrag, die von Frankreich gew√ľnschte und unter F√ľhrung eines ehemaligen Staatspr√§sidenten Frankreichs ausgearbeitete von den Franzosen massiv abgelehnte Europ√§ische Verfassung,
  • eine sich selbst international ausgrenzende Politik: Wiederaufnahme der Atomversuche, 1995, Unf√§higkeit politisches Gewicht im Nahen Osten zu erlangen, schlechte Beziehungen zu Israel, schroffer Bruch mit den USA, Verlust des Einflusses in Afrika.

Das Datum 18. Juni wird gew√§hlt in Anlehnung an den ber√ľhmten Londoner Aufruf des Generals Charles de Gaulle, vom 18. Juni 1940, zum Widerstand der Franzosen gegen die Besetzung Frankreichs durch die Truppen Nazi-Deutschlands. (2)

In der Tat hat Jacques Chirac auf innen- und auf au√üenpolitischem Parket nichts als Niederlagen aufzuweisen, wobei die schlimmsten, aus diesem Jahr, verlorenes Referendum zur Europ√§ischen Verfassung, mi√üratene Haushaltsverhandlungen in Br√ľssel und JO Paris 2012 noch gar nicht aufgelistet sind. "La√ü mich nicht fallen", fleht er, in den Armen des Dominique de Villepin, in einer Karikatur des Canard enchain√©, vom 5. Juli. "Wohin soll ich dich denn ablegen?" fragt dieser. Ja, wohin mit ihm, und wann?

Die Linke Frankreichs zersplittert zu Atomstaub

W√§hrenddessen atomisiert sich die politische Linke Frankreichs immer mehr. Dies betrifft nicht nur die linksradikalen, mit Antisemiten, bedingungslosen Pal√§stinenserfreunden und Globalisierungsgegnern durchsetzten Neinsagerparteien und -gruppen PCF, LCR, Verts und deren B√ľndnispartner wie die ATTAC, sondern auch die Str√∂mungen innerhalb des Parti Socialiste (PS), dessen Hauptaufgabe es zu sein scheint, alles auszugrenzen, was dem Generalsekret√§r des PS und Erfinder der Sauce hollandaise Fran√ßois Hollande gef√§hrlich werden k√∂nnte bei seinen Schachz√ľgen, die Pr√§sidentschaftskandidatur 2007 betreffend. Dabei schlafen die Franzosen dennoch beinahe ein, auch ohne die zus√§tzlichen Aufregungen um den seines Nein zur europ√§ischen Verfassung wegen aus dem Nationalrat des PS ausgeschlossenen Laurent Fabius. Seinen Platz nimmt "auf Einladung des Fran√ßois Hollande" (sic!) Dominique Strauss-Kahn ein, und das Kandidatenduell kann bei gr√∂√ütem Desinteresse der W√§hler losgehen. (3)

Derweil spalten sich die Gegner der Europ√§ischen Verfassung Nouveau Parti Socialiste (NPS) in Anh√§nger einer sofortigen Allianz mit dem Neinsager Laurent Fabius um Arnaud de Montebourg und in solche um Vincent Peillon, der eine Entscheidung dar√ľber auf dem Kongre√ü des NPS in Mans herbeif√ľhren will. Noch ist die Hoffnung auf Einigung dort nicht verloren. (4)

Damit nicht genug, ger√§t der B√ľrgermeister von Paris Bertrand Delano√ę (PS) jetzt des verlorenen Zuschlages f√ľr die Olympiade 2012 wegen unter Beschu√ü seiner politischen Gegner, als wenn die Kandidatur nur seine Angelegenheit gewesen w√§re und nicht ebenso die vom UMP regierten Frankreich. Nur der Erfolg hat viele V√§ter ...

