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"Plume du Paon" - Robert Redeker: Fl├╝chtling im eigenen Land

Am 19. September 2006 hat sein Fl├╝chtlingsdasein angefangen ...

Robert Redeker schreibt mir am 30. Juli 2007: Ich bin sehr ├╝berrascht, weil es durch Sie ist, da├č ich entdecke, da├č der Spiegel diesen Text ver├Âffentlicht hat. Ohne Ihre Email h├Ątte ich es niemals erfahren!

Je suis tr├Ęs surpris car c´est ├á travers vous que je d├ęcouvre que le Spiegel a publi├ę ce texte. Sans votre mail je ne l´aurais jamais su!

In der Gazette Nr. 14 erz├Ąhlt der Philosoph und Islamkritiker zum ersten Mal die Umst├Ąnde seiner Flucht vor der "Fatwa im Lande Voltaires" und sein Leben im Untergrund.

F├╝r Walter, meinen Vater

Mein Vater, er wurde 1923 in Steinbergen bei Hannover geboren, starb Anfang Februar, im Bett und ein wenig ├╝berraschend f├╝r uns, w├Ąhrend meine Mutter, eine Hildesheimerin, gerade in der K├╝che war und den Kaffee f├╝rs Fr├╝hst├╝ck machte. Beide Eltern hatten sich vor mehr als 60 Jahren im S├╝den Frankreichs niedergelassen, um hier ein arbeitsreiches und ehrsames Leben als Landarbeiter zu f├╝hren. Die Polizei erlaubte uns nicht, die Todesurkunde, wie es ├╝blich ist, im B├╝rgermeisteramt ├Âffentlich anzuschlagen. Ebenso war es unm├Âglich, eine Todesanzeige in der ├Ârtlichen Zeitung, der D├Ęp├¬che du Midi, aufzugeben. Vorrang hatte die Sicherheit: Niemand durfte wissen, dass ein Mensch mit meinem Namen am Mittwoch, den 7. Februar zu seiner letzten Ruhest├Ątte begleitet wurde. Das sei zu gef├Ąhrlich, hie├č es; man k├Ânnte Fotos vom Trauerzug machen und danach beteiligte Personen bedrohen, man k├Ânnte sogar auf den Trauerzug schie├čen oder einen Molotow-Cocktail oder eine Bombe werfen. Wir, der engste Familienkreis, mussten also meinen Vater im Verborgenen beerdigen, in aller Heimlichkeit. Wie Diebe in der Nacht. Wie Pestkranke. Ausgesto├čen von der Gesellschaft. Wie war es soweit gekommen?

Im September 2006 hatte ich f├╝r den Figaro einen Artikel geschrieben mit dem Titel Was muss die freie Welt gegen die Einsch├╝chterungen der Islamisten tun? (Face aux intimidations islamistes, que doit faire le monde libre ? Der Text liegt in englisch vor bei Michelle Malkin: What should the free world do while facing Islamist intimidation?, G.E.)

Der Artikel war ein scharfer Widerspruch gegen den Druck des Islam auf den Alltag der westlichen L├Ąnder. Die extremen Erscheinungsformen dieser Religion wurden dabei kritisiert. Der Text verglich auch Jesus und Mohammed (zum Vorteil des ersteren) und das Christentum und den Islam (zum Vorteil des Christentums). Ich wollte damit auch Papst Benedikt XVI. verteidigen, gegen den in islamischen L├Ąndern nach seiner Regensburger Rede ein hysterischer Sturm der Intoleranz losbrach. Mit diesem Artikel nahm ich ein verfassungsm├Ą├čiges und ebenso ein intellektuelles Recht in Anspruch. Der Ton war derselbe wie im Anhang zum Buch I der Ethik des Spinoza und vieler Schriften Voltaires, das hei├čt, er war lebhaft und ironisch. In der Geschichte der europ├Ąischen Intellektuellen hat die antireligi├Âse Kritik durch Philosophen und Schriftsteller eine gut belegte Tradition. Die Feststellung, diese Kritik sei ein Element der Freiheit, ist dabei nicht ausreichend: Die Kritik f├Ârdert vielmehr die Freiheit. Erst durch die Kritik der Religion hat sich die Meinungsfreiheit in Europa verbreitet, so dass sie heute eine Art Grundgesetz unserer Gesellschaften ist: Alle diese Freiheiten ÔÇô die Freiheit der Meinung, des Gewissens, der Rede und ihrer Verbreitung ÔÇô haben ihren Ursprung in der antireligi├Âsen Kritik, die sich in Europa seit dem 17. Jahrhundert entwickelt hat. Mein Artikel war also in dieser Hinsicht f├╝r einen Europ├Ąer nichts Ungew├Âhnliches.

