
Der Terrorist Safé Bourada und die französischen Medien
Am 9. November 1995 wird einer der Hauptrekrutierer für den algerischen islamischen Glaubenskrieg in Europa, der Unterstützer des Groupe islamique armé (GIA) Safé Bourada, von Richterin Laurence Le Vert verhaftet. Er ist einer der drei Islamisten, die 1995 Terroristen für die Serie der Terroranschläge in Frankreich, rekrutieren. Am 18. Februar 1998 wird er zu zehn Jahren Haft verurteilt. (1)
Während der Midi Libre heute vom Ende der Haftstrafe des Safé Bourada, Februar 2003, berichtet, ohne die Daten seiner Verhaftung und Verurteilung zu nennen, berichtet Le Monde anläßlich der "Präventivoperation", vom 26. September, zwar vom Datum seiner Verurteilung, nicht aber von den Daten seiner Verhaftung und vorzeitigen Freilassung nach sieben Jahren und drei Monaten, sondern das nächste feste Datum im Artikel ist Oktober 2004, was den zehn Jahren schon ziemlich nahe käme. So werden Fragen zur vorzeitigen Entlassung vermieden: "Im Oktober 2004, sich zweifellos überwacht wissend, ist er nach Kairo (Ägypten) gereist, offiziell zu theologischen Zwecken. Für die Polizisten handelte es sich tatsächlich darum, Verbindungen mit der Bewegung der Glaubenskrieger herzustellen. Er ist Anfang September (2005) zurückgekehrt."
Im Oktober 2004 ist der Terrorist seit 20 Monaten frei und unter den wachsamen Augen der französischen Geheimdienste für Da´awa und, wie sich jetzt herauszustellen scheint, zur Vorbereitung von Aktionen für den Glaubenskrieg tätig. Nach seiner Rückkehr hat die Direction centrale des Renseignements généraux, am 26. September 2005, den Mann genug observiert. Er wird verhaftet. Le Figaro schreibt: "Die Polizisten beobachten sehr schnell, daß dieser charismatische Mann um sich herum eine kleine Gruppe versammelt. Von 1993 bis 2003 ist Bourada ein selbsternannter Intellektueller geblieben, ein ehemaliger Student der Geschichte und Philosophie und ex-Mitglied der Sozialisten, vor dem Eintauchen in den islamistischen Aktivismus." Die Zeitung berichtet über die Freunde des Safé Bourada; einige seien als Kleinkriminelle bekannt "und für ihre Rolle in der islamistischen Bewegung. Die Gruppenmitglieder reisen nach Syrien, Algerien oder Ägypten. Safé Bourada selbst verbringt im Jahre 2004 sechs Monate in Kairo. Und einige Tage vor seiner Verhaftung, gestern morgen, kam er soeben von einer Reise in die Türkei zurück, was die Untersuchungsrichter interessieren dürfte." (2)
So widersprechen sich die Zeitungen; für die einen ist er ein halbes Jahr in Kairo, für die anderen ein ganzes Jahr. Für die einen ist von der Türkei nicht die Rede, für die anderen kommt der Terrorist geradewegs von dort. Was tut er dort? Reist er nur durch, oder ist er tätig zur Vorbereitung des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union?
Keine Erklärung gibt die Le Monde dafür, daß Safé Bourada vorzeitig freikommt. Sein Verhalten im Gefängnis schildert die Zeitung allerdings so: "Sein radikales Engagement hat sich im Gefängnis weiter gefestigt, wo er unter den jungen Gefangenen Bekehrungsarbeit leistete. Als Ideologe eingestuft, hat er seine Aktivitäten nach der Entlassung aus dem Gefängnis fortgesetzt." (3)
Diese gute Führung im Knast, wo er sich um junge Menschen kümmert und sie auf den rechten Weg des Islamismus und des Terrors bringt, verschafft ihm die vorzeitige Freilassung. Ihm werden zwei Jahre und neun Monate Haft erlassen.
