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Ashura-Tag im Iran, 11. Dezember 1978 - Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest!

Das Buch von Hans-Peter Raddatz (HPR) über den Iran kann ich nur abschnittweise lesen, weil es "ein Hammer" ist. Der Iran ist für mich ein besonderes Land, aus vielen Gründen, die HPR so zusammenfaßt: (1)

Man muß lange suchen, um ein Land zu finden, das einen schärferen Kontrast zwischen sprühendem Geist und dumpfer Brutalität, zwischen höchster Kultur und tiefster Barbarei aufweisen kann.

Hinzu kommt, daß ich als Studentin in diesem Land zu des Schahs Zeiten Gast gewesen bin, wenn auch nur für eine kurze Zeit, ich habe Gastfreundschaft erfahren von Freunden, Bekannten und Unbekannten, ich bin niemals belästigt worden, Kopftücher trug, wer wollte, und wer nicht wollte, trug keine; die meisten trugen keine. Nach Beendigung der Studien an der Universität von Teheran bin ich bis zur Rückkehr nach Berlin monatelang kreuz&quer allein (!) durch den Iran gereist und habe wunderbare Erfahrungen gemacht, von denen ich noch immer zehre.

Heute lese ich im Buchabschnitt D Die Revolution über den Machtwechsel. Der setzt 1977 ein, als sich herausstellt, daß der Schah an Krebs erkrankt ist. Zunächst folgt dem eine Milderung der diktatorischen Herrschaft, die sich darin ausdrückt, daß man für Kritik an der Regierung des Schah und für Forderungen nach einem frei gewählten Parlament, verfassungsgemäßer Regierung und Amnestie der politischen Gefangenen nicht gleich mit Gefängnis und Folter überzogen wird. (2)

Die grundsätzliche Mißwirtschaft und Korruption der Schah-Regierung ändert das nicht, hinzu kommt, daß die Manövrierfähigkeit des Iran auf Grund der Verträge mit den USA begrenzt ist. Am enormen Militärhaushalt darf nicht gekürzt werden. Tödlich für dieses Regime sind Entscheidungen des bigotten mit dem Islam sympathisierenden US-Präsidenten und Erdnußbauern, peanut-brained Jimmy Carter. Befreundeten Industriellen aus seinem Heimatstaat Georgia will er Schmiergelder verschaffen, in dem er den Schah dazu auffordert, den bereits mit Brown&Root abgeschlossenen Milliarden-Vertrag über den Ausbau des Hafens Bandar-e Mahshahr um 10 Prozent höher neu abzuschließen; der Differenzbetrag soll dann als Vermittlungsgebühr an seine Freunde gehen und der ursprüngliche Vertragspartner den Ausbau zur verabredeten Summe durchführen. Peanuts!

Als nächstes drängt der Präsident den Schah in die Enge, in dem er von ihm verlangt, einen Vertrag über 50 Jahre zu unterzeichnen, der zusichert, daß der Iran Erdöl zum Festpreis von 8 Dollar/Barrel liefert, mit der Drohung, daß er widrigenfalls die Unterstützung der USA verliere. Diese Zumutung ist schon deshalb absurd, weil der Iran keinen verbürgten Vorrat an Erdöl bis zum Jahr 2028 (!) hat. Nach der für einige Jahre nach 1978 erwarteten Fertigstellung des petrochemischen Komplexes in Bandar Abbas wäre es den Iranern außerdem möglich, ihr Erdöl zum tausendfachen Preis zu nutzen.

Nach diesen Unbotmäßigkeiten des Schahs betreibt Jimmy Carter 1977 bis 1978 dessen systematische Demontage. Im nachhinein nehme sich der Schah, gemessen an den Zuständen des Iran heute, wie ein progressiver Demokrat aus, schreibt Diane Alden im Oktober 2002, und da regiert noch nicht Mahmud Ahmadinejad. (3)

US-Präsident Jimmy Carter hört nicht auf die Warnungen des Ayatollahs Kazem Schariatmadari, daß die Mollahs nicht in der Lage seien, einen Staat zu regieren. Der Ayatollah informiert jeden, der es hören will, daß man dem Ayatollah Ruhollah Khomeyni nicht gestatten sollte, den Iran nach seiner juristischen Version des Islam, velayat-e faqih, zu regieren. Diese Regierungsform ist nicht mit der Demokratie kompatibel. Den Mollahs fehle die Kompetenz, einen modernen Staat zu regieren: wir werden den Iran zerstören und alles verlieren, was bislang zu so großen Kosten und Mühen erreicht wurde, zitiert ihn Alan Peters.

Der Palästinenser Fatih Shiqaqi, der Gründer des Palästinensischen islamischen Djihad (PIJ), hat 1979 das finanziell einträgliche Geschick, sich der juristischen Linie des Ayatollah Ruhollah Khomeyni anzuschließen. Fatih Shiqaqi und seine Freunde akzeptieren das schiitische Prinzip der Führung durch die Geistlichkeit, velayet-e faqih. Dieses Prinzip besagt, daß der oberste Jurist der Schia des Landes, der faqih, in dem Fall, da der Herrscher nicht den Anforderungen entspricht, die Regierung übernehmen muß. Die vom Iran mitgegründete Hisbollah schließt sich diesen Vorstellungen ebenfalls an. Ayatollah Mohammad Hussein Fadlallah, der marja-e taghlid, die Quelle der Nacheiferung der Mehrheit der libanesischen Schiiten und spirituelle Führer der Hisbollah, entfernt sich in den 90er Jahren von der Regierung des velayat-e faqih, weil ein solches Ziel im multikonfessionellen Libanon nicht zu erreichen sei. (4)