Sehr schnell jedoch wurde ich mit Todesdrohungen eingedeckt. Im Fernsehsender Al Dschasira gab mich der einflussreiche Prediger Yussef al Qaradawi namentlich der ├Âffentlichen Schande preis. Mehr noch: Auf der offiziellen Website des Dschihadismus, Al Hesbah, wurde ich zum Tode verurteilt. Es erging ein Appell an alle Muslime der Welt, mir den Kopf abzuschneiden: "Diesem Schwein, das es gewagt hat, Mohammed zu kritisieren, muss der Kopf vom Leib getrennt werden," so war es auf der Website zu lesen. Die Muslime wurden also aufgefordert, mir dasselbe Schicksal zu bereiten wie Theo van Gogh. Diesem Todesurteil hinzugef├╝gt wurden mein Foto, meine Adresse, meine Telefonnummer, die Adressen meiner verschiedenen Lehrt├Ątigkeiten und eine genaue Wegbeschreibung zu meiner Wohnung. Die M├Ârder brauchten sich nur noch zu bedienen. Die Anweisung zum Mord und die Anfahrtsskizze wurden in der ganzen Welt verteilt, nat├╝rlich auch in den Vororten von Paris mit ihren islamistischen Netzwerken.

Pl├Âtzlich also, durch einen einfachen antireligi├Âsen Artikel in einer westlichen Zeitung, wurde ich zu Freiwild. Zum Tode verurteilt f├╝r eine Meinungs├Ąu├čerung! Eine wandelnde Zielscheibe f├╝r eine Fatwa im Lande Voltaires.

In diesem Augenblick brach mein Leben zusammen, ebenso das Leben meiner Frau und meiner Kinder. Die Familie wurde unverz├╝glich unter Polizeischutz gestellt. Gleichzeitig mussten wir unser Haus verlassen: ein Foto davon war tats├Ąchlich auf der Website der Terroristen zu sehen. Wir mussten uns verstecken, jeden Tag an einem anderen Ort, auf der Flucht, als w├Ąren wir Banditen. Man muss sich das einmal vorstellen: Wir konnten uns in unserm eigenen Land nicht mehr auf die Stra├če wagen; so schrieb die Polizei es uns vor, die uns in diesem Leben im Untergrund begleitete. Wir hatten keinen festen Wohnsitz mehr; am Morgen wussten wir nicht, wo wir am Abend schlafen w├╝rden. Jeden Tag galt es, eine neue Zufluchtsst├Ątte zu finden. ├ťblicherweise f├╝hren nur R├Ąuber und Terroristen, die von der Polizei gejagt werden, ein solches Leben. Dabei sind die Rollen so verteilt: Die Verbrecher fliehen, und die Polizei verfolgt sie. In unserm Fall war es umgekehrt: Wir mussten fliehen, und die Polizei besch├╝tzte uns vor der Drohung der Terroristen. Es war ein ungewohntes Leben f├╝r uns, ein Skandal: Wir waren ÔÇô unter dem Schutz des Staates ÔÇô in unserm eigenen Land auf der Flucht, obwohl wir nichts verbrochen hatten. Wir konnten nur noch bei Nacht aus dem Haus, auf die Stra├če gehen, einkaufen, irgendwohin spazierengehen, Freunde besuchen. Wir waren nicht mehr frei zu gehen, wohin wir wollten. Ich konnte nicht mehr zur Arbeit gehen: Von meiner T├Ątigkeit als Philosophielehrer wurde ich entbunden. Alles in allem hatten man uns unser Leben gestohlen. Wir waren zwar noch am Leben, aber nicht mehr im Leben.