Die Olympiabewerbung von Paris JO 2012

W√§hrend unmittelbar nach der Ver√∂ffentlichung des Ergebnisses die Medien und Politiker aller Parteien voll des Schimpfs gegen London sind, das bei der Pr√§sentation seiner Bewerbung mehrfach die "ligne jaune", die gelbe Linie zur Unfairness √ľberschritten habe - man konnte die geh√§ssigen Kommentare des Fernsehens und des Radios kaum noch ertragen - steht der Pariser B√ľrgermeister mit seinen Vorw√ľrfen nun allein da: "Der Sieg ist anders zustande gekommen als durch Olympia-Geist", meint er verbittert und erh√§lt von denjenigen, die in den Startl√∂chern der politischen Olympiade zu seiner Abl√∂sung kauern, als Antwort nur Schimpf und Schande. "Schockierend, taktlos, fast anst√∂√üig", meint sein Herausforderer Claude Goasguen, noch dazu nach dem schweren Schicksalsschlag, der London mit den Attentaten vom 7. Juli getroffen habe. Dann stimmt er vor der Presse ein Loblied auf die mutigen Londoner an.

Claude Goasguen macht Schlu√ü mit der Schuldzuweisung an andere, wie sie auch Jacques Chirac und Dominique de Villepin gegen√ľber der Politik des Tony Blair st√§ndig hervorbringen. Wer hin und wieder den Fernsehsender der Nationalversammlung LCP einschaltet, kann dort einen Dominique de Villepin bei solchem Unterfangen sehen, wenn er √ľber die Haushaltsverhandlungen in Br√ľssel berichtet. (5)

Was die Olympiabewerbung 2012 der Stadt Paris angeht, so lassen sich die Franzosen monatelang blenden von Medienberichten, in denen der Stadt Paris vor ihrer Hauptgegnerin London ein Vorsprung attestiert wird. Tats√§chlich liegt Paris immer knapp hinter London in der Bewertung der Wetter bei den Londoner Buchmachern. Diese Wetter wollen Geld machen. Sie haben ihre Augen und Ohren √ľberall, wo es Informationen zum Stand der Chancen gibt. Die franz√∂sischen Medien halten es nicht f√ľr angebracht, solche Recherchen anzustellen. Sie verweben in ihre Artikel ihre und die W√ľnsche und Hoffnungen der Franzosen. Das steigert Auflage und Ansehen. (6)

Besonders deutlich wird bei den Geiselaff√§ren der drei Journalisten Christian Chesnot, Georges Malbrunot und Florence Aubenas, da√ü auf die franz√∂sischen Medien als Vierte Gewalt kein Verla√ü ist, sondern da√ü sie sich als linke M√§rchenerz√§hler und/oder als Unterst√ľtzer der Wunschtr√§ume ihrer Leser und der Regierung verdingen. Ein Beispiel m√∂ge die Behandlung der widerspr√ľchlichen Erz√§hlungen der angeblichen Geisel Florence Aubenas sein. Keine der Zeitungen des Mainstream und erst recht nicht die linken Internet-Portale gehen auf die konfusen Berichte der Journalistin ein, niemand fragt sich, wieso eine Frau, die 157 Tage unter den von ihr geschilderten Verh√§ltnissen vegetieren mu√üte, keine Woche sp√§ter putzmunter mit ihrem "fixeur" Hussein Hanoun auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget auftreten kann. (7)

Die Sommeruniversität des Parti Radical in Perpignan, 8. bis 10. Juli 2005

In diese desolate politische und mediale Szenerie f√§llt die seit langem geplante Universit√© d´√©t√©, die Sommeruniversit√§t, des Parti Radical, der √§ltesten Partei Frankreichs, gegr√ľndet im Juni 1901. Die Partei f√ľhrt ihre Wurzeln zur√ľck bis in die Zeit der franz√∂sischen Revolution. Ihre Geschichte kann man auf ihrer Site oder auch in dem Buch von Serge Berstein und Marcel Ruby: "Un si√®cle de radicalisme" nachlesen, um nur zwei der zahlreichen Quellen zu nennen. Die ersten herausragenden Radikalen sind Alexandre Ledru-Rollin und L√©on Gambetta. (8)

Unter Premierminister Emiles Combes (PR) grenzt sich der PR von der marxistischen Linken ab. An der Erarbeitung und Verabschiedung des ber√ľhmten Gesetzes √ľber die La√Įzit√§t, 1905, hat der PR ma√ügeblichen Anteil. Das Gesetz bekr√§ftigt, da√ü die franz√∂sische Republik die Gewissensfreiheit sch√ľtzt und keinen religi√∂sen Kult anerkennt oder finanziert. Der PR stellt zwei Pr√§sidenten der Republik, Gaston Doumergue, vom 13. Juni 1924 bis 13. Juni 1931, und Paul Doumer, vom 13. Juni 1931 bis 6. Mai 1932. Er wird von Gorgoulov, einem wei√ürussischen Anarchisten oder Revolution√§r (je nach Quelle) ermordet. Unter Gaston Doumergue wird die Sowjetunion diplomatisch anerkannt sowie das Ruhrgebiet ger√§umt und der Young-Plan verabschiedet.

