
Oskar Lafontaine auf der Suche nach ´nem neuen Job. Aus dem Archiv einer ehemaligen Linken ...
"Rationalisiere! Effektiviere!" - Zur Rationalität von ATTAC (Stand: 22. Oktober 2001)
Während die USA in Afghanistan unter den Augen der sich zunehmend empörenden Weltöffentlichkeit mit großem Aufwand an fremden und eigenen Menschenleben sowie aufwendigem Material gemeinsam mit ihren getreuen Vasallen, den Briten, angereichert mit einigen Australiern, ihrer schwindenden Vormachtstellung in der Welt hinterher bomben, einen "totalen Krieg gegen eine unbestimmte Gefahr" führen (Ignacio Ramonet, in der letzten Le Monde diplomatique), während die alten Säcke aus der Zeit von Ford, Reagan und Bush Senior sich überlegen, ob sie nicht den Irak, Syrien, den Libanon etc. in einem Aufwasch gleich mit platt machen, während sie es noch immer nicht fassen können, daß man nicht zweimal in denselben Fluß steigen kann, formieren sich in Europa, und das bereits seit ca. 1998, ganz neue Bündnisse.
Schröder und Chirac/Jospin, fürs Fernsehen "ein Amerikaner", lassen ihre politischen Mitarbeiter und Freunde die jungen und alten Unzufriedenen zum Ausstieg aus der von den USA bestimmten Neuen Weltordnung, genannt "Globalisierung", mobilisieren. Jugoslawien war wirklich das letzte Mal, daß man sich hat übern Tisch ziehen lassen, daß europäische, vor allem deutsche und französische Interessen zu Nutz und Frommen der USA und zum Schaden Europas zerbombt wurden. Amerikafreunde wie Bernard Kouchner sind schon längst in der Versenkung verschwunden. Ehe ihm die französische Regierung noch einmal einen verantwortungsvollen Posten anvertraut, erinnert man sich lieber des alten Herrn Ruud Lubbers und macht ihn statt seiner zum Chef von UNHCR. Seine US-amerikanische Stellvertreterin ist nun erst einmal damit beschäftigt, die veralteten Strukturen der Organisation umzukrempeln - aber nun komme ich vom Hölzchen aufs Stöckschen ....
Der "amerikanischste aller deutschen Außenminister", wie Joseph Fischer einmal von einer klugen deutschen Postille bezeichnet wurde, ist trotz seiner Beliebtheit im Volke längst abgemeldet. Die nächsten Wahlen werden ihn in die gebührende Versenkung schaffen, aus der dieser Autodidakt und Polit-Dilletant niemals hätte auftauchen sollen. Warum haben ihm nicht schon seinerzeit, 1969, bei Yasser Arafat, in Algerien, die Geheimdienste befreundeter Mächte eine lohnende Aufgabe übertragen und ihn anständig ausgebildet? Dann hätte aus dem Taschenträger der Madeleine Albright etwas Eigenständiges werden können. Nun müssen wir ihn noch ein Jahr ertragen.
Auch Daniel Cohn-Bendit ist im einschlägigen Set ziemlich weg vom grünen Fenster. Diese 68er ("soixante-huitards", wie sie in Frankreich abfällig genannt werden) raffen´s nicht, nur Claudia Roth scheint zu wittern, was demnächst von ihr erwartet wird. Sie ist ja auch jünger und lernfähiger. Wer´s noch nicht gemerkt haben sollte: es ist heuer "in", gegen die rüden Machenschaften der USA aufzutreten. Es ist regierungsamtlich gewünscht, alle Eroberungen der USA, die Ausbeutung, Aneignung, Bombardierung der diversen Entwicklungsländer, von Kuba über Chile bis zum Irak, anzuprangern. Schluß mit Dankbarkeit für die Errungenschaften, die man dadurch in Europa genießen konnte, von der billigen Banane bis zum billigen Benzin an den Tankstellen von BP und Amoco! Heute werden alle Verbrechen aufgezählt, und man bezieht seine Energie direkt vom neuen Freund Rußland.
Da protestiert frau als Linke seit vierzig Jahren - und nun das!
ATTAC heißt jetzt die Devise: Angriff, Attacke!
Angeführt vom Generaldirektor Bernard Cassen und dem Redaktionsdirektor Ignacio Ramonet der Monatszeitschrift Le Monde diplomatique werden die linken Gruppen und Grüppchen in Frankreich neu formiert, in Deutschland und in vielen anderen Ländern der Welt werden ATTAC-Zweigstellen eingerichtet, genannt "Netzwerk", und es kann mit der Arbeit begonnen werden: Rationalisiere, effektiviere!
Wozu benötigt man share, WEED, lila, Kairos, und wie sie alle heißen? In Frankreich haben einige NGOs bereits ihrer Sorge Ausdruck verliehen, daß sie alle von ATTAC eingesackt werden, in Deutschland maulen die letzten Linken in den ATTAC-Koordinationskreisen, daß sie immer mehr von Rechten verdrängt werden. So ist´s, chers amis et camarades! "Désarmer les marchés", die Entwaffnung der Märkte (so die Parole der Le Monde diplomatique bereits im Dezember 1997), das machen wir, hier in Deutschland, demnächst mit Oskar Lafontaine an der Spitze. (*) Der kluge integrationsfähige Oskar, der sogar in seinem Alter noch in Diskos medienwirksam das Tanzbein schwingt, er hat ab sofort eine neue Aufgabe. Mit Büro im Willy-Brandt-Haus?
