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Israel einer Anfängerin [8]: Maalot-Tarshiha in Perpignan

Auch die Fortsetzung des Berichtes √ľber Maalot-Tarshiha beginnt in der Partnerstadt Perpignan - und dort endet er f√ľr heute. (1)

Der B√ľrgermeister Shlomo Bohbot und seine Delegation folgen am Freitag einem offiziellen Programm ihres Amtskollegen Jean-Paul Alduy; Einzelheiten sind mir nicht bekannt. Zur Delegation geh√∂ren zwei Repr√§sentanten arabischer Kommunen aus der Umgebung von Maalot-Tarshiha und ihre Ehefrauen. Ich lerne sie anl√§√ülich eines Essens mit Freunden der Delegation am Samstagmittag kennen.

Die arabische Beteiligung an der mitt√§glichen Veranstaltung beginnt damit, da√ü sich die beiden Paare, ohne zu z√∂gern, an den Rand der Tafel begeben, und so sitzen vier Araber und elf andere, Juden und Gojim, getrennt. Das Verbindungsglied auf der einen Seite des Tisches bildet Shlomo Bohbot, der sich neben seinen Kollegen setzt, auf der anderen Seite setzt sich neben den anderen Araber Simon Robert Melloul, ein Vertreter der j√ľdischen Gemeinde Perpignans. Die beiden arabischen Frauen, am √§u√üersten Rand der Tafel, sind vollst√§ndig getrennt von der Gruppe; sie unterhalten sich miteinander und mit ihren Ehem√§nnern. Die Bedienung ist schleppend, und das beunruhigt vor allem die Araber; denn sie haben einen dichten Terminkalender. Es geht mit dem Zug nach Paris: Ma´assalama! Fi aman allah!

Der Rest der Gruppe hat es ebenfalls eilig; denn im Theater der Stadt soll um 15 Uhr eine Konferenz zum Thema Friedensm√∂glichkeiten zwischen Juden und Arabern im Nahen Osten stattfinden. Mit knapp einst√ľndiger Versp√§tung geht´s los. Auf dem Podium sitzen au√üer dem B√ľrgermeister von Maalot-Tarshiha

  • Maurice Halimi, Vertreter des B√ľrgermeisters und zust√§ndig f√ľr √∂ffentliche und ausw√§rtige Beziehungen der Stadt Perpignan, (2)
  • Marie Costa, Direktorin der Stadt Perpignan f√ľr Kultur, (3)
  • Simon Robert Melloul, Vertreter der j√ľdischen Gemeinde Perpignans, und (4)
  • Nicolas Lebourg, Wissenschaftler der Universit√§t Perpignan, Forscher des Museumsprojektes des Lagers Rivesaltes. (5)

Die Araber streben derweil den Freuden des Pariser Lebens entgegen.

Entsprechend ist der Verlauf der Konferenz. Beklagt wird, da√ü trotz der N√§he Maalot-Tarshihas zur libanesischen Stadt Sour, bekannt auch als Tyr und ebenfalls Partnerstadt von Perpignan - bis nach Tyr sind es nur 25 Kilometer, bei gutem Wetter kann man bis weit in den Libanon schauen! - keine Verbindung besteht. Wen wundert´s? Nicht einmal die Araber der israelischen Delegation zeigen den B√ľrgern Perpignans ihr Einvernehmen mit dem B√ľrgermeister von Maalot-Tarshiha, sondern sie verstehen sich anscheinend als Touristen in Frankreich. Man g√∂nnt sich ja sonst nichts. (6)

Shlomo Bohbot, der einzige B√ľrgermeister Israels, der zwei Gemeinden verwaltet, eine j√ľdische und eine arabische, berichtet von konkreten Aktivit√§ten seiner auch von Shimon Peres: "Ich will Frieden wie der in Maalot-Tarshiha!", als vorbildlich bezeichneten j√ľdisch-arabischen Gemeinde, und davon, da√ü es mit den Arabern in Israel nicht solche Probleme gebe wie mit denen im Westjordanland und in Gaza. √úber die Lage w√§hrend des Libanonkrieges habe ich im Artikel Maalot-Tarshiha im Norden Israels berichtet. Die Bombardierungen der Hezbollah treffen Juden und Araber. Drei arabische Israelis kommen dabei am 3. August 2006 um. (7)

Nach dem Libanonkrieg gibt es beispielsweise diese Aktivität zur "Praktischen Kunst": (8)

