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François Bayrou Gentleman-Einbrecher

Anne-Sophie Mercier widmet dem Kandidaten François Bayrou in der neuesten Ausgabe des Charlie Hebdo einen großen Artikel: Bayrou Gentleman Cambrioleur. Le casse du siècle sauce béarnaise; sie benutzt eine treffende Überschrift. Als Gentleman-Einbrecher und Abenteurer im nobelsten Sinne des Wortes wird er wahrgenommen, wie der 1973 von Jacques Dutronc lässig besungene Arsène Lupin, ein Herr, der sich mit Eleganz zu kleiden versteht, und für den Charlie begeht er den Jahrhundertbruch, Sauce béarnaise, eine Anspielung auf seine Herkunft aus dem Béarn. Lupin weiß seine Opfer unter den schlechten Reichen zu wählen, niemals greift er die Armen an, und immer rettet er die Unschuldigen. Dagegen verspottet er oftmals wichtige Persönlichkeiten, wird Arsène Lupin auf der ihm gewidmeten Web Site geschildert. (1)

Was das staunende Ausland nicht versteht, das ist die Verwechslung eines Fernseh-Feuilletons mit der Wirklichkeit, die plötzliche Vorliebe der Franzosen für dieses politische Leichtgewicht, dessen Namen noch vor einigen Monaten mancher nicht korrekt schreiben kann, weil dessen Wirken weder als Parteivorsitzender der UDF noch als Erziehungs- und Hochschulminister unter den Präsidenten François Mitterrand und Jacques Chirac, April 1993 bis Mai 1997, positiven Eindruck hinterlassen hat. Über die vier Jahre seiner Tätigkeit als Minister schweigt er sich aus. (2)

Der Kandidat, dessen Werte in den Umfragen täglich ansteigen, avanciert inzwischen international zum Hätschelkind der Journalisten. Baltimore Sun, Los Angeles Times, und sogar der kalifornische Fresno Bee, sie alle melden sich im Wahlkampfzentrum, um Auskunft über den Shooting Star zu erhalten, erklärt Géraldine Lehideux, die Verbindungsfrau der UDF zur Auslandspresse. (3)

Sie sollten den Artikel von Anne-Sophie Mercier lesen oder noch besser das Buch des François Bayrou Projet d´espoir, Projekt der Hoffnung, dann bleibt vom Gentleman weniger übrig als vom Cambrioleur, einem Schaumschläger und Egozentriker, der seinen Weg in den Elysée-Palast mit den Beschreibungen seiner Seelenzustände und Wünsche pflastert und das fasziniert lauschende Publikum geschickt als Staffage einsetzt: ich, ich, ich, ich, ich ...

Auf 194 Seiten breitet der Kandidat wie ein frommes Kind im Nachtgebet an der Bettkante seine Vorstellungen von den Beziehungen zwischen ihm als Präsidenten und den Franzosen aus: Wenn ich zum Präsidenten der Republik gewählt bin, werde ich zu den Franzosen von den großen und von den kleinen Dingen reden, von den kleinen, die nicht so klein sind. Genauer, ich werde von den kleinen Dingen reden, ohne jemals nachzulassen, von den großen zu reden, weil die großen und die kleinen gleichbedeutend sind, wenn Sie nach der Arbeit nach Hause gehen (S. 34). Wenn ich einmal groß bin ... François Bayrou, der Sprecher all derer, auf die man von oben herabschaut, Rebell, Robin Hood, Hitzkopf.

Eine kohärente Vision der Probleme, die man in Frankreich seit Jahrzehnten kenne, und auf die François Bayrou Lösungen auf der Grundlage zutiefst republikanischer Werte zu bringen vorschlage, Werte, die Frankreich sich vor 200 Jahren gegeben habe: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, schreibt ein Student auf seinem Blog. In seinem Buch zeige François Bayrou, daß das Volk, die Bürger, die von der Politik Vernachlässigten ein politisches System, wie es heute besteht, nicht mehr wollten. Alle wollten Veränderung, alle seien den republikanischen Werten verpflichtet wie François Bayrou. Er werde alles regeln, von der Staatsverschuldung bis zu den Renten. (4)

In seinem Buch fordert er die Wähler auf, sich gegen das "System" zu erheben. Er bezichtigt die Parteien UMP und PS der Verantwortung für Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung: Jetzt müssen Sie uns da herausziehen (S. 188). Selbstverständlich erwähnt er, der Minister von 1993 bis 1997, nicht seinen eigenen Anteil an der Verantwortung für die Lage, die seiner Aussage nach seit Jahrzehnten zu beklagen ist. Der dem politischen System Frankreichs seit mehr als 20 Jahren in hohen Funktionen der bürgelichen Partei UDF dienende Kandidat, er ist seit März 1986 Abgeordneter der Nationalversammlung, bekleidet politische Ämter auf Gemeinde-, Departments-, nationaler und europäischer Ebene, beeindruckt die Franzosen als Kämpfer gegen das "System". (5)

