
Bielefeld: Der Sumpf des Willens
Es gibt Neuigkeiten aus meiner alten ostwestfälischen Heimat. Dort wird seit Wochen das Paul Gerhardt Gebäude, ein ehemaliges Gotteshaus der evangelisch-lutherischen Kirche, von einer Bürgerinitiative gottesfürchtiger Protestanten aus der Mitte der Gesellschaft besetzt. Der Kirchenkreis Bielefeld hat das Geäude der jüdischen Gemeinde angeboten, die es zu einer Synagoge umbauen will. Der Kirchenkreis Bielefeld gibt auf seiner Site detailliert Auskunft über die Gründe für ihre Entscheidung, die entwidmete Kirche an die jüdische Gemeinde zu verkaufen. Die Rechtslage sowie die rechtswidrigen Aktivitäten der Besetzer werden ausführlich erläutert. Schon am 15. Dezember 2005 berichtet die Neue Westfälische darüber, daß die Jüdische Kultusgemeinde die Absicht habe, die Kirche zu kaufen und zur Synagoge umzubauen. Seitdem ist bei der Berichterstattung der Bielefelder Zeitungen den Gegnern des Verkaufs viel Raum gegeben worden. (1)
Nicht nur viel Raum, sondern vor allem einseitig Sympathie für die Besetzer zeichnet die Artikel aus. Das Westfalenblatt verfolgt das Geschehen gewissermaßen an der Seite der Besetzer. Gerhard Hülsegge berichtet bewegend über den Augenblick, da die zuständigen Kirchenvertreter die Wertgegenstände aus der Kirche entfernen, was sie den Besetzern vorher nicht angekündigt hätten.
Das Keyboard, der Motor vom Orgel-Positiv (Gebläse), die Musikboxen aus dem Jugendraum, Noten und Bibeln, das Lesepult, die Altarbehänge, die Porträts früherer Pfarrer, die Weihnachtskrippe und nicht zuletzt das kleine Kreuz mit dem Gekreuzigten aus der Sakristei, alles räumt der Kirchenmeister der Kirchengemeinde Neustadt-Marien ab. Abendmahls-Utensilien und Paramente (Altarbehänge) wurden wie auch alle Gesangbücher ins Gemeindehaus Am Papenmarkt geschafft. Der Pastor bezeichne die Besetzung der Kirche als widerrechtlich, und diese Distanzierung zeigt das Rechtsverständnis, das in Deutschland hervorkommt, sobald es darum geht, sich gegen Juden zu wenden. Dann steht selbstverständlich der Vorsitzende Richter des Landgerichts Bielefeld außerhalb des Gesetzes oder darüber, und es ist, als wenn sich nach dem Dritten Reich nichts geändert hätte. (2)
Die Staatsanwaltschaft Hamm rührt sich trotz Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs nicht; der Richter gehört wie Hermann Geller, der ehemalige Kirchenmeister, eine Art Verwaltungsleiter, der ehemaligen Paul-Gerhard-Gemeinde, zu den Besetzern, und der frühere WDR-Redakteur Eitel Riefenstahl schließt sich den Christen an, die meinen, die Juden könnten überall hinziehen, nur nicht in die von der Gemeinde durch Zusammenlegung mit der Nachbargemeinde aufgegebene und zum Verkauf stehende Kirche aus den 60er Jahren. (3)
Überall ist allerdings nicht überall. Die Besetzer stellen klar, dass ihr Vorschlag, neben der Paul-Gerhardt-Kirche könne ein Synagogen-Neubau errichtet werden, sich nicht auf das Spielgelände der evangelischen Kita bezogen habe, sondern auf eine weitere Fläche an der Kirche. Selbstverständlich hat die Bürgerinitiative kein Recht, über die Liegenschaften der Kirche zu befinden, aber das ist ihr ebenso gleichgültig wie die Tatsache, daß die jüdische Gemeinde keine finanziellen Mittel zum Neubau einer Synagoge besitzt.
Jakow Zelewitsch, der Kantor der jüdischen Kultusgemeinden in Herford-Detmold, Minden-Lübbecke und Paderborn, stattet den Besetzern einen Solidaritätsbesuch ab. Er kennt die jüdische Gemeinde von Bielefeld, wo er ein Jahr tätig war. Auch er meint, eine christliche Kirche solle nicht in eine Synagoge umgewandelt werden, nicht alles dürfe man unter finanziellen Gesichtspunkten sehen, dazu gehöre das Schicksal einer Kirche. Er kann sich auch nicht vorstellen, daß eine Synagoge in eine Kirche umgewandelt werden könnte. Zwar stellt sich diese kontrafaktische Frage mangels im Dritten Reich zerstörter Synagogen nicht, sondern es ist vielmehr so, daß die durch Zuzug aus Rußland anwachsenden jüdischen Gemeinden der Synagogen bedürfen, aber gleichzeitig kein Geld für den Neubau haben.