Diese Zeit der Treibjagd, des Vagabundierens ohne Tisch und Bett, als Nichtsesshafte, dauerte l├Ąnger als einen Monat. Dann erlaubten die Beh├Ârden meiner Frau und mir, in unser altes Haus zur├╝ckzukehren, aber nur unter der Bedingung, dass wir dort im Dunkeln wohnten, Fenster und T├╝ren geschlossen hielten, nicht mehr ausgingen und ├╝berhaupt den Eindruck erweckten, das Haus sei g├Ąnzlich unbewohnt. Au├čerdem mussten wir es verkaufen. Vom 20. September an war dieses Haus pl├Âtzlich wichtig genug, dauernd, rund um die Uhr, von der Gendarmerie bewacht zu werden. Ein oder manchmal zwei Mannschaftswagen und durchgehend mehrere Polizisten, gelegentlich mit automatischen Waffen, behielten das Haus im Auge. Die ganze Stra├če befand sich bis zum Tag unseres Auszugs Ende Dezember im Belagerungszustand. Die Nachbarn beschwerten sich schon ├╝ber die Dauerpr├Ąsenz der Polizei vor ihren H├Ąusern. Dieses kleine Dorf h├Ątte es in seiner Feigheit lieber ertragen, dass man mich in meinem eigenen Haus ermordet h├Ątte, als den Anblick der Polizei auf der Stra├če.

Das Ganze hatte die Atmosph├Ąre einer Kapitulation. Die islamistische Einsch├╝chterung in Frankreich, einem Land, das doch so stolz ist auf seinen Laizismus, war bereits so wirksam, dass mir kaum jemand zu Hilfe kam. Gro├če Teile der Linken und der Gewerkschaften lie├čen ihrer Wut auf mich freien Lauf: Dem geschieht es ganz recht! Der hat sich das selbst eingebrockt! In ihren Augen hatte ich die Fatwa selbst hervorgerufen. Die Meinungsfreiheit, so hie├č es nun, ist der Respekt vor dem Islam. Mit anderen Worten: Die franz├Âsische Linke, die sich immer schon gegen die Todesstrafe ausgesprochen hatte, hatte Verst├Ąndnis daf├╝r, dass ich zum Tode verurteilt wurde f├╝r eine Kritik des Islam. Sie vertrat die Auffassung, ich h├Ątte ein ├╝beraus schweres Verbrechen begangen. In ihren Augen bezieht sich der Laizismus immer nur auf die katholische Kirche, nicht auf den Islam (es war, notabene, eine Regierung der Rechten, die den islamischen Schleier in den Schulen verbot, nicht eine Linke, die sich der entsprechenden Gesetzgebung verweigerte). Gegen├╝ber dem Katholizismus ist die fanz├Âsische Linke unnachgiebig, willf├Ąhrig jedoch im Fall des Islam. In den Lehrerzimmern der Gymnasien wurde ich in Aush├Ąngen am Schwarzen Brett bereits gelyncht: Da schrieben die Philosophielehrer, ich h├Ątte schlie├člich die Meinungsfreiheit missbraucht. Die in Frankreich au├čerordentlich starken Lehrergewerkschaften unterst├╝tzten mich ebensowenig. Andererseits hatten sie einige Monate vorher Unterschriften gesammelt und Demonstrationen organisiert zur Unterst├╝tzung des italienischen Terroristen Cesare Battisti, der zur Zeit der Roten Brigaden mehrere Menschen ermordet hatte. Ich dagegen, der ich kein Terrorist war, ich durfte von den Gewerkschaften keine Hilfe erwarten. Diese Gewerkschaften, in diesem Punkt nicht anders als gro├če Teile der Linken, verherrlicht heute die Terroristen und verachtet deren Opfer. Das ist zumindest meine Wahrnehmung der Gewerkschaftskampagne f├╝r Cesare Battisti und der Verweigerung solcher Hilfe in meinem Fall. Praktisch der gesamte Berufsstand bezichtigte mich mehrerer in ihren Augen bei einem Lehrer unverzeihlicher Fehler: Ich sei reaktion├Ąr, pro-amerikanisch, pro-israelisch und islamophob. Einige Organisationen der Linken veranstalteten Podiumsgespr├Ąche zum Thema "Gibt es ├╝berhaupt eine Aff├Ąre Redeker?", bei denen immer nur ich auf der Anklagebank sa├č. Der B├╝rgermeister des Ortes, in dem ich arbeitete, ein Kommunist, er├Âffnete eine wahre Schlammschlacht gegen mich. Es trifft leider zu, dass die franz├Âsischen Kommunisten den Islamisten nahestehen. Zwar hat Nicolas Sarkozy uns sofort und verl├Ąsslich unterst├╝tzt. Aber andere Minister erkl├Ąrten im Fernsehen, ich sei in meiner Kritik des Islam eben zu weit gegangen, ich h├Ątte unverantwortlich gehandelt. Im franz├Âsischen Herbst letzten Jahres wurde sozusagen gegen mich ermittelt, nicht gegen die Mordwilligen und die Terroristen, die mich zum Tod verurteilt hatten, nicht gegen den Islamismus. (1)

