
José Bovés Sommervergnügen mit tödlichem Ausgang
Es hat sich seit dem 1. August an der Richtlinienkompetenz des Maisausreißers nichts geändert, wie auch, die Minister Frankreichs sind im Sommerurlaub, die MSM befassen sich mit der Luxusherberge des Präsidenten in Wolfeboro, von wo aus er, wie man so nach und nach erfährt, nicht nur Treffen mit dem See, sondern auch mit George W. Bush und amerikanischen Präsidentschaftskandidaten haben wird, und so gibt´s am heutigen Montag, 6. August 2007, in meinem Provinzblatt L´Indépendant neue Berichte über die Aktivitäten der Faucheurs volontaires. (1)
Eine Gruppe von 200 Mitgliedern und Sympathisanten des Kollektivs sowie Mitglieder der Confédération paysanne und lokaler Vereinigungen ziehen mit José Bové nach Murviel-lès-Béziers, in unser benachbartes Hérault, wo 50 unter ihnen auf einem Maisfeld von 4 Hektar jeder eine Staude schneiden, und ihnen 20 Polizisten dabei tatenlos zusehen. Die Stauden werden anschließend der Unterpräfektur von Béziers vor die Türe geworfen, um somit die Aufmerksamkeit der Politiker auf mögliche Gefahren und auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Anschließend gibt´s das bewährte Picknick, auf der Place centrale, unter Platanen.
Es handelt sich um arrachages symboliques de désobéissance civique, um einen symbolischen Akt bürgerlichen Ungehorsams zur Unterstützung der Forderung nach einem Moratorium für den Anbau genveränderter Pflanzen. José Bové, der sich noch einmal als Opfer darstellt, das für das Ausreißen einer einzigen Maisstaude vier Monate Gefängnis ohne Bewährung bekommen habe, weist auf Deutschland, wo es ein solches Moratorium seit Mai 2007 gebe. In Deutschland sei die Vermarktung des genveränderten Mais Mon810 des géant américain Monsanto, des amerikanischen Riesen Monsanto, untersagt.
Allmählich aber scheinen einige Polizisten genug davon zu haben, sich lächerlich zu machen, und so sichern in Ouzouer-sous-Bellegarde, im Département Loiret, 40 Polizisten, begleitet von Polizeihunden, die zur Verwüstung ausersehene Parzelle. Die aus Paris und Umgebung angereisten Faucheurs volontaires verdrießt es nicht; denn sie haben gleich den nächsten Spaß bereit. Sie fangen einige Bienen und "verurteilen" sie wegen "disséminations volontaires commises en réunion", gemeinsam begangener beabsichtigter Verbreitung von Pollen genveränderten Mais.
In Marçay, südlich von Chinon, picknicken Faucheurs volontaires und versuchen dabei, einen Bauern zu überzeugen, seine Parzelle mit genverändertem Mais selbst zu zerstören. Er baut den Mais als Futter für seine Tiere an.
Für den 25./26. August 2007 künden die Faucheurs volontaires weitere Aktionen an, hauptsächlich im Midi-Pyrénées, um Toulouse herum. Vielleicht wollen sie von dort die letzten Forscher vertreiben. (2)
Exkurs: Anti-Amerikaner aller Länder, vereinigt euch!
Der Anti-Amerikanismus und Nationalismus reicht von extrem rechts und links bis in die Mitte unserer Gesellschaft. Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, ist die Gallionsfigur dieser grün-braun-roten Maschinenstürmer:
Erst Ende April hatte Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) den Handel mit dem Saatgut Mon 810 untersagt. Begründet worden war dieser Schritt mit neuen Erkenntnissen über Gefahren für die Umwelt. Die Sorte Mon810 produziert ein Gift gegen den Schädling Maiszünsler. Dieses so genannte Bt-Toxin könnte sich im Boden anreichern, dessen Qualität negativ beeinflussen und zudem andere Insekten und Lebewesen schädigen, weiß der Oranienburger Generalanzeiger, der über den Rechtsstreit einer Besitzerin von Land mit den genveränderten Mais anbauenden Pächtern des Ackers berichtet. Über eine solche Anreicherung im Boden ist allerdings nichts bekannt, im Gegenteil, Bt-Toxin wird seit langem als biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt. Zur Nutzung in der Gentechnik informiert das im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erstellte Lexikon zur bioSicherheit: Mit Hilfe gentechnischer Verfahren können die aus Bacillus thuringiensis isolierten Bt-Toxin-Gene auf Pflanzen übertragen werden. Diese produzieren nun in ihren Zellen den für Fraßinsekten giftigen Wirkstoff. Das BMBF erklärt sich allerdings für die Informationen der bioSicherheit nicht verantwortlich. Somit bleibt der Bundesregierung genug Spielraum, je nach Stimmung des Politbarometers der Bettina Schausten ihre Entscheidungen zu treffen. (3)
