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Die Juden Tunesiens, im Herbst 1966

Am 19. November wird mir das neue Heft der Arche, vom November 2006, der Monatszeitschrift des französischen Judaismus, geliefert. (1)

In den Heften der Arche befindet sich auf den ersten Seiten regelmäßig eine zwei- bis dreiseitige Rubrik mit dem Titel Il y a 40 ans dans l´arche, die Arche vor vierzig Jahren. Diesmal lese ich sie zuerst: Chez les Juifs de Tunisie, Bei den Juden in Tunesien. Es ist ein Auszug aus einer Reportage der Arche vom November 1966, also aus der Zeit vor dem Sechstagekrieg. Mir geht jetzt erst so richtig auf, daß in dem "Manifest der 25" mit keinem Wort der arabische Antisemitismus, der Haß gegen die Juden und gegen Israel, erwähnt wird. Diesen Judenhaß, das konstituierende Element des Islam, den gibt es für die Politologen und Lehrer nicht. Alles, was den Arabern widerfährt, geht von den Juden und von Israel aus. Sie reagieren immer nur, und wenn es unvermeidlich ist, über ihre Taten zu berichten, die bei Israelis Reaktionen auslösen, dann schaffen es die europäischen Intellektuellen im Schulterschluß mit den europäischen palästinenserfreundlichen Medien, es dennoch so zu drehen, daß die Israelis schuld sind. Sie haben das zu einer einträglichen Kunst entwickelt. (2)

Bevor ich auf den Artikel eingehe schildere ich hier in Kürze noch einmal die Lage der Juden Tunesiens bis zur Gründung Israels und danach, wie ich sie im Oktober 2003 auf Grund der Ausführungen von Robert Attal und Claude Sitbon sowie von Bernard Cohen-Hadria dargestellt habe: (3)

a) Juden in Tunesien (586 v.d.Z. - 1948)

Die jüdischen Flüchtlinge nach der Zerstörung des ersten jüdischen Tempels, 586 v.d.Z., und ihre Nachkommen lassen sich zu Tausenden in Djerba nieder. Sie folgen dem Ruf des Propheten Jeremia, der selbst in Ägypten zurückbleibt. Sie kommen auf verschiedenen Wegen, auch über den Sudan und den Jemen. Man nimmt an, daß die Ursprünge der 2000-jährigen Synagoge Ghriba aus dieser Zeit stammen. Im ersten und zweiten Jahrhundert d.Z., nach der Zerstörung des zweiten jüdischen Tempels kommen weitere Tausende von Juden. Einige Hundertausend Juden werden durch die römischen Kaiser Titus und Trajan, im ersten, sowie Hadrian, im zweiten Jahrhundert massakriert oder deportiert. Sie erdulden wie die Juden Algeriens und Marokkos, die üblichen Judenverfolgungen durch die Araber, ab dem 8. Jahrhundert, und durch die spanischen und portugiesischen Katholiken, ab 1492. Sie leben bis zum Beginn der Vichy-Regierung, gemessen an der Lage der Juden in anderen arabischen Staaten, relativ friedlich. Selbstverständlich unterliegen auch sie bis 1881 der Dhimmi-Gesetzgebung.

Im französischen Protektorat (1881 bis 1956) emanzipieren sich die Juden schrittweise. Im November 1940 beginnt mit der Vichy-Regierung die antisemitische Gesetzgebung gegen die tunesischen Juden, auch gegen die mit französischer Staatsangehörigkeit. Sie werden von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen, die Ausübung der Tätigkeit als Rechtsanwalt oder Arzt unterliegt dem Numerus Clausus. Die Führung ihrer Geschäfte wird ihnen entzogen und in die Hände "arischer" Verwalter gelegt. Ende 1942 wird Tunesien von deutschem und italienischem Militär besetzt. Während sechs Monaten werden die Juden als Feinde angesehen und so behandelt. An die 100 angesehene jüdische Personen werden als Geiseln genommen. Es wird gedroht, sie zu erschießen. Die Deutschen zwingen die jüdische Gemeinde, 3000 Männer in Arbeitslager abzustellen. Es werden von der jüdischen Gemeinde Zahlungen gefordert, um die "Opfer des internationalen Judentums" zu entschädigen. Als die Deportation nach Europa zur Vernichtung der den deutschen Befehlen zuwiderhandelnden Juden beginnen soll, wird Tunesien, am 7. Mai 1943, von den Briten befreit.