France3 weiß zu berichten, daß der Terrorist für seine logistische Unterstützung der Attentate von 1995 zu zehn Jahren Haft verurteilt wird. Zur Erinnerung: die Attentate führen, am 25. Juli 1995, zu acht Ermordeten und mehr als 200 Verletzten. France3 beschreibt Safé Bourada so: "Nach Aussage eines mit dem Fall befaßten Beamten steht Bourrada ´im Mittelpunkt´ der Zelle und er ´verfügt über ausreichend Charisma, um andere Menschen um sich herum zu scharen und sie zu seinen ´integristischen´ Thesen zu konvertieren."
France3 berichtet weder über die Daten der Verhaftung und Verurteilung noch darüber, daß der Terrorist vorzeitig freikommt. Indirekt könnte man eine Zeitspanne von Juli 1995 bis Februar 2003 errechnen, also knapp acht Jahre, da die Attentate am 25. Juli 1995 begangen werden. (4)
In Le Figaro liest man, daß auch zwei Frauen unter den neun Verhafteten sind. Das zu berichten, ist vielen Medien nicht wichtig. Während andere Medien allgemein schreiben, die potentiellen Ziele der Attentäter seien nicht bekannt, schreibt Le Figaro, daß die Terroristen unter der Anleitung des "alten Klienten" der Sicherheitsdienste Safé Bourada den Sitz der Direction de la sûreté du territoire (DST), die Pariser U-Bahn oder einen Flughafen im Visier gehabt hätten. Das berichtet heute morgen auch dpa, und daß der Tip vom algerischen Geheimdienst gekommen sei.
Le Figaro ist sehr präzise in seinem Bericht. Hier erfährt man die Zeit der Inhaftierung, siebeneinhalb Jahre (genau sind es sieben Jahre und drei Monate) sowie den Tag der Verurteilung, "den 18. Februar 1998 zu zehn Jahren durch das Gericht von Paris". Safé Bourada sei der Chef des "Groupe Lyonnais", der Lyoner Gruppe "Chasse-sur-Rhône". (2)
Dabei fällt einem ein, daß Lyon die Hochburg der salafistischen Islamisten ist. Dort ist der Sitz des Verlages Tawhid, in dem alle Werke des angeblich moderaten Predigers Tariq Ramadan erscheinen und weggehen wie warme Semmeln. Aus den Schriften des Lyoner Verlages Tawhid lernen nicht nur potentielle islamistische Terroristen, sondern auch das Europaparlament den friedlichen Islam des Tariq Ramadan kennen: "Die Muslime in der Laizität", "Ein europäischer Muslim sein", "Zwischen dem Menschen und seinem Herzen", "Der Glaube, der Weg, der Widerstand", "Glaubenskrieg, Gewalt, Krieg und Frieden im Islam" sind die schönen Titel aus dem Verlag Tawhid. Auch der Verlag der wahhabitischen Islamic Foundation Leicester/UK trägt mit dem Werk "Muslime in Frankreich" zur Bildung der Europaparlamentarier bei. (5)
Im Verlag Tawhid sind die Werke des Yusuf Islam, des Islamistenfreundes und Forschers am staatlichen Institut de recherche sur le Maghreb et le Moyen-Orient (IREMAM) Vincent Geisser, des Professors für Islampredigten Tariq Ramadan und des ägyptischen Muslimbruders und erfolgreichen Fernsehpredigers auf al-Jazeera Yussuf al-Qaradawi zu erwerben. (6)
Bei der Erwähnung von Lyon fällt einem weiterhin ein, daß es nach Italien nicht weit ist, Safé Bourada reist zur Rekrutierung von Terroristen und zur Vorbereitung der Attentate mehrfach nach Italien, wie die französischen Medien schon zu Zeiten des ersten Prozesses berichten.
