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Die Ausbildung zum SelbstmordattentÀter - eine strategisch-politische Operation

"Es wird nicht klar, dass die Ausbildung von SelbstmordattentĂ€tern eine extrem strategisch und politisch ausgetĂŒftelte Operation ist", so Werner Schneider-Quindeau, Vorsitzender der Jury der Evangelischen Filmarbeit.

Das ist der wunde Punkt in dem Propagandafilm "Paradise Now", und daß er nicht erklĂ€rt, wie Haß entsteht und ĂŒber die Folgen von Selbstmordattentaten schweigt. Die Jury der Evangelischen Filmarbeit verwirft deshalb den Vorschlag, den Film zum "Film des Monats" zu kĂŒren. (1)

Es ist nicht so, daß Rekrutierungsoffiziere der Hamas oder des PIJ ankommen und fragen: "Haste Lust, SelbstmordattentĂ€ter zu werden?", oder "Weil ihr keine Angst vor dem Tod habt, habt ihr Macht ĂŒber das Leben", dann entscheiden sich Khaled und Said dazu, und los geht´s, unter welchen Irrungen und Wirrungen auch immer, sondern die Ausbildung zum SelbstmordattentĂ€ter ist ein nach festen Regeln ablaufender Gruppenprozeß. Ariel Merari, Leiter des Center for Political Violence at Tel Aviv University, des Zentrums fĂŒr politische Gewalt, an der UniversitĂ€t Tel Aviv, schreibt und lehrt darĂŒber seit vielen Jahren ausfĂŒhrlich und fĂŒr jedermann verstĂ€ndlich.

Seine Untersuchungsergebnisse zeigen, daß die Wahrnehmung der Fakten durch die AttentĂ€ter, die Öffentlichkeit und die Wissenschaftler, die sich damit befassen, in drei Richtungen auseinandergeht. Die irreale Figur des Khaled und solche rĂŒhrenden ErwĂ€gungen des Said, nicht den Bus mit dem kleinen jĂŒdischen MĂ€dchen, sondern den nĂ€chsten voller Soldaten in die Luft zu sprengen, sind Propagandatricks; sie dienen dazu, die Öffentlichkeit bewußt in die Irre zu fĂŒhren.

Ariel Meraris Statistik sagt anderes aus:

Ziele von SelbstmordanschlĂ€gen sind meistens Zivilisten in Einkaufsgegenden, Bussen oder Restaurants. Die AnschlĂ€ge fĂŒhren, bis zum 31. Mai 2004, zur Ermordung von 402 Zivilisten (89%) und 48 Personen aus MilitĂ€r und Sicherheitsdiensten (11%).

Die Auftraggeber der Morde sind (in Klammern die Anzahl der Toten) die Hamas (80), der PIJ (44), die Fatah (36), die PFLP (9), und 13 Opfer werden von je zwei Terrorgruppen gemeinsam verantwortet.

Zum Profil der SelbstmordattentĂ€ter: das Durchschnittsalter ist 21 Jahre, die AttentĂ€ter sind insgesamt zwischen 16 und 53 Jahre alt. Sie sind zu 90% ledig und beabsichtigen zum Zeitpunkt der Rekrutierung nicht zu heiraten. 173 der palĂ€stinensischen AttentĂ€ter sind MĂ€nner, 9 sind Frauen (5%). Die Selbstmordkandidaten sind meist von schwacherer Persönlichkeit und sozial marginalisiert. Sie denken klar und rigide, haben andererseits aber geringes Selbstbewußtsein. Die FĂ€lle der SelbstmordattentĂ€ter Izzedin al-Masri (2001) und der Hanadi Jaradat (2003) mögen dafĂŒr Beispiele sein: (2)

Die Eltern Izzedin al-Masris, offensichtlich keine gewalttĂ€tigen Fundamentalisten, beschreiben ihren Sohn, eines ihrer sieben Kinder, eher als leicht beeinflußbaren unreifen Jungen, der sich nach Anerkennung sehnte. Er arbeitete in Jenin, einem Zentrum des palĂ€stinensischen Radikalismus. Dort ist er von der Hamas wahrscheinlich einem speziellen religiösen SĂ€uberungsritus unterzogen worden, der ihn in den Wahn versetzte, rein und unschuldig seine grausame Tat auszufĂŒhren.