Hilfe kam selten. Sie kam, wie gesagt, weder von meinen Kollegen, noch von deren Gewerkschaften. Nicht von der Linken. Ein paar hoch angesehene Intellektuelle traten jedoch f├╝r mich auf: Andr├ę Glucksmann, Bernard-Henri Levy, Pascal Bruckner, Christian Delacampagne, Pierre-Andr├ę Taguieff. Mehrere Politiker waren an meiner Seite: Philippe de Villiers, der schon erw├Ąhnte Nicolas Sarkozy, Fran├žois Bayrou, Dominique Strauss-Kahn. Es waren nicht viele. Sarkozy schrieb mir zwei hilfreiche Briefe, einen besonders warmherzigen, nachdem er mein Buch Il faut tenter de vivre gelesen hatte. Zwei Protest-Versammlungen wurden organisiert, in Toulouse und in Paris, mit ein paar hundert Personen insgesamt. In Paris wurde ein Bankkonto eingerichtet, auf das Unterst├╝tzer Geld f├╝r mich einzahlen konnten, denn ein Leben wie meines verursacht erhebliche Kosten. Dieses Bankkonto bestand einen Monat lang und war auch im Internet bekanntgegeben worden. Dann aber erhielten die damit befassten Bankangestellten ihrerseits Todesdrohungen, und die Filiale wurde vor einem Attentat gewarnt. Man musste das interne Wachpersonal verst├Ąrken, zus├Ątzlich wurde das Bankgeb├Ąude von bewaffneten Polizisten und Polizeihunden rund um die Uhr bewacht. In dieser Situation wurde zwangsl├Ąufig, auf Bitten der Bank, die Internet-Anzeige der Kontoverbindungen gel├Âscht, wodurch der Mittelzufluss versiegte. Von diesem Moment an erhielt ich ├╝berhaupt keine finanzielle Unters├╝ttzung mehr: ein Ergebnis der Herrschaft des Schreckens. Ist das schon der Sieg des Islamismus?

Seitdem bin ich auf die dunkle Seite des Lebens gewechselt. Ich kann meinen Beruf, Philosophielehrer, nicht mehr aus├╝ben. Es w├╝rde dadurch immer Lebensgefahr bestehen f├╝r die Jugendlichen in meiner Klasse. So wurden mir also auch die Gitter des Gymnasiums, in dem ich zehn Jahre lang unterrichtet hatte, vor der Nase zugeschlagen, wahrscheinlich f├╝r immer. Ich hatte auch in einer sehr angesehenen Grande Ecole unterrichtet, der Ecole Nationale de l´Aviation Civile, in Toulouse. Im Januar 2007 berichteten die Medien, ein international bekannter Terrorist, der ebenfalls auf der Website Al Hesbah ein Todesurteil gegen mich publiziert hatte, sei soeben in Marokko verhaftet worden. Die Leitung der angesehenen Grande Ecole teilte mir unmittelbar danach mit, ich k├Ânnte nun nicht mehr in ihren R├Ąumen unterrichten. Dort herrschte offenkundig Panik. Gleichzeitig und ebenfalls als Folge der erw├Ąhnten Verhaftung in Marokko teilte mir der Pr├Ąsident der Universit├ę des Sciences Sociales de Toulouse mit, dass ich auch hier aus Gr├╝nden der Sicherheit meine j├Ąhrliche Vortragsreihe nicht mehr halten k├Ânne. Diese Vortragsreihe bestand schon seit 1994 ÔÇô und nun, von einem Augenblick auf den andern, auf Grund der Nachricht von der Verhaftung eines Terroristen, wurde sie mir genommen. Die Festnahme von Terroristen, die mich bedrohen, beweist die Ernsthaftigkeit der Gefahr; nur so l├Ąsst sich die furchtsame Reaktion dieser Institutionen erkl├Ąren.

