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"Israel soll leben"

Lizas Welt informiert mitten im Rausch der deutschen, europäischen und US-amerikanischen Medien über den angeblichen Pyrrhus-Sieg Israels im Sechstagekrieg über einen Fund. (1)

Claudio Casula ist eines Heftes des Spiegel Nr.25, vom 12. Juni 1967, habhaft geworden, und das rettet meinen Tag. Die Titelseite ziert die Riesenüberschrift ISRAELS BLITZKRIEG, darunter sieht man eine Wüste, einen Panzerspähwagen und zehn israelische Soldaten. Der Kommentar aus diesem Heft, vom Herausgeber Rudolf Augstein, ist leider nicht online. "Israel soll leben" überschreibt er ihn. Einen Satz wie diesen zitiert Claudio Casula aus dem Kommentar: "Die arabischen Gegner wollten ihm nicht ein Stück Land oder eine Konzession fortnehmen. Sie hatten es auf seine Existenz abgesehen." Und weiter: Was heute als "Überreaktion" gegeißelt würde, war im Juni 1967 jedem Menschen, der noch seine Sinne beisammen hatte, absolut klar. Muss man "ein Land verteidigen, das an seiner schmalsten Stelle nur 14 Kilometer breit ist", sollte man tunlichst als Erster ziehen. Denn: "Kein Punkt liegt weiter als 50 Kilometer von der Grenze eines arabischen Nachbarstaates entfernt. Der nördliche Teil kann in ganzer Breite von Jordanien (also nicht von "Palästina", C.C.) aus mit Artillerie belegt werden." (2)

Von einem Pyrrhussieg spricht man, wenn man einen zu teuer erkauften Erfolg meint, erklärt Wikipedia, und selbst der sehr kurze Text, der dort zu lesen ist, zeigt, daß der Begriff auf Israels Sieg im Sechstagekrieg nicht zutreffen kann, geht es doch nicht darum, als Alternative etwa zu wählen, den Krieg nicht zu beginnen oder sich früher zurückzuziehen, sondern der Krieg ist unausweichlich, und der Sieg muß auf Gedeih und Verderb errungen werden. Israel wäre sofort verloren gewesen, hätte es nicht den Krieg mit einem Überraschungsschlag eröffnet. Darüber herrscht nicht einmal bei arte Uneinigkeit, das einen sehr sachlichen Zweiteiler darüber bringt. (3)

Pyrrhus soll zu einem Vertrauten gesagt haben "Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!", was im Falle Israels der Yom Kippur-Krieg wäre. Die hohen Opfer dieses Krieges lassen einen ebenfalls an den Spruch des Pyrrhus denken, auch in diesem Krieg geht es um die Existenz und nicht um noch so einen Sieg, und auch dieser Krieg ist keine Wahl Israels, sondern er wird ihm aufgezwungen. (4)

No Pyrrhic Victory, liest man im Opinion Journal des Wall Street Journal, am 5. Juni 2007: Und die Alternative war? fragt der Autor Bret Stephens und erteilt allen denen eine Absage, die meinen, wenn man nur zurückginge vor den 5. Juni 1967 und auf dem Status quo ante einen Friedensvertrag aushandle, dann werde alles gut. Zu der Zeit aber sind sich die arabischen Staaten einig, Israel zu vernichten, die Schande auszulöschen, die mit uns ist seit 1948, wie der irakische Präsident und Militärdiktator Abdul Rahman Arif sich ausdrückt, und da sind seit 1948 schon Hunderte von Israelis durch arabischen Terror umgebracht worden. Auf Friedensangebote, vom 19. Juni 1967, gehen die arabischen Regierungen nicht ein, Rückgabe des Sinai an Ägypten, der Golan-Höhen an Syrien für Friedensverhandlungen. Im September 1967 erklärt die Arabische Liga in Khartum: "Kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels, keine Verhandlungen mit ihm." Noch Jahre nach dem Sechstagekrieg werden keine israelischen Siedlungen in Gaza und dem Westjordanland angelegt, bis 1972 ziehen nur ungefähr 800 Siedler ins Westjordanland.

