
Alain Finkielkraut, das Interviewerpärchen und die Geier (Teil 1)
Über das Interview mit der politisch linken, antireligiösen und "postzionistischen" israelischen Zeitung "Haaretz", der bevorzugten Lektüre des Jerusalemer und Tel Aviver Establishments, mit dem französischen Philosophen Alain Finkielkraut gibt es inzwischen im Internet zahlreiche Kommentare. Eine Übersetzung der wichtigsten Passagen des in hebräisch und englisch erschienenen neunseitigen Interviews ins Deutsche kann man auf dem Blog von Kewil lesen. (1)
Eine auszugsweise Übersetzung ins Französische, ohne die Kommentare der beiden Interviewpartner, angereichert mit Kommentaren der Übersetzer, stammt von Michel Warschawski und Michèle Sibony. Ein Beispiel sei die Präsentation auf der linken Site "Bellaciao", wo der Titel entsprechend dem hebräischen lautet: "Il ne sont pas malheureux, ils sont musulmans", Sie sind nicht unglücklich, sie sind Muslime. "Bellaciao" gibt seinen linken Lesern Lesehilfe: "Alle kursiven Stellen stammen von den Übersetzern" und "Übersetzung aller Fragen und Antworten des Philosophen. Die nichtübersetzten Teile sind die Stellen der Kommentare der Journalisten (Dror Mishani und Aurelia Smotriez bzw. Aurélia Samothraiz , G.E.), die eher überrascht waren von dem, was sie hörten. Titel auf dem Umschlag der Beilage, unter dem Foto von A. Finkielkraut: ´Ihr Israelis, Ihr versteht mich´." (2)
"Bellaciao" informiert nicht darüber, daß Alain Finkielkraut diese Äußerung an keiner Stelle des Interviews tut, sondern daß sie wie die Überschriften von den Interviewern frei erfunden ist. Gerade gegen den in solchen Ausdrücken dokumentierten Kommunitarismus wendet sich der Philosoph im Interview. Wer französisch liest, der kann sich auch die 22 Kommentare antun; sie geben in etwa das Arsenal der französischen Linken und Linksradikalen wieder. Gleich der erste Satz zur Einstimmung lautet: "Gut, einzige Lösung für Alain, nach Israel ziehen: aber da tun mir die Israelis der Linken leid oder die Anhänger des Friedens wie M. Warschawski ...", was eine Anspielung auf die vom Kommentator nicht verstandene Textstelle des Interviews ist, wo Alain Finkielkraut folgendes sagt:
"Das Problem ist, die (Einwanderer) müssen sich als Franzosen betrachten. Wenn die Einwanderer sagen ´die Franzosen´, wenn sie die Weißen meinen, dann sind wir verloren. Wenn ihre Identität irgendwo anders liegt, und sie sind nur in Frankreich aus Nützlichkeitserwägungen, dann sind wir verloren. Ich muß zugeben, daß die Juden auch anfangen, diesen Satz zu benützen. Ich höre sie sagen ´die Franzosen´, und ich kann das nicht ab. Ich sage ihnen: ´Wenn für Sie Frankreich nur eine nützliche Angelegenheit ist, aber Ihre Identität ist Jude, dann seien Sie ehrlich. Sie haben Israel.´ ... Wir leben in einer post-nationalen Gesellschaft, in der der Staat für jeden eine utilitaristische, große Versicherungsfirma ist. Das ist eine extrem ernste Entwicklung.
Aber wenn die Einwanderer einen französischen Ausweis haben, dann sind sie Franzosen. Und wenn nicht, haben sie das Recht zu gehen. Sie sagen: Ich bin kein Franzose. Ich lebe in Frankreich und ich bin in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Niemand hält sie hier! Und da beginnt präzise die Lüge. Denn wenn es Vernachlässigung und Armut wären, würden sie woanders hingehen. Aber sie wissen sehr gut, daß woanders und speziell in den Ländern, wo sie herkommen, die Situation viel schlechter ist, was Rechte und Chancen angeht." (1)
"Bellaciao" veröffentlicht auch die englische Version des Interviews. Dazu gibt es zwei Kommentare. Der erste lautet: "Nun erscheint der orchestrierte Mob. Furcht und Haß gegen Muslime lösen das Problem nicht, sondern sind das Problem." (3)
Selbstverständlich geht kaum ein Kritiker auf das ein, was Alain Finkielkraut sagt, bzw. sie reißen es aus dem Zusammenhang. Sie lesen nur das darin, was ihr Vorurteil bestärkt. Den Titel "Philosoph" sprechen sie ihm ab.