Mein Haus war ja inzwischen weltweit bekannt, und die Polizei dr├Ąngte uns, es zu verlassen: es zu verkaufen, ein neues zu kaufen, woanders, ohne sich dort irgendwie auff├Ąllig zu benehmen. Bis dahin mussten wir also im Finstern wohnen, wie in einem Grab, bis zum Dezember, als wir ein anderes Haus gefunden hatten. Tag und Nacht war ich eingesperrt, ja begraben in vier W├Ąnden, mit Ausnahme von Telefon und Internet ohne jeden Kontakt mit der Welt drau├čen.

Das neue Haus hatte meine Frau gefunden, was bei den unz├Ąhligen Sicherheitsvorkehrungen, die ihr auferlegt wurden, nicht leicht war. Beim Umzug selbst waren wir ohne Hilfe. Das Erziehungsministerium, noch immer mein Arbeitgeber, stellte uns keinen M├Âbelwagen zur Verf├╝gung. Also transportierten meine Frau und ich in heimlichen Fahrten mit unserem PKW zwei Wochen lang unsere Sachen in das neue Haus. Auch die schweren M├Âbel, darunter ein Klavier, ein gro├čer, amerikanischer K├╝hlschrank, schwere Schr├Ąnke, mussten wir ganz allein transportieren.

Und heute?

Die franz├Âsischen Beh├Ârden haben eine neue Arbeit f├╝r mich gefunden: Ich bin jetzt Wissenschaftler am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). An dieser Besch├Ąftigung ist nichts Ungew├Âhnliches, denn das CNRS hat, zu seiner Ehre sei es gesagt, schon in der Vergangenheit politische Fl├╝chtlinge aufgenommen ÔÇô nur mit dem Unterschied, dass diese Fl├╝chtlinge aus dem Ausland kamen, verfolgt in ihrem Land von ihrem Staat. Meine Anstellung beim CNRS ist sozusagen virtuell: Es gibt kein Zimmer f├╝r mich, kein Labor in einem Geb├Ąude oder in einer Universit├Ąt, auch kein B├╝ro, in dem ich meiner Arbeit nachgehen k├Ânnte. Ich lebe, zur Einsamkeit verdammt, ohne Verbindung zu einem Team, der menschlichen Gesellschaft allm├Ąhlich entfremdet. Man hat mir zu erkl├Ąren versucht: Unter normalen Bedingungen zu arbeiten, also mit einer Dienstadresse, einem Arbeitsplatz, mit Kollegen, in einem Raum, dies alles sei lebensgef├Ąhrlich f├╝r das Personal der jeweiligen Organisation. Deshalb wird nun mein Zuhause, dessen Adresse nur ganz wenigen bekannt ist, mein neuer Arbeitsplatz bleiben. Hier, in der Einsamkeit, werde ich meine Forschungen betreiben und Philosophie-B├╝cher schreiben. Allein, ohne wirklichen Kontakt mit Kollegen, ohne Gesellschaft.

Was hier geschehen ist, die Lebensumst├Ąnde, zu denen ich gezwungen bin, sind eigentlich unvorstellbar f├╝r einen B├╝rger eines demokratischen (noch dazu laizistischen) Staates in West-Europa, ganz besonders in Frankreich, einem Land, das so stolz ist auf seine Souver├Ąnit├Ąt. Zwei neuartige Faktoren spielen hier eine entscheidende Rolle: mein Todesurteil und die Art und Weise des ├ťberlebens nach diesem Urteil.

Ich bin Redaktionsmitglied der von Jean Paul Sartre gegr├╝ndeten Zeitschrift Les Temps Modernes, und als solcher sage ich: Noch nie wurde im modernen Frankreich ein Intellektueller wegen seiner Schriften verurteilt. Demzufolge musste auch noch niemand in Frankreich so leben, wie ich jetzt lebe: zur├╝ckgezogen in den Untergrund, besch├╝tzt von der Polizei, um einem Todesurteil zu entgehen, das Fanatiker im Ausland verh├Ąngt haben.

Die Polizei hat mich ermahnt, misstrauisch gegen jedermann zu sein. Das hat eine au├čerordentlich unsch├Âne Konsequenz: Die Morddrohung, die ├╝ber meinen Haupt schwebt, zwingt mich dazu, jeden anderen, vor allem wenn er arabisch aussieht, f├╝r verd├Ąchtig zu halten, f├╝r einen potenziellen M├Ârder, einen Menschen, der mich vom Leben zum Tod bef├Ârdern m├Âchte.