Da der GIA durch die algerische Armee sehr geschwächt und "moribond" sei, d.h. im Sterben liege, nähere sich Safé Bourada den Thesen des salafistischen GSPC an, einer mit der al-Qaida verbundenen islamistischen Bewegung, die den Glaubenskrieg nicht nur auf Algerien beschränken will. So berichtet es Le Figaro. Ein Kommuniqué vom August 2005 fordere die in Frankreich lebenden Kämpfer implizit auf, diejenigen Verantwortlichen zu ermorden, die mit dem algerischen Regime verbunden seien. Bezeugt werde, daß einige der Mitglieder des im Gefängnis von Safé Bourada aufgebauten Netzwerkes mit Sprengstoff umgehen könnten, und daß sie Anschläge in Paris gegen den Sitz der DST, rue Nélaton, oder die U-Bahn oder einen Flughafen planten. Diese Anschuldigungen muß die DST jetzt innerhalb von vier Tagen erhärten, sonst darf sie die Inhaftierten aus der Untersuchungshaft entlassen.
Safé Bourada wird von den französischen Geheimdiensten seit seiner Haftentlassung, Februar 2003, überwacht. Am 26. September sind sie in der Lage, eine terroristische "Schläfergruppe" zu verhaften, die bis gestern jederzeit in der Lage ist, Terroranschläge zu verüben, berichtet L´Express. Die Zeitschrift schildert den Integristen von vor zehn Jahren so: "Zu dieser Zeit, im Jahre 1995, ist er 25 Jahre alt. Geboren in Gueugnon (Saône-et-Loire), ist dieser Franzose beauftragt mit der Propaganda für den Glaubenskrieg. Er sammelt Geldmittel für den algerischen Untergrund. Bourada leistet sogar den Kommandos Hilfestellung, die in Paris und dann in Villeurbanne (einem Vorort von Lyon, G.E.) die Bomben legen. Er wird von der Justiz angesehen als der Verantwortliche zur Ansiedlung der Netzwerke des GIA in mehreren Ländern Europas. Er wird schließlich im November 1995 in Großbritannien verhaftet und dann nach Paris überstellt. Die Richter verurteilen ihn zu zehn Jahren Haft, einer Strafe, die 1999 im Berufungsverfahren bestätigt wird."
Dann schildert L´Express, wie Safé Bourada während der Haft junge französische Mithäftlinge, meist Kleinkriminelle algerischer Abstammung, indoktriniert und bis zu seiner Entlassung, im Februar 2003, ein neues Netzwerk für den Terror aufbaut - offensichtlich unter den Augen des Wachpersonals und der Geheimdienste.
Von der Zeitschrift L´Express erfährt man Neuigkeiten über Safé Bouradas Aufenthalt in Ägypten. Dort habe er arabisch lernen und Kurse in einer Koranschule belegen wollen. Seine Rückreise sei über die Türkei erfolgt. Wieder in Frankreich können die Geheimdienste die Drohungen abfangen, die von der Gruppe übers Telefon ausgestoßen oder im Internetcafé als Email verschickt werden, die Attentate von London, vom 7. Juli 2005, ließen ihren Mut enorm ansteigen. Die Verhaftung dreier Mitglieder des Netzwerkes sei aber nicht etwa deren Tollkühnheit geschuldet, sondern sie sei dem "Kommissar Zufall" zu verdanken. Scheinbar harmlose Kleinkriminelle entpuppen sich bei einer Verhaftung als von der DST gesuchte islamistische Terroristen aus der Gruppe des Safé Bourada, von dem einige Schriften bei der Wohnungsdurchsuchung der drei Verhafteten gefunden werden. Sie gestehen, daß Attentate in Frankreich geplant seien, wie schon vom Figaro berichtet. Die DST informiert die algerischen Geheimdienste, berichtet L´Express. (7)
Daraus wird die schon aus dem Artikel über den GSPC bekannte Geschichte des ehemaligen Offiziers der algerischen Armee Habib Souaidia, der das alles für Propaganda der algerischen Regierung hält. (8)