Das Interview soll hier vor allem in seiner Form und durch die außer Alain Finkielkraut auftretenden Personen vorgestellt werden. Schon allein daraus ist vieles abzulesen und zu erklären. Ausgegangen wird im folgenden von dem englischen Text. Das Interview wurde in französisch geführt.
Interviewpartner des Philosophen Alain Finkielkraut sind der Forschungsstudent der Literatur und Dozent an der Abteilung für hebräische Literatur der Ben-Gurion Universität des Negev Dror Mishani, der zum Thema "(Post)koloniale Vorstellung in der israelischen Literatur in den 1980ern" bzw. "Mizrahi body image and sexuality in the Hebrew literature of the 1980s", Vorstellung vom Körper und Sexualität der Mizrahi (Juden, die in der muslimischen Welt leben) in der hebräischen Literatur der 1980er Jahre promoviert, und Aurelia Smotriez, die im Jahre 2001 im Pariser Centre d´Études et de Recherches Internationales (CERI) Forschungsdoktorandin über den "Israelisch-palästinensischen Konflikt" bei Prof. Alain Dieckhoff ist. Weitere Informationen über Aurelia Smotriez, beispielsweise, was aus ihr seit 2001 geworden ist, habe ich dem Internet nicht entnehmen können. (4)
Zur Einschätzung der Verbreitung des Interviews im Internet (es gibt keine weiteren gemeinsamen Auftritte der beiden):
Google.fr Web: Dror Mishani Aurelia Smotriez 767 Angebote
Google.fr pages francophones : Dror Mishani Aurélia Samothraiz 91 Angebote
Die Form des Interviews
Die sehr abfällig klingende Überschrift "What sort of Frenchmen are they?", Welcher Art von Franzosen sind sie? stammt ebensowenig wie die hebräische und französische von Alain Finkielkraut, sondern von "Haaretz". (5)
a) Einleitung
Das Interview folgt einem, gelinde gesagt, originellen Aufbau. Es wird nicht der Interviewpartner am Anfang vorgestellt, und dann geht´s los mit dem Interview, sondern Dror Mishani und Aurelia Smotriez stimmen ihre Leser in vier langen Absätzen emotional auf den Interviewpartner ein. Der trifft sich mit ihnen "eines Abends im Pariser eleganten Café Rostand, wo die Innendekoration aus Bildern im orientalischen Stil besteht, und die Terrasse den Luxemburg-Gärten gegenüberliegt." Welch ein Kontrast zu den armen Jugendlichen, zu den besprochenen Aufständen in den Vorstädten von Paris! Welch eine Abgehobenheit des bourgeois-bohémien ("bobo") Philosophen von der Wirklichkeit! "Schicki-micki", würden wir vielleicht sagen.
Nun mag sich das Café Rostand verschönert haben; leider habe ich es bei meinem letzten Aufenthalt neulich nicht besucht. Ich kenne es als eines der durchschnittlichen Cafés in der Gegend. Pascal Forget, für den das Café unter "ferner liefen" rangiert, schildert es für Touristen so: "Perfektes Ambiente, um sein Tagebuch, Briefe oder Ansichtskarten zu schreiben ..." (6)
Es folgt ein Hinweis des Dror Mishani und der Aurelia Smotriez, die berichten, daß Alain Finkielkraut ihnen als erstes gesagt habe: "Ich hörte, daß sogar Haaretz einen sich mit den Aufständen identifizierenden Artikel veröffentlichte." Tatsächlich stammt der Artikel von Dror Mishani, aus "Haaretz", vom 7. November 2005, was der Philosoph also nicht weiß, und was die beiden dem Interviewpartner während des gesamten Interviews nicht verraten.
Der Beitrag heißt "Solidarität mit Murad und Munir". Das sind zwei Männervornamen. Mit Aishe und Fatma gibt´s von Dror Mishani keine Solidarität. Das hat er mit den arabisch- und schwarzafrikastämmigen Aufrührern gemein. Eine Überschrift "Solidarität mit Murad und Fatma" hätte das ganze linke Kartenhäuschen des Dror Mishani sofort in sich zusammenfallen lassen; denn mit dem Kampf um Rechte für Frauen hat der Zauber nichts zu tun, im Gegenteil, er dient dazu, den Frauen und Mädchen noch mehr Rechte zu nehmen.
Der Autor verhehlt kaum seine Begeisterung über die Aufstände: " ... die französische Linke mit ihrer reichen revolutionären Tradition panikte nicht beim Brennen der Autos und der Tatsache, daß die Demonstranten (sic!) auf die Straße gingen (sic!): viele ihrer Anführer taten das gleiche während der Studentenrebellion 1968 ..."
