
Bei Airbus Toulouse arbeiten freitags 35 bis 40 Prozent
Nicolas Sarkozy nimmt sich viel vor. Einen Tag nach seiner Wahl, am 6. Mai 2007, enteilt er für drei Tage mit seiner Familie zu einem Mini-Urlaub auf die Luxusyacht seines Freundes Vincent Bolloré. Die Zeitungen sind voller neidischer und moralisierender Stimmen, und es wird gewühlt, ob der reiche Mann nicht Regierungsaufträge bekommt, was ihn als Gastgeber disqualifiziere. Claude Soula versucht auf seinem Blog, den Urlaub mit klarem Kopf zu betrachten: Was erwartet Vincent Bolloré als Entgelt? Was kann er überhaupt bekommen? Er zitiert, was der Gastgeber dazu gegenüber AFP äußert: "Es ist im übrigen Tradition in der Familie Bolloré, die die Gelegenheit hatte, Léon Blum für einige Wochen in ihrem Hause zu empfangen, als er aus seiner Gefangenschaft zurückkam ( in Buchenwald, während des Zweiten Weltkrieges), oder Mohammed V., als er (aus dem Exil) in Madagaskar (1955) zurückkam, bevor er König von Marokko wurde." (1)
Man stelle sich vor, die Nachkommen der Familie Blum bestreiten, daß ihr berühmter Vorfahr bei der Familie Bolloré jemals eingeladen gewesen ist, worauf diese, um den Neidern und Verleumdern das Maul zu stopfen, ein Foto des Hausherrn mit seinem Gast sowie eine Karte mit Dank und Widmung des Léon Blum, vom 19. September 1947, veröffentlicht. "à Gwenn-Aël Bolloré, l´hôte ravi de sa maison, 19 septembre 1947 - Léon Blum". Foto und Karte sind auf lemonde.fr abgebildet. (2)
François Hollande, von dem ich schon immer ahne, daß er nichts ist als der Erfinder der Sauce hollandaise, fragt öffentlich an, ob der französische Staat etwa den teueren Trip bezahle, und vom Philosophen Alain Finkielkraut, von dem ich nicht weiß, was ihn geritten hat, gibt´s Proteste über dieses falsche Signal an die Franzosen, die aber gar nichts dagegen einzuwenden haben: Drei Tage lang hat Nicolas Sarkozy uns Schande gemacht. Finky, biste noch ganz bei Troste? (3)
Wann, Finky, hättste dich darüber aufgeregt, daß Ségolène Royal ihre Debatte mit Nicolas Sarkozy, am 2. Mai 2007, an der langen Leine ihrer Berater führt, gespickt mit einer Oreillette, einem Funkgerät, das jeder Journalist kennt, wodurch er Informationen für seine Sendung erhält. Diese Schande für die Nation ist dir kein Wort wert, obgleich es keinen Zweifel geben kann, daß die Kandidatin ohne die Hörhilfe keine einzige Frage präzise beantworten kann. Noch eine solche Dämlichkeit, und ich schreibe nie wieder über die Attacken der Linken und ihrer Islamfreunde gegen dich, merk´ es dir! (4)
Der Präsident in Eile, Speedy Nicolas, fliegt gleich nach seiner offiziellen Ernennung, die letzten Töne der Marseillaise sind noch nicht verklungen, nach Berlin zur chère Angela. Dort gibt´s neben vielen Gemeinsamkeiten auch Meinungsverschiedenheiten, über das Mangement des Problemprojektes EADS beispielsweise. Nicolas Sarkozys Pläne, den Anteil des französischen Staates am europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS zu erhöhen, seien bei Angela Merkel auf wenig Gegenliebe gestoßen, berichtet Reuters. Am selben Mittwoch, 16. Mai 2007, wird bekanntgegeben, daß der Präsident am Freitag, noch bevor er sich am Nachmittag mit seinem neuen Kabinett offiziell vorstellt, nach Toulouse fliegen werde, um vor Ort mit der Geschäftsführung, den Gewerkschaften und den Beschäftigten über die Zukunft des Konzerns zu sprechen.
Bei EADS sahnen im letzten Jahr einige Glückliche ab, wobei der mit 8 Millionen Euro Abfindung und einer Pension von 33 000 Euro/Monat gesegnete ehemalige Co-Vorstandschef Noël Forgeard sowie einige andere Manager und der Verkauf von Stock-Options für Führungskräfte, im März 2006, durch diese Mitarbeiter nicht das Hauptproblem sind, auch wenn es immer darauf reduziert wird. Arnaud Lagardère und Manfred Bischoff, für Daimler-Chrysler, Hauptaktionäre von EADS, verkaufen noch einen Monat nach (!) Noël Forgeard jeweils 7,5 Prozent, die Hälfte ihrer Aktienpakete von je 15 Prozent. Vehement trat Lagardère der Vermutung entgegen, in der Erwartung des Kurssturzes im April die Hälfte seiner 15 Prozent EADS-Anteile verkauft zu haben, schreibt die Financial Times Deutschland, am 15. Juni 2006.
