Homepage von Gudrun Eussner
Gudrun Eussner
Links
Homepage von Gudrun Eussner
Artikel

Anne Will, das raffende Kapital und die mißachteten Menschen

Das Erste der ARD geht mir allmählich auf die Nerven. Nicht nur, daß es mir heute, am blauen Montag, der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen wegen die 460. Folge meiner geliebten Serie Sturm der Liebe vorenthält, und ich noch einen Tag warten muß, um zu erfahren, warum Barbara in Nöten ist, nein, gestern streckt mich der Sender mit der neuen Polit-Talkfrau Anne Will nieder: Rendite statt Respekt. (1)

Welch eine merkwürdige Alternative wird behauptet. Heißt das umgekehrt, daß nur Respekt herrschen kann, wenn die Unternehmen keine Rendite einfahren? Heißt es, daß Respekt Rendite ausschließt? Wer Menschen respektiert, macht keine oder nur eine bescheidene Rendite?

Wie nicht anders zu erwarten, überschlagen sich die Medien heute, dieses Wunder der ARD zu kommentieren, 627 Angebote, die der Sensation angemessen beikommen, hält Google.de in den Aktualitäten bereit: Anne Will absolviert Talkshow-Premiere, titelt das Handelsblatt treffend, Ohne Pannen und Versprecher quittiert AFP die Leistung der gestandenen Journalistin, handwerklich sauber, meint Maybrit Illner, problematisch fand der Moderator (Jörg Thadeusz) indes den Umgang mit einer Diplom-Bauingenieurin aus Bautzen, die in einem Callcenter arbeitet - für fünf Euro pro Stunde. Nachdem Will ihren Gast am Anfang der Sendung kurz interviewt hatte, saß die Frau danach 55 Minuten unbetreut auf dem Sofa. Wenn´s nicht so traurig wäre, könnte man sich beölen. Witze kommen einem in Erinnerung über sitzen-, stehen- und liegengelassene Frauen. Eine Frau bringt solches fertig, Anne Will, die ihre Sendung betitelt: Rendite statt Respekt. (2)

5,04 Millionen Zuschauer schalten ein, und Programmchef Günter Struve freut sich über diese über alle Erwartungen hohe Premierenquote. "Sie kam, sah und siegte", frohlockte Volker Herres, NDR-Programmdirektor Fernsehen, "sie war überaus präsent, hat über die ganze Sendung hinweg den richtigen Ton getroffen." Von der ARD habe ich nichts anderes erwartet, wer bei Volker Herres siegt, der muß in Deutschland gesiegt haben. Mit mir kann man dabei allenfalls rechnen, wenn´s wieder einen ähnlich entlarvenden Titel und die dazu passenden Charakterdarsteller gibt. (3)

Der SPD-Chef Kurt Beck, der von Anne Will als quasi-SPD-Mann vereinnahmte Ministerpräsident von NRW Jürgen Rüttgers, der noch in der CDU ist, René Obermann, der Vorstandsvorsitzende der Aktiengesellschaft Deutsche Telekom, an der die Bundesrepublik Deutschland mit 31,7 Prozent Mehrheitseignerin ist, die für ihren sozialen Einsatz bekannte und beliebte Landesbischöfin Margot Käßmann, Dissertationsthema "Armut und Reichtum als Anfrage an die Einheit der Kirche", Beauftragte für den kirchlichen Entwicklungsdienst, von 1990 - 1992, und am Rande der Veranstaltung die bereits erwähnte Bauingenieurin aus Bautzen und ein als Psychotherapeut das Burnout-Syndrom, den Zustand der inneren Leere, behandelnder Arzt bilden das Podium und seinen Rand. Mindestlöhne, die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme und die sozialen Implikationen des Burn-Out-Syndroms bilden die Themen, schreibt Stefan Schultz. (4)

Für eine Show der kleinen Leute hält der STERN dieses Standard-Programm mit klassischer Besetzung, mit einer soliden Runde. Michael Cramer, ex-"Christiansen"-Redaktionsleiter analysiert den ersten Auftritt der Nachfolgerin vortrefflich und ziemlich vernichtend, wobei er klare Argumente bringt.

In der STERN-Umfrage bewerten 66 Prozent der Zuschauer ihren Auftritt: Ja, sie war gewohnt gut. (5)

Anne Will im Würgegriff der Parteipolitik nennt die FAZ ein Foto der Moderatorin, flankiert von Kurt Beck und Jürgen Rüttgers. Der Kommentar von Michael Hanfeld ist ätzend und trifft´s genau: das sonnige Gemüt der Anne Will. (6)

Die bewegende Schilderung der systemgeschädigten Frau aus Bautzen beiseite, sind die Diskutanten und ihre längst bekannten Statements zum Einschlafen, und so widme ich einige Sätze der Wortwahl des Themas: Rendite statt Respekt. Stichproben bei den Google-Aktualitäten zeigen, daß niemand der Kommentatoren den Titel hinterfragt, interpretiert oder gar kritisiert. Deutschland ist im Konsenz mit einer Überschrift, die auch lauten könnte: Das raffende Kapital und die von ihm mißachteten Menschen. Der Schritt zum Antisemitismus ist vorgezeichnet.