Er berichtet von der offenen Freude zahlreicher Israelis, ausgedrückt vor allem auf Web Sites: "schadenfreude" nennt er es mit dem deutsch-deutschen Wort, das die Perversität ausdrücken soll. Aber es ist wohl in Israel mit den Kommentaren zum Aufruhr in Frankreich so wie mit denen zu den Äußerungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad, Israel zu vernichten: die Israelis erhoffen sich Einsichten, Akzeptanz der Tatsachen. Bei Linken in Frankreich und in Israel darf man eine solche Hoffnung nicht haben, wie der Bericht des Dror Mishani vorführt, im Gegenteil, sie machen sich lustig. (7)
Wenn Alain Finkielkraut diesen Artikel gekannt hätte, dann wäre es möglich, daß er sich dem Dror Mishani und der Aurelia Smotriez nicht zu einem Interview gestellt hätte. Aber solche Überlegungen sind leider müßig.
Ort des Interviews und Einschätzung des Artikels zeigten hinreichend die Gefühle des Alain Finkielkraut, eines der prominentesten Philosophen Frankreichs der letzten 30 Jahre. Er sei entsetzt gewesen bei jedem Artikel, der Verständnis für oder Identifizierung mit "den Rebellen" gezeigt hätte, "(und in der französischen Presse gibt es viele davon)", informieren Dror Mishani und Aurelia Smotriez die Leser, und darüber, daß der Philosoph mehrfach geäußert hätte, daß dies Dinge seien, die er in Frankreich nicht mehr äußern könne. "Es ist unmöglich, vielleicht sogar gefährlich, solche Dinge heute in Frankreich zu sagen."
Die Leser erfahren nicht, für wen das gefährlich sein soll: für den Philosophen? den Kritiker? den Juden? Dror Mishani und Aurelia Smotriez berichten es nicht, oder hat ihnen Alain Finkielkraut nichts weiter gesagt, über die im Gleichschritt marschierenden Medien, den Antisemitismus der muslimischen Jugendlichen, Kindern von Immigranten der zweiten und dritten Generation, über die oft kritiklos palästinenserfreundlichen Linken?
Es folgt unmittelbar das Verdikt der "Haaretz": "Finkielkrauts Stimme ist eine abweichende, sogar sehr abweichende Stimme, wobei "deviant" sowohl in englisch als auch in hebräisch heißen kann, von Anfang an disharmonisch, nonkonformistisch, aber unterschwellig auch moralisch abweichend, einschließlich sexueller Komponente, wie Michel Gurfinkiel in "Valeurs Actuelles" meint. In französisch heißt "déviant" von der Norm abweichend, ungewöhnlich. (8)
Denjenigen Linken und Linksradikalen, die nun einwenden mögen, die Zeitschrift "Valeurs Actuelles" gehöre mehrheitlich dem Rüstungskonzern Dassault, und die ihr Urteil danach einrichten, denen sei gesagt, daß die wüstesten Kampfschriften der ATTAC von Verlagen im Mehrheitsbesitz des Rüstungskonzerns EADS veröffentlicht werden.
Ungewöhnlich also ist die Ansicht des Alain Finkielkraut für die "Haaretz", weil "sie nicht aus der Kehle, aus dem Rachen (´throat´) eines Mitgliedes von Jean-Marie Le Pens Front National" stamme, "sondern aus der/dem eines Philosophen, der einstens als einer der überragenden Sprecher der französischen Linken" angesehen worden sei. Das führt die Journalisten selbstverständlich nicht dazu, über die heutigen linken Positionen nachzudenken und diese vielleicht zu hinterfragen oder gar zu revidieren, sondern das Interview wird gemessen an den unverrückbaren linken Wahrheiten.
Dror Mishani und Aurelia Smotriez erklären im nächsten Absatz und beginnen auch schon mit dem Interview, daß die Aufstände in den Vorstädten von der französischen Presse hauptsächlich als ökonomisches Problem wahrgenommen würden, als Reaktion auf ökonomische Schwierigkeiten und auf Diskriminierung. In Israel dagegen herrsche manchmal die Tendenz vor, sie als Gewalt anzusehen, die aus religiösen oder zumindest ethnischen Ursprüngen stamme - als Teil eines islamischen Kampfes: "Wo würden Sie sich in Bezug auf diese Positionen ansiedeln?"
b) Zwischenüberschriften, Fragen und Kommentare
Nicht nur die Artikelüberschrift sowie die Unterschrift unter dem Foto des Alain Finkielkraut stammen von "Haaretz", sondern auch Zwischenüberschriften, unter denen es dann nicht etwa mit Fragen weitergeht, sondern es folgen wiederum wie zu Anfang des Artikels einstimmende Kommentare von Dror Mishani und Aurelia Smotriez. Die fünf Überschriften lauten:
- Anti-republikanisches Pogrom
- Postkoloniale Geisteshaltung
- Fürchterliche Taten
- Kriegserklärung
- Gescheiterte Modelle
Sind die Leser gerade dabei, einen Gedanken zu fassen über die Äußerungen des Philosophen, so werden sie von den Interviewpartnern hinweggenommen und auf eine andere Spur gesetzt.