Aus den √úberresten der Katjuschas, die im Gebiet von Maalot-Tarshiha und im westlichen Galil einschlugen, wurde in diesen Tagen im See Monfort in Maalot eine Skulptur geschaffen. Das Kunstwerk entstand in Vorbereitung auf das 16. Skulpturen-Symposion "Even Ba´galil", das an den Sukkot-Feiertagen am See Monfort stattfindet. Die Stadtveraltung von Maalot-Tarshiha hatte die Bev√∂lkerung aufgerufen, die √úberreste der Katjuschas zu bringen und an dem Bau der Skulptur teilzunehmen, die "Baum des Friedens" hei√üen soll. (Haaretz.com, 4.10.06)

Die Podiumsteilnehmer tragen nichts als Illusionen √ľber die M√∂glichkeiten der arabisch-israelischen Auss√∂hnung bei. Nicolas Lebourg demonstriert sein profundes Wissen von Johann Gottfried Herders Volksgemeinschaft "sol, sang, langue", Blut&Boden und Sprache, √ľber den Autor der Gartenlaube und Erfinder des Begriffes Antisemitismus Wilhelm Marr bis zur Anzahl der Staaten der Welt 1925: 60 und in der Gegenwart: 194. (9)

Johann Gottfried Herder h√§lt bekanntlich Voltaire f√ľr blind und das Frankreich der Aufkl√§rung f√ľr arrogant. Alain Finkielkraut schreibt es schon im ersten Beitrag seines Buches, von 1987, La d√©faite de la pens√©e, auf der Seite 19: "Und, nach Herder spiegelt die Blindheit Voltaires die Arroganz seiner Nation wieder." (10)

Der deutsche Schriftsteller und Dichter steht f√ľr all das, was in Deutschland anschlie√üend aus diesem Volksgeist, dem gesunden Volksempfinden, der "kollektiven Seele" wird: Biedermeier, Gartenlaube, Spie√üertum, Nationalismus, Antisemitismus, Nationalsozialismus, zwei Weltkriege, nahezu vollendete Vernichtung der europ√§ischen Juden. Dem Publikum w√§re zu vermitteln gewesen, inwiefern die Politideologie Islam mit ihrer Lehre von der Ummah, der Gemeinschaft der Muslime, √§hnliche Ergebnisse zeitigt. Die Gr√ľndung Israels w√§re auf dem Hintergrund der Verdreifachung der Staaten zu bewerten, vielleicht h√§tte man zur Einordnung der Gr√ľndung Israels in geschichtliche Zusammenh√§nge auch dar√ľber berichten k√∂nnen, da√ü anl√§√ülich der Abtrennung Ost- und Westpakistans von Indien mehr als elf Millionen Menschen, f√ľnf Millionen Hindus und sechs Millionen Muslime, umgesiedelt worden und eine Million bei den begleitenden Gewaltt√§tigkeiten zu Tode gekommen sind. (11)

Die Rolle des Islams in der Region aber wird von niemandem angesprochen. Die Suren aus dem unverr√ľckbar und f√ľr alle Zeiten von Allah dem Mohammed offenbarten Koran zur Regelung des Zusammenlebens von Muslimen und Juden sind kein Thema. W√§ren sie es, w√§re rasch klar, da√ü diejenigen Muslime, die ohne Not freundschaftlich mit Juden zusammenarbeiten, als Verr√§ter des Islams betrachtet werden; denn die reine Lehre lautet so, wie man es im einst wie heute g√ľltigen Hamas Covenant, vom 18. August 1988 lesen kann: (12)

The time will not come until Muslims will fight the Jews (and kill them); until the Jews hide behind rocks and trees, which will cry: 0 Muslim! there is a Jew hiding behind me, come on and kill him! This will not apply to the Gharqad, which is a Jewish tree (cited by Bukhari and Muslim).

Die Sure 9 At-Taubah, die Bu√üe, Verse 29-33, √ľber Juden und Christen sei als ein Beispiel unter vielen zitiert: (13)

