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Ali Abdullah Saleh, "Diktator des Monats Januar 2006"

Kann mir einer sagen, was Touristen heuer in den islamischen Staaten zu suchen haben? Jetzt sind bei Sanaa sieben spanische Touristen und zwei Einheimische bei einem Selbstmordanschlag auf ihren Konvoi umgekommen. Mir tut niemand von denen leid. Was muß denn noch geschehen, daß die Europäer endlich aufwachen? (1)

Ein deutscher Staatssekretär a.D. erfreut sich guter Kontakte im Jemen

Erinnert sich noch jemand an die Entführung des ehemaligen Staatssekretärs im Auswärtigen Amt Jürgen Chrobog?

Er und seine Familie, Frau Magda und drei erwachsene Söhne, werden zum Fest der Liebe im Jemen entführt. Alle Fernsehzuschauer leiden mit der Familie und den Vertretern der Bundesregierung, die trotz Weihnachtsferien nicht rastet noch ruht, die Entführten freizubekommen: "Es braucht wie immer Zeit, Geduld und Nerven", sagt Außenminister Frank-Walter Steinmeier. "Aber ich bin mir sicher, dass wir noch vor Jahresende zu einem Abschluss kommen werden", zitiert ihn der Spiegel. (2)

Vom Geld ist nicht die Rede: Es braucht wie immer Zeit, Geld, Geduld und Nerven hätte es heißen müssen. Das stellen die deutschen Steuerzahler in Gestalt des AA sofort bereit. Der deutsche Außenminister telefoniert mit seinem jemenitischen Amtskollegen, der Krisenstab im AA arbeitet auf Hochtouren; denn einmal Staatssekretär - immer im Dienst und entsprechend betreut. Auf der Web Site des AA wird Jürgen Chrobog zur Zeit seiner Entführung noch als amtierender Staatssekretär geführt, Regierungsumbildung will Weile haben, oder ist er gar nicht pensioniert, sondern arbeitet jetzt undercover weiter für die Interessen der Bundesrepublik Deutschland? (3)

Bestens in Erinnerung ist die Versicherung des Jürgen Chrobog, er sei auf Einladung der jemenitischen Regierung ins Land gereist, und er wäre sich keiner großen Gefahr bewußt gewesen. Rührend auch die Tagebucheintragungen des 23-jährigen Sohnes Felix Chrobog: "Scheiß auf die emotionale Bindung, die ich zu den Leuten gefühlt habe - sie haben ihr Wort gebrochen, und Worthalten ist eine der wichtigsten Tugenden in der arabischen Welt." (4)

Selten so gelacht! Schon einmal von "Taqiyya" gehört oder von "Hudna"? Schon die Geschichte des palästinensischen Terrorismus studiert? Was hat "Mutter Magda, Tochter eines berühmten ägyptischen Schriftstellers (Youssef Gohar) und promovierte Islamwissenschaftlerin" ihren Söhnen nur beigebracht? (5)

Beim Recherchieren trifft man auf eine zweisprachige Web Site, eine wahre Fundgrube: "Dictator of the Month/Diktator des Monats". Die Herausgeber warnen, daß ihre Site nicht dazu diene, Diktatoren zu glorifizieren oder für oder gegen ihre Politik einzutreten. Die Diktatoren, vom geringsten bis zum schlimmsten, sollten durch faire unvoreingenommene Fakten porträtiert werden: "Bitte berücksichtigen Sie, daß die Einbeziehung in diese Seite nicht notwendigerweise heißt, daß der genannte Führer übel oder schlecht ist - wir überlassen Ihnen diese Entscheidung!"

Die Bemerkung ist insofern bedeutsam, als aus ihr hervorgeht, daß es sich bei den Betreibern der Site nicht um die von Linken und anderen Globalisierungsgegnern geschmähten Neo-Liberalen und Neo-cons handeln kann; denn diese würden sich gegen jede Diktatur aussprechen (was nicht notwendig heißen muß, daß Neo-Liberale und Neo-cons nicht mit Diktatoren zusammenarbeiten und Geschäfte machen). Die Betreiber der Site sind Leute, die anscheinend der Ansicht sind, daß eine Diktatur durchaus gut und angemessen sein kann. Auf der Startseite trifft man auf ein üppiges Angebot an Diktatoren, vom Albaner Enver Hoxha, August 2001, bis zum Nicolai Ceaucescu, Diktator des Monats Mai 2007. Im Januar 2006 trifft die Ehre den Jemeniten Ali Abdullah Saleh. (6)

Der ehemalige Staatsekretär Jürgen Chrobog, selbst oftmals als Krisenmanager im AA tätig, beispielsweise im April 2003 als Leiter des Krisenstabes zur Befreiung von 14 entführten Sahara-Touristen, begibt sich also mit seiner Familie auf eine "den Sicherheitsregeln entsprechend abgesicherte Privatreise" in den Jemen, "dieses faszinierende Land", in die Provinz Schabwa. Seinen Äußerungen entsprechend ist die Reise semi-offiziell, auf Einladung der jemenitischen Regierung. Das könnte auch als Vorteilsnahme gedeutet werden, so daß die deutschen Medien lieber bei der "Privatreise" bleiben. Hat die Familie nicht genug unter der Entführung gelitten? Soll sie nun noch der Korruption geziehen werden, diese Familie, die nach ihrer Freilassung erklärt, sie sei nie bedroht, sondern mit Hochachtung behandelt worden?