Frankreich wendet sich von Israel ab, von diesem "peuple juif, sûr de lui même et dominateur", diesem seiner selbst sicheren und dominierenden Volk, wie Staatspräsident Charles de Gaulle sich ausdrückt, und sucht sein Heil in einer gegen die USA gerichteten strategisch-wirtschaftlichen Partnerschaft mit den arabischen Staaten, und die USA, die sich während des Krieges für neutral erklären, versprechen, niemals wieder eine solche Indifferenz zu zeigen. (5)

Deutschland schließt sich nach und nach der Politik Frankreichs an. Unter den Folgen leiden wir heute mehr als je zuvor, die hanebüchenen Kommentare der deutschen MSM zeigen es. Keine Geschichtsklitterung kann zu plump, keine Lüge zu gemein sein, um die Geschichtsschreibung über den Sechstagekrieg den gegenwärtigen Befindlichkeiten und Bedürfnissen von Politik und Wirtschaft anzupassen, und um glaubhaft zu sein, greift man gern einmal mehr auf einen zu Diensten bereiten Juden zurück. Im Spiegel, vom 1. Juni 2007, ist es der "Neue Historiker" Tom Segev, der den Krieg der Hysterie der Juden Israels zuschreibt, als Folge einer dramatischen auch wirtschaftlichen Krise. Der starke Gründervater David Ben-Gurion war von einem nüchternen Politiker abgelöst worden, dem viele misstrauten, weiß Tom Segev, ohne den Namen zu nennen: Levi Eschkol (1963 bis 1969; er stirbt im Amt). Im Film von Ilan Ziv wird er nicht als nüchtern, sondern als zaudernd und ängstlich vorgestellt. Filmdokumente belegen dies. (6)

Bereits 1965 setzen zudem palästinensische Terrorakte gegen Israel ein, wirft Tom Segev im Nebensatz dahin und ergänzt: Fast täglich ging irgendwo im Land eine Bombe hoch, wurden Zivilisten und Soldaten getötet. Ermordet werden sie, würde man zu deutsch sagen, wenn es um Präzision ginge. Die Äußerungen der arabischen Diktatoren und des jordanischen Königs und der Aufmarsch von Hunderttausenden von Truppen um Israel herum sowie die Aufforderung von Gamal Abdel Nasser an die UNO, ihre Truppen umgehend aus dem Sinai abzuziehen, kommen in diesem Interview nicht vor. Jedem ist seinerzeit klar, daß der Diktator freie Hand will, um Israel angreifen zu können, Tom Segev aber erklärt das zur Hysterie. Ende Mai 1967 befand sich Israel in einer regelrechten Panikstimmung. Die Truppenstärke Israels beträgt zu der Zeit 50 000 Soldaten, mit Reservisten 264 000, die der arabischen Staaten 280.000 Soldaten (Ägypten: 150.000; Syrien: 75.000; Jordanien: 55.000); 812 Flugzeuge. (7)

Die Überschrift des Interviews von Pierre Heumann in der Zürcher Weltwoche lautet: "Die Eroberung der Westbank widersprach den nationalen Interessen Israels". Auf diese Feinheit kommt es dem Spiegel nicht an, dort bezieht sich die Überschrift auf den Sechstagekrieg insgesamt: "Israel handelte gegen seine eigenen Interessen". Tom Segev sagt im Interview, wie Weltwoche und Spiegel notieren: Die Eroberung des Westjordanlands widersprach den nationalen Interessen Israels. Der Spiegel verfälscht das Zitat in der Überschrift. (8)

Es ist so wie heute mit der "Hysterie" gegenüber dem Iran, dessen Präsident ebenfalls erklären kann, so oft er will, daß Israel von der Landkarte ausradiert werde: kein Grund zur Panik, Leute! Auch Adolf Hitler teilt schon frühzeitig in seinem Werk Mein Kampf und in weiteren Pamphleten mit, wie er mit den Juden zu verfahren gedenkt, er wiederholt es immer wieder, und? Hat er seine Drohungen etwa wahr gemacht?