Ein schöner Anlaß ist der Kantorbesuch für das Westfalenblatt, um nebenbei interne Zwistigkeiten der jüdischen Gemeinde Bielefeld über den Führungsstil ihrer Vorsitzenden auszuwalzen. (4)
Am 29. April 2007 berichtet die Regionalsendung Cosmo TV vor Ort über die ehemalige Kirche, in der die Besetzer ihren eigenen Gottesdienst abhalten: (5)
Weil sie nicht wollen, dass ihre Kirche an die jüdische Gemeinde im Ort verkauft wird, halten einige Gemeindemitglieder seit Wochen das Gebäude besetzt. Schlichter sollen nun den Konflikt lösen helfen. Cosmo TV war vor Ort und hat unter den Demonstranten auch einige Rechtsradikale entdeckt. Kämpfen hier Gläubige für den Erhalt ihrer Kirche oder geht es doch nur gegen die jüdische Gemeinde?
Das Video von knapp fünf Minuten Länge kann auf der Site von Cosmo TV angesehen werden. Da erfährt man auch, daß eine andere evangelische Kirche in Bielefeld verkauft und zu einem Restaurant umfunktioniert wurde. Es heißt sinnigerweise "Glück und Seligkeit". Mitarbeiter der Zeitschrift der "Neuen Rechten" Junge Freiheit nehmen sich jetzt der Besetzung an und verteilen am Gebäudeeingang Probenummern.
Nun soll auf Empfehlung der FDP-Bundestagsabgeordneten Gudrun Kopp und des FDP-Kreisvorsitzende Thomas Seidenberg ein in Konfliktbewältigung erfahrener Jurist als Schlichter eingesetzt werden. Gespannt darf man auf dessen Ergebnisbericht sein. Er sollte Chaoten, Anarchos, Spinnern und Spontis der Besetzerszene kostenlos zur Verfügung gestellt werden, damit sie daraus lernen können, welche Behandlung Besetzer erfahren, und welche Kosten und Mühen nicht gescheut werden, wenn es sich um Richter, Kirchenmeister und Journalisten handelt, die verhindern wollen, daß Juden eine ehemalige evangelisch-lutherische Kirche in eine Synagoge umbauen. (6)
2. Mai 2007 - überarbeitet am 4. Mai 2007
Update aus Niedersachsen
Hannover (epd). Die evangelische Gustav-Adolf-Kirche in Hannover ist nach Angaben der hannoverschen Landeskirche die erste Kirche in Deutschland, die zu einer Synagoge umgebaut wird. Die Kirche werde an diesem Sonntag (6. Mai 2007) in einem feierlichen Gottesdienst mit einem Ritual als christliche Kirche entwidmet, sagte die hannoversche Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann am Donnerstag vor Journalisten. Die Liberale Jüdische Gemeinde werde die Kirche für 350.000 Euro kaufen. Die Vorverträge seien bereits geschlossen, sagte Spieckermann ... (7)
Quellen
(1) Häufig gestellte Fragen zur Situation in Paul-Gerhardt. Stand: 2. April 2007. Kirchenkreis Bielefeld
http://www.kirche-bielefeld.de/.cms/501
Rabbiner löst Pfarrer ab. Von Thomas Strünkelnberg. WDR.de, 14. Februar 2006
http://www.wdr.de/themen/kultur/religion/kirchenumbau_bielef eld/index.jhtml
(2) Paul Gerhardt: Kirche bestellt Möbelwagen. Von Gerhard Hülsegge. Westfalenblatt, 28. März 2007
http://www.westfalenblatt.de/nachrichten/regional/bielefeld_ rss_erg.php?id=4922
(3) Kirchenmeister/in. Stellenbeschreibung. stephansdom.at
http://personalreferat.stephanscom.at/ausschreibungen/0/arti cles/2007/04/04/a3156/
(4) Jüdischer Kantor zeigt Solidarität mit Besetzern. Von Michael Schläger. Westfalenblatt, 29. März 2007
http://www.westfalenblatt.de/nachrichten/generator/reg_show. php?id=4968&TB_iframe=true&width=500&height=450&PHPSESSID=c3 8aa1bcff17d2779964b2ccbe5a7019
(5) Alles, nur nicht Juden? Cosmo TV. Mit Video zum Beitrag, WDR, 29. April 2007
http://www.wdr.de/tv/cosmotv/sendungsbeitraege/2007/0429/01_ nur_nicht_juden.jsp
(6) Erfahrener Jurist soll im Kirchenstreit schlichten. Von Gerhard Hülsegge. Westfalenblatt, 14. April 2007
http://www.westfalenblatt.de/nachrichten/regional/bielefeld_ rss_erg.php?id=5435
(7) Erstmals wird evangelische Kirche zu einer Synagoge. epd Niedersachsen-Bremen/b1174. Evangelische Landeskirche Hannover, 3. Mai 2007
http://www.evlka.de/content.php3?contentTypeID=4&id=6116
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