Der UMP-Abgeordnete der Nationalversammlung Jacques Myard bezichtigt Arnaud Lagardère und Manfred Bischoff, die beiden Vorsitzenden des Aufsichtsrates von EADS, der Insidergeschäfte, und fordert einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß. Der wird, wie man sich denken kann, nicht eingerichtet. Wie die französische Regierung solche Peinlichkeiten regelt, sieht man am Fall des UMP-Abgeordneten Didier Julia. Ein Prozeß wird angestrengt, der Justizminister gestattet während der Zeit, um die Ermittlungen nicht zu gefährden, die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses nicht, und schon verschiebt sich alles ad calendas graecas. So jedenfalls ist die Praxis bislang. Vielleicht handelt Rachida Dati, die neue Justizministerin unter dem Präsidenten Nicolas Sarkozy, ja anders und trocknet diesen kriminellen Sumpf der Chiraquie aus. (5)
Am Samstag, 19. Mai 2007, berichten die deutschen und französischen Zeitungen von den Plänen des Präsidenten Nicolas Sarkozy für die Zukunft von EADS. Für zwei Stunden, die Uhr in der Hand, fliegt er am Freitagvormittag nach Toulouse, ins Werk Clément-Ader, um dort mit den Beschäftigten, ihren Gewerkschaften und dem Management zu sprechen und die finanziellen und strukturellen Probleme von Airbus anzugehen.
Bereits am Nachmittag des 17. Mai 2007, also am Himmelsfahrtstag, wird Louis Gallois, der Präsident von Airbus und Co-Präsident von EADS, von Beratern des Präsidenten zu Vorgesprächen empfangen, am nächsten Tag führt Nicolas Sarkozy diese Gespräche fort. Dann trifft er sich mit den Beschäftigten, ißt mit ihnen in ihrer Kantine zu Mittag und berichtet anschließend den Gewerkschaftsvertretern über seine Verhandlungen mit Angela Merkel. Mit ihr will er im Juli das Werk noch einmal besuchen. Auch in Deutschland steht der Besuch eines Werkes von Airbus an, wahrscheinlich in Hamburg. (6)
Goldene Fallschirme will der Präsident demnächst den Wirtschaftsbossen untersagen: Das Wirtschaftsministerium in Paris werde dazu im Sommer einen "Text" vorlegen, der zu einer höheren "Ethik und Besserung der Sitten" in der Wirtschaft führen solle. Ob es sich um ein Gesetz handeln soll, wurde nicht klar, schreibt der Spiegel. (7)
Die Politiker und ihre Berater lassen den Feiertag ausfallen, die staatlichen Institutionen, die mit dem Besuch befaßt sind, stampfen das Programm und die dazu nötige Sicherheit aus dem Boden, direkte Mitarbeiter des Präsidenten, hohe Funktionäre des Departments Haute-Garonne, die Präfektur und die Polizei sind auf den Beinen. Wie staune ich zu lesen, daß an dem für die Zukunft des Unternehmens wichtigen Tag im Werk von Toulouse nur 35 bis 40 Prozent der Beschäftigten zur Arbeit anwesend sind. Das scheine normal zu sein für einen Freitag, kommentiert Jacques Rocca, der Kommunikationsdirektor von Airbus France, zu lesen aus der Feder von Philippe Dagneaux, der für den Midi Libre aus Toulouse berichtet: Jacques Rocca, DirCom d´Airbus France, explique que 35 à 40 % seulement du personnel est présent, ce qui semblerait normal pour un vendredi.
