
La Martinique, französische Kolonie seit 1635
Was wird aus diesem Stück, wenn einerseits die Mißachtung und die Abneigung, andererseits die ohnmächtige Wut und der Haß verschwunden sein werden, die Grundlage der Beziehungen zwischen den Farbigen und den Weißen ist, kurz, wenn es unter den einen und den anderen menschliche Beziehungen gibt? Es wird vergessen werden. Ich erkenne an, daß es nur heute Sinn macht.
Das sagt Jean Genet in einem unveröffentlichten Vorwort zu seinem Theaterstück Die Neger, im Jahre 1963. Wut und Haß der Neger sind nicht verschwunden, sie sind weiterhin und verstärkt Grundlage der Beziehungen zwischen den Farbigen, heute sagt man: den arabisch- und afrikanischstämmigen Immigranten, manchmal sagt man auch les jeunes, und den Weißen, das Stück ist dennoch fast vergessen, es macht weder damals noch heute Sinn, weder zu den offenen noch zu den verdeckten Kolonialzeiten. (1)
Genausowenig Sinn macht das am 23. Februar 2005 verabschiedete Gesetz Nr. 2005-158, in dem es im Artikel 4 sybillinisch heißt:
Die Forschungsprogramme weisen der Geschichte der französischen Anwesenheit in Übersee, besonders in Nordafrika, den Platz zu, den sie verdient.
Die Schulprogramme erkennen insbesondere die positive Rolle der französischen Anwesenheit in Übersee an, besonders in Nordafrika, und billigen der Geschichte und den Opfern der aus diesen Territorien hervorgegangenen Kämpfer der französischen Armee den eminenten Platz zu, auf den sie ein Recht haben. ... (2)
Wer sich am meisten über dieses Gesetz der Schande, vom 23. Februar 2005, über die angeblichen Wohltaten des französischen Kolonialismus aufregt, mit Demonstrationen gegen die Weigerung der Nationalversammlung angeht, das Gesetz zurückzuziehen, wer den Komiker Dieudonné mit offenen Armen aufnimmt und den Innenminister Nicolas Sarkozy nötigt, seinen Besuch dort zu verschieben: diejenigen, die sich kolonisiert am wohlsten fühlen, die Bewohner des Département d´Outre-mer (DOM), des Überseedepartments La Martinique.
Die Insel wird 1635 vom normannischen Freibeuter Pierre Belain Desnambuc unter Anweisung des Kardinals Richelieu im Namen Frankreichs kolonisiert. Die Ankunft der Siedler zwingt die Bewohner zu fliehen, um der Vernichtung zu entgehen. ... Das Jahr 1946 ist ein historischer Wendepunkt für La Martinique, es wird Überseedepartment mit derselben Verwaltungsstruktur und derselben Politik wie alle französischen Departments. In der Folge wird die Insel bei der Unterzeichnung der Gründungsverträge der Europäischen Union, der Römischen Verträge, 1957, Mitglied der EU. (3)
Wer sich am meisten über die französischen Dämonen aufregt, über dieses unwürdige Gesetz: Christiane Taubira, Parti Radical de Gauche (PRG), Abgeordnete der Nationalversammlung für die Kolonie Guyana, Ort der Verbannung des Offiziers Alfred Dreyfus, von 1895 bis 1899. (4)
1664 wird La Guyane französisches Territorium ... und Sklavenhalterkolonie. ... 1946 wird La Guyane französisches Department. ... Mit den Gesetzen zur Dezentralisation findet seit 1982 eine Übertragung von Kompetenzen des Staates auf territoriale Organisationen statt. Die Migrantenströme intensivieren sich, speziell zusammenhängend mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen Brasiliens, Surinams und Haitis. (5)
Das heißt, Immigranten strömen aus diesen Ländern in die EU ein. La Martinique hat heute etwa 450 000 Einwohner mit französischer Nationalität.
