
Ségolène Royal im Libanon: nichts sehen, nichts hören, viel sagen ...
Auf den Politikseiten des Indépendant und anderer Provinzblätter wird die Nahostreise der Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal ausführlich gewürdigt. Sie unternimmt sie, um bei zukünftigen Wählern außenpolitische Fähigkeiten glaubhaft zu machen. Bislang hat niemand etwas auf dem Gebiet von ihr vernommen, sie selbst am allerwenigsten, aber das soll sich nun ändern, da die Mitglieder des Parti Socialiste (PS) sich nicht für den einzig präsidentiablen Dominique Strauss-Kahn, sondern für sie entschieden haben, die lieb lächelnde adrett gekleidete Frau, die noch vor gut einem Jahr nur in ihrer Provinz etwas gilt. Inzwischen ist sie auf nationaler Ebene der Mittelpunkt einer Gruppe von Opportunisten, die sich Chancen ausrechnen, die nächsten fünf Jahre in der französischen Politik mitzubestimmen; das geht von Arnaud de Montebourg, einst Mitbegründer des Nouveau Parti Socialiste, einer Strömung für eine sozialistische Alternative innerhalb des PS, und inzwischen Sprecher der Kandidatin, bis zum scheidenden Präsidenten Jacques Chirac, Freund der ermordeten oder verstorbenen Rafiq Hariri und Yasser Arafat.
Die Reise der Hoffnungsträgerin für die Fortführung der Arabienpolitik der Chiraquie beginnt am Donnerstag, den 30. November; ein Trip übers verlängerte Wochenende, mit vielen Abenteuern, die man gar nicht alle aufzählen kann. Die Hezbollah bereitet ihr mit nahezu einer Million von Anhängern einen begeisterten Empfang. Sie äußert sich zustimmend über diese vom Iran und Syrien gelenkten pro-syrischen Aufmärsche zum Sturz der Regierung des Fouad Siniora in Beirut: darin zeige sich die Demokratie. Ségolène Royal halte diese Demonstration der Stärke für das Zeichen einer Krise (sic!), aber sie bedeutete einen moment démocratique, einen Augenblick der Demokratie, zitiert Reuters die Jungaußenpolitikerin. (1)
Sie will vermitteln, kaum den Fuß auf libanesischem Boden; denn sie versteht sich als "facilitatrice", englisch Facilitator, als Vermittlerin. Das Wort ist aus dem Lateinischen abgeleitet, von facilis, ausführbar, tunlich, leicht, mühelos, bequem; willfährig, willig, nachgiebig, um nur einige der Übersetzungen des Kleinen Stowasser aufzulisten. Das Hauptwort dazu ist facilitas, die Leutseligkeit, Zu- und Umgänglichkeit. (2)
Am Freitag diskutiert die umgängliche Kandidatin am Runden Tisch eines großen Beiruter Hotels in Anwesenheit des Botschafters Frankreichs Bernard Emié, des Direktors ihrer Wahlkampagne Jean-Louis Bianco und ihres Kabinettsdirektors Christophe Chantepy, mit 17 Personen, unter ihnen die Abgeordneten des Auswärtigen Ausschusses des libanesischen Parlamentes und Medienvertreter. Im Hintergrund, abseits der Kameras, nehmen etwa 15 Journalisten an dem Treffen teil, das von der Kandidatin als außergewöhnlich für die Vielfalt der politischen Empfindungen eingestuft wird, trotz des Drucks, der im Lande herrsche.
Unter den Abgeordneten ist auch Ali Ammar, ein Vertreter der Hezbollah. Die Korrespondentin der Monde berichtet, Ali Ammar habe in arabisch die grenzenlose Dummheit der amerikanischen Regierung denunziert, und eine Parallele zwischen der Politik der entité sioniste, des zionistischen Gebildes, und dem Nazismus, naziya gezogen: Puis il enchaîne sur l´"entité sioniste" : "Le nazisme qui a versé notre sang, usurpé notre indépendance n´est pas moins mauvais que le nazisme qui a occupé la France." Der Nazismus, der unser Blut vergossen und sich unsere Unabhängigkeit widerrechtlich angeeignet hat, ist nicht weniger schlimm als der Nazismus, der Frankreich besetzte.
Diese Tirade dauert 20 Minuten, wie man aus der Londoner Times erfährt. Danke, daß Sie so offen sprechen, antworte Ségolène Royal. (3)
Zu den Angriffen auf den Staat Israel schweigen die leutseligen Ségolène Royal und Bernard Emié, der Botschafter Frankreichs. Was den Botschafter angeht, verwundert das nicht; denn meine Leser wissen schon von dessen Vorgänger, daß der beim spirituellen Führer der Hezbollah Scheich Mohammed Hussein Fadlallah ein und ausgeht: Frankreich steht der Hezbollah und ihrem Sender Al-Manar TV nicht etwa ablehnend gegenüber, sondern im Gegenteil, der französische Botschafter besucht gern den Mentor des Hassan Nasrallah, den Bewunderer des Ayatollah Ruhollah Khomeini, weil er ein libanesischer religiöser Führer ist - als wenn er nichts mit der Hezbollah zu tun hätte. (4)
Ségolène Royal stimmt dem Abgeordneten der Hezbollah mühelos zu, was die Politik der USA angeht, die Naziya-Äußerungen will sie nicht gehört haben, sonst hätte sie den Saal verlassen, behauptet sie tunlich. Sie unterstreicht ihre andere Auffassung, Israel betreffend; das sei keine entité, sondern ein Staat. Die Äußerungen über den angeblichen Nazismus Israels läßt sie unkommentiert, was ihr Kabinettsdirektor ausweichend kommentiert: Sie konnte nicht Punkt für Punkt auf alles antworten.
