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Israel einer AnfÀngerin [7]: Maalot-Tarshiha

Jetzt ist endlich der Bericht zu Maalot-Tarshiha fĂ€llig, noch dazu, da Shlomo Bohbot, der BĂŒrgermeister der Partnerstadt von Perpignan, mit seiner Familie zur Zeit in Perpignan weilt, und ich die große Freude habe, ihn hier mehrmals zu treffen. Am 6. Dezember hat er das dritte Licht am Hanukkah-Leuchter angezĂŒndet, der vor dem Couvent des Minimes errichtet ist, am Ort der alten Call, dem jĂŒdischen Viertel Perpignans. Der Begriff Call stammt aus dem lateinischen callis, Pfad, Gasse. (1)

Hier hat Menahem ben Solomon Ha-MĂ©iri gelebt, der Erleuchtete, der berĂŒhmte Rabbiner, Philosoph und Kommentator des Babylonischen Talmuds Bet ha behira, zur Zeit des Königreichs von Mallorca. Er wird der "tolerante Rabbi" genannt, weil er fĂŒr den Dialog der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam eintrat. Sein katalanischer Name ist Don Vidal Solomon. Die Stadt Perpignan eröffnet zu seinen Ehren am Couvent des Minimes, am 12. Januar 2004, einen Garten, den Jardin Menahem ben Solomon Ha-MĂ©iri, und widmet ihm eine Gedenktafel. (2)

Über die Spuren des jĂŒdischen Lebens in Perpignan und in dem Gebiet zwischen Narbonne und Girona berichtet dreisprachig, katalanisch, französisch und englisch, das Buch von Martine Berthelot: La ruta jueva. (3)

Von Kfar Saba gibt es keine direkte Verbindung nach Maalot-Tarshiha. Am 1. November bringt mich Hanah zum Bus nach Haifa. Die HöllenhĂŒndin Nika ist mit dabei, da ich aber inzwischen Freundin des Hauses bin, macht sie keinen unnötigen LĂ€rm bei meinem Abschied, sondern wedelt mit dem Schwanze. Der Bus nach Haifa ist gerade im Begriff abzufahren, Wartezeit ist nicht. Das erlebe ich des öfteren in Israel, die Verbindungen in alle Orte des Landes sind vorzĂŒglich. Wer dort wohnt, bedarf nicht unbedingt eines Autos. Von Haifa aus gibt es keine direkte Verbindung nach Maalot-Tarshiha, sondern ich muß ĂŒber Akko nach Nahariya. Allerdings geht es erst sehr umstĂ€ndlich nach Mifraz. Der Bus hĂ€lt an jeder Milchkanne, wie man auf deutsch dazu sagt. Sally, aus Maalot-Tarshiha, will mich in Nahariya abholen. (4)

Ich kann sie vorab nicht unterrichten, wann genau ich ankomme, und setze darauf, daß ich das von unterwegs telefonisch erledige. Aber in Mifraz ist das einzige öffentliche Telefon außer Betrieb. Na, mache ich das eben am Busbahnhof von Nahariya. Dort angekommen, geht das Telefon ebenfalls nicht. Was tun?

Ein junges Paar sitzt an einem Tisch und ißt Pita. Jetzt brauche ich beider Hilfe und frage, ob sie ein Mobilphone besitzen, mit dem ich vielleicht Sally anrufen kann. Klar! Nachdem Sally Bescheid weiß, unterhalten wir uns radebrechend in englisch, bis sich herausstellt, daß die Frau aus Schiraz stammt. So gibt´s noch eine weitere Sprache, in der man sich verstĂ€ndigen kann. Es ist kaum zu glauben, welche lĂ€ngst vergessenen Vokabeln einem wieder ins GedĂ€chtnis kommen, wenn man sie braucht. Das Ehepaar baut in einem Nachbarort von Nahariya Lychees an. Die Frucht wird in Israel bzw. PalĂ€stina seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gezĂŒchtet. (5)

Sally kommt an, und wir fahren nach Maalot-Tarshiha. Ich möchte mir die Partnerstadt von Perpignan einmal ansehen und den BĂŒrgermeister besuchen. Ich wohne in einem ĂŒber eine eiserne Wendeltreppe zu erreichenden GĂ€steappartment im grĂŒn angestrichenen, ĂŒppig von Pflanzen ĂŒberwucherten Haus von RĂ©gine und Paul; die beiden Israelis stammen aus Frankreich und aus England. So leben jetzt unter einem Dach eine Französin, ein EnglĂ€nder und eine Deutsche. Wo? In Israel. (6)