Eisvogel stellt auf Politically Incorrect eine Dokumentation über den Sechstagekrieg zusammen, sie legt ihr die Arbeit von Mitchell Bard, dem Gründer der Jewish Virtual Library, zu Grunde, und ergänzt sie durch zahlreiche weitere Quellen. Die Abweichungen zur heutigen Darstellung in den deutschen MSM könnten nicht größer sein. (9)

Von FAZ bis Fatzke, den Spiegel dabei nicht zu vergessen, alle schreiben die Geschichte zu Nutz und Frommen ihrer Ideologie und der Nahost-Interessen ihrer jeweiligen Auftraggeber um. Dabei gehen sie rücksichtslos vor, in dem sie allseits bekannte geschichtliche Daten außer acht lassen, wenn sie ihnen denn überhaupt bekannt sind, und andererseits tragen sie bei zur Mythenbildung. Dazwischen liegt die von Martin Kloke treffend geschilderte Zeit, in der Israel von den deutschen Linken zum "zionistischen Staatsgebilde als Brückenkopf des Imperialismus" umdefiniert wird. (10)

Der aktuelle Spiegel-Titel 22/07 heißt "Gott ist an allem schuld". Der Kreuzzug der neuen Atheisten. Das erfährt man nebenbei, wenn man sich die Artikel zum Sechstagekrieg heuer auf SpiegelOnline antut. Tempora mutantur. Von fest entschlossenen Menschen, vom Blitzkrieg, zur Verlorenheit in Gott. Vierzig Jahre antisemitischer und anti-zionistischer Arbeit haben die Beliebigkeit hergestellt, in der alles von allem durch alle behauptet werden kann. Schuld ist Gott. So sehen´s alle. Entsprechend stört die neuen deutschen Geschichtsschreiber unserer MSM auch nicht, daß die zur Zerstörung Israels gegründeten arabischen Terrorgruppen Fatah und PLO acht bzw. drei Jahre vor dem Sechstagekrieg gegründet werden. Pate der Fatah ist der Großmufti von Jerusalem Haj Amin al-Husseini, gegründet wird die Fatah nicht von den palästinensischen Arabern, sondern von der Arabischen Liga, die dann auf ihrer Gipfelkonferenz in Alexandria, 1964, auf Initiative von Gamal Abdel Nasser veranlaßt, daß der palästinensische Araber Ahmad Shukairi die Palestine Liberation Organisation (PLO) gründet. Fatah und PLO bekommen den Auftrag, mit allen Mitteln für die Vernichtung Israels zu wirken, wobei die Fatah zunächst nur auf Israel konzentriert ist, die von Ägypten und Jordanien besetzten Gaza und Westjordanland interessieren nicht, die PLO ist ab 1964 dazu da, an der Vernichtung Israels zu arbeiten, um auf dessen Gebiet und auf dem von Gaza und dem Westjordanland einen palästinensischen Staat zu gründen, Jordanien soll mittelfristig ebenfalls eingemeindet werden. Das ist nicht im Sinne aller Mitglieder der Arabischen Liga, wie auch die späteren Entwicklungen in der Region zeigen werden, beispielsweise der Aufstand vom Schwarzen September 1970. (11)

Ganz ist es aber nicht zu vermeiden, daß in den Artikeln zum 40. Jahrestag des Sechstagekrieges kleine Einsprengsel aus jener Zeit einen aufmerksamen Leser nachdenklich machen. Der aus einer in Palästina alteingesessenen Familie von Lehrern, Richtern und Politikern stammende Sari Nusseibeh, Präsident der Ost-Jerusalemer Kuds-Universität, sagt im Spiegel-Interview über den Sechstagekrieg zu Anfang: Ich war zu der Zeit in London. Die Nachrichten vom Krieg haben wir in den Räumen der Arab Students Association verfolgt. Man kann dem entnehmen, daß es zu der Zeit keine Palestinian Students Association gibt; denn dann wäre er sicherlich dort gewesen. An einen selbständigen palästinensischen Verband denkt im Juni 1967 keiner, die Studenten gehören zum arabischen Studentenverband. Das weiß ich aus eigener Erfahrung aus meiner Studentenzeit Mitte der 60er Jahre. Von einem separaten palästinensischen Studentenverband redet an der Universität niemand. (12)

Ich schaue, was heute der Stand der organisierten palästinensischen Studentenschaft ist, und ich finde die General Union of Palestinian Students London, die sich gern auch die General Union of Palestine Students nennt, um die Gründung des palästinensischen Staates oder sogar den Sieg über Israel schon im Namen vorweg zu nehmen. Sie wird 1959 in Kairo, Ägypten gegründet, wahrscheinlich im gleichen Atemzug wie die Fatah, die Zweigstelle in London entsteht im Jahre 1968, nach dem Sechstagekrieg. (13)