In den kommenden vier Jahren sollen 10.000 Stellen abgebaut werden, davon 3700 in Deutschland, 4300 Stellen in Frankreich, 1600 in Großbritannien und 400 in Spanien. 5000 der Stellen entfallen auf Zeitarbeitskräfte oder Unterauftragnehmer, berichtet das ZDF. Daneben gibt´s ein Video Streiks bei Airbus in Frankreich, vom 6. März 2007. Das ist ein Dienstag, am selben Tag trifft die Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal in Berlin Angela Merkel und schildert ihr die Sorgen und Nöte der Airbus-Beschäftigten. Diese sind am Montag gemütlich wieder zur Arbeit erschienen, um den Streik vorzubereiten, am nächsten Tag streiken 12 000, sie wollen nicht bezahlen für die Fehler, die das Management begangen hat, und die folgenden Tage, bis zum Donnerstag, debattieren sie darüber: Wenn´s um nationale Interessen geht, dann kennen die Franzosen keine Freunde mehr, berichtet der ZDF-Kommentator. Am Freitag geht´s dann schon wieder ab auf´s Land, ein Drittel der Beschäftigten hält derweil die Stellung. Das ist anscheinend der französische Sonderweg aus der Airbus-Krise. (8)
Es geht für die Beschäftigten ums Eingemachte, und trotzdem halten es 60 bis 65 Prozent der Beschäftigten für richtig, am Freitag nach Himmelfahrt nicht zur Arbeit zu erscheinen, den "pont" zu machen, die Brücke, am Freitag Urlaub zu nehmen, dem Präsidenten der Republik auf seinen Einsatz zu antworten, in dem sie ihm leere Werkhallen vorführen - und so sei es immer freitags. Da frage ich doch, ob man nicht alle 10 000 Stellen in Frankreich wegfallen lassen sollte; denn der Beschäftigten sind dort anscheinend eh zu viele. (9)
Und was den Besuch des Werkes Clément-Ader angeht: im Juli und August ist ganz Frankreich in Urlaub, da wird Nicolas Sarkozy mit seiner Kollegin Angela Merkel wohl durch gänzlich verwaiste Hallen irren: im Juli und August arbeiten in Frankreich null Prozent.
19. Mai 2007
Quellen
(1) Bolloré se dit "honoré" d´accueillir M. Sarkozy, après Blum et Mohammed V.
Le Monde, 9 mai 2007
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-823448,36-907684@5 1-823374,0.html
(2) "Léon Blum n´a jamais eu de lien avec les Bolloré" selon sa famille. L´Expansion, 9 mai 2007
http://www.lexpansion.com/art/1.0.157875.0.html?xtor=RSS-3
Face au démenti de la famille Blum, Vincent Bolloré rend publics des documents sur lesquels apparaît Léon Blum. Le Monde, 10 mai 2007
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-823448,36-908426,0 .html
(3) Yacht: on se trompe de débat. Par Claude Soula, "Le blog des (multi) média,
9 mai 2007
http://claude-soula.blogs.nouvelobs.com/archive/2007/05/inde x.html
Fouquet´s et Malte : Finkielkraut critique Sarkozy. NouvelObs.com, 14 mai 2007
http://tempsreel.nouvelobs.com/actualites/politique/20070510 .OBS6586/fouquets_et_malte_finkielkraut_critique_sarkozy.htm l
(4) l´oreillette de Ségo. françois-xavier.carpentier, 4 mai 2007
http://solideousympathique.blogs.nouvelobs.com/archive/2007/ 05/04/l-oreillette-de-sego.html
Vidéo. L´oreillette de Ségolène au débat. Par NeTskY, 4 mai 2007
http://www.dailymotion.com/related/3168818/video/x1wne8_lore illette-de-segolene-au-debat/1
Vidéo. Ségolène Royal et son oreillette. Par brumac, 4 mai 2007
http://www.dailymotion.com/related/3202928/video/x1vx2q_sego sarko-royal-porte-une-oreillett/1
(5) Vom Clearstream zum Dreamliner. Schaf, 16. Juni 2006
http://www.eussner.net/schaf_2006-06-16_01-25-09.html
Clearstream: der klare Strom spült Jacques Chirac und Dominique de Villepin hinweg. 3. Mai 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-05-03_01-23-58.html
(6) EADS : Nicolas Sarkozy se rend dès aujourd´hui chez Airbus, à Toulouse. boursier.com, 18 mai 2007
http://www.boursier.com/vals/FR/eads-nicolas-sarkozy-se-rend -des-aujourd-hui-chez-airbus-a-toulouse-news-235008.htm
Frankreich will Airbus umbauen. AP/rtr, Berliner Morgenpost, 19. Mai 2007
http://www.morgenpost.de/content/2007/05/19/wirtschaft/90064 2.html
(7) Millionenabfindungen. Sarkozy will goldenen Fallschirm verbieten. Von wal/AFP/AP, SpiegelOnline, 18. Mai 2007
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,483559,00.html
(8) British Airways kauft acht Airbus-Flugzeuge. ZDF heute.de, 18. Mai 2007
http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/29/0,3672,5430941,00.htm l
(9) Pressé, Sarkozy parle d´urgence pour Airbus. De Toulouse, Philippe Dagneaux, Midi Libre, 19 mai 2007
http://www.midilibre.com/actuv2/article.php?num=1179504181
|
 |