Homepage von Gudrun Eussner
Gudrun Eussner
Links
Homepage von Gudrun Eussner
Artikel

Marcel Reich-Ranicki als PhÀnotyp

Vor ein paar Jahren, wann genau, weiß er nicht mehr, fĂ€hrt Frank Schirrmacher durch Berlin; er besucht alte Schulen, ´ne Wohnung in der GĂŒntzelstraße, darin gibt´s einen Sicherungskasten, wo er einen Buchstaben "M" findet, dann macht er noch eine Spritztour zum Gendarmenmarkt und fĂ€hrt am Zeughaus vorbei, ganz in der NĂ€he der Humboldt-UniversitĂ€t, die aber sein Beifahrer nicht betreten will, weil er nicht eingeladen ist. Der Beifahrer ist Marcel Reich-Ranicki; dessen Bewerbung, von 1938, um einen Studienplatz an der UniversitĂ€t - damals heißt sie nach dem Kaiser Friedrich-Wilhelm - taucht im September 1999, ein paar Monate nach dem Erscheinen der Autobiographie des Marcel Reich-Ranicki auf. Wann genau, weiß Frank Schirrmacher nicht mehr. Jemand muß sie gesucht haben; wer, wo, und auf wessen Veranlassung? In der UniversitĂ€t scheint die Bewerbung verschwunden gewesen zu sein. Sie taucht unmittelbar nach dem Erscheinen der Autobiographie auf, nicht ein paar Monate spĂ€ter. Autobiographie: 15. August 1999, Bewerbungsschreiben: September 1999. (1)

Die FAZ, vielleicht Frank Schirrmacher selbst, schreibt also umgehend nach dem Erscheinen der Autobiographie an die UniversitĂ€t, in der Hoffnung, die möge das als Aufforderung betrachten, ihn zu ehren, den Marcel Reich-Ranicki. Den stellt er unter Vormundschaft, in dessen Namen schwingt er die Feder, Ă€hnlich wie die GrĂŒnen fĂŒr die armen Muslime: "Marcel Reich-Ranicki fragt sich, was die Berliner UniversitĂ€t sagen wird, wenn sie das SchriftstĂŒck sieht. Ob sie vielleicht doch noch antworten wird." Ich frage den Frank Schirrmacher, wieso er einen Brief schreibt, wenn Marcel Reich-Ranicki sich (!) fragt - und die UniversitĂ€t reagiert nicht unerwartet, sondern anders, als erwartet. Die deutsche Sprache hat ihre TĂŒcken.

In diesem GestrĂŒpp der gequĂ€lten Sprache und verwischten Spuren fĂ€hrt Frank Schirrmacher fort in seinem Eifer, dem Marcel Reich-Ranicki zu einer Ehrung durch die Humboldt-UniversitĂ€t zu verhelfen, ihm, der letzten Erscheinungsform jener literarisch-kosmopolitischen Intelligenz, die die Weimarer Republik prĂ€gte. Frank Schirrmachers Wille, Marcel Reich-Ranicki als Form: ihm zum Bilde schuf er ihn, und der alte Mann, der es nie verwunden hat, von Deutschen verwiesen, verfolgt und verachtet zu werden, geht ein auf das miese Spiel der SelbstbeweihrĂ€ucherung und Selbstbeehrung, wie Lizas Welt das treffend nennt. (2)

AnlĂ€ĂŸlich der schamlosen Benutzung des Adolf GrĂŒnbaum durch Dani Levy wird sie sichtbar, hier wirkt sie erneut, die Derealisierung der Juden, der toten und der lebenden. Prof. Dr. Adolf GrĂŒnbaum, Prof. h.c. Dr. h.c. Marcel Reich-Ranicki, zwei Erscheinungsformen kosmopolitischer Intelligenz, versetzt in eine irreale Welt romantischer Allmachtsphantasien. (3)

FĂŒr Marcel Reich-Ranicki stellt sich die Welt anders dar, sehr körperlich sinnlich. Dem Moderator Dieter Kassel erklĂ€rt er ĂŒber die Auswirkungen des Fehlens der Juden in Berlin und in anderen deutschen StĂ€dten auf die deutsche Kultur und besonders die Literatur: Das kann sich jetzt Ă€ndern. Es sind ja Juden aus Russland gekommen, und unter denen sind nicht wenige literarisch begabte. Das kann man nicht voraussagen, was das bringen wird. Richtige Menschen wird das bringen, bedrohlich fĂŒr Ihre und Ihresgleichen Position im Literaturbetrieb, Frank Schirrmacher, keine Erscheinungsformen Ihrer provinziellen Hirngespinste! (4)