Ein ber√ľhmter Vorsitzender des PR ist Georges Cl√©menceau, Herausgeber seit 1897 der Zeitung L´Aurore, in deren Kolumnen er Alfred Dreyfus verteidigt und den Aufruf "J´accuse" von Emile Zoila ver√∂ffentlicht. Unter Raymond Poincar√© ist er ab November 1917 Pr√§sident des Ministerrates. Ein anderer PR-Vorsitzender ist der Pr√§sident des Ministerrates Edouard Daladier, der 1938 mit Chamberlain, Hitler und Mussolini das M√ľnchner Abkommen unterzeichnet. Am 3. September 1939 erkl√§rt er Deutschland den Krieg. Nach dem Krieg sind acht weitere Vertreter des PR Pr√§sidenten des Ministerrates, darunter Pierre Mend√®s-France, der gemeinsam mit Guy Mollet, Jacques Chaban-Delmas und Fran√ßois Mitterand die Mehrheit √ľber Edgar Faure, von der rechten Mitte gewinnt. (9)

Anfang der 70er Jahre spaltet sich der linke Fl√ľgel ab und wird Mouvement Radical de Gauche und dann Parti Radical de Gauche. In dieser ist der Herausgeber des R√©seau Voltaire und Verschw√∂rungstheoretiker Thierry Meyssan Nationalsekret√§r.

Der PR ist heute Teil der Union pour un mouvement populaire (UMP), der Vereinigung f√ľr eine Volksbewegung. Seine Regierungsbeteiligung reduziert sich auf die Ministerebene als h√∂chste Position, zwei PR-Minister der Regierung sind Jean-Louis Borloo, Minister f√ľr Arbeit, soziale Zusammenarbeit und Wohnungswesen, und Industrieminister Fran√ßois Loos.

Der Pr√§sident des PR Andr√© Rossinot l√§dt diese Minister sowie Senatoren und Abgeordnete des PR ein, gemeinsam mit Mitgliedern und G√§sten die Sommeruniversit√§t zu gestalten. Ungef√§hr 800 Teilnehmer folgen der Einladung zur Sommeruniversit√§t. Sie steht unter dem Motto: "Pour une soci√©t√© √©quitable", f√ľr eine gerechte Gesellschaft - ein dehnbarer Begriff. Es wird debattiert √ľber notwendige Reformen der staatlichen Institutionen, der Kampf f√ľr Europa wird beschworen und die Notwendigkeit der F√∂rderung von Erziehung und Bildung betont. Auf dem Hintergrund der Unruhen vom Juni, da in Perpignan Gruppen von Maghrebinern und Zigeunern sich Schlachten liefern und zwei Tote zu beklagen sind, versucht die Sommeruniversit√§t, L√∂sungen f√ľr die Problematik vorzuschlagen. Jean-Paul Alduy, B√ľrgermeister von Perpignan und Senator der UMP, weist dazu auf Arbeitslosigkeit und Elend hin als Ausgang f√ľr solche Unruhen. Die benachteiligten Bev√∂lkerungskreise konzentrieren sich in den alten, bauf√§lligen Quartieren der Stadt.

Was nicht angesprochen wird, das ist die Entstehung des Konfliktes. Ein Maghrebiner, dessen Auto von einem jungen Zigeuner demoliert wird, holt nicht etwa die Polizei, sondern er will die Angelegenheit mit den bekannten Folgen der Eskalation selbst regeln. Hier zeigt sich, da√ü diesen Bev√∂lkerungsgruppen jedes Vertrauen in Polizei und Justiz abhanden gekommen ist. Sie machen die Angelegenheiten unter sich aus. Wenn dann noch hinzukommt, da√ü in Kreisen von Regierung und Verwaltung westlicher Staaten ernsthaft erwogen wird, auf die Forderungen radikaler Muslime einzugehen und Teile der Scharia in unserer Gesellschaft einzuf√ľhren, dann braucht man sich √ľber nichts mehr zu wundern. Aus einer Parallelgesellschaft wird eine Gegengesellschaft.