Hanadi Tayssir Jaradat ist zum Zeitpunkt ihrer Tat eine unverheiratete 29-jĂ€hrige Jeniner RechtsanwĂ€ltin in der Ausbildung. Am Vorabend des Yom Kippur, am 4. Okotber 2003, sprengt sie sich im arabisch-jĂŒdischen Restaurant "Maxim", in Haifa, in den Tod. 21 tote Araber und Juden, darunter drei Kinder und ein SĂ€ugling, sowie 60 Verletzte sind die Opfer. "Hanadi Jaradat war eine sehr entschlossene selbstbewußte und sogar störrische Frau in der Verfolgung von Erfolg und persönlicher Leistung," sagt ein Jugendfreund von ihr. Eine junge Frau, die in dieser orthodoxen palĂ€stinensischen Gesellschaft mit 29 Jahren noch unverheiratet ist, ist der Frage ausgesetzt, warum dem so ist. Ihr Status als Außenseiterin (misfits) ist im Dorf bekannt.

Entgegen der allgemeinen Meinung ist Armut nicht der Grund fĂŒr ihre Entscheidung. 77% der AttentĂ€ter besuchten eine höhere Schule, 20% haben Hochschulbildung, teilweise abgeschlossen. Der Durchschnitt der universitĂ€r gebildeten PalĂ€stinenser liegt bei 12%.

Trotz widersprechender Äußerungen der AttentĂ€ter und ihrer Terrorgruppen ist religiöser Fanatismus kein notwendiger oder hinreichender Grund fĂŒr die Tat. Die Fatah ist nicht religiös, die PFLP ist pseudo-marxistisch, und wirklich religöse Fanatiker weigern sich, Selbstmordattentate auszufĂŒhren. Die meisten Hamas- und PIJ-Mitglieder geben die Religion nicht als Hauptgrund zur Tat an. Die AttentĂ€ter brĂ€chten als GrĂŒnde nationale DemĂŒtigung, religöse Motive, "Gottes Willen zu tun", persönliche Rache und das Paradies vor.

Rache fĂŒr persönliches Leiden aber ist kein Hauptgrund; denn

  • 93% der palĂ€stinensischen Selbstmordkandidaten waren noch nie im GefĂ€ngnis,
  • 87% wurden niemals von israelischen Soldaten geschlagen oder bei ZusammenstĂ¶ĂŸen verwundet,
  • 93% haben keinen nahen Verwandten durch die israelischen StreitkrĂ€fte verloren,
  • 80% haben keinen sehr nahen Freund verloren.

Keiner der Selbstmordkandidaten könnte von den zustĂ€ndigen Psychiatern in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, sagt Ariel Merari, nachdem er Dutzende von Kandidaten interviewt, die verhaftet werden können, bevor sie ihre Tat ausfĂŒhren. In der Öffentlichkeit wĂŒrden vielleicht viele es als verrĂŒckt bezeichnen, Unschuldige, darunter Kinder, in Bussen, ZĂŒgen oder Restaurants zu ermorden und dies als gute Tat darzustellen. In Israel aber, wo solches manchmal pro Woche einmal geschieht, sagten die AttentĂ€ter, das sei eine gute Sache; trotzdem mĂŒsse man sie als psychisch gesund betrachten. Das einzig Abnorme an ihnen sei die an einem bestimmten Punkt totale Abwesenheit von Angst. (3)

Etwa die HĂ€lfte der SelbstmordattentĂ€ter meldet sich freiwillig, aus ihrer jeweiligen Gruppe, etwa die HĂ€lfte wird erstmalig von der Gruppe gefragt. Das EinverstĂ€ndnis wird zur HĂ€lfte innerhalb einer Woche und zur HĂ€lfte sofort erteilt. Die Rekrutierung zum SelbstmordattentĂ€ter ist ein Gruppen- und kein EinzelphĂ€nomen. Die wichtigste Rolle spielt die Terrorgruppe. Alle Selbstmordattentate werden durch Gruppen ausgefĂŒhrt, nicht auf Grund der Laune einzelner. Die drei Elemente dabei sind:

  • Indoktrination
  • Gruppenverpflichtung ("Gruppenvertrag")
  • persönliche Verpflichtung ("der Wille")

Die vom Regisseur laut eigener Aussage bewußt nicht einbezogenen Phasen der Rekrutierung und der Vorbereitung der Selbstmordkandidaten in der Gruppe machen es ĂŒberhaupt nur möglich, daß er Khaled und Said so individualistisch portrĂ€tieren kann, wie er´s tut. Das, was "nicht sein Thema" ist, nĂ€mlich die Phasen der Indoktrination, der Gruppen- und persönlichen Verpflichtung, wĂŒrde sofort Tatsachen liefern, die den Film als absurd qualifizierten.

Die Vorbereitung auf die Tat geschieht durch Gruppenindoktrination, die bei einem Drittel der Kandidaten innerhalb von zehn Tagen, bei zwei Dritteln innerhalb eines Monats erfolgreich abgeschlossen ist. In der Zeit kĂŒmmert sich die Grupe um die technische Seite, der Kandidat bereitet sich vor, in dem er Privates regelt, Schulden zurĂŒckzahlt , Kleidung und Frisur regelt, Abschied nimmt und Geschenke und Fotos an Verwandte und Freunde verteilt. Der persönliche "Wille" wird durch Fotos und Videos am Tage vor der Tat dokumentiert. Von da an gibt es kein Ausweichen und kein ZurĂŒck mehr.