1946 leben 70 000 Juden tunesischer Nationalität und ungefähr 20 000 bis 25 000 Juden französischer, italienischer und sonstiger Nationalität in Tunesien.

b) Juden in Tunesien (1948 bis heute)

1948 leben in Tunesien 105 000 Juden, davon 65 000 in Tunis. Von ihnen wandern die ersten gleich nach der Gründung Israels zu Tausenden dorthin aus. Nach der Unabhängigkeitserklärung, 1956, emigriert eine weitere große Gruppe von Juden, diesmal hauptsächlich nach Frankreich. Die Unabhängigkeit bringt eine Reihe anti-jüdischer Regierungserlasse und Judenverfolgungen mit sich. 1957 wird das rabbinische Tribunal abgeschafft und ein Jahr später werden die jüdischen Gemeinderäte aufgelöst. Die tunesische Regierung zerstört das Judenviertel, alte Synagogen und jüdische Friedhöfe unter dem Vorwand der Stadterneuerung. 1958 leben in Tunesien 80 000 Juden. Dennoch sind einflußreiche Juden in der durch Habib Bourguiba geführten Einheitspartei Néo Destour und ihrer Regierung tätig. Der tunesische Nationalismus führt zu weiterer anti-jüdischer Gesetzgebung. (4)

Die Krise von Bizerta, 1961, provoziert durch die Stationierung französischer Truppen auf diesem Marinestützpunkt, sechs Jahre nach der Unabhängigkeit Tunesiens, ohne die Zustimmung der tunesischen Regierung, da das französische Militär auf unbewaffnete Demonstranten schießt, führt bei einem Teil der muslimischen Bevölkerung merkwürdigerweise zu brutal aufflammendem Antisemitismus. Zu Tausenden verlassen Juden Tunesien. Nach dem Sechstagekrieg zerstört und plündert der arabische Mob jüdische Geschäfte und setzt die große Synagoge von Tunis in Brand. Die tunesische Regierung hält die Banden nicht zurück. Weitere Tausende von Juden emigrieren nach Frankreich und Israel. 1966 leben 25 000, davon 18 200 in Tunis, 1967 20 000, und 1968 leben 10 000 Juden in Tunesien.

1971 wird ein Rabbiner im Zentrum von Tunis ermordet, was weitere Auswanderungen von ca. 3000 Juden zur Folge hat. 1976 leben 7000 Juden in Tunesien, 2001 sind es 1500. Die Zahlen stammen aus einer Aufstellung der American Sephardi Federation. (5)

In keinem tunesischen Schulbuch ist die dreitausend Jahre währende Anwesenheit der Juden und deren Beitrag zur kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes festgehalten. So verfliegt die Erinnerung. Die kleine jüdische Gemeinde besteht 2002 noch aus 1500 Menschen. Sie sind, obgleich der Präsident Ben Ali sie beschützt, nicht vollständig in die tunesische Gesellschaft integriert.

Im Sommer kehren zahlreiche Juden zu Besuch in ihre Heimat zurück, und bis zum Beginn der zweiten Intifada und den Homizidattentaten vereinen sich jedes Jahr bei der Wallfahrt zur Synagoge Ghriba an die 5000 tunesische Juden aus Frankreich, Israel, den USA, Kanada und anderen Staaten.

Am 11. April 2002 verübt ein junges Mitglied der Terrororganisation al-Kaida ein Attentat auf die fast 2000 Jahre alte Synagoge Ghriba, auf Djerba. Der Attentäter Nizar Nawar wartet, bis sich eine möglichst große Anzahl von Touristen in der Synagoge sammelt, und läßt dann einen Lastwagen mit einem Gastank explodieren. Bruder und Onkel des Attentäters sind an dem Attentat beteiligt. Bei dem Anschlag werden 19 Menschen getötet, darunter 14 Deutsche, drei Tunesier, ein Franzose sowie ein Franko-Tunesier.

Die tunesische Regierung stellt die Explosion zunächst als einen Unfall dar. Im Juni 2002 bekennt sich die al-Kaida durch ihren Sprecher Suleiman Abu Ghaith in einer Fernsehansprache des katarischen Senders El Dschasira zu dem Attentat. "Der Attentäter habe ´nicht zusehen´ können, ´wie seine Brüder in Palästina sich töten lassen müssen, während die Juden spazieren gehen, sich amüsieren und ihre Rituale (in Tunesien) öffentlich praktizieren können´," berichtet der Sender Phoenix.