Auf die Frage, ob der Aufruhr von Alain Finkielkraut nicht gesehen wird als einer gegen Frankreich, sondern gegen den gesamten Westen, antwortet dieser: "Nein, sie sind gegen Frankreich als frühere Kolonialmacht gerichtet, gegen Frankreich als europäisches Land. Gegen Frankreich, mit seiner christlichen oder jüdisch-christlichen Tradition."
Nun ist das Thema auf einer diskussionswürdigen Ebene angelangt, beispielsweise über die Rolle des Islam in diesem Land der jüdisch-christlichen Tradition, und Dror Mishani und Aurelia Smotriez schreiten ein, in dem sie an dieser Stelle auf die Person und den Werdegang des Alain Finkielkraut eingehen: Mai 1968, École Normale Supérieure, "neue Philosophen", "junge Philosophen, viele von ihnen jüdisch", der Philosoph als Buchautor, als "Konservativer", so benannt von anderen, als Verteidiger des Laizismus, gegen des Kopftuch in Schulen, gegen die ethnischen Säuberungen in Bosnien, wobei nicht erwähnt wird, daß es Muslime sind, für die Alain Finkielkraut schützend eintritt.
So geht es systematisch weiter. Gelangen die Leser an bedenkenswerte Äußerungen des Philosophen, gar an solche, die mit ihren eigenen Erfahrungen übereinstimmen, werden sie durch Dror Mishani und Aurelia Smotriez entführt zu weiteren Äußerungen des Alain Finkielkraut: "Wir sind Zeugen einer islamischen Radikalisierung, die in ihrer Gesamtheit erklärt werden muß, bevor wir zum Falle Frankreichs kommen, in einer Kultur, die, anstatt sich mit ihren Problemen zu befassen, nach einer äußeren schuldigen Gruppe sucht. Es ist leichter, eine äußere schuldige Gruppe zu finden. Es ist eine Versuchung, dir selbst zu sagen, in Frankreich würdest du vernachlässigt, und zu sagen: ´Gib mir, gib mir ("Gimme, gimme"). Das hat so noch nie für jemanden funktioniert. Das kann nicht funktionieren."
An dieser Stelle werden viele ältere Menschen in Israel, in Europa und in den USA an ihre Jugend denken, wie sie sich krummgelegt haben, um aus Armut und Schlamassel herauszukommen, wie sie sich mit wenig begnügten, damit ihre Kinder studieren konnten usw. Auch jüngere Leser werden an Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern erinnert, wie sie es ihnen ermöglicht haben, heute ein gutes Leben zu führen. Sie könnten stutzig werden über das Gerede von den armen Vorstadtkindern, sie könnten sich fragen, warum die muslimischen Immigranten sich ihren Kindern gegenüber mehrheitlich nicht so verhalten, aber Dror Mishani und Aurelia Smotriez sind zur Stelle mit der "Postkolonialen Geisteshaltung". Sie sprechen von Alain Finkielkrauts Sorgen um das französische Schulwesen, mit dem sich viele französische Intellektuelle identifizierten, mit dem Zeigen von Verständnis für die Quellen der Gewalt, mit der postkolonialen Geisteshaltung, die das Schulwesen durchdringe, die "nicht nur Frankreich als Ganzes, sondern auch die Juden des Landes bedrohen, weil sie eine Infrastruktur für den neuen Antisemitismus schaffen."
Nun sind die Leser, diesmal durch Dror Mishani und Aurelia Smotriez, wiederum an einem bedenkenswerten Aspekt der Diskussion angelangt, und warten vielleicht auf weitere Meinungen des Philosophen dazu, aber diesmal lenken die beiden Interviewer ab, in dem sie nicht fragen, sondern ihrerseits die Äußerungen des Philosophen über die Islamisierung in den USA sowie die Behauptung des Louis Farrakhan darüber einblenden, daß die Juden eine zentrale Rolle zur Schaffung der Sklaverei gespielt hätten, und daß heute "der wahre Patron des Antisemitismus in Frankreich" der Komiker Dieudonné sei, und nicht der Front National des Jean-Marie Le Pen: "Dieudonné will einen ´Holocaust´ auch für Araber und Schwarze." Man mag mit den Ansichten des Philosophen über die wunderbare positive Wirkung der Kolonialisierung für die Einwohner der kolonisierten Länder nicht einverstanden sein, recht hat er aber mit der Feststellung: "Die Abschaffung der Sklaverei ist eine europäische und amerikanische Angelegenheit. Aber diese Wahrheit über die Sklaverei kann in Schulen nicht gelehrt werden."
