
Endstation Jesús
Anfangs habe ich befürchtet, es handle sich einmal mehr um einen Anschlag muslimischer Terroristen. Es fällt mir heuer schwer, hinter derartigen Ereignissen nicht die Hand des muslimischen Terrors zu sehen, und da stehe ich nicht allein. Im folgenden habe ich das revidiert und beide Artikel von der Startseite genommen, weil sie auf Grund meiner Befürchtungen nicht sehr gelungen sind.
Dennoch kann gesagt werden, daß die genauen Zusammenhänge bis heute unklar sind. Es sei denn, jemand schickte mir eine glaubwürdige Version des Unfalls.
Linie 1
"John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron´,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard." (1)
Wenn sich jemand einen Schwäche- oder Ohnmachtsanfall des Zugführers einer U-Bahn in Valencia etwa so vorgestellt haben sollte, dann sei ihm gesagt, daß diese Zeiten vorbei sind. Das Gedicht schreibt Theodor Fontane vor 121 Jahren. Heute hält der Fahrzeuglenker nicht mehr aus, sondern im Gegenteil, auf einer Strecke, auf der er höchstens 40 km/h fahren darf, startet er noch einmal kräftig auf 80 km/h durch, wobei ein Unglück geschieht, das bislang 41 Menschenleben und zahlreiche Verletzte fordert. Das können Sie sich nicht von einem verantwortungsvollen Zugführer vorstellen? Ich auch nicht.
Das Unglück geschieht auf der Linie 1, an der Haltestelle Jesús, am 3. Juli 2006, um 13 Uhr. Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero befindet sich gerade auf Staatsbesuch in Indien, und der Besuch des Papstes Benedikt XVI. zum Weltfamilientreffen in Valencia steht für das kommende Wochenende an. (2)
Im spanischen Internet liest man am Unglückstag, der Zugführer lebe, er sei ins Krankenhaus eingeliefert und werde bald als wichtigster Zeuge vernommen. Das wundert Sie? Mich auch. Diese Geschichte wird von Pedro Castellano, dem Präsidenten der Audiencia provincial verbreitet, des Landgerichts, das mit dem Fall betraut ist. Da bekommt man einen Eindruck, wie die spanische Regierung und ihre Justiz den Fall zu behandeln gedenken. Von der Identität des Zugführers wird nichts verlautbart, und wenn´s in Kürzeln wäre. (3)
La Nueva España weiß heute mehr. Die Blackbox des Zuges habe zu Tage gebracht, daß der Zug in der Kurve doppelt so schnell fuhr wie er durfte: 80 km/h statt 40 km/h. So sei der Unfall zustande gekommen. Die Experten vermuten, daß der Zugführer gemäß einer Verlautbarung des Unternehmens Ferrocarrils de la Generalitat Valenciana (FGV), des städtischen U-Bahnbetriebs von Valencia, an irgend einer Indisposition gelitten haben könnte.
