
Majestätsbeleidigung und andere Satiren, die das Leben in Frankreich schreibt
Wer meint, das deutsche Theater um Murat Kurnaz sei nicht mehr zu unterbieten, und die Gegenstimme die sehr berechtigte Frage stellt: Wir sollten uns nun dem Grundsätzlichen zuwenden und die Frage stellen, wie aus einer Micky Maus-Geschichte der Aufreger der Saison werden konnte. Was ist geschehen? und darauf lesenswerte Antworten gibt, wobei auch der komödienhafte Teil des Dramas nicht außer acht gelassen wird, ist die französische Politik inzwischen in weiten Bereichen zur Komödie verkommen; da herrscht nur noch Mickey Mouse, wenngleich ich das reizende Geschöpf des Walt Disney nicht beleidigen will; denn das wäre wirklich Majestätsbeleidigung, beim Barte des Propheten! (1)
Angriff auf den Staatspräsidenten Jacques Chirac
Am Samstag, im Café an der Bahnhofsstraße von Perpignan, genannt Avenue Général de Gaulle, lese ich in meinem Lieblingsblatt L´Indépendant über eine Majestätsbeleidigung größten Ausmaßes, eine Art GAU der französischen Politik. Elf Artikel in den heutigen Actualités von Google.fr bestätigen die Bedeutung des Ereignisses, wobei sich die Berichterstatter allerdings nicht einig sind darüber, in welchem Jahr die Ungeheuerlichkeit stattfindet, ist´s im Dezember 2005 oder 2006? Na, gleichgültig, Morde verjähren ja auch nicht, und wann hätte man französische Medien jemals bei akkurater Berichterstattung überrascht?
Mein Provinzblatt schreibt, das Verbrechen sei in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 2005 begangen und der Täter dafür am 24. Januar 2007 zur Rechenschaft gezogen worden. Das erscheinen mir realistische Daten bei den Zeitvorstellungen der französischen Justiz. Die bei Google.fr gefundenen Nachrichten behaupten, daß es sich um ein Ereignis vom Dezember 2006 handele, im Dezember oder dans la nuit du 2 au 3 décembre 2006, in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 2006. (2)
Nun weiß aber jeder und jede, daß Jacques Charac, denn um diese Majestät handelt es sich, im letzten Dezember nicht am Tatort im fernen Afrika weilt, sondern gute Werke in Paris bei der nationalen Spendenaktion Téléthon tut; er muß den Angriff auf seine Persönlichkeit also überlebt haben. (3)
Dieser findet statt im Präsidentenflugzeug, auf dem Flughafen von Bamako, Mali, anläßlich des Gipfels der afrikanischen und des französischen Staatspräsidenten, Samstag/Sonntag, 3. bis 4. Dezember 2005. Während Jacques Chirac ein Bad in der begeisterten Menge von Bamako nimmt, vertreibt sich einer seiner Begleiter, ein 41-jähriger Polizist des Service de protection des hautes personalités (SPHP), des Wachpersonals für hochgestellte Persönlichkeiten, in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 2005, die Zeit des Wartens auf dem Flughafen bei einigen gepflegten Gläschen, die er der ihm ungewohnten drückenden Hitze wegen nicht verträgt. Um seinen Rausch auszuschlafen, haut er sich ins Präsidentenpfühl, was erst kurz vorm Start der Maschine vom Dienstpersonal anhand der zerwühlten und sogar schmutzigen (!) Bettlaken vom Majordome, dem Haushofmeister, entdeckt wird. Da der Gipfel am 4. Dezember zu Ende ist, heißt das, daß zwei Tage lang niemand auch nur auf die Idee kommt, routinemäßig die Gemächer des Präsidenten zu kontrollieren. Nicht genug damit, schwärzt den Polizisten auch noch ein Kollege an, er sei am frühen Morgen besoffen gewesen. Der Täter bestreitet das, eine Unpäßlichkeit hätte ihn aufs Laken gerafft. (4)
Eine Entfernung des Verbrechers aus dem Dunstkreis des Präsidenten und des SPHP erfolgt nicht etwa umgehend, sondern erst vor einigen Wochen, depuis quelques semaines. Wieviele Betten hochgestellter Persönlichkeiten hätte der Mann inzwischen besudeln können! Jetzt tut er Dienst in einer Präfektur, irgendwo in Frankreich. Damit aber nicht genug, läuft die kafkaeske Maschinerie des französischen Staates zur vollen Form auf. Der Polizist wird am 24. Januar 2007 vor den Disziplinarrat der Police nationale zitiert. Kein geringerer als ihr Generaldirektor Michel Gaudin richtet über den Angriff auf den Staat. Wird der Delinquent sanktioniert, drohen ihm die Guillotine oder wenigstens die Daumenschrauben oder die Kopfzwinge?
Ja, bitte, ich fühle mich sonst in Frankreich nicht mehr sicher. Wer weiß, wer in meinem Bett schläft, wenn ich einmal nicht zu Hause bin!