Wir werden den Dritten Weltkrieg für die EU und den Euro entscheiden, und dazu bedarf es aller Kräfte, nicht nur unserer Banken und Exportindustrie, sondern der linken Massenbewegung. Nein, wir hassen die USA nicht, sondern wir weisen sie in die Schranken, auf den ihnen gebührenden Platz, alle gemeinsam, mit brennenden Kerzen in den Händen.
Dazu benötigen wir, d.h. ATTAC-Netzwerk Deutschland, natürlich finanzielle Mittel, aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden derjenigen, die ihr Gewissen erleichtern wollen, weil sie in den letzten dreißig Jahren doch einigermaßen Karriere gemacht haben, oder derjenigen, die jung, idealistisch und gewaltfrei sind. Aus diesen beiden Bevölkerungsgruppen kamen im Jahr 2000 ca. 11 000 DM zusammen. Mit 40 000 DM rechnet ATTAC für das Jahr 2001.
Die "Stiftung Umverteilen" stellte im Jahre 2000 eine Spende von 25 000 DM bereit. In diesem Jahr will sie 23 000 DM abdrücken, für die gute Sache.
Der Gesamthaushalt von ATTAC Deutschland ist für 2001 mit 173 300 DM veranschlagt.
"Von der reinen Geldmenge wesentlich bedeutender ist ein Antrag an die Europäische Union, den WEED und ila in Kooperation mit Blue21 und share gestellt haben, und bei dem ca. 400 000 DM pro Jahr für die nächsten 3 Jahre beantragt wurden, von dem ein gewisser Anteil Attac zugute kommen würde." Die Haupt- & Ehrenamtlichen von share e.V. arbeiten eh schon total für ATTAC. Auf Dauer allerdings möchte ATTAC "so unabhängig wie irgendmöglich von staatlicher Finanzierung" sein. (**)
Freunde, erwartet es nicht, denn Ihr werdet stattdessen mit Knete überschüttet werden. Beispielsweise wird Euch das Auswärtige Amt bestimmt, mit schönem Gruß von Joschka, die 24 992,40 DM für Astrid rüberschieben (Sonderhaushalt ATTAC-Büro - Planung 2001). So gut hätte das AA schon lange kein Geld mehr angelegt. Ich könnte mir denken, daß es aus dem Titel "Krisenprävention" abgezweigt wird. Was wäre denn, wenn die linken Grüppchen sich zusammenschließen und eine Krise in Deutschland inszenieren würden? Ich sage nur: "Seattle, Genua, Doha/Katar". Also!
Die politische Bedeutung der ATTAC-Aktivitäten zur Integration aller Spontis und Krakeler und zur Verschlankung der NGO-Szenerie wird bis hinein in Kreise der Bundestags- und Europaparlamentsabgeordneten erkannt. Die "Aufforderung von Parlamentariern für die Tobin Gebühr" wurde von 16 deutschen Abgeordneten (10 MdBs und 6 EPs), von 710 europaweit, unterzeichnet. Petra Pau, Carsten Hübner, Winfried Wolf, Sylvia-Yvonne Kaufmann und viele andere erkennen den Trend der Zeit. Die Unterschrift kostet ja nichts, denn die Tobin-Steuer wird niemals kommen, ganz einfach, weil sie auf den Finanzmärkten der Welt technisch nicht machbar ist.
Wer also etwa den ATTAC-Kongreß, vom 19. bis 21. Oktober 2001, für einen Auflauf von 2000 bis 2500 nicht systemkonformen Leuten gehalten haben sollte, der wird hiermit dringend gebeten, diese Einschätzung noch einmal zu überdenken. Oder glaubt jemand, nur weil der Grüne Christian Ströbele bei der Eröffnungsrede von Jean Ziegler für alle sichtbar majestätisch den Gang entlang schritt, wäre ein Neues Zeitalter angebrochen?
Das kommt vielleicht für diejenigen politischen Gruppen des linken Spektrums, die sich nicht für die mächtige ATTAC-Welle entscheiden wollen: sie werden per Rasterfahndung und Daumenabdruck leicht zu identifizieren sein, und: hinweg mit ihnen!
So, und jetzt hat sich jeder, der bis hierher gelesen hat, eine kleine Entspannung verdient. Öffnet Euere Lautsprecher am PC, und hopp!
Klick hier für den kleinen Spaß: http://www.madblast.com/index.cfm?action=view&id=1492
22. Oktober 2001 - Mit zusaetzlichen Links, vom 25. September 2005
(*) vergangene Kongresse von und mit ATTAC
http://www.attac.de/ueber-attac/rueckblick/kongresse/
Zu den RednerInnen auf den Podien des Kongresses gehörten Susan George (Attac-Frankreich), Oskar Lafontaine, Joao Batista de Oliveira (Vertreter der brasilianischen Landlosenbewegung MST), Jean Ziegler (Soziologe, Genf/Paris), Christa Wichterich (Autorin) und Horst-Eberhard Richter (Psychoanalytiker und Friedensaktivist).
das Jahr 2001
http://www.attac.de/ueber-attac/rueckblick/kongresse/#2001
(**) Neues aus dem Koordinierungskreis. Finanzen, 22. Februar 2001
http://www.attac.de/interna/010222_bericht.php
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