In dem gerĂ€umigen, ganz im indischen Stil eingerichteten Appartment befindet sich eine in den Fußboden eingelassene Jacuzzi, gleich vorn, wenn man von der Terrasse aus die große GlasschiebetĂŒr öffnet. Ich kriege mich nicht ein vor Lachen, weil ich diesen Firlefanz schon bei Freunden in Puerto Escondido, Mexiko, genossen habe. Keine Villa ohne Jacuzzi, allerdings kenne ich bislang nur welche in den GĂ€rten, mit Blick auf den Pazifik, in dem man leider in nur wenigen Buchten schwimmen kann, weil das Meer, Ă€hnlich wie Pazifisten, trotz des Namens gar nicht friedlich ist. Welcher Ausreden bedarf es, daß ich mich nicht tĂ€glich in das wirbelnde Wasser der Jacuzzi begeben muß! RĂ©gine erklĂ€rt mir, daß israelische Urlauber unbedingt Jacuzzis wollen, ansonsten kein gelungener Aufenthalt. (7)

Leider ist RĂ©gine nicht in bester Verfassung; denn ihre Lieblingskatze ist krepiert. Paul hat schon ein Grab im Garten ausgehoben, wir beerdigen das Tier und schmĂŒcken das Grab mit BlĂ€ttern und BlĂŒten aus dem Garten. SpĂ€ter drapiert RĂ©gine noch eine Perlenkette und setzt eine Kerze obenauf. Die Trauerarbeit kann beginnen.

Am Abend will ich in das von Sally empfohlene Restaurant, aber RĂ©gine lĂ€ĂŸt das nicht zu, sondern ich bekomme von ihr ein herrliches KrĂ€uteromelette, dazu Wein und Kekse. Anschließend werfe ich in meinem Appartment den Ferni an und sehe auf arte den Film Full Metal Jacket, einen Anti-Vietnamkriegsfilm von Stanley Kubrick. Seit Foucault wissen wir, wie diszipliniert wird, und seit Stanley Kubrick, wie unbedarften Studenten mittels Fiktion Ideologie implantiert wird, wĂ€re zu ergĂ€nzen. Der Film basiert auf den authentischen Erlebnissen eines Soldaten. "The Short Timers" (Höllenfeuer) von Gustav Hasford. Der Volksbrockhaus fĂŒr Eilige im Internet weiß ĂŒber den Autor: Hasford wurde 1988 in San Luis Obispo des Diebstahls von 10 000 BĂŒchern aus Bibliotheken Amerikas und Englands wegen verhaftet. Hasford machte geltend, daß er die Werke "geliehen" hĂ€tte, um fĂŒr ein niemals veröffentlichtes Buch ĂŒber den BĂŒrgerkrieg zu recherchieren. Ach so! (8)

Soweit zu den authentischen Erlebnissen eines Soldaten. Solchem Schmarrn soll ich hinterher gelaufen sein? Au weia! Man ist wirklich nirgends mehr sicher vor der Propaganda der deutsch-französischen Anstalt, die sich nicht zu schade ist, in die Mottenkiste zu greifen, um nur das Feindbild USA nicht verblassen zu lassen. (9)

Am nĂ€chsten Morgen entschĂ€digt mich ein herrliches FrĂŒhstĂŒck. Es gibt Salate, Joghurt, Eier, Brot, Quiche. Es ist so reichlich, daß ich davon leicht mein Mittagessen bestreiten könnte. Ich lese noch einige Seiten im Kapitel 3 des ersten Abschnittes, The Arab Jew, von Joan Peters: From Time Immemorial, und dann mache ich mich zu Fuß auf in die Stadt, in die City von Maalot. (10)

Auch hier, wie in Kfar Saba, reihen sich gepflegte Wohnkomplexe mit GĂ€rten aneinander. AuffĂ€llig sind die vielen Skulpturen an den Straßen und auf den Rond-points. Maalot-Tarshiha veranstaltet in jedem Jahr ein Symposium zu wechselnden Themen, Even Be´Galil - Stone in the Galilee, 2006 ist das 15. in Folge, zum Thema Practical Art. Einige der Werke kauft die Stadt auf und verschönert damit die Straßen und PlĂ€tze. (11)

Ich komme an mehreren Schulen vorbei, die gerade Pause machen, wobei mir ein kleiner Junge mit einem riesigen Sack auf dem RĂŒcken auffĂ€llt. Er schleppt schwer an dem Rucksack und schaut aus großen schwarzen Augen sehr traurig drein. Er macht mehrmals Pause und setzt sich auf Mauersimse. Was ist nur in dem Sack? Mir tut es erstmals von Herzen leid, daß ich kein hebrĂ€isch kann, um zu fragen, was ihm fehlt, und ihm zu helfen.