Mit dem Attentat vom 11. April 2002 auf die Synagoge Ghriba, auf Djerba, kann man sagen, daß eine 2 500-jährige jüdische Präsenz in Tunesien zu Ende geht. Dieses Attentat wendet sich gegen die kleine jüdische Gemeinde. Nach diesem Attentat pilgern nur 200 Juden zur Synagoge Ghriba. Ein weiteres Attentat wird zeitgleich, in der Nacht vom 10. zum 11. April 2002, auf die Synagoge Keren Yechoua in Marsa, dem Badeort von Tunis, verübt. Die Synagoge wird regelrecht verwüstet. Eine weitere Synagoge, die von Sfax, sowie jüdische Friedhöfe werden geschändet, ohne daß es die tunesischen Behörden groß kümmert. Der Präsident will ein internationale Untersuchungskommission einrichten. Nichts geschieht. Diese Ereignisse scheinen das Ende der Koexistenz von Arabern und Juden in Tunesien einzuläuten. Seit der zweiten Intifada agitiert die tunesische Regierung am heftigsten von allen arabischen Staaten gegen Israel. Pläne französischer Tunesier zur Verstärkung von französischen und europäischen Investitionen im Land werden daraufhin eingefroren.

Bei den Juden in Tunesien, Herbst 1966

Das kleine Land Tunesien ist durch Libyen und Ägypten Tausende von Kilometern von Israel und den palästinensischen Gebieten getrennt. Mit der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich,1956, beginnen die Judenverfolgungen. Die arabische Bevölkerung läßt ihren Unmut gegen ihre Regierung und gegen Frankreich an den Juden aus, und Präsident Habib Bourgiba, Regierungschef von 1957 bis 1987, führt die Juden Tunesiens vor. Der Reporter der Arche veröffentlicht seinen Bericht unter Pseudonym, da er noch Verwandte in Tunesien hat.

Er ist zu Gast bei einer wohlhabenden jüdischen Familie in Carthago. Man sitzt bei einem Gläschen Feigenschnaps auf der Terrasse des Hauses und genießt den Blick über den Golf. Auf dem Hügel liegt die ehemalige Kathedrale Saint-Louis, erbaut im Stil von Saint-Sulpice. Sie ist im Jahr 1964 in ein nationales Museum verwandelt worden. Eine alte jüdische Dame teilt ihre Ansicht über die Lage der Juden mit. Sie persönlich habe ausgezeichnete Beziehungen zu ihren muslimischen Mitbürgern. Solange Habib Bourgiba an der Regierung sei, müsse man nichts befürchten: "Stellt er sich in der UNO nicht selbst als Vorkämpfer der Freiheit dar? Wie könnte er daran denken, die seiner Mitbürger zu behindern?" Dann berichtet sie von der aufrechten Hausmeisterin einer Schule der Alliance israélite in Tunis, der die tunesische Staatsbürgerschaft aberkannt und die des Landes verwiesen wird, weil sie 1955, also vor der Unabhängigkeit, ihre Kinder in Israel besucht hat. Es gebe weitere derartige Fälle.

Der Gastgeber bittet seinen peinlich berührten Gast in sein geräumiges, im Empirestil eingerichtetes Arbeitszimmer, wo auf dem Kamin eine goldbronzene Uhr thront. Sie ist ein Geschenk des letzten regierenden Bey der Husseiniten, Lamine Bey. (6)

Auf der Terrasse kann man nicht frei reden, die Stimmen tragen weit. Der Gastgeber berichtet darüber aber keine Einzelheiten: "Wisse, daß über allen tunesischen Juden das Damoklesschwert schwebt." Und dann erzählt er, wie der in Finanzen ungebildete Habib Bourgiba mit seinen finanziell nicht abgesicherten Glanzleistungen die Wirtschaft des Landes ruiniert. Die vorschnelle Nationalisierung des Landbesitzes der Ausländer, die Kündigung der Wirtschaftsverträge mit Frankreich haben Milliarden gekostet und Tunesien ins Defizit getrieben. Von einer Million arbeitsfähigen Menschen sind ein Viertel arbeitslos, und 320 000 arbeiten auf den Straßenbaustellen des Habib Bourgiba, ihr Verdienst beträgt 2 Franc am Tag und zwei Kilogramm Mais, ein Geschenk der Amerikaner. Die Juden können nicht sicher sein, ihre Arbeitsplätze zu behalten. In den Behörden und Banken werden sie noch toleriert, bis man meint, nun könnten ihre Posten von Muslimen besetzt werden. Aus den kleinen Unternehmen werden die Juden sämtlich entlassen, sie werden durch die in Massen arbeitssuchenden Muslime ersetzt. Die Juden, Avantgarde der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung, durch die Tunesien Anschluß an den Westen bekommen hat, werden ausgeschaltet. Ein Brain Drain großen Ausmaßes schwächt das Land, dessen Präsident es verarmen läßt, nur um mit den arabischen Staaten in Einklang zu leben. Inzwischen sei es in einer niedrigeren Position als andere arabische Staaten.