Mehr Gerechtigkeit, friedliches Zusammenleben aller, soziale und solidarische Wirtschaft, das m√ľssen f√ľr die Randgruppen der Gesellschaft gro√üe Worte bleiben - ganz abgesehen davon, da√ü eine Gesellschaft nicht "gerechter" werden kann, im Gegensatz zur Ansicht von Fabienne Levy, der Vizepr√§sidentin des PR; denn "gerecht" kann man nicht steigern. "Ganz einfach", meint sie, sei es, zu einer gerechteren Gesellschaft zu kommen, " in dem man etwas anderes als den Profit entwickele. Von jetzt an m√ľsse in allen Aspekten eine Verbindung hergestellt werden zur sozialen und solidarischen Wirtschaft, ob es die Dienste an Personen seien oder der Schutz der Umwelt, sie h√§tten Motor f√ľr die Gerechtigkeit zu sein. "Pragmatisch, die Radikalen, das ist das geringste, was man sagen kann", meint lapidar Martial Mehr, der Berichterstatter des "Ind√©pendant". (10)

Erfreulich ist es, da√ü zahlreiche Teilnehmer der Sommeruniversit√§t nicht mehr andere verantwortlich machen wollen f√ľr die Krise in Frankreich. "Frankreich ist nicht f√§hig und auf der H√∂he der Anforderungen", sagt Josiane Attuel, von der Universit√§t Paris XII. Es fehlten die intellektuelle und kulturelle Wettbewerbsf√§higkeit sowie Risikobereitschaft. Die Jugendlichen Frankreichs wollten zu 64 Prozent in den √∂ffentlichen Dienst und nicht in Industrie, Finanz und Dienstleistung.

Andere Redner setzen sich ein daf√ľr, da√ü das Gesetz √ľber die La√Įzit√§t nicht ver√§ndert, sondern rigoros durchgesetzt werde. Das ist ein Beitrag gegen die Vorstellungen des Innenministers Nicolas Sarkozy.

Wieder andere monieren das verkrustete System der Grandes √Čcoles, wie der √Čcole Nationale d´Administration (ENA). Wenn man an Wissenschaft denke, falle einem vor allem das Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) ein. Es sei veraltet, die Eliten allein aus diesen Kreisen zu bilden. Die Universit√§ten w√ľrden nicht ausreichend gef√∂rdert. Es mangele an Ingenieuren und Wissenschaftlern. Im argen liege die universit√§re Ausbildung der Ausl√§nder. In keinem anderen Land der Welt gebe es so viele ausl√§ndische Studenten, die ihr Studium nicht beendeten. Die Diskussionsrunden machen viele Vorschl√§ge zur Verbesserung des Erziehungs- und Bildungssystems.

Premierminister Dominique de Villepin ist Gastredner beim Mittagessen. Seine Rede geht im allgemeinen L√§rm der Hunderte im Speisesaal ziemlich unter. Viel bleibt nicht h√§ngen. "Le Premier ministre Dominique de Villepin a donn√© le ton", er habe den Ton angegeben, steht unter einem Foto, im "Ind√©pendant". Man w√ľ√üte gern, welchen Ton er angibt.

Leider ist der neue Au√üenminister Philippe Douste-Blazy, UMP und ex- UDF, der schnell bei der Hand ist, der PLO-Vertreterin Leila Shahid nachzusprechen, da√ü eine Intifada III drohe, nicht auf der H√∂he der Diskussionen. Der Generalsekret√§r der UMP, nacheinander B√ľrgermeister von Lourdes und Toulouse hat abgesehen von einer Legislaturperiode als Europa-Abgeordneter, 1989 bis 1993, kaum politische Auslandserfahrung. Er ist bis 1989 Arzt in der Krankenhausverwaltung, von 1993 bis Mai 2005, mit Unterbrechung von 1995 bis 1997 als Kulturminister, zehn Jahre Gesundheitsminister, und so sch√∂pft er in seinem Beitrag aus seinem Erfahrungsschatz als Arzt und ehemaliger Gesundheitsminister. Seine au√üenpolitischen Kenntnisse lassen zu W√ľnschen √ľbrig. "Er hat das Rendez-vous nicht verpa√üt", steht unter dem Foto des Multifunktion√§rs.