Dann gelange ich zum Einkaufszentrum der Stadt. Es gibt einen Supermarkt, zahlreiche LadengeschĂ€fte, Imbisse, ein russisches ReisebĂŒro, und an Tischen auf dem Platz sitzen MĂ€nner, die untereinander russisch sprechen. Die HĂ€lfte der jĂŒdischen Bevölkerung Maalots ist aus Rußland immigriert, ihre AktivitĂ€ten sind mannigfaltig. (12)

Ich kaufe Kleinigkeiten im Supermarkt, darunter eine Flasche des guten Yarden Weines 2006 vom Mount Hermon. Unterwegs sammelt Paul mich auf, der mit seinem Kleinbus zum Mittagessen nach Hause strebt. Ich werde eingeladen und habe teil an einem von Paul zubereiteten schmackhaften HĂŒhnchen und frischen Salaten. Dazu gibt´s ein Bier und gute GesprĂ€che.

Am Abend bin ich bei Sally und ihrer Familie zum DĂźner eingeladen. Die ganze Familie macht mit, Mutter, Schwestern, ein Bruder, Sallys Sohn Daniel und die Neffen und Nichten. Ich bin reichlich beschenkt. Sally erzĂ€hlt von 76 handschriftlichen Briefen einer Familie aus Wien, aus den 40er Jahren. Die Briefe sollen ins HebrĂ€ische ĂŒbersetzt und veröffentlicht werden. Hanah wird spĂ€ter lapidar dazu sagen: Dov hat solches an Yad Vashem gegeben, dahin gehört es!

DemnÀchst mehr ...

7. Dezember 2007

Quellen

(1) Couvent des Minimes. Perpignan
http://www.mairie-perpignan.fr/index.php?np=200

(2) Menahem ben Solomon Ha-MĂ©iri (1249-1316)
http://www.mairie-perpignan.fr/index.php?np=200&nps=2

Mallorca, Königreich. Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 172
http://tinyurl.com/384gmw

(3) Martine Berthelot: Ruta jueva, source, Perpignan 2002. Resultat cerca. InformaciĂł bibliogrĂ phica
http://tinyurl.com/2jnctw

(4) Sally Ido. Ivrit, Englisch, deutsch. Translations & more ...
http://www.sallyido.de/

(5) Litchi Cultivars in Israel. By M. Goren, E. Tomer, S. Gazit. Acta Horticulturae
http://www.actahort.org/members/showpdf?booknrarnr=558_17

(6) Maalot-Tarshiha im Norden Israels. 28. September 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-09-28_00-24-51.html

Maalot-Tarshiha - israelische Partnerstadt von Perpignan. 21. Juli/
19. November 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-07-21_19-53-13.html

(7) Jacuzzi
http://www.jacuzzi.com/

(8) Gustav Hasford. Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Gustav_Hasford

(9) War Stanley Kubrick ein Historiker? "Binden und Blenden" - der Vietnamkrieg aus philosophisch-historischer Sicht anhand von ´Full Metal Jacket´ (1987). Von Alexander Diroll. Sic et Non
http://tinyurl.com/29ckfr

The Short-Timers. Gustav Hasford
http://www.gustavhasford.com/ST.htm

(10) Joan Peters: From Time Immemorial. The Origins of the Arab-Jewish Conflict Over Palestine. Reviewed by Daniel Pipes, Commentary, July 1984
http://www.danielpipes.org/article/1110

(11) International Sculpture Symposium "Stone in the Galilee" 2006
http://www.maltar.org.il/even8eng/engevenmain.htm

(12) Ma´alot-Tarshiha. Wikipedia
http://tinyurl.com/32hk83

Bisher erschienen:

Israel einer AnfÀngerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html

Israel einer AnfÀngerin [2]: Von Barcelona nach Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-20_18-17-23.html

Israel einer AnfÀngerin [3]: Tel Aviv-Yafo
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-24_18-50-35.html

Israel einer AnfÀngerin [4]: Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-25_17-54-33.html

Israel einer AnfÀngerin [5]: Neve Tsedek - Rehovot
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-26_20-51-40.html

Israel einer AnfÀngerin [6]: Kfar Saba
http://eussner.net/artikel_2007-12-03_23-45-13.html



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