Der deutsche Außenminister bedankt sich ausdrücklich beim jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh, der einem chaotischen Land vorsteht, in dem sich Stämme bekriegen, der Stamm bin Dahha, der die Familie Chrobog "offenbar" entführt, um fünf Familienmitglieder freizupressen, die von der Zentralregierung des Präsidenten angeblich deshalb inhaftiert sind, weil sie zwei Mitglieder des rivalisierenden Clans al-Maraqscha "getötet" haben, wie der Spiegel die Morde verniedlichend umschreibt. (2)

Der STERN setzt noch eins drauf und erklärt, terroristische Motive lägen der Entführung wohl nicht zu Grunde. Was, bitte, ist Terror, wenn nicht die Entführung von Menschen? (7)

Deutsche Journalisten übernehmen alles ungeprüft, einschließlich der Sprachregelungen. Wer verbreitet den Grund, warum die Fünf inhaftiert sind, Jürgen Chrobog? Die Entführer? Der Präsident und "Diktator des Monats Januar 2006" persönlich?

Im Lande des Diktators Ali Abdullah Saleh

Der Chef der Regierung, auf deren Einladung der ehemalige Staatssekretär der Bundesrepublik Deutschland das Land besucht, beteiligt sich bereits mit 20 Jahren an einem Militärputsch gegen den König seines Landes. Der König wird abgesetzt. 1974 nimmt er an einem weiteren Putsch zur Einsetzung von Ibrahim al-Hamidi teil. Der wird 1977 von saudi-arabischen Agenten ermordet, weil seine Politik zur Vereinigung und Versöhnung des Landes dem saudischen Königshause nicht gefällt. Er sei der beliebteste jemenitische Politiker gewesen. Ali Abdullah Saleh ist sehr karrierefördernd immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Er hilft, im April 1978, einen Putsch gegen Ahmed Hussein al-Ghasmi niederzuschlagen, der überlebt das nur bis Juni 1978, da er ermordet und Ali Abdullah Saleh sein Nachfolger wird. Bis heute ist er Präsident des Jemen und wird zum "Diktator des Monats Januar 2006" gekürt. (8)

Die Tatsachen
Name: Ali Abdullah Saleh
Land: Jemen
Geburtstag: 21 März 1942
Gestorben: lebt noch
Daten seiner Regierung: 1978- aktuell
Wie er an die Macht gekommen ist: gewählt
Gattung: militärischer Diktator
Kernwaffen: nein
Größte Leistungen: erfolgreich bei der Wiedervereinigung des Jemen aber berüchtigt für angeblich weitverbreitete Korruption und kriminelle Aktivitäten in seiner Regierung

Er regiert als unumschränkter Herrscher, schlägt im Oktober 1978 einen gegen ihn gerichteten Putsch nieder und verspricht, die Macht im Lande mit der National Democratic Front (NDF) zu teilen, was nie geschieht. 1983 und 1988 wird er in zweifelhaften Wahlen zum Präsidenten von Nordjemen gewählt und wiedergewählt, 1990 werden Nord- und Südjemen vereinigt, und er wird 1993 als Präsident der Republik Jemen bestätigt. Die Opposition gegen ihn schlägt die jemenitische Armee im Sommer 1994 nieder, und der Präsident wird im Oktober 1994 erneut durch Wahlen im Amt bestätigt. Im Dezember 1997 befördert ihn seine Armee zum Marschall. 1999 wird er mit 96 Prozent der Stimmen gewählt. Oppositionsgruppen wie Sozialisten ist die Teilnahme an den Wahlen verwehrt.

Seine Regierung führt dazu, daß die Hälfte aller Kinder nicht zur Schule gehen können. Einen solchen macht die Chosun Universität von Kwangju, Südkorea, am 10. Oktober 2002, zum Ehrendoktor der Philosophie.

Der Jemen gehört zu den sechs Ländern mit den schlimmsten Hungersnöten außerhalb Afrikas. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist arbeitslos, an die Hälfte dieses laut Jürgen Chrobog "faszinierenden Landes" lebt in absoluter Armut. Da ist gut Silvester Feiern. Prost!

Zur Politik des Diktators weiß die Site "Diktator des Monats":

"Dem Präsidenten Saleh wird Nepotismus vorgeworfen, und Freunde von ihm, sowie Familienmitglieder besetzen wichtige Posten in der Regierung. Seine Führungsart wird als autokratisch bezeichnet, doch viele nennen ihn als Tyrant, vor allem in Südjemen, doch in Nordjemen ist er sehr popular. Er unterdrückt seine Opposition scharf und ist völlig in Kontrollen von den Medien im Lande."

