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Alfred Leschnitzer, Tänzer, Balettmeister, Damenimitator (1908 bis ???)

Der Artikel über Paul O´Montis, zu dessen 110. Geburtstag, findet noch immer interessierte Leser. Nicht nur Thomas S. schreibt mir im April 2006, sondern jetzt auch Klaus Sator, aus Köln, der über Alfred Leschnitzer, einen unter dem Künstlernamen Frieda Loch in der Lützower Lampe, in der Berlin-Charlottenburger Behaimstraße, auftretenden Damenimitator Informationen für einen Eintrag in die Neuauflage des biographischen Lexikons "Mann für Mann" sucht. Klaus Sator arbeitet für das Lexikon ehrenamtlich als Redakteur, Rechercheur und Autor.

Klaus Sator erforscht die Bedeutung homosexueller Männer und Frauen in der Geschichte des Bühnentanzes für den deutschsprachigen Raum, und dabei trifft er auf den Tänzer und Balettmeister Alfred Leschnitzer, der mit Paul O´Montis gemein hat, daß er nicht nur homosexuell ist, sondern auch Jude. Beide Künstler kennen sich vielleicht sogar aus Berlin, wo sie in den 30er Jahren teils zur selben Zeit wohnen. Die Verbindung zur Lützower Lampe besteht durch Ramona Zündloch, den Schlager des Paul O´Montis. Mona Loren singt das Lied, oder wie man zu deutsch sagt: den Song von Ramona Zündloch, eine Ballade aus dem Großstadtsömpf, ab 1967 in der Lützower Lampe. Dort tritt der Damenimitator Alfred Leschnitzer ab 1972 unter dem Künstlernamen Frieda Loch auf.

Bis zu diesem Engagement ist es ein langer Weg. Alfred Leschnitzer, geboren in Neiße, Schlesien, am 5. März 1908, ist ab 1928 Solotänzer am Stadttheater in Liegnitz, später in Regensburg, und in den 30er Jahren tritt er in Berlin auf. Er nennt sich mit Künstlernamen auch Fred Lenox oder Fred Lenné. Ende 1933 wird ihm und dem unter gleicher Anschrift in Berlin-Wilmersdorf wohnenden Tänzer Egon Wüst vorgeworfen, widernatürliche Unzucht begangen zu haben, gegen beide wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, jedoch wieder eingestellt.

Im Gefolge der Nürnberger Rassegesetze emigriert Alfred Leschnitzer nach Brüssel, wo er zwei Jahre an der dortigen Oper tanzt. 1940 wird er von der Gestapo verhaftet, den Franzosen überstellt und von ihnen in das berüchtigte Lager Gurs, Pyrénées-basses, heute Pyrénées-Atlantiques, gebracht. In Gurs, das sich im nicht besetzten Teil Frankreichs befindet, inhaftieren die französische Vichy-Regierung und ihre Präfektur in Pau aus eigener Willkür in den Jahren von 1940 bis 1943 ca. 22 000 Menschen, fast alle aus rassistischen Gründen. Alfred Leschnitzer ist einer der 3500 Gefangenen, die aus dem Lager entkommen können. Mit Hilfe eines evangelischen Geistlichen gelingt ihm die Flucht über die Pyrenäen nach Spanien. 1944 gelangt er nach Palästina, dem heutigen Israel, wo er sich ab 1944 in 14 Jahren eine Karriere als erster Solotänzer an der Volksoper in Tel Aviv aufbaut, der heutigen Israeli Opera Tel Aviv-Yafo.

Aus gesundheitlichen Gründen nimmt er 1958 Abschied von der Bühne, und es treibt ihn, wie er selbst bekennt, "die Liebe zu seinem geliebten Berlin" zurück, und da man mit fünfzig nicht mehr als Solotänzer auftreten kann, schuf er sich als "Stimmungskanone mit Sex" eine neue Karriere als Grotesktänzer, berichtet der Berliner Tagesspiegel, am 5. März 1978, unter dem Titel Fred Lenox 70. Wo er in Berlin auftritt, ist nicht dokumentiert. Bekannt aber ist, daß er ab 1972 als Travestiekünstler Frieda Loch in der Lützower Lampe und in anderen einschlägigen Berliner Homosexuellenlokalen ein Come back feiern kann. Um ein wenig unter die Leute zu kommen, wie er sagt. Mehr will er sich nicht mehr zumuten, sein Herz würde da wohl auch nicht mitmachen.

In der Lützower Lampe habe ich Anfang der 70er Jahre an Wochenenden einige Male seine Darbietungen erlebt.