Einzug des Innenministers und Präsidenten der UMP

Dann aber, am Sonntag, so gegen 11:30 Uhr wird alles anders, eine neue Zeit bricht an. Es ert√∂nt in voller Lautst√§rke eine Art Rap-Musik mit englischem oder amerikanischem Gesang, was ich leider nicht unterscheiden kann, und einzieht unter rauschendem nicht enden wollenden Beifall des √ľberf√ľllten Saales der Pr√§sident der UMP und Innenminister Nicolas Sarkozy mit Gefolge. Zielstrebig springt er aufs Podium, nimmt neben Jean-Louis Borloo, Jean-Paul Alduy, Andr√© Rossinot und anderen Vertretern des PR Platz, winkelt das rechte Bein √† l´am√©ricaine an und legt es waagerecht √ľber das linke. Dann steckt er seine H√§nde in die Hosentaschen und schaut neugierig in die Gegend. Jean-Louis Borloo h√§lt eine Rede √ľber etwas die Juniunruhen von Perpignan Betreffendes, an Jean-Paul Alduy gerichtet: "Ich wei√ü bis zu welchem Punkt du verwundet bist, bis zu welchem Punkt die B√ľrger von Perpignan verwundet sind. Das Mosaik von Perpignan ist dem Frankreichs √§hnlich ...", aber alles versinkt in dem Auftritt des Nicolas Sarkozy.

"Perpignan: Sarkozy fait entendre sa diff√©rence", titelt L´Ind√©pendant am Montag √† la une. Perpignan: Sarkozy l√§√üt seine Verschiedenheit h√∂ren. Vier Tage vor der Rede des Staatspr√§sidenten zum Nationalfeiertag gibt es 45 Minuten geballter Aufforderung an die Franzosen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, mit sich ins Gericht zu gehen: "Ich mache mir die Freude zu sagen, was ich denke!" Frankreich schlafe vor Konformismus ein. Es folgt unter begeistertem Beifall des Saales sein kurzer Hinweis, da√ü er kein Absolvent der ENA sei. Dann folgt Schlag auf Schlag: Wenn der Front National, der PS, der PCF republikanisch w√§ren, dann h√§tten wir nicht die Situation gehabt, im April 2002". Recht hat er; denn da hat sich die Linke durch ihre Zersplitterung in lauter eitle Kleinf√ľrsten selbst ausman√∂vriert. "Das erste Problem des politischen Lebens ist die fundamentale Langeweile, die es durch seine schmalzigen Reden hervorruft. Wacht auf, beendet den Konformismus!"

"Die Entt√§uschung √ľber die Olympischen Spiele mu√ü uns dahin bringen, uns Fragen zu stellen √ľber die Art, wie wir die Bewerbungsunterlagen pr√§sentiert haben", sagt er vier Tage, nach dem Jacques Chirac in Singapur seinen erfolglosen Auftritt hatte. Entgegen den Ansichten des Staatspr√§sidenten, der das englische Modell des Liberalismus ablehnt, ist Nicolas Sarkozy des Lobes voll dar√ľber, √ľber Gro√übritannien, das es von Margret Thatcher bis Tony Blair verstanden habe, sich zu modernisieren, in dem es seine Werte radikal in Frage gestellt und Tabus √ľberwunden habe. "In den 70er Jahren war es ein Land, das am Ende war, das nicht mehr z√§hlte auf der internationalen Szene. Wer h√§tte sagen k√∂nnen, da√ü drei√üig Jahre sp√§ter Gro√übritannien ein Leitstern in der Organisation der Welt w√ľrde?"