Ein wunderbares, faszinierendes Land, in dem sein Präsident Kriminalität duldet und fördert, beispielsweise den Drogenschmuggel nach Saudi-Arabien und den Waffenhandel nach Osteuropa. Obgleich der Jemen das ärmste arabische Land der Welt ist, verdreifacht sein Präsident die Ausgaben für Verteidigung von 1998 bis 2003. Waffen werden aus dem Jemen an die al-Qaida und an andere Terroristen sowie trotz UN-Embargos an Somalia verkauft. Al-Qaida soll mit Duldung durch Ali Abdullah Saleh auch umfangreiche Unterstützung in der jemenitischen Regierung haben. Die jüngste Frau des Osama bin Laden stammt aus dem Jemen. Ihre Familie besitzt dort unter anderem Inseln, auf einer von ihnen haben die USA ihr Horchsystem SIGINT installiert. Die Rolle der USA auf der arabischen Halbinsel wird von Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié in ihrem Buch "La Vérité interdite" (Die verbotene Wahrheit) geschildert. Sie interviewen dazu den FBI-Beamten John O´Neill. Präsident Jacques Chirac hat als Antwort auf die Attentate des 11. September 2001 keinerlei Mitleid, sondern er überreicht George W. Bush anläßlich seines bereits vor dem 11. September 2001 verabredeten Staatsbesuchs in Washington, am 18. September 2001, "La Vérité interdite", man könnte auch sagen, er haut´s ihm um die Ohren. (9)

Im Sommer 2005 legt der Staatssekretär im Finanzministerium des Jemen Abduljabar Saad der weitverbreiteten Korruption im Finanzministerium wegen sein Amt nieder. In seinem Kündigungsschreiben erwähnt er Schmuggel von subventioniertem Diesel nach Afrika. Weitere Delikte sind Geldfälschungen von jemenitischer und saudischer Währung durch die jemenitische Zentralbank sowie Geldwäscheskandale durch Immobilienhandel in Dubai, "ultimately funneling the money into German bank accounts", was in der deutschen Ausgabe heißt: "Es wird auch behauptet, Zentralbankoffiziere verwenden die Zentralbank, um Geld ins Ausland in Privatkonten zu deponieren." (10)

Der "Diktator des Monats: Januar 2006" Ali Abdullah Saleh ("lebt noch") ist Herrscher über das Land, in dem Touristen verschleppt und zerbombt werden. Ich wünsche allen eine gute Reise zum Mondtempel von Marib!

2. Juli 2007

Quellen

(1) Touristen im Visier. Selbstmordanschlag im Jemen, n-tv, 2. Juli 2007
http://www.n-tv.de/822353.html

Mondtempel von Marib
http://www.queentravel.at/Jemen/images_jemen/sehenswert/Mari b%20Mondtempel_3.JPG

(2) Steinmeier rechnet mit Chrobog-Freilassung bis Sonntag. Der Spiegel, 29. Dezember 2005
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,392692,00.html

Bundesaußenminister Steinmeier zur Freilassung der Familie Chrobog. Auswärtiges Amt, 1. Januar 2006
http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Infoservice/Presse/M eldungen/2006/01-03/060101-ChrobogFreilassung.html

(3) Jürgen Chrobog, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (nicht mehr online)
http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/aamt/leitung/chrobog_h tml

(4) Fall Chrobog: "Sie haben ihr Wort gebrochen". netzeitung, 4. Januar 2006
http://www.netzeitung.de/deutschland/375866.html

(5) Vorderlader, Kalaschnikow, Nokia. Wie die Chrobogs familiär über die Geiselnahme streiten, bei der viel hätte schief gehen können. Von Werner A. Perger,, Die Zeit Nr. 2/2006
http://www.zeit.de/2006/02/Chrobog?page=all

(6) Dictator of the Month
http://www.dictatorofthemonth.com/English/English_welcome.ht m

(7) Chrobog auf dem Weg nach Deutschland, Reuters/DPA/AP, STERN, 31. Dezember 2005
http://www.stern.de/politik/ausland/:Freilassung-Chrobog-Weg -Deutschland/552307.html

(8) Ibrahim al-Hamidi (1943 - 1977). The Free Dictionary
http://encyclopedia.thefreedictionary.com/Ibrahim%20al-Hamdi

(9) Osama bin Laden - Die verbotene Wahrheit. Das Schicksal des FBI-Beamten John O´Neill (Artikel vom 21. November 2001)
http://www.eussner.net/artikel_2004-07-14_20-10-37.html

Entretien M. Jacques Chirac, président de la République avec M. George W. Bush, président des Etats-Unis (Washington, Maison blanche). 18 septembre 2001. Les relations France-Amérique du nord. Les Amériques Actualités
http://www.diplomatie.gouv.fr/photos/diplo/usa/usa25.html#ph oto

(10) Diktator des Monats: Januar 2006. Ali Abdullah Saleh
http://www.dictatorofthemonth.com/Saleh/Jan2006SalehDE.htm

Dictator of the Month: January 2006. Ali Abdullah Saleh
http://www.dictatorofthemonth.com/Saleh/Jan2006SalehEN.htm


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