Mein Leben wird nie mehr so sein wie fr├╝her, auch nicht das Leben meiner Familie. Warum? Weil das gegen mich gerichtete Todesurteil ewig gilt. Es wird im Internet dauernd weitergegeben, von einer islamistischen Website zur n├Ąchsen. Das ist keine einmalige Drohung, die irgendwann einmal vor├╝bergeht. Sie vergeht nicht mit der Zeit. Sie bleibt bestehen. Der T├Âtungsbefehl kann jederzeit ausgef├╝hrt werden, durch irgend jemanden, der damit seine Seele zu retten und ins Paradies einzugehen glaubt. Das kann morgen sein oder in zehn Jahren oder in zwanzig Jahren. Mein ganzes Leben muss sich nun diesem Urteil unterwerfen. Es ist ausgeschlossen, dass ich jemals wieder junge Menschen unterrichte. Kein Schuldirektor, kein Universit├Ątspr├Ąsident, keine Akademie wird das Risiko eines Attentats eingehen wollen, nur weil ich bei ihm unterrichte.

Ein normales Leben wird mir f├╝r immer verschlossen sein: In dem kleinen Dorf im S├╝den Frankreichs, wo ich derzeit lebe, darf ich niemanden sehen, nicht bekannt sein; ich kann morgens nicht raus und Brot kaufen oder eine Zeitung, nicht ins Bistro, um dort einen Kaffee oder ein Glas Rotwein zu trinken; ich muss meine Gewohnheiten aufgeben, ich darf nicht mehr Petanque spielen auf dem Platz unter den Platanen; ich darf nicht mehr durchs Dorf spazierengehen, die H├Ąnde in den Hosentaschen, einfach so; ich darf nicht zum Arzt, nicht zum Zahnarzt, nicht zum Friseur. Bei den allernormalsten Alltagsaktivit├Ąten zerbreche ich mir den Kopf, alles, was einfach war, ist jetzt kompliziert. Ich bin ein politischer Fl├╝chtling in meinem Land.

Ich kann nicht mehr mit dem Zug fahren, nicht mit dem Bus, nicht mit der U-Bahn. Ich kann nur noch im Flugzeug verreisen oder im eigenen Wagen. Wenn ich mal nach Paris muss, dann ├╝bernimmt mich am Flughafen von Toulouse die Luft- und Grenz-Polizei (die PAF), die das ganze Einchecken und alle Kontrollen f├╝r mich erledigt, bevor sie mich ins Flugzeug setzt. Nach der Landung k├╝mmern sich zwei andere Schutzengel vom Geheimdienst um mich, die sich nicht eine Handbreit von mir entfernen und mich ├╝berallhin begleiten, auch ins Restaurant.

Wie konnte es zu einer solchen Unterdr├╝ckung im heutigen Frankreich kommen? Und wenn es sie in Frankreich gibt, ist sie dann nicht in jedem anderen Land m├Âglich, eines pl├Âtzlichen Tages auch in Deutschland?

Wir stehen wirklich vor einer nie dagewesenen Situation. Das ist nicht mehr der traditionelle Sachverhalt, bei dem ein Mensch von dem Staat, in dem er lebt, verfolgt und unterdr├╝ckt wird. Dergleichen kennen wir aus der Beschreibung von Soltschenyzin oder von Menschen, die unter den Diktaturen der 70er Jahre in Argentinien und Chile gelitten haben. Hier erleben wir das Gegenteil: Der Staat ist auf meiner Seite, er besch├╝tzt mich (wie er es von Anfang an getan hat). So ergibt sich eine seltsame Umkehrung, verglichen mit der klassischen Situation: Ich bin ein politischer Fl├╝chtling, aber ich fliehe nicht vor einem Staat; der Staat ist an meiner Seite, er besch├╝tzt mich. So gesehen, bin ich das Gegenteil von Soltschenyzin, der den sowjetischen Staatsapparat gegen sich hatte. Ich bin also nicht der Gefangene eines Staates und doch ein politischer Fl├╝chtling, der auf keinen Fall ein normales Leben f├╝hren kann wie seine Mitb├╝rger. Die Unterdr├╝ckung, die auf mir lastet, ist eine Unterdr├╝ckung neuer Art, gegen die der Staat kaum eine Handhabe hat. Eine Unterdr├╝ckung des dritten Jahrtausends, die noch nicht einmal einen Namen, hat. Eine unsichtbare Freiheitsberaubung: Ich sehe weder meine Kerkermeister, noch meine m├Âglichen M├Ârder. Aber ich wei├č, es gibt sie, und sie hindern mich effektiv daran, so zu leben wie meine Mitmenschen, wie vor dem Artikel im Figaro.