Der Germanistik-Professor Peter Wapnewski beteiligt sich ebenfalls an der Derealisierung des Marcel Reich-Ranicki. Er meint, daß eine eminente souverĂ€ne Kenntnis der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, auch des 18. Jahrhunderts, und zwar nicht nur der deutschen, geehrt wird. Wie man eine Kenntnis ehren kann, und fĂŒr was, das ist das Geheimnis eines Germanistik-Professors, der so in sein Museum gebannt ist, und sieht die Welt kaum einen Feiertag. An der Ehrung das Wichtigste sind wie bei Frank Schirrmacher wir, die wir den Juden grausames Unrecht angetan haben. Marcel Reich-Ranicki wird nicht als er selbst geehrt, sondern gewissermaßen stellvertretend fĂŒr UnzĂ€hlige. Damit man nicht auf die Idee kommt, die Leistungen des Marcel Reich-Ranicki wĂ€ren diesem zuzuschreiben, ergĂ€nzt Peter Wapnewski:

Ich glaube, dass die Wachheit, die Schnelligkeit, die Helligkeit, auch die Frechheit, die gelegentlich aus seinem kritischen Verhalten spricht, das alles das ein Teil auch der preußisch Berliner Gesinnung ist, wenngleich sie bei ihm auf besondere Weise eben wieder gebrochen ist, weil man ihm natĂŒrlich auch immer noch das slawische Element - in dem Fall das polnische anhört. Aber ich bin sicher, dass er in diese Gegend gehört, er ist mir unvorstellbar in Bayern oder im Rheinland. (5)

Letztlich habe der Ehrendoktor seine besten Eigenschaften, die Berliner Gesinnung, aus Preußen, von uns: die Wachheit, die Schnelligkeit, die Helligkeit, auch die Frechheit. Diese Attribute aber zeichnen seit Hunderten von Jahren die jĂŒdischen Intellektuellen in Europa aus, die Juden prĂ€gen den Berliner Witz, sie schaffen die einzigartige AtmosphĂ€re, die von uns ab 1933 systematisch vernichtet wird und mit ihr die Juden, die sie verkörpern.

Davon unbeirrt, ehrt auch Peter Wapnewski uns; er spricht stellvertretend fĂŒr UnzĂ€hlige, die mit ihren Tugenden der Zielsicherheit und Entschiedenheit dazu beigetragen haben, dieses Werk in Gang zu bringen und bis Kriegsende weiterzufĂŒhren. Marcel Reich-Ranicki hat teil an den deutschen Tugenden, mit denen er dieses Unheil fĂŒr sich und seine Frau ĂŒberwindet.

Besonders groß scheint dieses Unheil aber nicht gewesen zu sein; der amtierende PrĂ€sident der Humboldt-UniversitĂ€t, der Theologe Christoph Markschies, beschreibt es in seiner Laudatio so: Reich-Ranicki habe einst an der Berliner Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t die durch das Blech von Dienstmarken und Koppelschlössern reprĂ€sentierte menschenverachtende RĂŒcksichtslosigkeit eines totalitĂ€ren Systems erleben mĂŒssen. Wenn´s weiter nichts ist als Blech! (6)

Gebildet in ethnischer Zuordnung, macht Peter Wapnewski im Werk des Marcel Reich-Ranicki außer dem Judentum noch das Slawische, in dem Fall das Polnische aus, und wohin er gehört, darĂŒber ist er sich absolut sicher: nach Berlin. Der Frankfurt-Sachsenhausener wird umziehen mĂŒssen; sein GlĂŒck, daß er nicht in Bayern oder im Rheinland wohnt; denn dahin gehört er ĂŒberhaupt nicht, bestimmt Peter Wapnewski ex cathedra. Erich MĂŒhsam, Heinrich Heine und Jacques Offenbach rotieren im Grabe ob der Zueignung, Charlotte Knobloch und Dr. Rachel Salamander haben es hoffentlich nicht vernommen! (7)

Marcel Reich-Ranicki. Erscheinungsform: Ehrendoktor

Art: Liebhaber deutscher Literatur - Sorte: Feuilleton - Spezies: Jude - Erscheinungsweise: kosmopolitische Intelligenz - Erscheinungsbild: portabler ReprÀsentant - Gestalt: SechsundachtzigjÀhrig - Erscheinungsjahr: 1938/2007 - Erscheinungsort: Berlin - Erscheinungswelt: Deutschland. (8)