Da die PISA-geschädigte Nation vor allem Angst hat, das neu und noch nie dagewesen ist, sieht sich Minister Horst Seefofer veranlaßt, trotz aller Kritik die Restriktionen des Gentechnikgesetzes nicht aufzuheben: Forscher und Pflanzenzüchter fürchten schlechtere Voraussetzungen und zunehmende Abwanderung ins Ausland, schreibt die Financial Times Deutschland. So ist es, wie auch in Frankreich, von wo die Gentechnikforscher in Scharen abwandern. Ich kenne zwei Jungforscher aus Toulouse persönlich, sie schicken nun Postkarten aus den USA an die Daheimgebliebenen. (4)
Derweil widerruft das Europäische Patentamt (EPA) sehr zur Genugtuung der Linken im Bundestag ein Patent des Gentechnikkonzerns Monsanto. Das Argument dafür ist so abstrus, daß man kein Verschwörungstheoretiker sein muß, um zu sehen, was dahintersteckt: Konkurrenz mit den USA, Anti-Amerikanismus pur: "Nicht nur ethische Gründe sprechen dagegen, dass ein Konzern eine Art erfunden haben will und die Vermarktungsrechte für sie erhält. Genetische Informationen werden entdeckt, nicht erfunden", meint Kirsten Tackmann, MdB aus Brandenburg, dazu. (5)
Monsanto beansprucht Pflanzen und Gene als Eigentum, empört sich Greenpeace, das EPA erteile wahllos Patente auf Leben. Das heißt, daß den Forschern auf dem Gebiet der Gentechnik das geistige Eigentum abgesprochen wird. Die Wissenschaftler erarbeiten Ergebnisse, die anschließend jedermann kostenlos benutzen oder ausreißen darf. (6)
Lange vorbei ist die Zeit, da Sozialisten Vorkämpfer des Fortschritts sind. Freunde und Genossen, Wladimir Iljitsch Lenin wird beantragen, daß das Ewige Feuer in seinem Mausoleum ausgeblasen wird, solltet Ihr es wagen, an seinem Sarg vorbeizudefilieren, Ihr spießigen, ewiggestrigen Provinzler! (7)
Wissenschaft und Industrie, vertreten durch die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), befürchten nun, im internationalen Vergeich ins Hintertreffen zu geraten. Das ist nicht zu besorgen; denn da befinden sie sich gemeinsam mit Frankreich schon. Aber im Rahmen der Förderung von EU-Randgebieten, vor der Wiedervereinigung heißt das in Deutschland Zonenrandgebiet, werden die neuen EU-Mitglieder profitieren. Polen, Tschechien, Bulgarien werden sicherlich Gentechnik-Forschungen bei sich willkommen heißen. (8)
Der Selbstmord eines Bauern, der genveränderten Mais anbaut
In meinem Provinzblatt L´Indépendant steht unter dem Artikel mit dem Foto des siegessicheren José Bové ein anderer, der ist so überschrieben: Der Selbstmord eines Bauern, der genveränderten Mais anbaut. (9)
Auf dessen Feld bei Girac, nahe Bretenoux, im Département Lot, sehen Faucheurs volontaires ein Picknick vor dem Hof des Besitzers vor, eines Schweinezüchters, der den Mais als Futtermittel für seine Tiere anbaut. Sie verteilen Flugblätter, mit denen sie sich ankündigen. Am Sonntag, um 8:30 Uhr, ruft der Bauer, er ist 46 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder, die Polizei an, daß er sich umbringen werde, wenn die Demonstranten und Maisausreißer vor seinem Hof demonstrieren. Der Bauer macht es wahr, er geht auf sein Feld und erhängt sich an einem Baum. Ein von den Menschenfreunden verteiltes Flugblatt mit Markierungen der heimzusuchenden Felder findet man am Fuße des Baumes. Die Justiz von Cahors ermittelt. Es sei schwierig, eine Verbindung herzustellen zwischen einer Demonstration, die sich als friedlich angekündigt habe, und dieser Tat, meinen die Juristen. Die Faucheurs volontaires erklären durch Patrice Vidieu, den Sprecher der Confédération paysanne des Département Lot, daß sie unter diesen Umständen im letzten Moment auf die Demonstration verzichten. (10)
Welche Großzügigkeit!
Die Demonstration wird nicht der Grund für den Selbstmord des Bauern sein, aber die allgemein bekannte prekäre Lage der kleinen Bauern mag bei diesem dazu geführt haben, daß die Demonstration das Maß voll macht. Das Überleben für sich und seine Familie zu sichern, ist schon ohne die Faucheurs volontaires schwierig genug. Woher soll der Bauer wissen, was die Faucheurs volontaires hinterher behaupten: sie seien nicht dorthin gezogen, um Mais auszureißen, sondern um eine Debatte über die genveränderten Pflanzen zu provozieren, eine pädagogische Maßnahme. So ähnlich wie in Marçay?