Das raffende Kapital ist unterwegs zwecks Ausbeutung der Beschäftigten, zur Erreichung kurzfristiger Rendite; denn nur die kann gemeint sein von Anne Will, oder redet sie gar keiner Rendite das Wort, dem Ende allen Wirtschaftens? Was ist ablehnenswert an einer Rendite? Die Wirtschaftsferne dieser Propaganda, die Irreführung des Publikums, schon im Titel der Sendung sind sie angelegt. Rendite ist ein Begriff des Finanzkapitals und der Finanzmärkte. Romantische Kapitalismuskritik nennen der Blogger Lars Strojny und seine Kommentatoren solche Negativbewertung. Die Rendite entscheidet über den Erfolg einer Anlage. Der Zinssatz ist die bekannteste Renditekennzahl. (7)

Von Gottfried Feder, der noch vor Adolf Hitler Mitglied der NSDAP wird, stammt die Unterscheidung der Unternehmerklasse in eine gute Fraktion - das schaffende Kapital - und eine böse Fraktion - das raffende Kapital. ... Das Finanzkapital ist lediglich an der Rendite interessiert, nimmt bei der Verfolgung dieses Ziels auf Landesgrenzen keinerlei Rücksicht, und lebt deshalb mit dem bodenständigen schaffenden Kapital in einem natürlichen Interessenkonflikt, schreibt Reiner Flik über Gottfried Feders Ideologie in der Einführung zur Abhandlung über Marktwirtschaft ohne Kapitalismus? (8)

Vom raffenden Kapital ist´s nur ein kleiner Schritt zur Politideologie des Islams, der Zinsen auf Kapital verbietet. Auch der Respekt gehört in die Ecke, vor allem der Respekt, der versagt wird. Den fordern schon die muslimischen "jeunes" der Vorstädte in Frankreich ständig und vergeblich ein. Der mangelnde Respekt des Ministers ist die Ursache der Unruhen, meint die Sektion Toulon der Ligue des droits de l´Homme (L.D.H.) und zitiert dazu einen Artikel dreier Aktivisten, aus der Libération, vom 5. November 2005, in dem der Minister zum Rücktritt aufgefordert wird. Der heißt Nicolas Sarkozy. Gibt man auf Google.fr die Stichworte jeunes respect novembre 2005 ein, erhält man 2 Millionen Angebote. (9)

Die EU unterhält eine 22-sprachige Site zum Thema: Respect. For Diversity - Against Discrimination. Anne Will befindet sich in bester Gesellschaft: (10)

Willkommen auf der Webseite der Europäischen Kommission zum Thema Antidiskriminierung. Diese Webseite dient als Informationsquelle über die europaweite Kampagne "Für Vielfalt. Gegen Diskriminierung." Gleichzeitig finden Sie Hintergrundinformationen über die Maßnahmen, welche von der Generaldirektion für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit initiiert wurden, um Diskriminierung zu bekämpfen. Schließlich bietet die Webseite aktualisierte Informationen über gegenwärtige Antidiskriminierungsfragen und laufende Aktivitäten in allen 27 Mitgliedsstaaten der EU.

In diesem Fahrwasser segelt Anne Will, handwerklich sauber. Die Moderatorin ist das Sprachrohr der deutschen und der EU-Politik. Dabei kann es geschehen, daß die Thematik hart ans Antisemitische reicht, bedient von klassischen, sattsam bekannten Vertretern der Politik, aber das ist inzwischen in Deutschland Mainstream, jedenfalls fällt den Zuschauern nichts auf, im Gegenteil, sie sind´s zufrieden.

Mancher wird sich noch nach den schrägen Sendungen der Sabine Christiansen zurücksehnen. Wer hätte das vermutet?

17. September 2007

Quellen

(1) Barbara in Nöten. Folge 460. Sturm der Liebe. DasErste.de,
18. September 2007
http://www.daserste.de/sturmderliebe/

(2) Rendite statt Respekt. Das Erste, 16. September 2007
http://tinyurl.com/3ymk88

(3) Sauber, aber grenzwertig. Von Stefan Schultz, SpiegelOnline,
17. September 2007
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,506106,00.h tml

(4) Margot Käßmann. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Margot_K%C3%A4%C3%9Fmann

(5) "Anne Will". Die Show der kleinen Leute. Von Michael Cramer, STERN,
17. September 2007
http://tinyurl.com/yrc48a

(6) "Ich komme dann noch einmal". Von Michael Hanfeld, FAZ.net,
17. September 2007
http://tinyurl.com/ysrqa2

(7) Schwundgeld und romantische Kapitalismuskritik. Von Lars Strojny, usr/portage, 3. Februar 2005
http://tinyurl.com/2v9t9e

(8) Marktwirtschaft ohne Kapitalismus? Von Reiner Flik. Erschienen in: Rainer A. Müller Hrsg., Utopien und utopisches Denken in der Geschichte, München 2004
http://www.silvio-gesell.de/html/flik__marktwirtschaft.html

(9) pour les jeunes des cités, le « manque de respect » du ministre est à l´origine des troubles. Par Ludovic BLECHER et Jacky DURAND et Karl LASKE et Gilles WALLON, Libération, 5 novembre 2005
http://ldh-toulon.net/spip.php?article973

(10) Respect. For Diversity - Against Discrimination. An initiative of the
European Union
http://www.stop-discrimination.info/

"Für Vielfalt. Gegen Diskriminierung." Eine Initiative der Europäischen Union
http://www.stop-discrimination.info/2182.0.html


Hoch zum Seitenanfang Diese Seite drucken
Zurück zur vorigen Seite Zum Archivdieses Abschnitts Weiter zur nächsten Seite