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Die Derealisierung nicht nur des lebenden, auch der ermordeten Adolf Grünbaums. Ein Gastbeitrag von Clemens Heni

Dani Levys neuer Hitler Film ist an Gefühlskälte den Opfern des Nationalsozialismus gegenüber nicht zu unterbieten, oder warum die Wahrheit suchen, wenn das Spiel mit der Möglichkeit viel lustiger ist?

"... I should like someone to remember that there once lived a person named David Berger." David Berger in his last letter, Vilna 1941*

Der neue Hitler Film Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler von Dani Levy verwechselt Möglichkeit mit Wirklichkeit ganz bewusst. Nicht nur, dass Hitler als mitleidwürdiger Kerl, dem gewisse pädagogische Praktiken um 1900 heftig zugesetzt hätten, und die gleichsam eine Erklärung für den Judenmord darstellten, ja, Juden wie Hitler in gewisser Weise Opfer der Geschichte seien, emphatisch an Heimorgel oder in Der Badewanne gezeigt wird, nein. Dani Levy derealisiert das Leben konkreter Opfer des nationalsozialistischen Deutschland. Während, wie bereits an anderer Stelle analysiert wurde, Hitler, Goebbels et al. ihre richtigen Namen behalten dürfen, wird insbesondere Hitlers "Schauspiellehrer" Adolf Grünbaum als fiktive Person imaginiert. Nicht, dass Hitler nicht tatsächlich solch einen Coach gehabt hätte, nein. Levy schließt aus seinen absurden, gleichsam anti-wissenschaftlichen, anti-reflexiven, plump antipädagogischen Vorstellungen darauf, dieser Grünbaum sei wohl wie Hitler Teil der selben Generation, auch irgendwie ein kleiner Adolf. Deshalb der Vorname Adolf. Ob das nun heißen soll, Grünbaum sei als Kind wie Hitler misshandelt worden oder ein Kind eben seiner Zeit ganz allgemein, egal. Dazu ein typisch jüdisch klingender Nachname und fertig ist die Geschichtsklitterung. In Wahrheit lebt Adolf Grünbaum, der 1923 in Köln geboren wurde und 1938 gerade noch in die Freiheit emigrieren konnte; er kämpfte bis 1945 mit der Waffe gegen Nazi-Deutschland.

Andere, die auch den Namen Grünbaum, ob mit oder ohne Umlaut, tragen, hatten nicht dieses Glück des Entronnenen. Wenigstens vier Männer mit dem Namen Adolf Grünbaum wurden nach den Akten von Yad Vashem, der Holocaustgedenkstätte in Jerusalem, von den Deutschen im Holocaust ermordet. Deren Namen und Geschichte werden von Dani Levy in diesem absurden Theater – genannt "neuer Hitler Film" – weggewischt, derealisiert. Erinnerung an ihre Namen wird zur Lachnummer. Es ist ein Schlag ins Gesicht der Toten. In Sekundenbruchteilen hätten die Filmemacher und Schauspieler den lebenden Adolf Grünbaum locker über Google ausfindig machen können; das haben sie versäumt, und auch die Website von Yad Vashem haben sie nicht besucht. Sie tun also gerade so, als ob ein Film keinerlei Recherchen nötig hätte. Und damit leisten sie der Derealisierung enormen Vorschub. Levy ist nicht nur ein perfide agierender Tabubrecher, der sein Judesein einsetzt im erinnerungspolitischen Agieren, wie es in einem Interview in der Jüdischen Allgemeinen zu lesen ist. Er hat auch eine Gefühlskälte den ermordeten wie den überlebenden Opfern mit dem Namen Adolf Grünbaum gegenüber, die ihresgleichen sucht.

Damit die schreckliche Ahnung des David Berger in seinem letzten Brief als 19jähriger Jude aus dem Jahr 1941 nicht noch mehr sich verhärte "I should like someone to remember that there once lived a person named David Berger", seien hier die knappen Lebensgeschichten der ermordeten Adolf Grünbaums aufgeführt, so wie sie die ganze Welt im Internet finden kann. **

Adolf Grunbaum was born in Horlyo, Czechoslovakia in 1867. He was a businessman and married. Prior to WWII he lived in Horlyo, Czechoslovakia. During the war was in Horlyo, Czechoslovakia. Adolf perished in 1944 in Auschwitz. This information is based on a Page of Testimony (displayed to the left) submitted on 22/09/1999 by his family from United states, a Shoah survivor.

Adolf Grunebaum was born in 1885. Prior to WWII he lived in Lodz, Poland. During the war was in Lodz. This information is based on a List of Lodz ghetto inmates (displayed to the left) found in the Lodz Names - List of the ghetto inhabitants 1940-1944, Yad Vashem and the Organization of former residents of Lodz in Israel, Jerusalem 1994.

Dr. Adolph Grünbaum was born in Poland. He was a lawyer and married. Prior to WWII he lived in Prezhemisel, Poland. During the war was in Prezhemisel, Poland. Adolph perished in the Shoah at the age of 50. This information is based on a Page of Testimony (displayed to the left) submitted on 26/04/1999 by his niece.

Adolf Grünbaum was born in Opalyi, Hungary in 1927 to Miklos and Frida nee Weisz. Prior to WWII he lived in Mateszalka, Hungary. Adolf perished in 1944 in Auschwitz at the age of 17. This information is based on a Page of Testimony (displayed to the left) submitted on 23/05/1999 by his half brother/sister.

Deutsche Filme kennen die Empathie mit den Opfern des Nationalsozialismus nicht.

Berlin, 17. Januar 2007

* The Central Database of Shoah Victims´ Names. Yad Vashem
http://www.yadvashem.org/lwp/workplace/IY_HON_Entrance

** The Central Database of Shoah Victims´ Names. Yad Vashem
http://www.yadvashem.org



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