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Die proamerikanische Macht in Kabul und die kleinen Gesten Frankreichs

Am 13. April 2005 berichtet der Midi Libre über Afghanistan. Richard Boudes schreibt in dem Artikel über die politische Situation: La république islamique d´Afghanistan du président Karzaï, soutenue par les Américains ..., die Islamische Republik Afghanistan des Präsidenten Karzaï, unterstützt von den Amerikanern ... Der Autor suggeriert durch den Verweis auf die Unterstützung Hamid Karzaïs angeblich allein durch die USA, daß Frankreich und andere Staaten sich nicht mit dieser Unterstützung gemein machen, nichts mit ihr zu tun haben wollen. Über diese Schizophrenie der französischen Politik und ihrer angepaßten Medien kann man einen Artikel aus meinem Archiv lesen. Daraus geht die tatsächliche Rolle Frankreichs in Afghanistan hervor. Im April 2005 ist Frankreich nach Deutschland der zweitstärkste Partner der USA. (1)

Daran hat sich grundsätzlich nichts geändert, im Gegenteil, die französischen Truppen der ISAF sind inzwischen von 900 auf 1100 aufgestockt. Ein hoher französischer Diplomat, der ungenannt bleiben möchte, erklärt der Nachrichtenagentur AP vor dem NATO-Gipfel, in Riga, 28.-29. November 2006, daß Frankreich eine "petit geste", eine kleine Geste beabsichtige, und sich dem Druck der Alliierten beugen werde, seine Truppen punktuell und von Fall zu Fall außerhalb Kabuls einzusetzen, wo bislang Großbritannien, die Niederlande und Kanada die Freiheit am Hindukusch verteidigen und große Verluste an Menschen und Material hinnehmen. Die Entscheidung für den Einsatz werde auf nationaler Ebene getroffen und nicht von der NATO. Paris meint tatsächlich, daß die Lösung für die Verschlechterung der Lage nicht durch die Entsendung weiterer Truppen, sondern durch die Stärkung der afghanischen Regierung erreicht werde, berichtet AP. (2)

Was die kleine Geste angeht, so stellt Frankreich 1900 Truppen, was 13 Prozent der ISAF betragen soll, und bezeichnet sich selbst als einen der Hauptpartner der USA in Afghanistan. Neben der Stationierung der ISAF-Truppen trägt Frankreich bei zur Ausbildung der afghanischen nationalen Armee sowie zu Lande, in der Luft und zu Wasser mit Spezialtruppen zur Operation Enduring Freedom, mit Fregatten, Jagdbombern, Tankern, Transportflugzeugen, Mirage 200D (sic!), Mirage F1CR Aufklärern. Einzelheiten berichtet die Botschaft Frankreichs in Washington auf ihrer Site. Die Taliban und Al Qaida werden seit 2001 gemeinsam von den USA und Frankreich gejagt: France is a major NATO player. (3)

Am NATO-Gipfel in Riga nehmen seitens Frankreichs dessen oberste politische Entscheidungsträger teil: Präsident, Premier- und Außenminister, die Verteidigungsministerin sowie der Ständige Vertreter Frankreichs bei der NATO. In der Schlußdeklaration des NATO-Gipfels erklären die Staats- und Regierungschefs bezüglich Afghanistan: Wir stehen an der Seite des Präsidenten Karzai und des afghanischen Volkes, die eine stabile, demokratische und blühende Gesellschaft errichten wollen, frei von Terrorismus, Drogen und Angst ... Wir sind gemeinsam mit anderen internationalen Handelnden festgelegt auf eine dauerhafte Rolle als Unterstützer afghanischer Autoritäten ... Die afghanische Regierung und die NATO arbeiten zusammen, um demokratisch kontrollierte Verteidigungsinstitutionen zu entwickeln ... usw. usw. (4)

In Afghanistan operieren laut Auskunft der NATO 32 000 Truppen: "Ungefähr 26 000 der insgesamt 32 000 NATO ISAF-Kräfte können nun flexibler eingesetzt werden, als sie für Kampf- und Nichtkampfeinsätze waren," sagt NATO Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer nach dem NATO-Gipfel. Wenn Frankreich also, wie von der Botschaft in Washington angegeben, 13 Prozent der Truppen stellte, müßten das 4260 Soldaten sein. Sein Truppenanteil beträgt auf der Grundlage der NATO-Angaben nicht 13, sondern 6 Prozent; selbst auf der Grundlage von 26 000 wären es weniger als 8 Prozent. Man darf sich aussuchen, welche Angaben den Tatsachen entsprechen. (5)