Ein Blick aufs Logo der G.U.P.S. lohnt sich. An der Stelle, an der beim PLO-Logo Israel erscheint unter einer lodernden Flamme, befindet sich ein ebenfalls loderndes Israel andeutendes Dreieck vor einem aufgeschlagenen Buch, wahrscheinlich dem Koran. (14)

Auch Sari Nusseibeh tut so, als wäre den Israelis irgendein Spielraum geblieben, sich gegen den Krieg zu entscheiden. Keiner der Journalisten und Interviewten erwähnt den Phased Plan der PLO, vom 9. Juni 1974, in dem festgeschrieben ist, was schon seit dem 29. November 1947 seitens der Araber und aller Muslime mit von Israel "eroberten" Gebieten geschehen soll. Und so ist Sari Nusseibeh zwar kompromißbereit, was die Rückkehr der Flüchtlinge und ihrer Nachkommen angeht, aber er erwähnt nicht, wie die Gebiete Gaza und Westjordanland nach Inbesitznahme durch die Palästinenser genutzt werden sollen, nämlich nicht als ein friedlicher Staat neben Israel, sondern als Ausgangsbasis zur Eroberung Israels und Jordaniens. (15)

Ethan Bronner rezensiert in der New York Times, am 29. März 2007, das Buch von Sari Nusseibeh: Once Upon a Country. Der Artikel schafft es am 12. Mai 2007 in die Gazette von Montréal, wobei einmal mehr dokumentiert wird, daß nicht etwa nur in Europa der reine Wahn herrscht über die Zeiten bis zum Sechstagekrieg. Ethan Bronner konstruiert zu Anfang phantastische Behauptungen, die allenfalls von einer Minderheit radikalster israelischer Juden aufgestellt werden: arabische Palästinenser wären Usurpatoren im alten jüdischen Heimatland, kein palästinensischer Araber wäre bei der Staatsgründung Israels vertrieben worden, und Israel habe nach 1967 keinen Privatbesitz von Arabern des Westjordanlandes enteignet, und diese Behauptungen würden von der persönlichen Geschichte des Sari Nusseibeh in seinem Buch Once Upon a Country widerlegt. (16)

Seit nunmehr bald sechzig Jahren befassen sich israelische Wissenschaftler wie Professor Uri Milstein, der ehemalige Fallschirmspringer und Militärhistoriker an der Bar Ilan Universität bis zu seinem Rausschmiß 1994, mit Recherchen zur Kriegsgeschichte Israels, und auch arabische Wissenschaftler tun wirklich alles, um Israel Massaker und andere Kriegsverbrechen nachzusagen. Peinliche Ergebnisse bringen die Forschungen des Uri Milstein, darunter die "Entlarvung" des Mythos vom militärischen Ruhm des Yitzchak Rabin, den er als Feigling porträtiert. Die Eingabe von israel war history bei Google ergibt 36 900 000 Angebote, sechsunddreißigmillionenneunhunderttausend. (17)

Rudolf Augstein besoffen in der Wüste

Mit dem Näherrücken des 40. Jahrestages des Sechstagekrieges kommt aus Europa und aus Amerika hervor, was schon immer Israel eins reinwürgen will, von überallher setzen die Kritiker an, und es ist ihnen keine Geschichtsverdrehung, keine Lüge zu billig, kein Zeitzeuge, ob angesehen wie Sari Nusseibeh oder berüchtigt wie Ilan Pappé oder Uri Avnery, zu schade, um Israel an den Pranger zu stellen.

Wen wundert es da, daß Claudio Casula bei der Entdeckung des Spiegels Nr. 25/1967 und des Kommentars "Israel soll leben" aus mindestens zwei Gründen das Herz höher schlägt: einmal, weil Rudolf Augstein in eigener Person den Sechstagekrieg faktengetreu kommentiert, und andererseits, weil er nun dem Spiegel nachzuweisen meint, daß sich seine Berichterstattung in vierzig Jahren völlig verändert hat. Wie immer bei Euphorie folgt die Ernüchterung auf dem Fuße. Das zu zeigen, ändere ich ein Zitat und übertrage es auf Israel: Die Sowjetunion, Europas mächtigste Nation, hat beschlossen: Dieser Staat Israel soll sterben. Und ich, ein kleiner Herausgeber aus Hamburg, habe beschlossen: Es soll leben. Nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird.