Angriff auf die Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal
Der nächste Angriff gilt Ségolène Royal. Sie ist zwar noch keine Majestät, wenn sie auch so heißt, aber der Angriff auf sie ist dennoch königlich. Allergrößte Infamie waltet ob bei dem Verbrechen, über das ich berichte. Die Kandidatin überlebt es ebenfalls und erholt sich davon in Martinique, auf den Antillen, wo sie über die Kolonialzeit Frankreichs bewegende Worte der Verurteilung findet. Sie, die im Sénégal geborene Anwärterin auf das höchste Amt im Staate, hat dort als Kind ihres Vaters, eines französischen Generals, drei glückliche Jahre verbracht; jetzt kann sie sich an die Seite des Dichters Aimé Césaire flüchten, um an dessen Schulter Québec, Korsika und Atom-U-Boote zu vergessen, von Beirut und Peking gar nicht zu reden. Die Zeitungen sind voll von ihren Abenteuern in der großen weiten Welt, einige davon kann man auch in deutschsprachigen Medien nachlesen. (5)
Der Angriff erfolgt vom bekannten Humoristen und Stimmenimitator Gérald Dahan. Le Figaro berichtet heute auf der Titelseite und auf Seite 6 über den Spaß: Royal victime d´un canular et attaquée par Sarkozy, Royal Opfer eines Scherzes und angegriffen von Sarkozy. Der aber ist nur der politische Angreifer, während Gérald Dahan die Lachmuskeln ganz Frankreichs in Zuckungen versetzt. Die Aktualitäten aller Medien sind voll davon; am 30. Januar 2007 wird der Humorist von Marc-Olivier Fogiel, vom Fernsehsender M6, interviewt, wo er den Fall noch einmal landesweit ausbreiten darf. Der Künstler plant, den Coup in seiner ganzen Länge ab dem 8. März in sein Theaterstück im Théâtre du Gymnase einzubauen.
Was ist geschehen? Am 26. Januar 2007 berichtet die Zeitung Le Parisien über die Kandidatin. Sie erreicht am Mittwoch, 24. Januar 2007, Domérat, im Département Allier, am selben Tag, an dem der einst bettlägerige Delinquent der Police nationale seinem Generaldirektor vorgeführt wird. Die Kandidatin entschuldigt sich vor tausend Sympathisanten für ihr Zuspätkommen damit, daß sie vom Premierminister Québecs Jean Charest aufgehalten worden sei: gerade habe ich mit ihm telefoniert, das erklärt meine Verspätung.
Der Anrufer ist der Humorist, der sich zehnmal weiterverbinden lassen kann, ohne daß auch nur einer in der Umgebung der Ségolène Royal nachprüft, ob es sich wirklich um einen Anruf aus Québec handelt. Niemand der die Kanidatin umgebenden Wichtigtuer fragt sich, ob es sein kann, daß der Premierminister von Québec die Präsidentschaftskandidatin anruft; alle glauben, am kanadischen Akzent die Stimme des Jean Charest zu erkennen. Wer schon einmal einen francophonen Kanadier hat sprechen hören, weiß, wie leicht es für einen begabten Stimmenimitator ist, in dessen Singsang zu verfallen. Jeder Anrufer, der bei seiner Bank eine Auskunft will, bekommt die Antwort, man rufe ihn zurück, um zu verifizieren, daß es sich wirklich um den Berechtigten handelt, das Team der Ségolène Royal aber erstarrt in Ehrfurcht und stellt durch.
Dem Vorsitzenden des Parti québécois (PQ), der Unabhängigkeitspartei von Québec, André Boisclair versichert Ségolène Royal zuvor in Paris, am 22. Januar 2007, ihre Unterstützung bei dessen Bestrebungen, sich von Kanada zu trennen. André Boisclair hofft, im Frühjahr den liberalen Premierminister Jean Charest abzulösen, und ein Referendum durchzuführen. Er will eine moderne Unabhängigkeit ohne Ressentiment den Kanadiern gegenüber. Darin unterstützt Ségolène Royal ihn: "Les valeurs qui nous sont communes, c´est-à-dire la souveraineté et la liberté du Québec", bekräftigt sie die Werte, die uns gemeinsam sind, das heißt die Unabhängigkeit und die Freiheit Québecs. Diese Gemeinsamkeiten sind laut André Boisclair die Demonstration von 300 000 in der Kälte gegen die Invasion der USA im Irak, für das Protokoll von Kyoto, für die kulturelle Verschiedenheit: Nous avons des positions communes avec la France, wir haben mit Frankreich gemeinsame Positionen. Diese Einmischung in die Innenpolitik Kanadas führt zu harschen Erwiderungen der kanadischen Zentralregierung des Stephen Harper und des Premierministers von Québec Jean Charest. (6)