Ayatollah Ruhollah Khomeyni stellt den Konkurrenten mit der abweichenden Meinung Kazem Schariatmadari wie so viele andere, die seiner absoluten Macht entgegenstehen, Anfang der 80er Jahre kalt. (5)

Es ist bis heute nicht klar, was den US-Präsidenten veranlaßt haben könnte, gegen die Interessen der USA in der Region zu handeln, Ignoranz oder seine liberal leanings, seine dem Sozialismus nicht abgeneigte Einstellung. Der britische Geheimdienst hat sogar Zweifel, ob Jimmy Carter nicht ein Agent der Sowjets ist, a Russian mole. Sie schicken an die 200 Beobachter des Präsidentschaftswahlkampfes 1980 des Jimmy Carter gegen Ronald Reagan, um herauszufinden, ob die Sowjets versuchen, die Präsidentschaft für Jimmy Carter zu kaufen, schreibt Alan Peters. Sie können sich keinen Reim darauf machen, warum Jimmy Carter den mächtigsten Alliierten der USA im Nahen Osten fallenläßt und den nicht nur für den Nahen Osten, sondern weltweit verhängnisvollen Schritt tut, den Ayatollah Ruhollah Khomeyni zu fördern. Eine Erklärung wäre die Schaffung eines Green Belt fundamentalistisch-islamischer Staaten zur Eindämmung sowjetischer Expansion. (6)

HPR schreibt über diese Zeit:

In Teheran kam das öffentliche Leben zeitweilig zum Erliegen. Hundertausende demonstrierten gegen die uriranische Krankheit, die armutzeugende Korruptionsdespotie. Ins Mark getroffen, ließ die Obrigkeit ihr politisches Tauwetter wieder im eigenen Teufelskreis verschwinden. Als akute Zwangstherapie, die zugleich chronischer Teil der Krankheit ist, schickte sie am "Schwarzen Freitag", dem 8. September 1978, ihre Sicherheitsorgane auf die Straße und eröffnete das Feuer auf die Demonstranten.

Obwohl schlimm genug, kam es zur eigentlichen Katastrophe am Ashura-Tag, drei Monate später, am 11. Dezember 1978. In den Moscheen des ganzen Landes drängten sich die Gläubigen, um die vom Band gespielte Predigt des "Erleuchteten Mudjtahids" Khomeyni zu hören. Der nahm kein Blatt mehr vor den Mund: Die Zeit für den Heiligen Krieg gegen den Tyrannen sei nun gekommen. Das Volk müsse sich dem Schah stellen wie einst Husayn dem mörderischen Umayyadenkalifen Yazid. Jedem, der im Kampf für die Gerechtigkeit fiele, sei das Paradies sicher, wie Allah im heiligen Koran verfüge. ...

Obwohl ihn viele dafür hielten, brauchte der Ayatollah kein Prophet zu sein, um zuvor anzukündigen, daß zur Vertreibung des Despoten viel Blut fließen müsse. Tausende fielen im Kugelhagel der Armee und machten den Ashura-Tag zu einem Martyrium, das keinen Vergleich mit der schiitischen Tradition zu scheuen brauchte. Im Namen Allahs bildete dieser Tag den Auftakt zum größten Blutbad der iranischen Geschichte ... (7)

Am Abend dieses Tages der Tausenden von Toten erinnert sich ein Diplomat der Deutschen Botschaft Teheran an seine Freundin Gudrun in Berlin, und er schreibt ihr eine Weihnachtskarte, deren Text ich hier wörtlich zitiere. Im März 1979 kommt der Brief aus dem Iran bei mir an, der Umschlag voller großer bunter Briefmarken mit der Figur des Reza Shah Kabir, des Großen, dessen 100. Geburtstag 1978 begangen wird. Leider besitze ich den Briefumschlag nicht mehr. Ein Briefmarkensammler überzeugt mich, ihm die Kostbarkeit zu schenken. Die Karte befindet sich noch heute in meinem Besitz. (8)

Teheran, den 11/12/78
Liebe Frau (Name),
ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.
Wollten Sie nicht hier in Teheran vorbeikommen?
Wann besteht denn die Chance, denn in ein bis zwei Monaten ist der Trubel hier (der im dt. Zeitungswald und dem Flimmerkasten sowieso schlimmer ist als hier) vorbei. Meine Familie und ich würden uns freuen, Sie in der "Pension (Name)" begrüßen zu können.
Mit herzlichen Grüßen,
Ihr
(Vor und Familienname)

12. August 2006

Quellen

(1) Hans-Peter Raddatz (HPR): Iran. Persische Hochkultur und irrationale Macht. Herbig Verlag, München 2006, S. 153
http://dynamic.herbig.net/autor/autordetail.php?id=204354

(2) HPR, S. 153-160

(3) Jimmy Carter and the 40 Ayatollahs. By Diane Alden, News Max.com, Ocober 30, 2002
http://www.newsmax.com/archives/articles/2002/10/29/170201.s html

(4) Der Palästinensische Islamische Djihad (PIJ). 18. März 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-18_20-12-11.html

(5) Ayatollah Kazem Shariatmadari. Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Ayatollah_Kazem_Shariatmadari

(6) Rôle of US Former Pres. Carter Emerging in Illegal Financial Demands on Shah of Iran. By Alan Peters (nom de plume), Defense and Foreign Affairs Daily Volume XXII, No. 46, March 15, 2004
http://rescueattempt.tripod.com/id24.html

(7) HPR, S. 156f.

(8) Reza Shah Pahlavi. Historic Personalities. Iran Chamber Society
http://www.iranchamber.com/history/reza_shah/reza_shah.php



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