Wegen dieser barbarischen Unterdr├╝ckung, dieser stillen Gewaltherrschaft, auf die unsere freien Gesellschaften keine Antwort haben, lebe ich wie ein Dieb in der Nacht und musste meinen Vater, der ein einfacher, redlicher, arbeitsamer Mann war, in aller Heimlichkeit begraben.

(1) Ich sei reaktion├Ąr, pro-amerikanisch, pro-israelisch und islamophob. Der ├ťbersetzer bringt irrt├╝mlich "anti-amerikanisch". Ich habe das ├╝berlesen, weil es so abwegig ist, da├č es bei mir keine Reaktion ausgel├Âst hat. In Frankreich ist es ein Schimpf, pro-amerikanisch genannt zu werden. Hiermit ist es korrigiert. Robert Redeker schreibt, im November 2004, eigens einen Artikel zum Thema: Anti-Amerikanismus: der ungerechtfertigte Ha├č.

Anti-am├ęricanisme : la haine injuste. Par Robert Redeker. Primo Europe, 2 novembre 2004
http://www.primo-europe.org/showdocs.php?rub=9.php&numdoc=Do -409214579

Leben mit der Fatwa. Von Robert Redeker, SpiegelOnline, 29. Juli 2007
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,496745,00.h tml

Fl├╝chtling im eigenen Land. Von Robert Redeker. Die Gazette Nummer 14, Sommer 2007, vom 15. Juni 2007
http://www.gazette.de/

Der Artikel, mit dem der Alptraum f├╝r Robert Redeker beginnt

Face aux intimidations islamistes, que doit faire le monde libre ? Par Robert Redeker. Libre Propos publi├ę le 19 septembre 2006, dans Le Figaro. Debriefing.org, 21 septembre 2006
http://www.debriefing.org/20475.html

Was mu├č die freie Welt angesichts der islamistischen Einsch├╝chterungen tun? Robert Redeker, Freiheit in Quarant├Ąne. Barbarophobia, 30. Juli 2007
http://barbarophobia.blogspot.com/2007/07/anllich-der-barbar ischen-reaktionen-der.html

What should the free world do while facing Islamist intimidation? By Robert Redeker. The forbidden op-eds. By Michelle Malkin, September 29, 2006
Including the translation of Islam wants to conquer the world. By Egon Flaig
http://michellemalkin.com/2006/09/29/the-forbidden-op-eds/

Wat kan de vrije wereld tegen de intimidatie van islamisten doen? - door Robert Redeker. Hoei Boei, 6 Oktober 2006
http://hoeiboei.web-log.nl/hoeiboei/2006/10/robert_redeker.h tml

Essay. Der Islam will die Welteroberung. Von Egon Flaig, FAZ.net,
15. September 2006
http://tinyurl.com/fcsdj

Leben als politischer Fl├╝chtling

AFP distanziert sich von den Schilderungen des Robert Redeker: Er sagt (!), da├č er das Leben eines politischen Fl├╝chtlings f├╝hre. Die Zeitung, die ein Herz hat f├╝r die Sorgen und N├Âte der Menschheit, La Croix, Zeitung der Katholiken Frankreichs, ├╝bernimmt es unver├Ąndert.

Robert Redeker dit vivre "une vie de r├ęfugi├ę politique" dans son propre pays. AFP, LaCroix.com, 26 juin 2007
http://www.la-croix.com/afp.static/pages/070626081313.zye4pd qt.htm

Robert Redeker verstummt nicht; er kn├Âpft sich die Linke vor: Man sagt manchmal, der Linken sei das Volk abhanden gekommen. Aber dazu mu├čte ihr zuerst die Realit├Ąt abhanden kommen.