Am 6. März 1973 schreibt die Berliner Morgenpost unter dem Titel Parodien am Wochenende, daß Alfred Leschnitzer seinen 65. Geburtstag mit Freunden und Bekannten in seiner bescheidenen Wohnung, in der Berlin-Wilmersdorfer Xantener Straße, feiert, wo die Gratulationen mehr an seine Baletterfolge vergangener Jahrzehnte erinnern als an künftige Chancen, seinen Namen noch einmal im Programm eines Theaters oder Opernhauses gedruckt zu sehen. Der Tagesspiegel weiß: Seinen Siebzigsten verbringt Frieda Loch als Fred Lenox in Israel, wo die Oper einen Empfang für ihn gibt. Er will dort seine Grotesknummer ins Französische und Englische übersetzen und hofft, nimmermüde, im August dieses Jahres eine Tournee durch die USA unternehmen zu können.

Das ist die letzte Spur, die wir von Alfred Leschnitzer haben.

Klaus Sator und ich möchten mehr über das Leben des Alfred Leschnitzer wissen, und wir bitten unsere Leser in Deutschland, in Israel und in aller Welt, uns zu helfen.

Unsere Fragen

  • Wer weiß mehr über den Tänzer und Balettmeister Fred Lenox, Fred Lenné aus der Zeit in Deutschland und Belgien, bis 1940?
  • Gibt es Zeitzeugen, die sich an Alfred Leschnitzer erinnern, aus der Zeit im Lager Gurs?
  • Wer weiß etwas über den Künstler in Palästina und Israel, von 1944 bis 1958?
  • Trat Alfred Leschnitzer in der Zeit von 1958 bis 1972 in Berlin auf, wenn ja: wo?
  • Gibt es Menschen, die sich an Frieda Loch, in der Lützower Lampe oder in anderen Berliner Bars erinnern?
  • Ist Alfred Leschnitzer nach 1973 wieder nach Israel zurückgekehrt, und wenn ja: wann?
  • Wer erinnert sich in der Israeli Opera Tel Aviv-Yafo an Alfred Leschnitzer, Fred Lenox, Fred Lenné?
  • Was wurde aus Alfred Leschnitzer nach seinem Geburtstag, am 5. März 1978?
  • Kennt jemand Todesort und Todesdatum von Alfred Leschnitzer?

Wir sind für jeden Hinweis dankbar. Mitteilungen erbitten wir an die unten auf meiner Site, in der letzten Zeile, angegebene Email-Adresse. Hinweise, die Klaus Sator zu einem den Künstler Alfred Leschnitzer angemessen würdigenden Lexikoneintrag führen, werden belohnt: es gibt eine Sightseeing Tour im Roussillon. Ich werde Ihnen die Gegend zeigen und Sie in meine Lieblingskantine, die Auberge du Cellier, in Montner, einladen. Der Link zu dem Orte der Gaumenfreuden befindet sich in der Linkliste, neben diesem Artikel.

11. November 2006

Quellen

Das Stelenfeld - kein Denkmal für Paul O´Montis. Ramona Zündloch in der Berliner "Lützower Lampe". 28. März 2004/19. Dezember 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-28_19-47-50.html

Das Stelenfeld - kein Denkmal für Paul O´Montis. Ein junger Leser schreibt mir ... 14. April 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-04-14_18-17-35.html

Ramona Zündloch. Ich bin verrückt nach Hilde! Eigenproduktion an Kleinkunst CDs. Musik Antik am Weidenstieg. CDs
http://www.musik-antik-records.de/cd/cd_alle.htm

Mittenmang. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1945 - 1969. Ausstellung, Schwules Museum Berlin, 3. Oktober 2003 bis 15. Februar 2004
http://www.schwulesmuseum.de/html/au_1/au_fr_1_3_mmang.htm

Tanz und Homosexualität. Sexuelle Identitäten hinter und auf der Bühne. Von Klaus Sator, Invertito. Jahrbuch für die Homosexualitäten, 5. Jahrgang, 2003
http://www.invertito.de/jahrbuch/inv05_04.html

Mann für Mann. Ein biographisches Lexikon von Ulrich Hergemöller, Suhrkamp Taschenbuch 3266, Juli 2001
http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=39766&hl=he rgemöller

Egon Wüst (1911-1995). Deutsches Tanzarchiv Köln - Archiv
http://www.theaterforschung.de/resource.php4?ID=112

Nachlässe und personenbezogene Sammlungen. Egon Wüst (1911-1995), Tänzer. Deutsches Tanzarchiv Köln
http://www.sk-kultur.de/tanz/5.htm

1933-1939. Die Nürnberger Gesetze. Deutsches Historisches Museum
http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/antisemitismus/nuernberg/in dex.html

The New Israeli Opera, Tel Aviv-Yafo
http://www.israel-opera.co.il/site_old/

Bérard et le camp de Gurs. La phase antisémite (octobre 1940 - novembre 1943)
http://gogoan.chez-alice.fr/gurs.htm

Parodien am Wochenende. Ehemaliger Solotänzer feierte seinen 65. Geburtstag. Berliner Morgenpost, 6. März 1973

Fred Lenox 70. Tagesspiegel, 5. März 1978


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