Im Original lautet das Zitat: "Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen: Diese beiden Menschen hier sollen sterben. Und ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen: Sie sollen leben. Nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird."

Solche Töne spuckt Bolek, der Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Tosia bei sich versteckt: Aber schrecklicher als der Hunger war die Todesangst, schrecklicher als die Todesangst war die dauernde Demütigung. ... Wenn er etwas mehr als üblich getrunken hatte, pflegte er bedeutungsvoll und lauter als sonst zu sprechen. Dann folgt das Zitat der Allmachtsphantasien, nachzulesen in der Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki. (18)

Die "Jahrhundertfigur" Rudolf Augstein und die Redaktion des Spiegel sind besoffen, ihre begeisterten Nachrichten und Kommentare sind eine einzige Demütigung für Israel. Man bedenke, bitte nüchtern, um wen es sich bei Rudolf Augstein handelt. Um einen Alkoholiker, der 1942 als Funker in den Krieg zieht. Dort macht er sich nicht etwa klein, sondern er steigt zum Artillerie-Leutnant der Wehrmacht an der Ostfront auf. Seine Verdienste werden vom Führer mit dem Eisernen Kreuz Zweiter Klasse vergolten. Seine Fantasie, sein Intellekt, seine Ausdruckskraft brauchten ein konkretes Ziel, einen mächtigen Menschen, einen Gegner, an dem sie sich entfalten konnten. Es musste auch um eine Sache gehen, für die er streiten konnte, ruft Dieter Schröder ihm bei seinem Tode in der Berliner Zeitung nach. (19)

So ist er, der Freund des Martin Walser, autoritär fixiert von Anfang bis Ende. Weiter weiß Dieter Schröder: Der feurige Spiegel-Chef galt zunächst als Linker, aber schon bald tauchte die Frage auf, was er wirklich sei. Im Kampf gegen Adenauer demaskierte er sich als Rechter. Erich Kuby, ein Gesinnungsgenosse aus der "Nie wieder"-Generation und erster Spiegel-Biograf, erkannte schon früh: "Was in ihm am frühesten Ausdruck findet, ist Augsteins nationale Gesinnung." Kuby hat Augstein wie kein anderer durchschaut. Dennoch blieb er ihm nahe. Bis Augstein 1990 Kohl zur Wiedervereinigung gratulierte, Adenauer postum Recht gab und sagte: "Ich denke national." Israel 1967 kommt im Nachruf nicht vor, ist es doch kein Höhepunkt im Leben des Rudolf Augstein, sondern eine Entgleisung in seine Ostfrontkämpferzeit.

Da kommen die alten Tage zu neuem Glanze. Es geht noch einmal gegen die Sowjetunion, wir gewinnen im Blitzkrieg, und wir sind gegen die Briten, die alten Kriegs- und neuen Feinde der britischen Kontrollbehörde, "wie Rommel". Unsere deutsche Kriegführung ist im nachhinein richtig, Israel beweist es. Es hätte auch für uns so erfolgreich enden können!

Daß es sich um Juden handelt, die noch kurz zuvor "Untermenschen" sind, das ist nicht wichtig, Rudolf Augstein gehört zur "Nie wieder"-Generation und ist geläutert, spritgereinigt. Außerdem stehen nicht die Juden im Vordergrund des Geschehens, also diejenigen, die in der Synagoge kurzsichtig mit spitzem goldenen Lesefingerchen die Zeilen der Torah entlanggleiten oder als zigarrerauchende Bankiers die armen verschuldeten Arier übern Tisch ziehen, sondern ein Staat und sein Militär sind die handelnden Subjekte. Dahinter verschwindet für einen historisch denkwürdigen Augenblick der Judenhaß einer ganzen Redaktion. Die Sache steht im Vordergrund, sogar waschechte Altnazis kommen ob des Sieges ins Schwärmen. Insofern wird nicht die Kriegführung Israels, sondern die Kriegführung an sich gelobt. So hätten es sich die deutschen Militärs vorgestellt, dafür sind sie in den Krieg gezogen. Leider hat es nicht geklappt, und Israel erringt jetzt stellvertretend doch noch den Sieg. Es ist ein Fall von Projektion. Wir sind die gepanzerten Söhne Zions, die Christen, die frei nach dem Seher Zacharia, 2:14 und 9:13, im Weihnachtsgottesdienst singen: Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Israel wird zum Schwert in der Hand Gottes. Wir zerschlagen mit den israelischen Soldaten den Ring der sowjetischen Armee um die 6. Armee und den Einkreisungsring um Israel. (20)