Über den Zugführer berichtet La Nueva España, und zitiert den Generalsekretär der Eisenbahnergewerkschaft (SF) Fernando Soto, daß er kurz vor dem Unglück die Geschwindigkeit massiv gesteigert und dann die Polung umgekehrt habe, um zu bremsen. Der Zugführer stamme aus einer Familie mit Eisenbahnertradition, er arbeite seit etwa sechs Monaten als Zugführer und habe alle erforderliche Ausbildung bekommen. Sein Arbeitsverhältnis mit der Eisenbahngesellschaft FGV sei auf der Grundlage eines Zeitvertrages vermittels einer auswärtigen Vermittlerfirma zustande gekommen. Trotz dieser Einzelheiten wird nichts weiter über den Zugführer bekannt gegeben. (4)
Aber die Nachrichten überschlagen sich. Inzwischen heißt es, daß der Verursacher des Unglücks gar kein Zugführer war. Der Mann sei auf der Station beschäftigt und habe nur 14 Tage statt der üblichen zwei Monate Unterricht erhalten. Die FGV habe einseitig entschieden, daß dieser Mann als Zugführer eingesetzt werde, erklären Sprecher der Eisenbahnergewerkschaft. Der Name des Mannes bleibt nach wie vor geheim. Die spanischen Zeitungen bringen viele traurige Geschichten über Einzelschicksale und die heutige Trauerfeier und berichten, daß am kommenden Freitag die Zahlung von Entschädigungen zwischen 30 000 und 60 000 Euro an die Verletzten und die Hinterbliebenen der Opfer beschlossen werde. Diese prompte Bedienung lenkt ab von der eigentlichen Frage, wieso ein nur 14 Tage eingewiesener Stationsangestellter dieses Unglück verursachen konnte. Die betroffenen Menschen werden ihre Zeit damit verbringen zu überlegen, ob sie die Zahlung annehmen oder mehr fordern. Vom Zugführer und seiner Identität ist nirgends mehr die Rede. Ist er vielleicht ein Spanier indischer bzw. pakistanischer Abstammung? (5)
Wir erfahren es nicht. Der namenlose Lokführer wird obduziert, und es werden an ihm keinerlei von der Norm abweichende gesundheitliche Schäden von vor dem Unglück gefunden. Zu einer Spekulation über gesundheitlich verursachtes Versagen, über Schwäche- oder Ohnmachtsanfall, bestehe kein Anlaß, sagt der Rat für Gesundheit Rafael Blasco. Am 5. Juli werden er sowie die Zugbegleiterin beerdigt, keiner weiß genau wo, in Valencias Region, in Alfafar oder Torrent. Von welchen Angehörigen? ¿Quién sabe? Und es will niemand wissen. (6)
Inzwischen hat der Zugführer einen sehr spanisch-christlichen Namen: Joaquín Pardo. Er ist auch nicht mehr 30 Jahre, sondern 39, 40 oder 41 Jahre alt, je nach Zeitung. Man erwägt eine weitere Obduktion, obgleich seine Leiche seit gestern auf dem Friedhof von Alfafar begraben ist. Die erste Obduktion habe nur überprüft, ob der Fahrer unter Alkohol oder anderen Drogen gestanden habe. Exámenes exhaustivos, ausführliche Untersuchungen, habe es nicht gegeben. Ist eine solche Inkompetenz möglich? Ein Zugführer verursacht das schwerste U-Bahn-Unglück Spaniens, und dann wird seine Leiche nur oberflächlich untersucht und raschest begraben? Keiner der Verantwortlichen der Bahngesellschaft FGV nimmt teil an dessen Beerdigung, sondern sie gehen zu einer Messe für die Zugbegleiterin Silvia Hidalgo, in der Himmelfahrtskirche von Torrent. Sie distanzieren sich deutlich von ihrem Zugführer.
Zusammenfassung
Dieser gute, verantwortungsbewußte, ernsthafte 30-, 39-, 40-, 41-jährige unverheiratete, mit seiner Schwester in einem Hause lebende Kamerad mit dem Allerweltsnamen Joaquín Pardo (www.google.es páginas en español joaquín pardo 1 740 000 Angebote) stammt aus alter Eisenbahnertradition, wird von einer Arbeitsvermittlung an die Bahngesellschaft von Valencia vermittelt, ist also kein ständiger Mitarbeiter der FGV, oder er arbeitet seit 2002 in verschiedenen Funktionen bei der FGV, führt sie alle zur Zufriedenheit aus, tenía mucha ilusión, hatte laut Auskunft des Gewerkschaftsfunktionärs der Unión General de Trabajadores (UGT) Antonio Soler große Erwartungen, erhält 14 Tage oder sechs Monate, je nach dem, wen man befragt, eine Einführung in die Künste des U-Bahn-Lenkens, er arbeitet in Schichten, weshalb ihn seine Nachbarn selten sehen, führt den Zug in das schwerste U-Bahn-Unglück Spaniens, sein Leichnam wird oberflächlich untersucht und schnell beerdigt. Alle bewahren zwischen Benommenheit und Fassungslosigkeit eine gute Erinnerung an ihn, den chico excelente, muy estudioso, den ausgezeichneten, fleißigen, eifrigen, lernbegierigen Liebling, Stromer, Sonnenschein: Era una bellísima persona. (7)
¡Que viva España!
Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
"Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron´,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."
4. Juli 2006 - Mit Ergänzung: 5. September 2006
Quellen
(1) John Maynard. Von Theodor Fontane (1885). Die Fontane-Welt
http://www.landshut.org/members/msagerer/f_gedicht06.htm
(2) Vatikan: Papst über U-Bahn-Unglück in Valencia erschüttert. Radio Vatikan, 4. Juli 2006
http://www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=857 62
(3) Convoy. El conductor que está hospitalizado será uno de los primeros a los que tome declaración la juez. ep europa press, 3 de Julio de 2006
http://www.europapress.es/europa2003/noticia.aspx?cod=200607 03175103&tabID=1&ch=73
(4) El tren accidentado en Valencia circulaba a 80 kilómetros por hora, el doble de lo permitido. La Nueva España, 4 de Julio de 2006
http://www.lne.es/secciones/noticia.jsp?pIdNoticia=421128&pI dSeccion=64&pNumEjemplar=1324
(5) Grave: el conductor del tren en Valencia no sería maquinista. InfoBae.com, 4 de Julio de 2006
http://www.infobae.com/notas/nota.php?Idx=264009&IdxSeccion= 100799
El conductor del metro siniestrado no era maquinista, según los sindicatos, 20 Minutos, 4 de Julio de 2006
http://www.20minutos.es/noticia/137730/0/maquinista/tren/val encia/
El Consell aprueba indemnizaciones de entre 30.000 y 60.000 euros para los heridos y los familiares de las víctimas del accidente. Las Provincias, 4 de Julio de 2006
http://www.lasprovincias.es/valencia/pg060704/actualidad/00i ndemnizaciones-familiares-heridos.html
Der Inder, der in die Fanmeile in Berlin gerast ist, ist kein Inder, wie zunächst behauptet wurde, sondern ein Pakistani, seine Mutter saß nebendran, mit Kopftuch, wie Augenzeugen berichten. Ich danke G.Z. für den Hinweis auf den Link. In Frankreich ist es ebenfalls üblich, solche für ihren Glauben mordenden Muslime in die Psychiatrie einzuweisen.
Amokfahrer in Psychiatrie gebracht. Von Michael Behrendt, Axel Lier und Steffen Pletl. Berliner Morgenpost, 4. Juli 2006
http://www.morgenpost.de/content/2006/07/04/berlin/839285.ht ml
Ilan Halimi. Die Jungle World berichtet aus Paris. 2. März 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-03-02_23-44-26.html
(6) Metro Valencia. Entierran al maquinista tras una autopsia que no reveló nada anormal. Terra, 5 de Julio de 2006
http://actualidad.terra.es/nacional/articulo/entierran_maqui nista_autopsia_no_revelo_969606.htm
(7) Los forenses podrían realizar otra autopsia al conductor del metro. Diario de León, 6 de Julio de 2006
http://www.diariodeleon.es/se_nacional/noticia.jsp?CAT=102&T EXTO=4920359
El miedo sigue presente en la Línea 1. Diario. Noticias de Álava, 6 de Julio de 2006
http://www.noticiasdealava.com/ediciones/2006/07/06/sociedad /espana-mundo/d06esp15.394328.php
Joaquín Pardo era un buen compañero, responsable y serio. Por J. Damiá/I. Pardo, Valencia, Levante. El Mercantil Valenciano, 5 de Julio 2006
http://www.levante-emv.com/
And for my English reading friends, Roncesvalles with a lot of additional links:
Just Some Food for Thought. Roncesvalles, July 5, 2006
http://editrixblog.blogspot.com/2006/07/just-some-food-for-t hought.html
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