Am 18. März 2007 berichtet die NATO, daß Frankreich nach dem NATO-Gipfel in Riga ab dem 15. März seine Unterstützung für Afghanistan verstärke. (6)

Drei Rafale Kampfflugzeuge von Dassault kommen zu den drei bereits in Dushanbe/Tadjikistan stationierten Mirage 2000-D hinzu. Die von der Botschaft aufgelisteten Mirage 200D sind bei Dassault nicht aufzufinden, die Mirage F1CR Aufklärer sehr wohl. Die Rafale sind im Indischen Ozean auf dem Flugzeugträger Charles-de-Gaulle stationiert, sie bleiben bis mindestens zum Juli 2007 und können zu Missionen überall im Himmel über Afghanistan eingesetzt werden: diese Flugzeuge können gemeinsam mit den bereits zur Unterstützung der Flotte eingesetzten neun Rafale zu Luftschlägen im Süden Afghanistans eingesetzt werden. Frankreich stellt weitere Flugzeuge, darunter eine aus dem Hause der US-amerikanischen Konkurrenz erworbene Boeing C135 zum Auftanken in der Luft, zwei befinden sich bereits auf dem Flughafen Manas/Tadjikistan. Die Zusammenarbeit zwischen Frankreich und den USA scheint also gut zu funktionieren. (7)

Das meint auch voller Stolz Marie-France Calle, die Südasienkorrespondentin des Figaro. Aus New Delhi (!) berichtet sie über die sich auszahlende Strategie der Entführungen in Afghanistan: der Austausch des italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo gegen fünf hochranigige islamische Terroristen, bei ihr responsables islamistes, islamistische Verantwortliche, genannt, setze neue Maßstäbe. (8)

Grund der auch heute noch La Une von lefigaro.fr beherrschen Aufregung ist die Entführung zweier Mitarbeiter, eines Mannes und einer Frau, der französischen NGO Terre d´Enfance, deren zehnköpfiges Team in dem gebeutelten Land seit 2002 das Recht auf Erziehung verteidigt, und ihrer drei afghanischen Führer in der Provinz Nimroz, im Südwesten des Landes, an der Grenze zum Helmand, der Hochburg der Taliban, also in der Gegend, in der deutsche Bundeswehrsoldaten, weils´s so gefährlich ist, nicht operieren sollen. Die beiden Abenteurer haben ihre Reise nicht angemeldet bei Ghulam Dastgir Azad, dem zuständigen afghanischen Gouverneur von Nimroz. Die Frage, warum nicht, sollte man sich besser verkneifen, weil man die Antwort eh schon weiß. Die Agententätigkeit der Mitarbeiter französischer Firmen, Institutionen und Medien ist seit den Entführungsfällen von Christian Chesnot, Georges Malbrunot und Florence Aubenas und dem Attentat auf die in Saudi-Arabien picknickende französische Touristengruppe kaum noch geheimzuhalten, was sie nicht unterscheidet von den fleißigen Entwicklungshelfern und pfiffigen Journalisten anderer Länder. Jeder positioniert sich so gut, wie er kann. (9)

Sie hatten die Gewohnheit, das Flugzeug zum Überqueren großer Entfernungen zu nehmen. Aber an dem Tag (der Entführung) haben sie aus einem unbekannten Grund die Straße genommen. Tja, warum nicht? Was sieht man denn schon vom Flugzeug aus, außer vielleicht die riesigen Mohnfelder?

Anläßlich der Entführung erfahren die Leser des Figaro, daß die Botschaft Frankreichs in Kabul 300 französische Bürger verzeichnet, die für NGOs oder für andere Hilfsorganisationen arbeiten. Eine französische NGO Solidarité hat ihr Quartier im Norden Afghanistans, und ihre Mitarbeiter würden keinen Fuß in den Süden setzen, weil bei den Zuständen der Unsicherheit keine anständige Arbeit möglich sei, wie ihr Sprecher Thomas Hugonnier berichtet. Andere NGOs sind in Kabul stationiert, haben aber Kontakte in den südlichen Provinzen. Die Franzosen sammeln sich zum Essen im französischen Restaurant von Kabul, hinter drei Meter hohen Mauern, verrammelten Fenstern und mit bewaffneten Sicherheitskräften vorm Haus.