Die positiven Berichte des Spiegels Nr. 25/1967 stammen von Journalisten, die aus den Kriegskreisen des zweiten Weltkriegs stammen, ihr Antisemitismus bezieht sich auf die Juden, nicht auf Israel, das gibt es zu ihren Kampfzeiten nicht. Das Jüdische an dem Judenstaat tritt in den Hintergrund, weil Juden als Opfer wahrgenommen werden, die Kriegsleistung kommt durch einen Staat und sein Militär. Moshe Dayan ist in Palästina geboren, er gehört nicht zu den europäischen Juden, sondern quasi schon immer zum jetzigen Staat Israel. Das, gepaart mit den weiterhin als Untermenschen angesehenen großmäuligen Arabern, ergibt das positive Bild Israels. (21)

So erklärt sich, auf welch tönernen Füßen diese Begeisterung steht. Wenn nur irgendwo "der Jude" hervorkommt, wird das positive Bild sofort zerstört. Wenn es nix mehr zu projizieren gibt an Allmachtsvorstellungen, dann ebenfalls. Und je mehr diese noch vom Zweiten Weltkrieg euphorisch gestimmten Journalisten und Militärs sich abkühlen und auch aussterben, desto sicherer ist Schluß mit der positiven Einstellung zum Sieg Israels; dann wird aus dem Präventivschlag der in die Enge getriebenen Israelis, aus dem siegreichen David für die Araber auch im moralischen Sinne der Aggressor, wie Claudio Casula zitiert. Rudolf Augstein hat längst zu sich zurückgefunden. Der Sechstagekrieg ist ein Ausflug Rudolf Augsteins und seiner Redaktion in die glorreiche deutsche Vergangenheit mit Blitzkrieg und Rommel, mit Panzern und durchbrochenen Einkreisungsringen. Seitdem sind die Palästinenser fortlaufend gedemütigt worden, bis hin zum heutigen aussichtslosen Stand der Dinge ... (22)

Darum ist das heute ein "Pyrrhus-Sieg". Ich teile die Ansichten über Rudolf Augsteins Artikel "Israel soll leben" sowie die weiteren von Claudio Casula aus dem Heft 25/1967 zitierten Artikel als anders zu den heutigen Anwürfen des Spiegels gegen Israel nicht. Es hat sich nichts geändert. Von Liebesentzug kann keine Rede sein; denn Liebe ist im Juni 1967 nirgends, sondern ein einziges Delirium.

Quellen

(1) Basisbanalitäten, Lizas Welt, 7. Juni 2007
http://lizaswelt.blogspot.com/2007/06/basisbanalitten.html

(2) Vor dem Liebesentzug. Von Claudio Casula, Spirit of Entebbe, 6. Juni 2007
http://spiritofentebbe.blogspot.com/2007/06/vor-dem-liebesen tzug.html

(3) Sechs Tage Krieg. Regie: Ilan Ziv, Frankreich 2007. arte, 6. und 10. Juni 2007
http://www.arte.tv/de/suche/1568262.html
http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=687529,day=5 ,week=23,year=2007.html
http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=687530,day=5 ,week=23,year=2007.html

(4) Pyrrhussieg. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Pyrrhussieg

(5) No Pyrrhic Victory. By Bret Stephens, Opinion Journal from the Wall Street Journal, June 5, 2007
http://opinionjournal.com/columnists/bstephens/?id=110010169

Weitere entlarvte Mythen zum Sechstagekrieg. Honest Reporting, Bernd Dahlenburg, Medien Back Spin, 5. Juni 2007
http://hrbs.myblog.de/hrbs/art/168175160/_font_size_4_Weiter e_entlarvte_Mythen_zum_Sechstagekrieg_font_#comm

(6) Levi Eschkol. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Levi_Eschkol