Er hätte noch ergänzen können, daß ebenfalls die Wahrheit nicht gelehrt werden kann, daß der Sklavenhandel ab dem frühen Mittelalter von muslimischen Arabern betrieben wurde, daß sie sich für die Kastrierung der Sklaven jüdischer und christlicher Dhimmis bedienten, weil sie in ihrer grenzenlosen Heuchelei zwar die kastrierten Sklaven halten konnten, nicht aber diese selbst kastrieren durften, und daß bis heute die Araber in arrogantester Weise auf Schwarzafrikaner hinabsehen. Wer jemals in den Ländern Nordafrikas unterwegs war, kann das bestätigen. (9)
Alain Finkielkraut drückt seine große Sorge aus, daß beim Triumph einer "Francophobia" das Leben in Frankreich für Juden unmöglich werde. Die Juden verstünden das jetzt. Die Sympathien für die neuen "Verdammten dieser Erde", im Frantz Fanonschen Sinne - den Dror Mishani und Aurelia Smotriez übrigens nicht weiter zu kennen scheinen, sonst hätten sie "Frantz" und nicht "Franz" geschrieben - ließen die Juden fragen, was es mit diesem Land auf sich habe, was ihm geschehen sei. Wer an der Richtigkeit dieser Beobachtung zweifelt, der lese die Kommentare bei "Bellaciao". (2)
Wenn das ein islamischer Angriff sei, so fragten sie, warum Juden nicht angegriffen wurden, fahren Dror Mishani und Aurelia Smotriez unschuldig fort. Alain Finkielkraut antwortet: "Was wir erlebt haben, das ist ein anti-republikanisches Pogrom. Sie sagen uns, daß diese Viertel vernachlässigt seien und die Leute in Verzweiflung. Welche Verbindung besteht zwischen Armut und Verzweiflung und dem Anrichten von Zerstörung und dem Inbrandsetzen von Schulen? Ich glaube nicht, daß irgendein Jude solches jemals täte."
Bevor er fortfahren kann, das weiter zu erläutern, über die Rolle der "schul" für die Juden, das Lernen in der Synagoge, muß die Zwischenüberschrift "Fürchterliche Taten" eingefügt werden. Mit denen fährt der Philosoph dann tatsächlich fort, aber die Äußerung über die "schul" hätte vor die Zwischenüberschrift gehört, zum Komplex "Inbrandsetzen von Schulen". Nun ist das Lernen in der "schul" eine "fürchterliche Tat". Die aber ist für Alain Finkielkraut der Aufruhr in den Vorstädten und die Reaktion, die er erfuhr. "Diese Leute wurden als Rebellen, als Revolutionäre behandelt. Das ist das schlimmste, was meinem Land widerfahren konnte."
Solche Rede mögen Dror Mishani und Aurelia Smotriez sicherlich gar nicht gern hören, hat Dror Mishani doch in seinem einfühlsamen Artikel "Solidarität mit Murad und Munir" (6) eine eben solche Reaktion gezeigt. Der Philosoph meint dagegen, man müsse die Aufrührer dazu bringen, sich zu schämen: "Scham ist der Beginn der Ethik". Stattdessen habe man ihr Handeln legitimiert, sie seien "interessant", sie seien "die Verdammten dieser Erde". Dann dreht er den Spieß um und fragt seinerseits: "Stellen Sie sich für einen Augenblick vor, sie wären Weiße, wie in Rostock, Deutschland. Sofort hätte jeder gesagt: ´Faschismus wird nicht toleriert.´ Wenn ein Araber eine Schule abfackelt, dann ist das Rebellion, wenn ein weißer Typ das tut, ist´s Faschismus. Ich bin ´farbenblind´. Übel ist Übel, unabhängig von der Farbe. Und dieses Übel ist für den Juden, der ich bin, vollständig untolerierbar."
Dror Mishani und Aurelia Smotriez lenken nun in schon bekannter und bewährter Art vom Thema ab, das in den Lesern sicherlich viele Gedanken angeregt hat über die Doppelmoral der Beschöniger der Ausschreitungen. Sie schieben einen Kurzkommentar über Arbeitslosigkeit in den Vorstädten ein: fast 40 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren haben keine Chance, eine Anstellung zu finden."
Alain Finkielkraut aber kehrt zurück zur "schul". Zur Schule gehe man, um zu lernen. "Kultur und Erziehung haben eine Rechtfertigung in sich." Das Zerstören von Schulen sei kein Hilferuf für mehr Schulen, sondern der Wunsch, diese Mittler zwischen sich und den Objekten der Begierde zu zerstören: "Und was sind ihre Objekte der Begierde? Einfach: Geld, Designerkleidung, manchmal Mädchen. Und das ist etwas, für das unsere Gesellschaft sicherlich Verantwortung trägt. Weil sie alles sofort wollen, und was sie wollen, ist allein das Ideal der Konsumgesellschaft."