Die Phase des "Launching", des Startes der Tat, geschieht von Gruppenmitgliedern eskortiert, auf Grund genauer ĂŒber Mobiltelefon gegebener Instruktionen. Wie die wissenschaftlichen Untersuchungen Ariel Meraris belegen, lĂ€uft die Phase des "Launching", die der Film "Paradise Now" abdeckt, in der Wirklichkeit völlig anders ab. In einer solchen Phase stellt sich fĂŒr die Lebenden Toten die Frage nach Alternativen nicht mehr, sondern nur noch, wie sie ihre Angst bewĂ€ltigen. Ihr Verhalten auf dem Wege zur Tat ist bestimmt durch eine gewisse geistige BeschrĂ€nktheit ("Gesichtsfeldeinengung") und durch Zögern, das stĂ€rker wird, je nĂ€her sie dem Ziel kommen. Einige geraten in Ekstase oder lĂ€cheln verklĂ€rt. Die Gewißheit aber, als MĂ€rtyrer fĂŒr den Islam und fĂŒr PalĂ€stina das ewige Leben zu erringen, treibt sie vorwĂ€rts zur Tat.

Der "MĂ€rtyrer" wĂŒrde seine Selbstachtung verlieren, wenn er jetzt ausstiege, fĂŒr ihn ist der Fall abgeschlossen. Das ist die Kunst, es funktioniert wie bei anderen Kulten. Die Tat abzubrechen, sie nicht auszufĂŒhren, bedĂŒrfte einer Entschuldigung. Die geschickte Arbeit der Terrorgruppe bewirkt, daß es keine Entschuldigung gibt. (4)

Die romantischen Darstellungen der Person des Said und seines Widerstandes gegen weibliche Sinnlichkeit und VerfĂŒhrung, sein Ringen mit sich, sein Verzicht, seine Mutter noch einmal zu sehen, das hat ZĂŒge der Jesuslegende. Da ist es dem Zuschauer möglich, etwas wiederzuerkennen, Zugang zu dem SelbstmordattentĂ€ter zu bekommen, ihn zu verstehen. Said ĂŒberwindet "den inneren Schweinehund", das lernen die Deutschen von klein auf, damit können sie sich identifizieren. Das ist das Geheimnis des Erfolges von "Paradise Now".

7. Oktober 2005 - mit ErgÀnzungen im Bereich der Anmerkungen 1: Erziehung von Kindern zu SelbstmordattentÀtern, 17. Oktober 2005

(1) Ganz nah dran: "Paradise Now". Der gelobte und umstrittene Film ĂŒber palĂ€stinensische SelbstmordattentĂ€ter startet in den Kinos. Von Sabine Horst (epd), 28. September 2005
http://www.epd.de/epdfilm_neu/33192_37428.htm

"Paradise Now": Anmerkungen zum Filmheft. Von Stephanie Sellier, Lehrer Online, 7. Oktober 2005
http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?url=492804.htm

Erziehung von Kindern zu SelbstmordattentÀtern:

"Ask for Death!" The Indoctrination of Palestinian Children to Seek Death for Allah - Shahada, by Itamar Marcus, Director Palestinian Media Watch
http://www.pmw.org.il/AFD.html

(2) Mrs. Kaboom: Profile of the Palestinian´s first female bombmaker. By Associated Press. israelinsider, October 12, 2005
http://web.israelinsider.com/Articles/Security/6822.htm

Selbstmordattentate mit alter Tradition. Hassan-i-Sabbahs Schatten ĂŒber Israel (Stand: 13. August 2001)
http://www.eussner.net/artikel_2004-07-07_22-12-51.html

Der PalÀstinensische Islamische Djihad (PIJ). Eine Terrororganisation zur Zerstörung des Staates Israel. 17. November 2003
Darin: Hanadi Jaradat erkÀmpft die Gleichberechtigung der Frau
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-18_20-12-11.html

(3) Experts: Suicide Bombers Not Crazy. ABC News´ John Donvan originally reported this story for "Nightline" on July 29, 2005. ABC News, August 6, 2005
http://abcnews.go.com/Nightline/LondonBlasts/story?id=100480 9&page=1

Mind Of the Suicide Bomber. CBS News, May 25, 2003
http://www.cbsnews.com/stories/2003/05/23/60minutes/main5553 44.shtml

(4) Suicide Terrorism. By Ariel Merari, Power Point Presentation, October 25, 2004
http://www.nijpcs.org/terror/Ariel%20Merari.ppt



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