Womit er aber am meisten punktet, das ist seine anti-amerikanische Haltung. Er kann sich nicht genugtun an Schelte für Nicolas Sarkozy für dessen Reise zu den Feierlichkeiten zum fünften Jahrestag des 11. September 2001, nach Washington, zu George W. Bush, und die dortige Äußerung seines Konkurrenten über die "Arroganz" der französischen Diplomatie während der Irakkrise. So gewinnt er Zuspruch bei den mehrheitlich anti-amerikanisch eingestellten Wählern und vor allem beim scheidenden Präsidenten Jacques Chirac und seinem Premierminister Dominique de Villepin, zur Zeit der Irakkrise Außenminister Frankreichs und berühmter Redner in der Arena der Vereinten Nationen. Ein Präsident François Bayrou wird im Gegensatz zu Nicolas Sarkozy oder Dominique Strauss-Kahn keinen Wert auf eine Verbesserung der transatlantischen Beziehungen legen. Das wird Frankreich weiter in seinem verfehlten Selbstbild von der Grande Nation stärken. Dem Jacques Chirac wird´s gefallen, und er kann hinter den Kulissen die Fäden ziehen in der den gesamten europäischen Kontinent schädigenden Arabienpolitik. Mit Israel wird er nicht viel Gutes im Sinn haben. (6)

Was ihn gefährlich macht als Präsident Frankreichs, das ist seine anti-liberale latent anti-semitische Demagogie, das Geld betreffend, l´argent:

Das Geld ist am Platze im Rahmen des Nötigen. Jeder braucht es zum Leben, und diejenigen, denen es fehlt, werden lahmgelegt. Wenn aber das Nötige einmal befriedigt ist, darf das Geld den Horizont nicht mehr bestimmen ... Einen Unterschied zu machen zwischen Sein und Haben, das ist das Wesentliche eines Gesellschaftsprojektes, und sogar eines Projektes der Zivilisation (S. 78).

Der Kampf gegen das Geld bestimmt schon den späteren Nazi-Verbrecher Robert Brasillach, der anschreibt gegen diese furchtbare Ordnung dieser furchtbaren kapitalistischen Gesellschaft. Man müsse die Herrschaft des Geldes brechen. Das ist die Ideologie des "schaffenden" versus "raffenden" Kapitals der Nationalsozialisten, letztens in Frankreich dokumentiert durch die verfehlte Diskussion über den Verleih der Kunstwerke des Louvre. (7)

Nicht nur in seiner Einstellung zum Geld, von dem er selbst sicherlich ausreichend besitzt, sondern auch seiner Lobpreisungen des Landlebens wegen ist er gefährlich. Wie bereits in meinem Artikel Jacques Chirac und François Bayrou, der José Bové für Führungskräfte erwähnt, vertritt er noch heute die Ideologie des Lanza del Vasto, er hat ihr mitnichten den Rücken gekehrt. Die freudig vom PS und von der UMP zu ihm überlaufenden Wähler aus Kreisen der Erziehung und Wissenschaft, der Kleinindustrie und der Arbeiter werden einen Kandidaten küren, der in seinen Versammlungen die Vorzüge des Lebens auf dem Lande verklärt und betont, daß er manueller Tätigkeit nachging: Ich komme vom Lande. Das Leben hat mich gezwungen, von Jugend auf mit meinen eigenen Händen zu arbeiten. Das Leben oder besser der Tod. Mein Vater starb eines Tages, im Frühjahr 1974, und ich wollte nicht, daß der Tod alle Siege davontrüge. Ich habe den Hof weitergeführt bei gleichzeitiger Tätigkeit als Lehrer, im Alter von 23 Jahren (S. 127). (8)

Ein Held der Arbeiter und Bauern! Ein Kleinbürger, der in für ihn zu große Stiefel steigen möchte. Jacques Chirac, die Chiraquie und die Mehrheit der Villepinistes werden den Stiefelknecht machen. Ist er einmal drin, werden sie den so gestiefelten zu ihrem Laufburschen degradieren. Das meint Jacques Chirac, wenn er in seiner Sonntagsrede ankündigt, er werde Frankreich demnächst anders dienen:

Zorro va arriver, sans s´ presser
Le grand Zorro, le beau Zorro
Avec son ch´val et son grand chapeau
Avec son flingue et son grand lasso
Avec ses bottes et son vieux banjo
Ah ! Ah ! Sacré Zorro ah ah ah ah ...

14. März 2007

Quellen

(1) Arsène Lupin. Le personnage
http://jypparsenelupin.ifrance.com/personnage.htm

Gentleman Cambrioleur. Par Jacques Dutronc
http://www.paroles.net/chansons/15380.htm

(2) Quand Bayrou était ministre de l´Éducation nationale. Par C. L., l´hebdo des socialiste, 21 février 2007
http://hebdo.parti-socialiste.fr/2007/02/21/488/

(3) François Bayrou. Assemblée Nationale
http://www.assemblee-nationale.fr/12/tribun/fiches_id/410.as p

(4) François Bayrou dévoile son "Projet d´espoir" pour la France. Attentat verbal : Centre gauche !! Blog politique d´un étudiant, 11 mars 2007
http://attentatverbal.hautetfort.com/archive/2007/03/11/fran cois-bayrou-devoile-son-projet-d-espoir-pour-la-france.html

(5) Projet d´espoir , un livre de François Bayrou, aux éditions Plon, 17 euros, 194 pages. Zitiert nach Anne-Sophie Mercier: Bayrou Gentleman Cambrioleur. Le casse du siècle sauce béarnaise, Charlie Hebdo no 769, 14 mars 2007, pages 2&3

(6) La polémique sur le voyage de Sarkozy aux Etats-Unis rebondit. Reuters, l´association Faire Le Jour, 18 septembre 2006
http://www.fairelejour.org/breve.php3?id_breve=1151

(7) Le Louvre oder: Frankreichs Elite versinkt in Neid, Haß und Realitätsverlust. 30. Januar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-01-30_20-34-59.html

(8) Jacques Chirac und François Bayrou, der José Bové für Führungskräfte. 12. März 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-03-12_20-07-39.html


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