Der Minister beabsichtigt, Donnerstag und Freitag, den 8. und 9. Dezember 2005, im Rahmen des Kampfes gegen den Drogenhandel und gegen illegale Einwanderung nach Martinique und Guyana zu reisen. Ein muskulöses Empfangskomitee an dessen Zusammenstellung die Drogen- und Menschenhändler sicher nicht unbeteiligt gewesen wären, hätte den Minister erwartet, wenn er seinen beabsichtigten Besuch durchgeführt hätte, sagen Einwohner der Kolonie La Martinique. Im Fernsehen und in der Presse kann man herrliche Fotos der kraftstrotzenden Demonstranten bewundern. (6)
12 Prozent der Haushalte Martiniques gelten als arm (Vergleich: 6 Prozent im Hexagon). Die französische Regierung steckt Hilfen in dreistelliger Millionenhöhe in die Kolonie, um diejenigen Arbeitslosen mit Kleinstkrediten zu unterstützen, die eigene Unternehmen aufbauen wollen. Seit ihrer Gründung, im Jahre 1989, hat die Association pour le droit à l´initiative économique (Adie), die Vereinigung für das Recht auf wirtschaftliche Initiative, mehr als 34 000 solcher Kredite zur Unternehmensgründung an Personen ausgereicht, die bei Banken nicht kreditwürdig sind. Der Durchschnittskredit beträgt 5000 Euro, so daß die französische Regierung für 170 Millionen Euro Kredite ausgegeben hat. Hinzu kommen weitere Sozialleistungen, wie Arbeitslosengelder und die Subventionen zur Finanzierung der Infrastruktur. Für die französischen Steuerzahler ist das viel Geld; denn Jacques Chirac bezahlt es nicht aus seinem Privatvermögen, sondern die berufstätigen Bürger Frankreichs, die Werktätigen, wie man das links nennt. (7)
Wie zu erwarten, sind alle linken Personen und Vereinigungen, in einem Kollektiv zusammengeschlossen, bei der Aktion zur Verhinderung des Besuchs des Innenministers dabei:
- le Comité Devoir de Mémoire
- la Ligue des Droits de l´Homme
- mehrere Linksparteien
- die Vereinigung der Bürgermeister von Martinique
- die Fédération socialiste de la Martinique
- le Parti progressiste martiniquais
- der Dichter Aimé Césaire, Dichter mit Kultstatus
Etwa dreißig Organisationen, darunter ATTAC, mehrere Gewerkschaften (CDMT, FSU, UNSA, SUD) und kleine Parteien der extremen Linken rufen zu einer großen Demonstration unserer Empörung auf. Sie wenden sich gegen die Einschätzung der Krawallmacher als racaille, Abschaum, durch Nicolas Sarkozy und gegen die Maßnahmen der Regierung zur Abschiebung von Immigranten. (8)
Wie wäre es, wenn diese DOM, DROM, COM und POM auf der Stelle ihre Unabhängigkeit beantragen und, wenn´s sein müßte, mit aller ihrer Muskelkraft durchsetzen? Sie erklären lautstark, daß es keinerlei Wohltaten durch die Kolonisierung gab und gibt, das Gesetz der Schande erklärt, der französische Kolonialismus habe auch Gutes gebracht, dabei sind sie im Durchschnitt ärmer als die Franzosen des Hexagon. Was hält sie ab, sich von Frankreich loszusagen? Ich frage das ganz ohne Zynismus. Sie sind doch heute noch de facto Kolonien, auch wenn sie Département d´Outre-mer, Département et Régions d´Outre-mer, Collectivité d´Outre-mer oder Pays d´Outre-mer genannt werden und die Briefe zu Inlandspreisen hin- und hergehen. (9)
Selbst ist der Insulaner, selbst ist die Insel! Selbst ist die Kolonie!
13. Dezember 2005
Quellen
(1) Les Nègres, de Jean Genet. Mise en scène : Alain Ollivier, Sylvie Chalaye, Africultures 37, L´Harmattan, avril 2001
http://www.harmattan.fr/index.asp?navig=catalogue&obj=articl e&no=1467
(2) LOI n° 2005-158 du 23 février 2005 portant reconnaissance de la Nation et contribution nationale en faveur des Français rapatriés (1)
http://www.admi.net/jo/20050224/DEFX0300218L.html
(3) Histoire de la Martinique, par C. Maingé
http://www.sous-les-cocotiers.com/martinique/histoire/histoi re.htm
(4) démons français. Déclaration des 24, publiée dans Le Monde daté du 6 décembre 2005. Publiée par la Section de Toulon de la Ligue des Droits de l´Homme
http://www.ldh-toulon.net/article.php3?id_article=1064
(5) La Guyane dans l´Histoire. En bref...
http://www.terresdeguyane.fr/articles/histoire/default.asp
(6) La Martinique contre la "loi de la honte". Par Laure Martin-Hernandez et Vanessa Schneider, Libération, 8 décembre 2005
http://www.liberation.fr/page.php?Article=343422
(7) Société: Les enfants plus pauvres que les adults. INSEE no 62, mars 2005
http://www.insee.fr/fr/insee_regions/martinique/publi/AE62_0 4.htm
(8) Le front d´hostilité à la visite de Nicolas Sarkozy en Martinique s´élargit
http://www.ool.fr/actu/afp2/francais/topics/outremer/parsing /article.php?art=051206201742.2on2em69
(9) DOM Tom. PTOM, DOM, DROM, COM, POM
http://www.dom-tom.eu.com/dom-tom/dom-tom.htm
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