"Thatcher und Blair", die Helden des Nicolas Sarkozy, titelt die regierungsnahe Lib√©ration. Es gebe nahezu kein politisches Thema, bei dem er nicht der "orthodoxie chiraquienne", der Orthodoxie des Jacques Chirac und des Dominique de Villepin widerspreche, ob es sich um "positive Diskriminierung", gezielte Immigration, die Anpassung des Gesetzes von 1905 oder ein Pl√§doyer f√ľr das britische System gegen das franz√∂sische handele. (11)

Was die "gezielte Immigration" angeht, so wiederholt er das am 11. Juli in Marseille: "Frankreich mu√ü sich die Immigranten aussuchen, die es ´ben√∂tigt´, und da√ü er gedenke, die Immigrationspolitik ´von Grund auf zu √§ndern´. Ein k√ľhnes Unterfangen, da jetzt schon f√ľnf Millionen Muslime im Lande wohnen, die meisten von ihnen mit franz√∂sischer Staatsb√ľrgerschaft. Was gibt´s da noch auszusuchen? (12)

"Ich kann mich nicht damit zufrieden geben zu sehen, wie Frankreich so viele enttäuschende Ergebnisse aufhäuft, einschließlich die Olympischen Spiele betreffend, ohne daß sich jemals jemand die Frage stellt, ob nicht wir zufällig unrecht hatten und die Welt recht."

Nicht die W√§hler, die gegen die Europ√§ische Verfassung gestimmt h√§tten, w√§ren im Unrecht, sondern die Regierung, "wir haben sie entt√§uscht." Er fordert auf, ausgetretene Pfade zu verlassen, und so geht die Rede weiter, klar, bestimmt und eindringlich, √ľber 45 Minuten, gegen Immobilismus, gegen veraltete Ideen von vor f√ľnzig Jahren. Sie h√§tten hundertmal zu Mi√üerfolg gef√ľhrt, aber: "Was die anderen hingekriegt haben, das k√∂nnen auch wir schaffen."

√úber seine Forderung, Richter zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie Fehlurteile verk√ľnden und Fehlentscheidungen treffen, sagt er, wohl mit einer malizi√∂sen Anspielung auf die juristischen Verfahren, die Jacques Chirac erwarten, wenn er seine Immunit√§t verloren hat: " Die Fragen der Justiz, ich verfolge sie sehr genau, auch wenn bislang die Justiz mich noch nie sehr genau verfolgt hat." Le Monde registriert Lachen im Saale, was stimmt; ich habe es selbst geh√∂rt: es ert√∂nt lautes Lachen. (13)

Nicolas Sarkozy verl√§√üt den Ort umgehend und fliegt nach Paris oder direkt nach Marseille, wo er zu Vertretern der Konsular- und Pr√§fektoralverwaltungen √ľber die "Wahl ben√∂tigter Immigranten" spricht. Begeistert ziehen derweil die Teilnehmer der Sommeruniversit√§t in den siebenten Stock des Perpignaner Kongre√üzentrums zum Buffet Lunch und tun sich an den K√∂stlichkeiten g√ľtlich. Die Rede des UMP-Pr√§sidenten und auch die Statistiken √ľber die Performance Frankreichs verderben ihnen nicht den Appetit. Die letzten statistischen Daten sind am 17. Juni 2005 erschienen und l√§ngst vergessen. Auch die √úberlegungen √ľber den Euro als politische W√§hrung und den Dollar als nicht-politische W√§hrung kann man bei einem guten Glase Ros√© du Roussillon au√üen vor lassen, und wegen 1000 Milliarden Euro Staatsschulden mu√ü man nicht unbedingt auswandern. Pascal schreibt am 1. Juli auf der "liberalen Seite":

"Cel√† viendra plus vite qu´on ne le pense. La France est toujours habile √† tricher et √† masquer la r√©alit√©. La dette n´est pas de 1100 milliards, mais de 2040 milliards ( plus de 130 % du PIB )!!! La France est un des seuls pays √† ne pas provisionner les retraites des fonctionnaires (estim√©es √† 940 milliards, avec une revalorisation inf√®rieure √† l´inflation r√©elle ), contrairement, par exemple, √† l´Italie, qui bien que lourdement endett√©e et moqu√©e, a le m√©rite d´annoncer des chiffres r√©els. Par comparaison, le d√©ficit de l´Argentine avant l´intervention du FMI √©tait une plaisanterie. Les √©tats membres vertueux de l´euro, a qui nous faisons supporter actuellement nos √©carts de d√©ficit, ne nous soutiendrons s√Ľrement plus tr√©s longtemps."