Es ist die Art der Anhänger und Vertreter totalitärer Ideologien, andere zu erziehen, die unmündigen Menschen, die zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Das sehen wir in Deutschland gerade bei der Einführung des Gesetzes gegen die Raucher. Ihnen und den Bar- und Restaurantbesitzern werden eigene Urteilskraft und Verantwortung abgesprochen. Deutsche wie Franzosen: ein verwaltetes, gegängeltes Volk.
Jean-Louis Borloo und Michel Barnier, zwei Minister, kondolieren den Familienangehörigen und mahnen die Faucheurs volontaires zur Mäßigung. Die Frage des Anbaus von genverändertem Mais sei in Frankreich offen. Wer hätte es gedacht, da doch inzwischen knapp 22 000 Hektar Mais angebaut werden - in Deutschland ist´s etwa ein Zehntel davon. Die elementaren Regeln eines Rechtsstaates sollten respektiert werden, meinen die Minister, und da muß man sich wundern; denn seit Jahren ist es den Maisausreißern gestattet, in aller Willkür ihrer Beschäftigung nachzugehen. Der zu vier Monaten Gefängnis verurteilte José Bové wird von der Staatssekretärin im Umweltministerium Nathalie Kosciusko-Morizet empfangen, ihm werden Angebote zur Strafmilderung gemacht, und der PR-bewußte Präsident Nicolas Sarkozy sollte nicht verstehen, welche Signalwirkung das hat?
Die Fédération nationale des syndicats d´exploitants (FNSEA) ruft die französische Regierung auf, Gesetz und Recht in Frankreich zu respektieren. Der Bauer habe es nicht ertragen, von verantwortungslosen Aktivisten in Frage gestellt zu werden und befürchten zu müssen, daß seine Felder zerstört würden. Er habe alle Regeln und Auflagen zum Anbau des genveränderten Mais erfüllt. Die Straflosigkeit der Faucheurs volontaires führe natürlicherweise dazu, daß sie ihre Aktivitäten zur Zerstörung von Parzellen in diesem Jahr weitertrieben. Das kündigen sie offen an, alle wissen es, Landwirte, Saatguthersteller, Regierung, Behörden, Polizei, José Bové wiederholt es in Murviel-lès-Béziers, und es wird von den Medien Frankreichs berichtet: wir machen weiter, bis das Moratorium für den Anbau genveränderter Pflanzen erreicht ist.
"Also, wie lange noch, welches weitere Drama muß man noch abwarten, bis die Situation endgültig geklärt ist, und Justiz und Ordnungskräfte die Arbeit tun, die man zurecht von ihnen erwartet?" (11)
Das fragt sogar mein Schaf schon seit August 2004 ... (1)
6. August 2007
Quellen
(1) José Bové bestimmt die Richtlinien der französischen Politik. 1. August 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-08-01_18-03-03.html
(2) Une journée d´action anti-OGM. L´Indépendant, 6 août 2007, p. 19
(3) Genmais-Streit vor Gericht. Alexander Fröhlich, Oranienburger Generalanzeiger, 28. Juli 2007
http://oga.mzv.net/lokales/story.php?id=25141
bioSicherheit. Lexikon.
http://www.biosicherheit.de/de/lexikon/
(4) Keine grundlegenden Änderungen am neuen Gentechnikgesetz. Financial Times Deutschland, 3. August 2007
http://www.ftd.de/politik/deutschland/234712.html
(5) Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Newsletter der Bundestagsfraktion. Die Linke, Mai 2007
http://www.linksfraktion.de/newsletter_view.php?newsletter=1 938279467
(6) Europaeisches Patentamt erteilt wahllos Patente auf Leben. gentechnic pages
http://www.gene.ch/genesis/2000/Jan-Jun/msg00032.html
Biological Russian roulette, gentechnic pages
http://www.gene.ch/
Europäisches Patentamt
http://www.epo.org/index_de.html
(7) Lenin Mausoleum
http://leninmausoleum.da.ru/
(8) Neues Gentechnikgesetz: Biotechnologen fühlen sich ausgebremst, ots, agrarheute.com, 2. August 2007
http://agrarheute.com/index.php?redid=172129
(9) Suicide d´un cultivateur d´OGM. L´Indépendant, 6 août 2007, page 19
(10) Un éleveur se suicide avant une action anti-OGM. NouvelObs.com,
6 août 2007
http://tempsreel.nouvelobs.com/actualites/societe/20070806.O BS9503/un_eleveur_se_suicide_avantune_action_antiogm.html
Girac. Wikipédia
http://fr.wikipedia.org/wiki/Girac
(11) Critiques de la FNSEA après le suicide d´un cultivateur d´OGM. Reuters,
Le Monde, 6 août 2007
http://www.lemonde.fr/web/depeches/0,14-0,39-31966033@7-37,0 .html
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