Inzwischen überschlagen sich die Nachrichten über die 1990 gegründete GSPC. Der Fernsehsender TF1 berichtet ebenfalls von dem Kommuniqué, nur daß der Sender es im Gegensatz zum Figaro auf Mitte September 2005 datiert, es sei denn, es handelte sich um ein anderes Kommuniqué, in dem Frankreich als "Feind Nr. 1" bezeichnet und wüst beschimpft und bedroht wird. (9)
Der Nouvel Observateur soll auch noch zitiert werden. Man kann ja heutzutage nicht genug bekommen von den kunterbunten Nachrichten. Diese Zeitschrift berichtet, daß die Untersuchungshaft der neun Inhaftierten bis Freitagmorgen andauern könne. Im übrigen werden die Informationen des Figaro vom Morgen, von zwölf Stunden vorher, bestätigt. Zusätzlich erfährt man, daß das Verhör des Safé Bourada vor laufenden Fernsehkameras stattfinde, was den Sprecher des Parti Socialiste Julien Dray schockiere. Der PR-wirksame Auftritt diene dem Innenminister Nicolas Sarkozy, der seinen Entwurf für ein Antiterrorgesetz Mitte Oktober in der Nationalversammlung durchbringen will. Zu diesem Zweck zeichnet er bereits am 21. September 2005 bei France3 eine Sendung auf, in der er sich zu Operationen beglückwünsche, die erst fünf Tage später durchgeführt werden, schreibt auch L´Express. (7) Der Sprecher des Innenministers weist diese Anschuldigung von sich. Der Minister habe sich auf sechs Personen bezogen, die am 19. September in Seine-Saint-Denis befragt und wieder freigelassen worden seien. Der Beitrag zum Lobe des Nicolas Sarkozy geht am Abend nach der erfolgreichen Verhaftung der neun Islamisten bei France3 über den Sender. Das löse eine "Minipolemik" aus. (10)
Falls jemand Interesse daran hat: es gibt 55 aktuelle Beiträge auf Google.fr, wenn man auf "Pages francophones" den Namen "Safé Bourada" eingibt und "Recherche Actualités" anklickt. Lassen Sie sich nicht beirren, daß 121 Artikel angegeben sind. Bei soviel Vielfalt kommt selbst Google durcheinander.
27. September 2005
Einige Perlen aus der bizarren französischen Medienwelt
(1) Les réseaux terroristes en France. Chronologie par Isabelle Tallec. L´Express, 4 avril 2003
http://www.lexpress.fr/info/france/dossier/terrorismefr/doss ier.asp?ida=389695
(2) Des islamistes projetaient un attentat dans le métro. Par Jean Chichizola, Le Figaro, 27 septembre 2005
http://www.lefigaro.fr/france/20050927.FIG0010.html?080135
(3) Les militants islamistes interpellés avaient évoqué entre eux la possibilité de frapper dans le métro. Par Piotr Smolar, Le Monde, 27 septembre 2005, 13:36 (article paru le 28 septembre)
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0,36-693330,0.html
(4) Evreux: coup de filet anti-terroriste. France 3, Marc SADOUNI avec AFP. Publié le 27 septembre 2005, à 10:12
http://www.normandie.france3.fr/info/14223580-fr.php
(5) Tariq Ramadan
http://www.europarl.eu.int/hearings/20030617/afet/cv_tra.pdf
(6) Editions Tawhid : le spécialiste de l´édition musulmane francophone
http://www.islam-france.com/
(7) Islamistes. Les rouages d´un réseau. Par Eric Pelletier, Jean-Marie Pontaut et Romain Rosso. L´Express, mardi 27 septembre 2005, mis à jour à 16:27
http://www.lexpress.fr/info/quotidien/actu.asp?id=348
(8) Die salafistische Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC), 26. September 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-09-26_21-01-23.html
(9) Le GSPC menace la France. TF1, 27 septembre 2005, 20:15
http://news.tf1.fr/news/france/0,,3249136,00.html
(10) Société. Terrorisme: les neuf interpellés toujours en garde à vue. AP. Nouvel Observateur, 27 septembre 2005, 19:48
http://permanent.nouvelobs.com/societe/20050927.FAP5094.html ?1803
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