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Jungle World und "Paradise Now" - Ausgewogenheit im Urwald der Welt

Solches gibt´s auch!

Die Zeitung "Jungle World" ist schön ausgewogen. Man verdirbt es sich nicht mit seinen propalästinensischen linken Lesern, denkt aber noch gern an die Reise nach Israel zurück, wo man letztes Jahr zwei Wochen lang in einem Kibbuz wohnt und eine Nummer der Zeitung erstellen kann, oder? Ausgewogenheit ist deshalb angesagt, Vielfalt der Meinungen. Man könnte es auch nennen: sich zwischen alle Stühle setzen und nie wieder hochkommen.

Während Markus Ströhlein in einer eindeutigen Kurzkritik den Film auf den Platz weist, auf den er gehört, nämlich auf die Müllhalde, wo schon anti-israelische Propaganda verfault wie die des Charles Enderlin über den angeblichen Mord an Mohamed al-Dura, nimmt sich Andreas Hartmann wenig originell der positiven Seite des Filmes an. (1)

Erst konstruiert er abwegige kontrafaktische Fragestellungen auf die Art: "Du, Selbstmordattentate finde ich aber nicht so gut, israelische Mütter lieben doch auch ihre Kinder!", dann demontiert er sie. Für ihn gibt´s auch nicht die Alternative, einen Film auf der Grundlage reichlich vorhandenen anderen Materials über den Terror zu drehen oder vielleicht gar keinen Film zum Thema Selbstmordattentate und ihre willigen Vollstrecker auf die Berlinale 2005 zu bringen, sondern nur "Wie hätte ein Film, der das Sujet ´palästinensische Selbstmordattentäter aus palästinensischer Sicht´ gewählt hat, die Sache differenzierter darstellen sollen, ohne dabei Kitsch zu erzeugen?"

Ihm reicht auch ein Trost: "Doch diese fehlende Radikalität bewahrt den Film immerhin davor, von palästinensischer Seite als Propagandamachwerk missbraucht zu werden."

Der Film ist nicht dazu gemacht, bei palästinensischen Hardlinern Sympathien zu erzeugen für die Selbstmordattentäter, die als differenziert denkende, fühlende und handelnde Menschen vorgeführt werden, sondern bei uns, die auch die Palästinenser als sympathisch abwägende Menschen wahrnehmen sollen, die sich erst nach langem Zögern fürs Martyrium entscheiden oder dafür, sich von der Hamas regieren bzw. kujonieren zu lassen. Bei uns sollen die Kinokassen klingeln, bei uns will der Regisseur den Erfolg einheimsen, der ihm bei Frauen nicht übermäßig zufällt, wie er in einem ZEIT-Interview gesteht. Der Film vernebelt die Tatsache, daß Selbstmordattentäter gar keine Wahl mehr haben, wenn sie sich einmal bereit erklärt haben, wie die Untersuchungen von Ariel Merari, Leiter des Center for Political Violence at Tel Aviv University, des Zentrums für politische Gewalt, an der Universität Tel Aviv ergeben. Er erforscht die Psychologie der Selbstmordattentate seit dem Überfall der Suizidbomber auf die Kasernen in Beirut, seit zwanzig Jahren.

Es geht darum, daß die Gehirnwäsche bei dem Selbstmordkandidaten bis zu dem Punkt gelingt, daß er die Angst überwindet, sie hinter sich läßt. Das ist die Aufgabe der Führer des jeweiligen Kandidaten, sie müssen es schaffen, ihn zum "Point of No Return" zu bringen, ihn Abschiedsbriefe an seine Familie und Freunde schreiben zu lassen, sich als Held und Märtyrer fotografieren und per Video aufzeichnen zu lassen. Dann ist er "lebender Märtyrer", Deadman Walking. Erst wenn sich der zukünftige Attentäter selbst als lebendigen Toten begreift, wird er losgeschickt. Ein zögerliches hin&her gibt es nicht. Der so vorbereitete Mensch würde jede Selbstachtung verlieren, wenn er nach alldem ausstiege. (2)

Hany Abu-Assad führt zwei Selbstmordattentäter wie aus den Märchen von 1001 Nacht vor. Es läuft nicht so, daß sich einzelne entscheiden können, es zu tun oder nicht. Sie werden in den Kult eingesogen und dann nicht mehr aus den Klauen gelassen. Es ist entsprechend auch nicht so, daß auf kleine jüdische Mädchen Rücksicht genommen wird und lieber Soldaten in die Luft gesprengt werden - es ist doch alles erstunken und erlogen in dem Film, das ganze Szenarium ist eine einzige palästinensische Propaganda: "Pallywood".

"Die Täter werden nicht glorifiziert und es wird eben nicht versucht, wie es immer wieder in der Kritik heißt, Empathie für sie zu wecken."

Doch! Der Erfolg, den der Film bei uns hat, bestätigt, daß es 100-pro gelungen ist, Empathie zu erwecken, und zwar für Said, den Selbstmordattentäter, nicht für Khaled, die greinende Memme: BEI UNS ! Wir fallen auf das romantische Märchen herein. Die Palästinenser brauchen den Film eh nicht, dort läuft das mit den Selbstmordattentaten ganz anders, und zu Märchen haben die keine Zeit. Bei uns verdienen Hany Abu-Assad und sein Team das dicke Geld, bei uns bereichert sich der Constantin-Filmverleih einmal mehr. "Der Untergang" und "Paradise Now", die sind kein Untergang für Bernd Eichinger - im Gegenteil, sie sichern den unaufhaltsamen Aufstieg.

Nicht "Paradise Now" zeigt den kompletten Wahnsinn, sondern Andreas Hartmann!

HaGalil veröffentlicht das, wohl nach dem Motto, wo Uri Avnery gefeiert wird, da ist auch für den harmlosen Hartmann ein Heim. (3)

Ein Grund mehr, HaGalil sich selbst zu überlassen.

Müllhalde

(1) Zur Hölle mit dem Paradies. "Paradise Now" plädiert für das Mitgefühl mit Selbstmordattentätern und das Verständnis für die Bombe. von markus ströhlein. Jungle World Nr. 40, 5. Oktober 2005
http://jungle-world.com/seiten/2005/40/6405.php

"Paradise Now" ist nicht zu einseitig, sondern zu differenziert. Als Propaganda für die Terroristen taugt er nicht. von andreas hartmann. Jungle World Nr. 40, 5. Oktober 2005
http://jungle-world.com/seiten/2005/40/6393.php

(2) Mind of the Suicide Bomber. CBS News, May 25, 2003
http://www.cbsnews.com/stories/2003/05/23/60minutes/main5553 44.shtml

(3) Paradise Now: Den Wahnsinn zeigen! "Paradise Now" ist nicht zu einseitig, sondern zu differenziert. Als Propaganda für die Terroristen taugt er nicht. HaGalil, 6. Oktober 2005
http://www.hagalil.com/archiv/2005/10/paradise-now-1.htm



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