FĂŒr Frank Schirrmacher und fĂŒr Peter Wapnewski verkörpert Marcel Reich-Ranicki keinen eigenstĂ€ndigen Genotyp, um eine Definition aus der Biologie anzuwenden, sondern einen von ihren Gnaden abgeleiteten PhĂ€notyp, eine Erscheinungsform, wobei Komponenten des deutschen, des Berliner, des slawischen Genotyps die Grundlage seiner Erscheinungsform bilden. Der Jude jedenfalls ist nichts EigenstĂ€ndiges, der ist eine Erscheinung von etwas anderem. Jude ist der, den die anderen dafĂŒr halten, wĂŒrde Jean-Paul Sartre, der Bruder im Geiste, dazu sagen: Le Juif est un homme que les autres hommes tiennent pour Juif: voilĂ  la vĂ©ritĂ© simple d´ou il faut partir. Er wird von den Nichtjuden definiert, und das Beste, das ihm von solchen geschehen kann, die nicht gleich auf Vernichtung aus sind, ist die Bescheinigung, er falle nicht auf; deshalb streichen sie bei ihm als nichtjĂŒdisch definierte positive Eigenschaften heraus: deutsche, berlinerische, slawische, polnische (sic!), die Wachheit, die Schnelligkeit, die Helligkeit, auch die Frechheit. (9)

Sie verweigern den Juden ihre OriginalitĂ€t, ihre Existenz als Juden. Das mĂŒssen diese sich gefallen lassen, weil Juden bei uns nur noch Einzelpersonen sind, die keine Verbindung zu einer grĂ¶ĂŸeren Gemeinde des eigenen Genotyps haben, Monaden quasi, le juif errant. Mit denen kann man nach GutdĂŒnken verfahren, sie können uns unseren Alltag verschönern, in dem man den einen oder anderen von ihnen ehrt: Dieser Tag heute, das sei gesagt, ist wichtiger fĂŒr uns als fĂŒr ihn. Wir können unseren Kindern davon erzĂ€hlen oder den Enkeln. ... weil Marcel Reich-Ranicki einmalig ist, und einer wie er nicht mehr ist und nicht mehr kommt. So Ă€hnlich wird das Sittendrama Les enfants du paradis, Children of Paradise, Kinder des Olymp von Filmkritikern eingeschĂ€tzt: einmalig, nie erreicht. Marcel Reich-Ranicki kann stolz sein, daß Frank Schirrmacher ihn so einordnet wie einen Film. (10)

Was aber nicht nur fĂŒr den zum PhĂ€notyp reduzierten Juden, sondern auch fĂŒr die kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft schwĂ€chend bis tödlich wirkt, das ist die anmaßende Zuordnung zu unserem Genotyp. Wir ersparen uns die MĂŒhe, eigenen Witz und eigene intellektuelle PrĂ€zision zu entwickeln. Leben blĂŒht aber durch die Wechselwirkung zwischen Geno- und PhĂ€notyp. Man sieht´s an den Verlautbarungen des Frank Schirrmacher, die wenig angekrĂ€nkelt sind von Wachheit, Schnelligkeit, Helligkeit, und Frechheit. Er weiß nicht einmal mehr, wann die Autobiographie des Marcel Reich-Ranicki erschienen ist, und wann seine Bewerbung zum Studium gefunden wird.

Einen Juden, wie er hier geht und steht, auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten auszustellen als einmalig, als unseren sehr portablen ReprĂ€sentanten: So einen Kerl wie Sie, lieber Marcel Reich-Ranicki, haben wir zeit unseres Lebens nicht gesehen und werden wir nie wieder sehen, das ist nicht nur Ă€tzend, sondern vernichtend - fĂŒr den Schausteller; denn der lebt nur durch den anderen, dessen Leistungen er sich zuordnet. (11)

Lizas Welt zitiert dazu Eike Geisel: "die einst Ausgestoßenen sich auf jede nur denkbare Weise einzuverleiben", habe er dazu in Konkret vor anderthalb Jahrzehnten den deutschen Versuch genannt, die "Eigenschaften zu verzehren", die man in die Juden als Schirrmachersche Erscheinungsformen hineinprojiziert: "Im Unterschied zur selbstlosen Niedertracht der Nazis gehorcht diese frivole Kommunion dem ganz eigennĂŒtzigen Zweck jener ‚erwachsenen Form nationaler IdentitĂ€tssuche´, deren heimliche Devise lautet: am jĂŒdischen Wesen soll Deutschland genesen."