Der Kommentator von Radio Canada René Mailhot geht in diesem Zusammenhang noch einmal ein auf die berühmte Rede des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, vom 24. Juli 1967. Meinen Lesern will ich sie nicht vorenthalten. Im selben Jahr verweigert der General England die Mitgliedschaft zur Europäischen Union: L´Angleterre, je la veux toute nue, England will ich nackt sehen, proklamiert in Polen ein Europa vom Atlantik bis zum Ural, wendet sich von Israel ab, verhängt ein Waffenembargo über das von allen Seiten bedrohte Land und schilt es als arrogant und dominierend. Kann man es der kanadischen Regierung verdenken, daß sie bei den Sprüchen der Ségolène Royal an diese Geschichte denkt? (7)
Der Humorist Gérald Dahan steht der UMP nahe. Am 17. Dezember 2006 animiert er ein Treffen mit Nicolas Sarkozy und seinen Anhängern, um das 200 000. Parteimitglied einzuwerben. Jetzt lockt er die Kandidatin in die Falle und läßt Jean Charest sagen, daß ihre Äußerungen in Kanada so aufgefaßt würden, als wenn er öffentlich für die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich einträte. Darauf antwortet die Kandidatin lächelnd: "Les Français ne seraient pas contre d´ailleurs", dagegen wären die Franzosen gar nicht einmal, und sie ergänzt: Wiederholen Sie das nicht. Dieser Coup wird einen weiteren Zwischenfall abgeben in Frankreich. Gérald Dahan veröffentlicht das Gespräch bei RTL. Er sagt gegenüber AFP, daß er die Mitarbeiter von Ségolène Royal ausdrücklich darauf hingewiesen habe, daß es sich um einen Spaß handele. Sie hätten ihm nicht verboten, die Aufzeichnung zu verwenden.
Ségolène Royal ist nicht das erste Opfer des Humoristen. Der Spaßvogel gibt sich im September 2005 für Jacques Chirac aus und fordert den Nationaltrainer der französischen Fußballmannschaft Raymond Domenech und den Kapitän Zinédin Zidane auf, die Mannschaft möge beim Abspielen der Nationalhymne die Hand aufs Herz legen, was die Spieler daraufhin tun. (8)
Allons, enfants de la patrie, le jour de gloire est arrivé ...
27. Januar 2007
Quellen
(1) Das Dilemma. Von Tankdriver. Gegenstimme, 24. Januar 2007
http://www.gegenstimme.net/2007/01/24/das-dilemma/
(2) Un policier sanctionné pour avoir dormi dans le lit de Jacques Chirac. L´Indépendant, 27 janvier 2007, page 12
Un policier a dormi dans le lit de l´avion de Chirac, 7 sur 7, 25 janvier 2007
http://www.7sur7.be/hlns/cache/fr/det/art_360854.html
Le policier s´est mis dans de beaux draps. 20Minutesfr., 26 janvier 2007
http://www.20minutes.fr/articles/2007/01/26/20070126-actuali te-france-Le-policier-s-est-mis-dans-de-beaux-draps.php
(3) Téléthon. L´église prêche dans le désert. Par Thomas Calinon et Haydée Saberan. Libération, 8 décembre 2006
http://www.liberation.fr/actualite/societe/222000.FR.php
(4) 23ème Sommet des Chefs d´Etat d´Afrique et de France, 3 au 4 décembre 2005. Ambassade de France au Mali. République française
http://www.ambafrance-ml.org/article.php3?id_article=313
Arrivée à Bamako de M. Jacques CHIRAC, Président de la République. 23ème Sommet des Chefs d´Etat d´Afrique et de France
http://www.elysee.fr/elysee/elysee.fr/francais/actualites/de placements_a_l_etranger/2005/decembre/popup/photo_23eme_somm et_afrique-france.34371.html
(5) Présidentielles 2007. Royal déplore une campagne "pleine de dureté". Par Nicolas Barotte. Fort-de-France, Le Figaro, 27 janvier 2007
http://www.lefigaro.fr/election-2007/20070127.WWW000000008_a ux_antilles_la_candidate_deplore_une_campagne_pleine_de_dure te_.html
(6) Le Québec libre change de visage. Par François Sergent, Libération, 27 janvier 2007
http://www.liberation.fr/actualite/monde/231316.FR.php#go
Vive le Québec libre, version Ségolène. Par René Mailhot, Radio-Canada.ca, 23 janvier 2007
http://www.radio-canada.ca/nouvelles/Carnets/carnet.asp?nume ro=82431&auteur=2061&type=texte&niveau=3
(7) Vive le Québec libre ! Montréal, Radio-Canada.ca, 24 juillet 1967
http://archives.cbc.ca/IDC-0-17-209-1048-21/inoubliables/pol itique_economie/gaulle_quebec_libre
(8) Ségolène Royal nouvelle victime de l´imitateur Gérald Dahan. AFP, Le Monde, 26 janvier 2007
http://www.lemonde.fr/web/depeches/0,14-0,39-29526379@7-40,0 .html
Royal victime d´un canular et attaquée par Sarkozy, L´Indépendant, 27 janvier 2007, page 12
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