
Scientology
Sekten aller Art sind furchtbar. Hier ein Erlebnis, das ich in den 80ern hatte:
Mein Frisiersalon war in der Joachimstaler Straße, zwei Minuten vom Bahnhof Zoo. Dort arbeitete Moni, eine Friseuse, die mir immer einen scharfen Putz auf den Kopf setzte. Da ich die spirrigsten Haare habe, war das einfach super, alle waren begeistert - außer meiner zu Besuch in Berlin weilenden Mutter, die meinte: "Eine Dame in deiner Position trägt sowas nicht!" und zu meinem Ehemann gewandt: "Gestattest du denn solches?", worauf mein lieber Ehemann verdutzt rückfragte, was er denn da zu gestatten hätte ...
Moni war eine zierliche Person. Von Haus aus war sie katholisch aber ganz und gar keine Kirchgängerin. Sie trug um den Hals ein kleines Goldkreuz. Moni erwarb bald einen eigenen Salon unweit vom KaDeWe. Dort wurde sie schnell berühmt. In ihren herrlich dekorierten Salon kamen nicht nur die vom Vorbesitzer übernommenen älteren Damen aus dem Kiez, sondern mehr und mehr bevölkerten die Schönen aus Tanz, Tonfilm und Operette den Salon. Alles was rumwippte in Schwulen-, Transen-, Lederkreisen - von Moni wurden sie verschönert. Moni verdiente gut, zog endlich aus der Wohnung ihres alkoholkranken Ehemannes aus, ließ sich scheiden und mietete alsbald die Wohnung über dem Laden. Sie zog mit mir des öfteren um die Häuser, und ich verkehrte dadurch in Bars, deren Türsteher mich allein gar nicht reingelassen hätten.
Eines Tages kam ich in den Salon und fand eine sehr streng dreinschauende Frau vor, die dort anscheinend saß, um sich frisieren zu lassen. Wie wunderte ich mich, daß sie gar nicht vor mir drankam, sondern weiterhin dort sitzen blieb. Das nächste Mal war sie wieder da. Dann wurde die Dekoration des Salons allmählich immer schlichter und langweiliger. Die Frau war erstmal nicht mehr da. Moni aber, die wußte, daß ich ´ne Linke war - ihr ehemaliger Chef gehörte zur selben Couleur wie ich, sie erzählte mir zunächst schüchtern und mit vielen Entschuldigungen, daß sie mich damit überhaupt behelligte, dann aber zunehmend bestimmter etwas von Tonbändern, auf denen geistig-geistliche Botschaften erklängen, die sie aufrichteten und ihr viel Kraft gäben. Sie hatte mehrere dieser Tonbänder vor einen der Frisierspiegel drapiert. Ich sollte doch mal ein Band mitnehmen. Ich habe dankend abgelehnt.
Der Salon wurde nach und nach immer trister, und statt der schrägen Leute kamen bald nur noch die älteren Damen aus dem Kiez. Inzwischen saß hin&wieder im Salon ein talgig aussehender junger Mann, der war Monis neuer Freund. Moni, die immer die hinreißendsten Frisuren trug - sie hatte so ähnliche Haare wie Ava Gardner, (*) sie kam plötzlich mit Lockenwicklern in den Salon und erklärte, sie müßte heute abend gut aussehen, weil sie beten müßten für einen, der umgehend 100 000 DM bräuchte. Eines Tages war auch die Frau wieder da, sie half im Salon und wusch mir meine Haare so, daß sie mir den ganzen Kopf mit ihren Fingernägeln zerkratzte. Ich hatte davon noch tagelang Kopfschmerzen.
Da war´s Schluß, und ich kündigte ihr meine Freundschaft auf. Sie meinte beinhart, sie könnte das nicht ändern. Inzwischen waren die Balkonblumen der Wohnung über dem Laden nicht mehr bunt und lustig, sondern es wurden weiße Fleißige Lieschen gepflanzt. Der junge Mann war bei ihr eingezogen. Ich hörte später, sie hätten geheiratet. Sie hätte der Sekte Scientology jeden Monat eine bestimmte Summe Geldes abzuliefern. Dafür schuftete sie Woche um Woche im Salon und machte noch zusätzlich Hausbesuche.
Neulich kam ich zufällig an dem Laden vorbei. Da war schon lange kein Frisiersalon mehr ...
(*) Ava Gardner
http://adorocinema.cidadeinternet.com.br/personalidades/ator es/ava-gardner/ava-gardner04.jpg
13. Oktober 2005
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