Das kommt schneller, als man denkt. Frankreich ist immer geschickt genug, falsch zu spielen und die Realit√§t zu verheimlichen. Die Schulden betragen nicht 1100 Milliarden, sondern 2040 Milliarden (mehr als 130 Prozent des BIP)!!! Frankreich ist eines der einzigartigen L√§nder, die Pensionen der Beamten nicht gedeckt haben (auf 940 Milliarden gesch√§tzt, mit einer Aufwertung unterhalb der reellen Inflation), im Gegensatz zum Beispiel zu Italien, das, obgleich schwer verschuldet und geh√§nselt, das Verdienst hat, reale Zahlen anzugeben. Zum Vergleich: das Defizit von Argentinien vorm Eingreifen des Internationalen W√§hrungsfonds war dagegen ein Witz. Die tugendhaften Mitglieder der Euro-Staaten, die wir gegenw√§rtig unsere Defizitverst√∂√üe st√ľtzen lassen, werden uns sicherlich nicht mehr lange helfen." (14)

Ein Sommernachtstraum ...

12. Juli 2005

Quellen

(1) Appel.du.18.juin-Chirac.démission
http://appel.du.18.juin-chirac.demission.over-blog.com/

(2) L´appel du 18 juin 1940
http://partisans.ifrance.com/partisans/18juin.htm

(3) Fabius-DSK: de frères jumeaux à frères ennemis. Par Didier HASSOUX. Libération, 11 juillet 2005
http://www.liberation.fr/page.php?Article=310398

(4) Fabius entre Peillon et Montebourg. Par Didier HASSOUX, Libération, 9 juillet 2005
http://www.liberation.fr/page.php?Article=310138

(5) Bertrand Delano√ę s´en prend √† Blair et Coe. Le Figaro avec AFP, 11 juillet 2005
http://www.lefigaro.fr/jo2012/20050711.FIG0360.html

A Paris, la droite r√™ve de mettre Delano√ę KO gr√Ęce aux JO. Par Thomas Lebegue, Lib√©ration, 11 juillet 2005
http://www.liberation.fr/page.php?Article=310402

(6) JO 2012 : Paris 2012 devance-t-il vraiment Londres 2012 ?, Media-Ratings, Mis en ligne le 5 juillet 2005
http://www.m-r.fr/actualite.php?id=1126

(7) Oops! She (Florence Aubenas) Did it Again ..., by John Rosenthal, Transatlantic Intelligencer, June 21, 2005
http://trans-int.blogspot.com/2005/06/oops-she-florence-aube nas-did-it-again.html

Frankreich und der irakische Widerstand - ein Theater ohne Ende? - (Ergänzung, vom 22. Juni 2005). Von Gudrun Eussner
http://www.eussner.net/artikel_2005-06-17_23-35-39.html

(8) Parti Radical. Histoire
http://www.partiradical.net/pages/nous-connaitre/histoire.as p

Serge Berstein et Marcel Ruby: Un si√®cle de radicalisme. Septentrion Press Universitaires, Villeneuve d´Ascq 2004
http://www.partiradical.net/pages/nous-connaitre/histoire3.a sp

(9) Les anciens présidents du parti de 1901 à 2003. La Newsletter du Parti Radical
http://www.partiradical.net/pages/nous-connaitre/bureau.asp# 2

(10) Les √©v√©nements de Perpignan en toile de fond de l´universit√© du PR. Par Martial Mehr, L´Ind√©pendant, 10 juillet 2005, p. 5

(11) Thatcher et Blair, les héros de Sarkozy. Par Alain Auffray, Libération, 11 juillet 2005
http://www.liberation.fr/page.php?Article=310400

(12) Sarkozy: la france doit choisir les immigrés dont elle a "besoin". Yahoo Actualités, lundi 11 juillet 2005
http://fr.news.yahoo.com/050711/202/4hy8e.html

(13) Nicolas Sarkozy appelle la France à faire son "examen critique". Par Jean-Baptiste de Montvalon, Le Monde, 11 juillet 2005
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0,36-671482,0.html

(14) Les causes de l´endettement public croissant. Attention aux imposteurs et aux impostures. Par Georges Lane. La Page lib√©rale, 25 juin 2005
http://www.pageliberale.org/?p=1372

Posté par: pascal le Vendredi 01 Juillet 2005 à 10:42:02
http://www.pageliberale.org/commentaire.php?niw=1372



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