Zwei Dolmetscher sind tätig, einer für die Delegation der Ségolène Royal und einer für die Journalisten im Hintergrund. Die Journalisten bestätigen den Text sowohl in arabisch als auch in der französischen Übersetzung. Ségolène Royal behauptet, als sie ihres Schweigens wegen kritisiert wird, sie habe die Bemerkung über den angeblichen Nazismus Israels gar nicht gehört. Andere Medien berichten, sie schiebe die Schuld auf den Dolmetscher, der habe die inkriminierten Äußerungen nicht übersetzt. Beide Versionen werden auch in den französischen Fernsehsendern und in der Provinzpresse verbreitet.
Das alles ficht die zugängliche Kandidatin des Parti Socialiste nicht an. Die "facilitatrice" setzt noch eins drauf, in dem sie bezüglich ihres Besuchs in Israel und Gaza erklärt, es sich nicht verbieten zu lassen, mit jedem zu reden, auch mit Vertretern der Hamas; denn auch die seien demokratisch gewählt. Diese diplomatischen Dummheiten können gerade noch von der Entourage der zukünftigen Präsidentin Frankreichs (Umfragewerte Ségolène Royal - Nicolas Sarkozy 50:50) verhindert werden, aber man gewinnt schon jetzt einen Eindruck, was auf Frankreich betreffs US- und Nahostpolitik zukommen kann: Super-Chiraquie und Giganto-Mitterandisme in einem. Beide Präsidenten hätten sich solche Ausmaße des Einverständnisses der an die Macht drängenden politischen Elite mit ihrem Anti-Amerikanismus und ihrer Arabienpolitik wahrscheinlich nicht träumen lassen. (5)
Die Kritiker der Ségolène Royal in Frankreich meinen, sie wisse nicht, wovon sie rede. Eine solche Person ist genau das Medium, das die Chiraquie benötigt, um ihre größenwahnsinnige Arabienpolitik von Marokko bis zum Irak fortzuführen. Deshalb erklären schon heute Mitglieder der Chiraquie, im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahl 2007 nicht für Nicolas Sarkozy, sondern für Ségolène Royal zu stimmen. Uns mag das merkwürdig vorkommen, aber Jacques Chirac verrät schon einmal sein Lager zugunsten des PS. Da stimmen er und seine Freunde in der Präsidentschaftswahl 1981 nicht für den bürgerlichen Kandidaten Valéry Giscard d´Estaing, sondern für seinen Konkurrenten vom PS François Mitterrand: Il faut nous débarrasser de Giscard ... Il faut voter Mitterrand! Wir müssen Giscard loswerden, Mitterrand muß gewählt werden. Der ehemalige Staatspräsident Valéry Giscard d´Estaing berichtet darüber in seinen Memoiren Le Pouvoir et la Vie, Die Macht und das Leben, und Patrick Rotman dokumentiert es in seinem von France 2 am 23. und 24. Oktober 2006 ausgestrahlten zweiteiligen Film über Jacques Chirac. (6)
4. Dezember 2006
I picked this Dry Bones "Golden Oldie" from 1996 to run today. I chose it because we´ve just been treated to a visit by Ségolène Royal, the French socialist presidential candidate. She came to us after visiting Beirut, where Lebanese MP Ali Ammar denounced US "insanity" and compared Israel to the Nazis.
The French (1996) , October 21, 1996, the Dry Bones Blog, December 5, 2006
http://drybonesblog.blogspot.com/2006/12/french-1996.html
Quellen
(1) Ségolène Royal, dans la tension libanaise, appelle au dialogue. Reuters, L´Express, 1 décembre 2006
http://www.lexpress.fr/info/infojour/rss.asp?id=32417
(2) Der kleine Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, bearbeitet von Dr. Michael Petschenig. G. Freytag Verlag, München 1958
http://www.amazon.de/gp/product/images/3486134051/ref=dp_ima ge_0/303-9430695-2182601?ie=UTF8&n=299956&s=books
Joseph Maria Stowasser. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Maria_Stowasser
(3) Royal stumbles in row over attack on Israel as ´Nazi´. By Adam Sage, The Times, December 4, 2006
http://www.timesonline.co.uk/article/0,,13509-2485815,00.htm l
(4) Der Fernsehsender Al-Manar TV, die französische Regierung und der CRIF. 21. November 2004/ 15. August 2005
http://www.eussner.net/artikel_2004-11-21_02-47-37.html
(5) Mme Royal s´efforce d´éviter les pièges de la diplomatie. Par Isabelle Mandraud, Le Monde, 2 décembre 2006
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-823448,36-841172,0 .html
Mme Royal critiquée à Paris, bienvenue au Proche-Orient. Par Isabelle Mandraud, Le Monde, 4 décembre 2006
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-823448,36-841610,0 .html
(6) Giscard : en mai 1981, Chirac m´a tuer. Par Nicole Gauthier. Libération, 29 septembre 2006
http://www.liberation.fr/actualite/politiques/207459.FR.php
Jacques Chirac, homme politique ou, plus simplement, homme de pouvoir ? Par Josiane B, AgoraVox, 3 novembre 2006
http://www.agoravox.fr/article.php3?id_article=15211
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