Nun müssen Dror Mishani und Aurelia Smotriez eine Zwischenüberschrift einfügen und von diesem Thema sofort ablenken. Sind die Forderung und der Vorwurf nicht genau das, was die Linken und Linksradikalen ebenfalls täglich predigen? Gegen die Konsumgesellschaft! Gegen Werbung! Wer hätte nicht die ständigen Reden in der Sendung des Daniel Mermet "Là-bas, si j´y suis" in Erinnerung? Dort meldet sich hin und wieder eine Gruppierung zu Wort, die daran erinnert, daß man nicht nachlasse, gegen die Werbung, gegen die Konsumgesellschaft anzugehen. Peinlich für Dror Mishani und Aurelia Smotriez?
Sie melden sich jedenfalls mit der Überschrift "Kriegserklärung" zu Wort und bringen einen längeren Kommentar zu einem völlig anderen Thema, womit die Leser vom Grübeln über die Konsumkomponente, gar über die Frauen als Objekte des Konsums, abgelenkt werden. Sie kommen zurück auf Alain Finkielkrauts polnische Herkunft. Seine Großeltern seien in Auschwitz umgekommen, sein Judentum sei ein zentrales Thema in seinen Schriften geworden, besonders seit Beginn der Intifada II und des Anstiegs des Antisemitismus in Frankreich: "Er ist einer der Anführer des Kampfes gegen den Antisemitismus in Frankreich und ebenfalls einer der prominentesten Unterstützer Israels und seiner Politik gegenüber Israels zahlreichen Kritikern in Frankreich." Israels Politik, das ist die Politik Ariel Sharons, das versteht ein jeder.
So werden die Leser der politisch linken, antireligiösen und "postzionistischen" israelischen Zeitung "Haaretz" wieder zur Vernunft gebracht, sollten sie vielleicht soeben auf abtrünnige Gedanken gekommen sein. Dror Mishani und Aurelia Smotriez liefern ihnen die Erklärung für Alain Finkielkrauts merkwürdige Ansichten. Der Philosoph redet im jüdischen Radio JCR, einer der vier jüdischen Radiostationen in Frankreich: "Seine Ansicht der Ereignisse wird sicherlich einen Einfluß unter den französischen Juden darauf haben, auf welche Art sie wahrgenommen und verstanden werden. Aber dieser jüdische Philosoph und hartnäckige Kämpfer gegen den Antisemitismus benutzt diese letzten Ereignisse, um Krieg zu erklären - dem "Krieg gegen Rassismus".
Hier könnte man etwa den Höhepunkt der Infamie des Dror Mishani und der Aurelia Smotriez ausmachen. Sie erklären, sprachlich gut verpackt, Alain Finkielkraut zum Rassisten; denn der erkläre dem "Krieg gegen Rassismus" den Krieg. Diese Hinterfotzigkeit wird weitergeführt, in dem jetzt nicht etwa wörtliche Ausführungen zu der Behauptung geliefert werden, sei es von den Interviewpartnern, sei es von Alain Finkielkraut, sondern Dror Mishani und Aurelia Smotriez führen den Beweis indirekt, durch den Lebenslauf des jüdischen Philosophen, dem sie das Wort erteilen: "Ich wurde in Paris geboren, aber ich bin der Sohn polnischer Emigranten. Mein Vater wurde aus Frankreich deportiert. Seine Eltern wurden deportiert und in Auschwitz ermordet. Mein Vater kam aus Auschwitz zurück nach Frankreich. Dieses Land verdient unseren Haß: Was es meinen Eltern angetan hat, das war viel gewalttätiger als das, was es Afrikanern antat. Was tat es den Afrikanern an? Es tat nur Gutes. Es schickte meinen Vater für fünf Jahre in die Hölle. Und ich wurde niemals zu Haß erzogen. Und heute ist der Haß, den die Schwarzen haben, sogar größer als derjenige der Araber."
"Dieses Land verdient unseren Haß": Es wäre ein Leichtes gewesen zu formulieren: "Obgleich meine Eltern allen Grund dazu gehabt hätten, haben sie mich niemals zum Haß erzogen."
Mit der Bemerkung "Es tat nur Gutes" liefert der Philosoph eine weitere Breitseite. Hätte er nur gesagt "Es tat auch viel Gutes/manches Gute"! Jedem ist klar, daß die Herren der Kolonialvölker nicht "nur Gutes" taten, im Gegenteil. So versinken die bedenkenswerten Äußerungen des Alain Finkielkraut in einem Meer von persönlichem Schicksal und linkischen Ausdrücken. Hat er das Interview gegengelesen? Wohl kaum.