Marie-France Calle berichtet, daß eine Unterscheidung der in Afghanistan stationierten Bürger westlicher Staaten kaum noch stattfinde. Für die Afghanen seien alle Ausländer "Amerikaner". Das erinnert mich an meine Studienzeit im Iran. Da heißen Ausländer auch farangi, Franzose. Dieses Image der Ausländer herrscht nun nicht mehr, sondern alle sind Amerikaner, ob in zivil oder in Uniform. Ende März und Anfang April hat das französische Militär, übrigens sehr diskret und stationniert in der Umgebung von Kabul, Bombardierungen von Stellungen der Taliban im Süden des Landes vorgenommen, geht ihr Bericht weiter. Aus Flugzeugen von Dassault, ebenfalls Besitzer des Figaro.

Nachdem nun alle Leser wissen, welche guten Werke 300 Franzosen in Afghanistan leisten, und bei Betrachtung des über vier Spalten reichenden Fotos von amerikanischen Soldaten, am letzten Montag ein Haus in Sinan, im Südosten von Afghanistan, durchsuchend, hier als Pointe der Berichterstattung der Anreißer des Artikels der Constance de Bonnaventure, am Anfang der Seite International: Les talibans en lutte contre le pouvoir proaméricain de Kaboul ont revendiqué l´enlèvement des deux humanitaires. Die Taliban im Kampf gegen die pro-amerikanische Macht von Kabul haben sich zur Entführung der beiden humanitären Helfer bekannt. (10)

Mit Frankreich hat alles das nichts zu tun, die Taliban kämpfen gegen die proamerikanische Macht von Kabul. Der humanitäre Einsatz von 300 französischen Entwicklungshelfern wird mit Entführungen belohnt. Ungerechtigkeit der Welt!

7. April 2007

Quellen

(1) Die Schizophrenie der französischen Medien am Beispiel der Afghanistan-Berichterstattung des "Midi Libre". 13. April 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-04-13_17-30-06.html

(2) Afghanistan : la France prête à engager ponctuellement ses troupes hors de Kaboul. AP, Nawaa-ye Afghanistan, 27 novembre 2006
http://www.nawaaye-afghanistan.net/article.php3?id_article=2 580

(3) National Defense, update August 24, 2006
http://www.ambafrance-us.org/atoz/defense.asp

(4) Riga Summit Declaration. Issued by the Heads of State and Government participating in the meeting of the North Atlantic Council in Riga on
29 November 2006
http://www.nato.int/docu/pr/2006/p06-150e.htm

(5) NATO boosts efforts in Afghanistan. NATO Riga Summit 2006,
November 30, 2006
http://www.nato.int/docu/update/2006/11-november/e1128a.htm

(6) French Government strengthens its support for Afghanistan. Release # 2007-197, International Security Assistance Force (ISAF), March 17, 2007
http://www.nato.int/isaf/Update/Press_Releases/newsrelease/2 007/pr070318-197.htm

(7) Mirage 2000-D. Les systèmes d´armes. ixarm. Ministère de la Défense
http://www.ixarm.com/-Mirage-2000-D-

Dassault Mirage F1CR - 613 / 33-CC - Deauville 2007. stanak shot
http://stanakshot.free.fr/affich2.php?img=817

Boeing C-135. Aéronautique. www.techno-science.net
http://www.techno-science.net/?onglet=glossaire&definition=7 967

(8) Les enlèvements d´Occidentaux deviennent une stratégie payante pour les talibans. Par Marie-France Calle. Le Figaro, 6 avril 2007, page 2
http://www.lefigaro.fr/international/20070406.FIG000000210_l es_enlevements_d_occidentaux_deviennent_une_strategie_payant e_pour_les_talibans.html

(9) Georges Malbrunot unterwegs als Figaro Frankreichs. 28. Februar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-02-28_20-03-07.html

(10) Inquiétude à Kaboul après le rapt de Français. Par Constance Bonnaventure. Le Figaro, 6 avril 2007, page 2

Le rapt des Français par les talibans confirmé. lefigaro.fr (avec AFP), 7 avril 2007
http://www.lefigaro.fr/international/20070407.WWW000000037_l e_rapt_des_francais_par_les_talibans_confirme.html


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