(7) Sechs-Tage-Krieg. "Israel handelte gegen seine eigenen Interessen". Interview mit Tom Segev. Die Fragen stellte Pierre Heumann, Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,485967,00.html

Sechstagekrieg. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Sechstagekrieg

(8) Interview. "Die Eroberung der Westbank widersprach den nationalen Interessen Israels". Von Pierre Heumann. Gespräch mit dem israelischen Historiker Tom Segev. Weltwoche Ausgabe 22/07
http://www.weltwoche.ch/artikel/default.asp?AssetID=16584&Ca tegoryID=95

(9) 40 Jahre danach: der Sechstage-Krieg. Von Eisvogel, Politically Incorrect,
5. Juni 2007
http://www.politicallyincorrect.de/2007/06/40-jahre-danach-d er-sechstage-krieg/

(10) "Das zionistische Staatsgebilde als Brückenkopf des Imperialismus". Vor vierzig Jahren wurde die neue deutsche Linke antiisraelisch. Von Martin Kloke. Merkur, Nr. 698, Juni 2007
http://www.online-merkur.de/seiten/lp200706a.php

(11) Sechs-Tage-Krieg. Der Sieg, der keiner war. Von Christoph Schult, SpiegelOnline, 31. Mai 2007
http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/0,1518,485656, 00.html

Ein Pyrrhus-Sieg vor vierzig Jahren. Von Wolfgang Günter Lerch. FAZ.net,
6. Juni 2007
http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc ~EC665C333F599464BB680D88142EA790D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

(12) "Es war ein aufregendes Gefühl". Interview mit Sari Nusseiba. Von Christoph Schult. SpiegelOnline, 1. Juni 2007
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,486107,00.html

(13) General Union of Palestine Students (G.U.P.S.)
http://www.gups.info/Home.htm

(14) General Union of Palestine Students (G.U.P.S.). Constitution (in Arabic)
http://www.gups.info/constitution-GUPS.pdf

PLO Official Emblem
http://www.tampabayprimer.org/images/plo_emblem.jpg

(15) Der Stufenplan der PLO von 1974: Palästina = Gaza + Westbank + Israel + Jordanien. Übersetzung von Herbert Eiteneier, 30. März 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-03-30_16-57-55.html

(16) Books of the Times. After Years in Middle East Politics, One Palestinian Still Finds Hope. By Ethan Bronner. The New York times, March 29, 2007
http://www.nytimes.com/2007/03/29/books/29bronner.html?ex=11 81620800&en=2b73778a768301d1&ei=5070

(17) Flucht und Vertreibung der Palästinenser in deutschen Online-Medien. Der Staat Israel erklärt feierlich sein Bedauern ... Abschnitt: Das "Massaker von Tantura". 22. Oktober 2003
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-16_00-15-07.html

Professeur Uri Milstein : un prophète moderne préchant dans le desert. Par Yona Dureau. alliancefr.com
http://www.alliancefr.com/magazine/hommes/uri.html

History of Israel´s War of Independence: The First Month, by Uri Milstein.
Reviewed by Justin C. Danilewitz, The Middle East Forum. Middle East Quarterly, December 1997
http://www.meforum.org/article/1202

(18) Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, DVA Stuttgart 1999, Seite 283f.

(19) Auf der Suche nach der Wahrheit. Von Dieter Schröder, Berliner Zeitung,
8. November 2002
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump .fcgi/2002/1108/blickpunkt/0001/index.html

(20) Tochter Zion, freue dich! T: Johannes Escheburg (1743-1820);
M: Georg Friedrich Händel (1685-1759). Weihnachten
http://www.weihnachten-geschenke-online-shop.de/lieder/45.ht ml

29. November 1942: Die 6. Armee wird mit insgesamt 220.000 Mann am Don eingeschlossen und ostwärts nach Stalingrad gedrängt. Biographie: Friedrich Paulus (1890 - 1957). Deutsches Historisches Museum
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/PaulusFriedrich/index .html

(21) Moshe Dayan (1915 - 1981). Department for Jewish Zionist Education.
The Jewish Agency for Israel
http://www.jafi.org.il/education/100/german/people/Moshe_Day an.html

(22) Rudolf Augstein. Arafat kennt Tunis bereits. Der Spiegel, 17. Dezember 2001
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,173002,00.html



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