Aus den weiteren Ausführungen auf die Frage, ob er aufrecht erhalte, daß Diskriminierung und Rassismus, von denen die Jugendlichen redeten, nicht existiere, antwortet er: "Sicher existiert Diskriminierung. Und sicherlich gibt es französische Rassisten..." Aber er setzt sich erneut ins Unrecht, wenn er behauptet, diese Menschen würden die Araber und Schwarzen jetzt noch weniger leiden können, wenn sie wüßten, wie sehr sie von denen gehaßt würden. Dieses Argument ist genauso unzutreffend wie die Behauptung, der Antisemitismus stiege an durch Handlungen von Juden und von israelischen Politikern gegenüber den Palästinensern.
Die weiteren Tatsachen über die Sprache der Vorstadtkids, über ihre mangelnde Disziplin und Sitten, über die Notwendigkeit ernsthafter Erziehung werden nunmehr wenig nützen. Viele Leser der "Haaretz" und andere Linke weltweit werden dem Philosophen nichts mehr abnehmen, sondern sich vielmehr auf ihr bewährtes Weltbild zurückziehen.
Sie werden der Nuancierung über den "Krieg gegen den Rassismus" nicht folgen. Was er dazu sagt - und hier kommen Vereinigungen wie MRAP oder L.D.H. ins Spiel - das trifft leider genau: wo waren diese während des Krieges in Jugoslawien, als Alain Finkielkraut auf der Seite der Muslime stand? "Nicht eine einzige französische Muslimorganisation stand uns bei. Sie rührten sich nur, um Palästinenser zu unterstützen."
Das kann ich bestätigen. Ich stand seinerzeit auf der Seite der Serben, was nicht heißt auf der Seite des Slobodan Milosevic und seiner Taten. Ich habe die Haltung der französischen Philosophen sowohl zu Jugoslawien als auch zu Tschetschenien (André Glucksmann) nicht verstanden, und ich verstehe sie bis heute nicht. Die Serben haben seinerzeit gegen die Nazis gekämpft. Die Muslime des Balkans dagegen waren in der SS- Division Handschar. Die spätere Außenministerin Madeleine Albright wurde gemeinsam mit ihrem Vater Josef Korbel von Serben gerettet. Von Unterstützung aus französischen muslimischen Kreisen für die Bosnier ist auch mir nichts bekannt.
Aber weiter zum letzten längeren Kommentar des Dror Mishani und der Aurelia Smotriez unter der Überschrift "Gescheiterte Modelle". Er handelt von Multikulturalismus und seinen Möglichkeiten und Kosten. Sie nehmen die Meinung des Alain Finkielkraut vorweg und fassen sie zusammen: Verteidigung des republikanischen Modells und seines Symbols, der republikanischen Schule gegen intellektuelle Strömungen zur Öffnung der französischen Gesellschaft und ihres Erziehungssystems für durch die Immigranten eingebrachte kulturelle Vielfalt. Viele Intellektuelle nähmen die letzten Ereignisse wahr als Ergebnis unzureichender Öffnung zum "anderen", Alain Finkielkraut hingegen sieht sie als Beweis, daß kulturelle Offenheit in der Katastrophe enden muß. Der Philosoph führt seine Argumente sehr schlüssig vor: "In einer Demokratie sind nichtdemokratische Räume schwerlich zu tolerieren. Alles hat in einer Demokratie demokratisch zu geschehen, aber die Schule kann nicht nach dieser Art sein. Die Asymetrie ist offensichtlich: zwischen demjenigen, der weiß, und demjenigen, der nicht weiß, zwischen dem, der eine Welt mit sich bringt, und dem, der neu ist in dieser Welt."
Dann sagt er, wie schon zu Anfang zitiert, was für Muslime und für Juden gleichermaßen gilt, und das die meisten Kommentatoren aus den unterschiedlichsten politischen Lagern nicht verstehen wollen oder können. Ich wiederhole es:
"Das Problem ist, die (Einwanderer) müssen sich als Franzosen betrachten. Wenn die Einwanderer sagen ´die Franzosen´, wenn sie die Weißen meinen, dann sind wir verloren. Wenn ihre Identität irgendwo anders liegt, und sie sind nur in Frankreich aus Nützlichkeitserwägungen, dann sind wir verloren. Ich muß zugeben, daß die Juden auch anfangen, diesen Satz zu benützen. Ich höre sie sagen ´die Franzosen´, und ich kann das nicht ab. Ich sage ihnen: ´Wenn für Sie Frankreich nur eine nützliche Angelegenheit ist, aber Ihre Identität ist Jude, dann seien Sie ehrlich. Sie haben Israel.´ Wir leben in einer post-nationalen Gesellschaft, in der der Staat für jeden eine utilitaristische, große Versicherungsfirma ist. Das ist eine extrem ernste Entwicklung.
