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Allahs Frauen oder: Verfügen über das Unverfügbare

Der Mann tritt auf seine 14-jährige Stieftochter zu, packt sie mit beiden Händen fest an den Schultern, stampft mit dem Fuß auf, seine ohnehin kleinen Augen verengen sich zu winzigen Schlitzen; er preßt mit knarrender Stimme hervor: Ich weiß, was du denkst! Das Mädchen, innerlich zitternd und mit viel Angst im Bauch, blickt mit großen Augen zu ihm hoch und antwortet mit klarer Stimme, scheinbar gelassen: Das weißt du nicht!

Als der Notarzt samt seinem Notköfferchen aus dem Haus ist, meint sie kalt: Versuch´ es nicht noch einmal, einen zweiten Herzanfall kannst du so leicht nicht verkraften.

Es ist schwer und mit Gefahr verbunden, seine Integrität und Würde, das Unverfügbare, vor totalitären Ansprüchen zu retten und zu bewahren. Auf diese Herausforderung muß sich derjenige einlassen, der nicht als zerstörte, unterwürfige Unperson enden will. Es hilft nichts. Die Mühen und Gefahren sind desto größer, je umfassender der Mensch, der sich befreien will, von Geburt an als Rad in einem fremdbestimmten System zu funktionieren hat. Manche Menschen können oder wollen sich nicht befreien: wollen nicht, weil sie nicht können, oder können nicht, weil sie nicht wollen.

Der geschilderte Angriff zur Zerstörung des Unverfügbaren, hier zur Vernichtung der Gedankenfreiheit, findet statt in den 50er Jahren, im Nachkriegsdeutschland der untergetauchten Naziverbrecher, der zu Hausmeistern mutierten Blockwarte, der gemischten Gefühle und der Gefühllosigkeit, der aufkeimenden Demokratie. Zu der Zeit und noch bis 1958 gilt das Letztentscheidungsrecht des Ehemannes in allen Eheangelegenheiten; er muß schriftlich bestätigen, daß er mit der Berufstätigkeit, dem "Mitverdienen", seiner Ehefrau einverstanden ist; er kann über das Beschäftigungsverhältnis seiner Ehefrau frei verfügen und ihren Vertrag beim Arbeitgeber kündigen. Die Frau muß die Demütigung in Kauf nehmen, selbst wenn sie in einer gehobeneren Postition beschäftigt ist als ihr Ehemann und mehr verdient als der Unterschriftsberechtigte.

Das alles ist noch keine 50 Jahre her. Das Gesetz zur Gleichberechtigung von Mann und Frau tritt am 1. Januar 1964 in Kraft, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts gültige und durchaus von vielen Frauen bis heute akzeptierte Leitbild der Hausfrauen- und Versorgerehe wird 1977 offiziell aufgegeben; 1980 wird die Gleichbehandlung und -bezahlung am Arbeitsplatz als Rechtsanspruch im BGB festgeschrieben. (1)

Seit der Zeit geht in Europa die gesellschaftliche Gleichberechtigung von Mann und Frau mühsam voran: wieviele Frauen arbeiten in Führungspositionen? Jeder weiß aus Erfahrung, daß es wenige sind. 21 Prozent beträgt laut Mikrozensus 2004 der Anteil der Frauen an den "Top-Führungskräften" in Deutschland. 33 Prozent beträgt der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei den abhängig Beschäftigten. (2)

Für diese sich auf einem langen Weg in die Gleichberechtigung von Männern und Frauen befindende Gesellschaft schreibt Hans-Peter Raddatz sein jüngstes Buch: Allahs Frauen. Djihad zwischen Scharia und Demokratie. Wen wundern die Ergebnisse seiner Untersuchungen? (3)

Der Autor konfrontiert seine Leserinnen und Leser bereits auf den ersten Textseiten des Buches damit, daß die Einstellung zum Verhältnis der Geschlechter alle übrigen Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben bis hin zum Gottesverständnis bestimme. Er behauptet, daß es in Europa an "realistischer Analyse des islamischen Terrors und der Gewalt an Frauen" mangele, und er legt den Lesern im folgenden dar, warum das so ist. Es liegt in der Beschaffenheit unserer eigenen Gesellschaft. Ihr Kulturrelativismus ist die Voraussetzung für die Islamisierung Europas. Dieser Kulturrelativismus kann sich bei uns ausbreiten, weil auch in unserer Gesellschaft die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht vollendet ist, und sie jeder Zeit zurückgefahren werden kann.

Da werden viele männliche Leser ins Grübeln kommen, das Buch aus der Hand legen oder im Geiste die ersten Sätze des Protestes an Autor und Verlag formulieren: Ich soll nicht für die Gleichberechtigung der Frauen sein? Die Grenzen der Wahrnehmung der Welt und der Frau haben miteinander zu tun, stehen in einem direkten Verhältnis zueinander? Also, darüber muß ich nachdenken. Süße, hol mir mal ein Bier aus dem Kühlschrank, bitte! Was die Leserinnen angeht, werden sie schweigen und das Bier holen? Schließlich hat er´s nicht befohlen, sondern eine Bitte ausgesprochen, und sie können den kleinen Dienst freiwillig leisten!