La gauche doit r├ęapprendre ├á parler. Par Robert Redeker. Respublica no 548,
21 juin 2007
http://www.gaucherepublicaine.org/,article,1495,,,,,_La-gauc he-doit-reapprendre-a-parler.htm

Artikel zu Robert Redeker in meinem Archiv

Artikel auf meiner Site ├╝ber Robert Redeker, oder in denen ich ihn erw├Ąhnt habe.
http://tinyurl.com/bcp8rf

Robert Redeker lebt! 10. Februar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-02-10_22-28-44.html

Robert Redeker: Man mu├č versuchen zu leben! 23. Januar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-01-23_03-29-49.html

Gro├čveranstaltung zur Unterst├╝tzung von Robert Redeker: f├╝r Gesetz, republikanisches Recht und Meinungsfreiheit. 10. November 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-11-10_14-40-01.html

Robert Redeker schreibt an Andr├ę Glucksmann. 28. September 2006
http://www.eussner.net/fundsachen_2006-09-29_02-10-39.html

Robert Redeker oder: Islamkritik wird mit dem Tode bestraft. 29. September 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-09-29_00-01-34.html

28. Juni 2007

Update, vom 30. und 31. Juli 2007

Man soll es nicht f├╝r m├Âglich halten, aber einen Monat nach dieser Ver├Âffentlichung entdeckt auch der Spiegel sein Herz f├╝r Robert Redeker. Da mu├č das Sommerloch ja riesig sein! Es gibt keine Dopingskandale mehr, weil die Tour de France vorbei ist, und Nicolas Sarkozy ist mit seiner Ehefrau im verdienten Urlaub. Ich danke allen Bloggern, die sich des Falles noch einmal annehmen, Fakten&Fiktionen, D├╝sseldorf Blog, Barbarophobia, mit der deutschen ├ťbersetzung des Figaro-Artikels von Robert Redeker, Politically Incorrect, Achse des Guten ...

Update, vom 28. Februar 2009

Robert Redeker wird nicht vergessen. In Frankreich allerdings sehr wohl, da gibt´s bis heute linke Gewerkschafter, Islamlobbyisten und andere Regierungsbeamte, die dem Robert Redeker die Schuld an seiner Lage gegeben und ihn aus ihrer Erinnerung gestrichen haben. Es sind dieselben Leute, die sich f├╝r die Menschenrechte der Pal├Ąstinenser in Gaza einsetzen und in Demonstrationsz├╝gen marschieren, in denen der Davidstern dem Hakenkreuz gleichgesetzt, Israelfahnen verbrannt und "Juden ins Gas!" skandiert werden.

Der franz├Âsische Staat und seine Institutionen sind unf├Ąhig und nicht bereit, einen Mann wie Robert Redeker grunds├Ątzlich zu sch├╝tzen. Frankreich artikuliert nicht deutlich, da├č islamisches Recht oder das, was fanatisierte Muslime dazu erkl├Ąren, in Frankreich keinen Raum hat. Robert Redeker wird aber von franz├Âsischen Juden nicht vergessen, von Nidra Poller beispielsweise, die an ihn in der Jerusalem Post erinnert und davon berichtet, da├č ein Muslim, kaum haben Robert Redekers Leibw├Ąchter einmal f├╝r eine Stunde den R├╝cken gekehrt, ihn eine Viertelstunde lang beschimpfen und ihm M├Ârder an den Hals w├╝nschen kann: "Herr Redeker, ... ich wei├č wer Sie sind ... Ich werde Sie nicht umbringen, aber ein anderer wird es tun ... Sie unterscheiden zwischen gem├Ą├čigten, fanatischen und islamistischen Muslimen. Sie liegen falsch. Ein Mensch ist Muslim oder nicht, Punkt ..."

Refugee in his own country. By Nidra Poller, Jerusalem Post, February 26/27, 2009
http://tinyurl.com/cyfzsz

Spiegel entdeckt den Robert-Redeker-Skandal, osi, D├╝sseldorf Blog, 30. Juli 2007
http://tinyurl.com/atfopr

Robert Redeker: Spiegel nicht interessiert, osi, D├╝sseldorf Blog, 2. Juli 2007
http://www.duesseldorf-blog.de/2007/07/02/robert-redeker-spi egel-nicht-interessiert/

Warum Philosoph Robert Redeker seinen Vater in Frankreich nur heimlich begraben durfte, osi, D├╝sseldorf Blog, 29. Juni 2007
http://tinyurl.com/cutjbt

EU-Skandal Robert Redeker. Fakten&Fiktionen, 30. Juli 2007
http://kewil.myblog.de/kewil/art/190399688/

Wie Robert Redeker vor den Islamisten fliehen mu├č. Fakten&Fiktionen,
29. Juni 2007
http://kewil.myblog.de/kewil/art/178649708/

"Les Temps modernes". Fakten&Fiktionen, 29. Juni 2006
http://myblog.de/kewil/art/4478617


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