Aber wenn die Einwanderer einen französischen Ausweis haben, dann sind sie Franzosen. Und wenn nicht, haben sie das Recht zu gehen. Sie sagen: Ich bin kein Franzose. Ich lebe in Frankreich und ich bin in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Niemand hält sie hier! Und da beginnt präzise die Lüge. Denn wenn es Vernachlässigung und Armut wären, würden sie woanders hingehen. Aber sie wissen sehr gut, daß woanders und speziell in den Ländern, wo sie herkommen, die Situation viel schlechter ist, was Rechte und Chancen angeht." (1)
Wie diese Äußerungen in den internationalen Kommentaren verfälscht werden, ebenso auf die Mitwirkenden in dem Schauspiel der Erledigung des Alain Finkielkraut, darauf gehe ich in der Fortsetzung dieses Artikels ein. Alain Finkielkraut jedenfalls sieht der Zukunft pessimistisch entgegen. Änderungen würden nicht wirklich stattfinden, die Medien würden im alten Trott berichten, die Aufstände fortdauern als "reguläre Gewalt", auch die Drogenhändler würden gern "die gewöhnliche Ordnung wiederhergestellt haben. Aber sie (die Gewalttäter) werden Unterstützung und Ermutigung für ihre antirepublikanische Gewalt durch den abstoßenden Diskurs der Selbstkritik über Sklaverei und Kolonialismus erhalten...
Ich habe verloren, was die Anstrengungen, die Schule betreffend, angeht. Es ist interessant, denn wenn ich so spreche wie jetzt, stimmen mir viele Leute zu. Sehr viele. Aber es gibt etwas in Frankreich - eine Zurückweisung der Art, deren Ursprung bei den Bobos liegt, den Soziologen und Sozialarbeitern - und keiner wagt es, etwas anderes zu sagen. Dieser Kampf ist verloren. Ich bin abgehängt worden."
Fortsetzung folgt ...
4. Dezember 2005
Quellen
(1) Finkielkraut 1 und 2. Übersetzung Kewil, 1. und 2. Dezember 2005
http://www.myblog.de/kewil/art/2406021#comm
http://www.myblog.de/kewil/art/2408459#comm
(2) Il ne sont pas malheureux, ils sont musulmans. traduction de l´hébreu - extraits - Michel Warschawski - Michèle Sibony, Bellaciao, 23 novembre 2005
http://bellaciao.org/fr/article.php3?id_article=20907
(3) What sort of Frenchmen are they? By Dror Mishani and Aurelia Smotriez. Bellaciao, November 25, 2005
http://bellaciao.org/en/article.php3?id_article=9314
(4) Mishani Dror, Ben - Gurion University. BGU.REVIEW Editorial board. BGU Review. A Journal of Israeli Culture
http://w3.bgu.ac.il/heksherim/review/pages/authors.aspx
Reaction / Reorienting the `enlightened left´. Why is the Israeli left able to acknowledge the suffering of the Palestinians while finding it necessary to repress and deny Mizrahi suffering? By Dror Mishani. Haaretz, August 11, 2005
http://www.haaretzdaily.com
Le conflit israélo-palestinien. Bibliographie. Aurélia Smotriez, Doctorante allocataire de recherche à l´IEP, rattachée au CERI. Israël: une société troublée, une paix insaisissable. Sous la direction de Alain Dieckhoff, CERI Archives 1998 - 2005. January-February 2001
http://www.ceri-sciences-po.org/archive/2001.htm
(5) What sort of Frenchmen are they? By Dror Mishani and Aurelia Smotriez, Haaretz, November 17, 2005
http://www.haaretz.com/hasen/spages/646938.html
(6) Où aller à Paris ? Pascal Forget
http://homepage.mac.com/pascal/adressesparis.html
(7) Solidarity with Murad and Munir, by Dror Mishani, Haaretz, November 7, 2005
http://www.haaretz.com/hasen/objects/pages/PrintArticleEn.jh tml?itemNo=642206
Bei Tachles gibt es eine kostenpflichtige Übersetzung des Artikels: Solidarität mit Murad und Munir.
http://www.tachles.ch
(8) La liberté de penser est-elle menacée ? par Michel Gurfinkiel, Valeurs Actuelles no 3601, 2 décembre 2005, p. 18-21
http://www.desinfos.com/article.php?id_article=4025
(9) Odaliske mit einem Sklaven - $13.20, Artikel vom 11. März 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-03-11_13-24-18.html
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