Der Gastgeber berichtet von einem guten Dutzend ihm schriftlich vorliegender Fälle der Inkohärenz und Ungerechtigkeit von Juden betreffenden Maßnahmen. Es sind Willkürentscheidungen. Es gibt beispielsweise kein Gesetz, das den Juden verböte zu importieren, aber muslimische Händler haben absoluten Vorrang. Das System der Stohmänner, wie zu Zeiten des Vichy-Regimes sei zurückgekommen. Ich kenne das aus Malaysia, wo es zwischen Chinesen und den muslimischen Malayen genauso gehandhabt wird. Die Chinesen Malaysias nennen das Ali Baba Projects.

Auf die Frage des Reporters, warum sein Gastgeber im Lande bleibe, antwortet dieser, er hätte Immobilienbesitz. Wenn er ginge, würden außerdem seine Bankguthaben blockiert und er wäre mittellos. Er sei zu alt für einen Neuanfang. Er hoffe, daß sich die Zeiten änderten: "In zehn Jahren gehört Tunesien zum Gemeinsamen Markt."

Dann fährt der Reporter nach La Goulette, einem malerischen Hafen, zum Dorf mit einst dem höchsten Judenanteil an der Küste. Dort befinden sich nur noch einige arme jüdische Familien in heruntergekommenen Häusern. Er interviewt ein altes Ehepaar. Die rundliche blauäugige Frau erzählt von ihren beiden Töchtern, die in Paris verheiratet sind. Sie aber seien zurückgekehrt, da das Leben in Paris für sie unerschwinglich sei. Auf die geflüsterte Frage, wie sie mit den Muslimen auskomme, antwortet sie ebenso flüsternd: "Wenn man will. Man darf nicht über Israel reden. Das ist alles. Nicht einmal in den Schulbüchern." Von denen hat das Erziehungsministerium alle eingesammelt, die das Wort Israel auch nur erwähnen. (7)

Die Schilderung des Tunesiens vor der Resolution Nr. 181 und der Gründung Israels möge die geschichtsfälschenden Auslassungen der Verfasser des "Manifestes der 25" zurechtrücken. An den Entwicklungen in den arabischen Staaten nach der Gründung Israels sieht man, daß die deutsche und europäische Genese des Konfliktes nur ein Teil des Problems ausmachen, einen anderen, mindestens ebenso wesentlichen Teil macht die im Islam verankerte Judenfeindschaft aus. Dieser Teil existiert seit dem 7. Jahrhundert. Den Auftrag, die Juden und Israel zu vernichten, beziehen die Muslime aus dem Koran und nicht aus der Gründung Israels und der Besetzung des Westjordanlandes und Gazas.

Die Lage in den anderen nordafrikanischen Staaten ist in vielem ähnlich. Die Judenfeindschaft artet auch in Marokko und Algerien mit dem Aufkommen des Islams in blutige Konflikte aus. Palästina und später Israel liegen in weiter Ferne, und das Westjordanland und Gaza gehören bis zum Juni 1967 zu Jordanien bzw. Ägypten.

19. November 2006

Quellen

(1) l´arche, le mensuel du judaïsme français, no 583, novembre 2006
http://www.col.fr/arche/

(2) Langfassung. Freundschaft und Kritik. Warum die "besonderen Beziehungen" zwischen Deutschland und Israel überdacht werden müssen / Das "Manifest der 25". FR-online, 14./15. November 2006
http://www.fr-online.de/doku/?em_cnt=1009679

(3) De Carthage à Jérusalem : la communauté juive de Tunis. Par Robert Attal et Claude Sitbon
http://www.chemla.org/Tunisie.html

Origine des Juifs de Tunisie. Par Bernard Cohen-Hadria, 1999 et 2005
http://cohenhadria.ifrance.com/histoire/originetunis.htm

(4) International Rights and Redress Campain. Country Narratives. Tunesia
http://www.justiceforjews.com/narr_1.html#tunisia

(5) Jewish Refugees from Arab Countries (JRAC). American Sephardi Federation
http://www.americansephardifederation.org/sub/sources/jewish _refugees.asp

(6) Lamine Bey. Wikipedia
http://fr.wikipedia.org/wiki/Lamine_Bey

(7) La Goulette, Tunésie. Un joli petit coin. La Goulette, Tunesia. A quaint place
http://www.lagoulette.net/francais.html

Siehe auch:

Dhimmis in islamischen Staaten oder der institutionalisierte Rassismus: demnächst auch bei uns! 19. Juli 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-07-19_01-54-16.html

Die Entstehung des arabischen Antisemitismus und die Vertreibung der Juden aus den arabischen Staaten. Das Flüchtlingsthema einmal anders betrachtet. 16. März 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-16_00-10-27.html


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