Mit anderen Worten: das Buch handelt von uns und der Beschaffenheit unserer Gesellschaft. Hans-Peter Raddatz konfrontiert uns mit unstrittigen Tatsachen aus dem religiösen und politischen Islam, von dessen Gründung an, von Mekka nach Medina und zurück; es wird zu einer "Pilgerreise" ganz besonderer Art: wir pilgern zu unseren eigenen gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten, die dazu führen, daß wir die muslimischen Frauen ihrem Schicksal überlassen. Nähmen wir es mit unseren demokratischen Werten genau, allein schon mit dem Artikel 1, Satz 1, unseres Grundgesetzes, "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt", so wäre nicht mehr der kleinste Raum zur Rechtfertigung der religiösen und vor allem der politischen Vorstellungen des Islam, dann würde kein Verfassungsrichter unserer Verfassung eine Absage erteilen und die Scharia unter die Religionsfreiheit subsumieren, dann wäre Schluß mit den heuchlerischen Euro-arabischen Dialogen, die uns seit mehr als dreißig Jahren immer abhängiger machen vom Diktat des politischen Islam. (4)

Dazu müßten wir aber auch die Rolle der Frauen in der westlichen Gesellschaft überdenken.

Der Islam weist den muslimischen Frauen eine verfassungswidrige Position zu. Sowohl den Männern als auch den Frauen unserer Gesellschaft kommt diese Absage an die Gleichberechtigung gelegen; den Männern, weil sie sich von den aufstrebenden Frauen bedroht fühlen, den Frauen, weil diejenigen in gehobener Position sich doppelt erhöht vorkommen können. Diejenigen, die bei ihren Männern ebenfalls nichts zu lachen haben, stehen dennoch im Vergleich besser da als die muslimischen Frauen.

Das Buch zeigt uns, daß wir uns gegenüber den Forderungen des Islams positionieren müssen, widrigenfalls unsere Gesellschaft nach Nationalsozialismus und Kommunismus in einem neuen Totalitarismus versinken wird. Die Frauen werden darunter am meisten leiden. Es wird einmal mehr auf ihren Mut ankommen, sich mit ihren muslimischen Schwestern gemeinsam gegen den Zugriff auf ihre Würde, auf das Unverfügbare, zur Wehr zu setzen. Auf die Frauen kommt es an, auf die muslimischen und nicht-muslimischen, den Männern begreiflich zu machen, daß auch ihre Würde und Individualität nur erhalten werden können, wenn Schluß ist mit der verfassungswidrigen Benachteiligung und Unterdrückung der Frauen. Die unzulängliche Demokratisierung unserer Gesellschaft erschwert diese Erkenntnis, sie begünstigt die Absage an das Individuum und seine Rechte, fördert den Rückfall in die Volksgemeinschaft, islamisch "Ummah" genannt. Die Zerstörung der Individualität des einzelnen zerstört das Unverfügbare in ihm und degradiert ihn zum Rädchen im fremdbestimmten System. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Hans-Peter Raddatz meint dazu in einem Interview: (5)

Das hat zentral für die Frauen zu bedeuten, dass wenn wir den Islam als Religion des Friedens konservieren, auch ihre Rolle innerhalb des Islam konserviert bleibt. Und das bedeutet, dass der Mann als Stellvertreter Allahs die Herrschaft über sie behält und insbesondere das erste Menschenrecht im Islam behält, was da heißt "Herrschaft über die Frau" und im Spiegelbild dazu das erste Menschenrecht der Frau im Islam "Gehorsam gegenüber dem Mann".

In der Beantwortung der Frauenfrage, der Abschaffung der Herrschaft des Mannes über die Frau und des Gehorsams der Frau gegenüber dem Mann, zeigt sich nicht nur die Demokratiefähigkeit des Islams, sondern die Demokratiefähigkeit unserer Gesellschaft. Eine Antwort ist bis heute nicht gegeben.

2. Juni 2006

Quellen

(1) Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts (GleichberG), Geltung ab 01.01.1964
http://www.gesetze-im-internet.de/gleichberg/BJNR006099957.h tml

Wofür stehen 5 Krawatten und 1 Rock? Eine Aktion der Frauenbeauftragten des öffentlichen Dienstes in Darmstadt zur Novellierung des Hessischen Gleichberechtigungsgesetzes (HGIG) 2006, S. 10
http://www.verdi-suedhessen.de/personengruppen/download/fra_ hglg.pdf

(2) Wenige Frauen in Führungspositionen. Statistisches Bundesamt Wiesbaden. Pressemitteilung, 22. März 2005
http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2005/p1370024.htm

(3) Allahs Frauen. Djihad zwischen Scharia und Demokratie. Herbig Verlag, München 2005
http://images-eu.amazon.com/images/P/3776624485.03.LZZZZZZZ. jpg

(4) Bat Ye´or: Eurabia. The Euro-Arab Axis. Madison. Teaneck Fairleigh Dickinson University Press 2005

(5) Defizite im Dialog. Orientialist Raddatz beklagt Fehler bei der Ansprache von Muslimen. Moderation: Jürgen Liminski. Deutschlandfunk, 6. Februar 2006
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/politischeliteratur/47699 6/


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