FĂŒr Frank Schirrmacher ist Marcel Reich-Ranicki substanzlos, eine Erscheinungsform unseres Genotyps aus der Zeit der Weimarer Republik. Er bestimmt, welche Erscheinungsform Marcel Reich-Ranicki heute haben soll. Im Dritten Reich ist es ebenso: die nichtjĂŒdischen Deutschen bestimmen welche Erscheinungsform den Juden gestattet ist: Wer Jude ist, bestimme ich, soll mal Karl Lueger, mal Hermann Göring gesagt haben. Jean-Paul Sartre sagt es ebenso. Die Muslime definieren das qua Religion Islam: der Dhimmi hat die Erscheinungsform, die ihm der Muslim zubilligt. Das kann nach Zahlung der Jizya ein Jahr vertraglich abgesichertes Leben bedeuten oder Kopf ab.

Genotyp und PhÀnotyp

Eine kurze ErklĂ€rung von Genotyp und PhĂ€notyp gibt Dr. Frank-Peter Dirschauer, vom Labor fĂŒr physikalisch-technische Entwicklung. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy und Andreas Wagner, von der Yale University helfen weiter. Aus den Definitionen geht hervor, daß es eine Wechselwirkung zwischen beiden gibt - alles andere ist mehr so, wie es Eike Geisel beschreibt: Kannibalismus. (12)

21. Februar 2007

Quellen

(1) Was nach "Mein Leben" kam. Von Thomas Anz. Rezensionsforum. Literaturkritik.de Nr. 5, Mai 2004
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=70 79&ausgabe=200405

(2) Deutsche Selbstbeehrung. Lizas Welt, 19. Februar 2007
http://lizaswelt.blogspot.com/2007/02/deutsche-selbstbeehrun g.html

(3) Adolf fĂŒr jeden, vom Gröfaz aus Braunau bis zu den Opfern in Auschwitz. 17. Januar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-01-17_21-11-09.html

(4) "Es freut mich, dass ich nun diesen Titel bekomme". Radiofeuilleton: Kulturinterview. Marcel Reich-Ranicki wird Ehrendoktor der Humboldt-UniversitÀt. Moderation: Dieter Kassel. Deutschlandradio, 16. Februar 2007
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kulturinterview/59548 2/

(5) SpĂ€te Ehrung - Marcel Reich-Ranicki erhĂ€lt EhrendoktorwĂŒrde der Humboldt-UniversitĂ€t. Interview mit Peter Wapnewski. Leon Stebe. InfoRadio, 16. Februar 2007
http://www.inforadio.de/static/dyn2sta_article/878/169878_ar ticle.shtml

(6) Ehrendoktor Reich-Ranicki. Eine Ehrung fĂŒr uns alle. Text: F.A.Z., 16. Februar 2007
http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36BB8AFE338/Doc ~E6D5559FC268745699A949D6B00B8B6E5~ATpl~Ecommon~Scontent.html

(7) Geschichte jĂŒdischen Lebens in MĂŒnchen. Israelitische Kultusgemeinde MĂŒnchen und Oberbayern
http://www.ikg-muenchen.de/index.php?id=102

(8) DWDS. Wortinformationen aus dem digitalen Wörterbuch
http://www.dwds.de/cgi-bin/portalD.pl?search=Erscheinungsfor m

(9) RĂ©flexions sur la question juive (1946). Par Jean-Paul Sartre, Gallimard 1954, page 84
http://www.acontresens.com/livres/45.html

(10) Les enfants du paradis. Drame de mƓurs. Film noir et blanc. RĂ©alisateur: Marcel CarnĂ©, ScĂ©nariste: Jacques PrĂ©vert, France 1945
http://garance.chez-alice.fr/lesenfantsduparadis.html

(11) Frank Schirrmacher. Reich-Ranickis Ehrendoktor. Es schließt sich ein Kreis. BĂŒcher - Feuilleton. FAZ.NET, 16. Februar 2007
http://www.faz.net/s/Rub1DA1FB848C1E44858CB87A0FE6AD1B68/Doc ~EC7B91E1DB208467E8C11FE02E716DDB2~ATpl~Epalmversion~Scontent.html

(12) Genotyp und PhĂ€notyp. Dr. Frank-Peter Dirschauer. Labor fĂŒr physikalisch-technische Entwicklung und Beratung
http://www.drd.de/helmich/bio/gen/einf/karte012-p.html

The Genotype/Phenotype Distinction. First published Fri 23 Jan, 2004. Stanford Encyclopedia of Philosophy
http://plato.stanford.edu/entries/genotype-phenotype/

Can nonlinear epigenetic interactions obscure causal relations between genotype and phenotype?. By Andreas Wagner. Yale University 1996. IOPelectronic journals
http://www.iop.org/EJ/abstract/-search=4977748.3/0951-7715/9 /3/001



Hoch zum Seitenanfang Diese Seite drucken