  • K√§mpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und an den J√ľngsten Tag glauben, und die das nicht f√ľr verboten erkl√§ren, was Allah und Sein Gesandter f√ľr verboten erkl√§rt haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen - von denen, die die Schrift erhalten haben, bis sie eigenh√§ndig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten. [9:29]
  • Und die Juden sagen, Esra sei Allahs Sohn, und die Christen sagen, der Messias sei Allahs Sohn. Das ist das Wort aus ihrem Mund. Sie ahmen die Rede derer nach, die vordem ungl√§ubig waren. Allahs Fluch √ľber sie! Wie sind sie (doch) irregeleitet! [9:30]
  • Sie haben sich ihre Schriftgelehrten und M√∂nche zu Herren genommen au√üer Allah; und den Messias, den Sohn der Maria. Und doch war ihnen geboten worden, allein den Einzigen Gott anzubeten. Es ist kein Gott au√üer Ihm. Gepriesen sei Er √ľber das, was sie (Ihm) zur Seite stellen! [9:31]
  • Sie wollten Allahs Licht mit ihrem Munde ausl√∂schen; jedoch Allah will nichts anderes, als Sein Licht zu vollenden; mag es den Ungl√§ubigen auch zuwider sein. [9:32]
  • Er ist es, Der Seinen Gesandten mit der F√ľhrung und der wahren Religion geschickt hat, auf da√ü Er sie √ľber alle (anderen) Religionen siegen lasse; mag es den G√∂tzendienern auch zuwider sein. [9:33]

Shlomo Bohbot, Mitglied der Knesset von 1992-1996 f√ľr die Arbeiterpartei, ist in Marokko geboren und als 12-j√§hriger Junge nach Israel gekommen. Er spricht neben franz√∂sisch flie√üend arabisch, und er meint, alle Einwohner Israels sollten von Kindesbeinen an hebr√§isch und arabisch lernen, um so die Verst√§ndigung zu verbessern. (14)

Und wenn sich die Araber Israels dann noch mehr als Minderheit vork√§men, wenn alle Juden den arabischen Part auch noch √ľbern√§hmen?

Gegen Ende des offiziellen Teiles der Podiumsdiskussion trifft ein Imam aus Perpignan ein. Dann ist Pause, und ich unterhalte mich mit alteingesessenen Juden Perpignans, die mit mir hadern, als ich ihnen mitteile, Jitzchak Rabin, Moshe Dayan, Yigal Allon, Meir Amit und andere Gr√∂√üen des Sechstagekrieges w√§ren in Pal√§stina geboren. Was? Nein! Entsprechend k√∂nnen sie auch meiner Einsch√§tzung nichts abgewinnen, da√ü im Sechstagekrieg die n√∂tigen Entscheidungen von denjenigen getroffen werden, die von klein auf mit den arabischen Pal√§stinensern zu tun haben, und die das Verhalten und die Reaktionen der Araber instinktiv erfassen k√∂nnen. Levi Eschkol und Abba Eban kommentieren das dann, der eine mit jiddischen Spr√ľchen und der andere in neun Sprachen.

Nach der Pause soll ein kleines Orchester aus S√ľdkatalonien auftreten und musizieren. Dazu steht mir der Sinn nicht mehr, ich verabschiede mich vom Ehepaar Shlomo und Keren Bohbot und schleich mich ...

9. Dezember 2007

Quellen

(1) Maalot-Tarshiha im Norden Israels. 28. September 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-09-28_00-24-51.html

Maalot-Tarshiha - israelische Partnerstadt von Perpignan. 21. Juli/
19. November 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-07-21_19-53-13.html

(2) Maurice Halimi. Adjoints. Les Elus. Mairie de Perpignan
http://www.mairie-perpignan.fr/index.php?np=943

(3) Action transfrontalière : En avant toute ! Par Marie Costa, Directrice de la Culture, Mairie de Perpignan
http://tinyurl.com/35xmup

(4) Simon Robert Melloul, Vice-Président du Consistoire Central, Union des Communautés juives de France
http://www.consistoirecentral.org/rubrique.php3?id_rubrique= 19

(5) Nicolas Lebourg. Université de Perpignan Via Domitia
http://tinyurl.com/36lkx3

Die Freske im Lager Rivesaltes und die franz√∂sischen Medien. L√ľgen und Halbwahrheiten - ein Leserinnenbrief. 13. Juni 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-06-13_23-08-04.html

Stellungnahme von drei seit 1997 √ľber das Lager von Rivesaltes arbeitenden Studienr√§ten des Gymnasiums A. Maillol. 16. Juni 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-06-16_18-54-26.html

(6) Sour Tyr. Villes jumelées. Perpignan
http://www.mairie-perpignan.fr/index.php?np=912

(7) Northern Reality. At the front in Akko, Maalot, Tarshiha and the holy city of Tsfat. By Judy Lash Balint. Jerusalem Diaries Web Site, August 10, 2006
http://www.jerusalemdiaries.com/article/230

Seit 12. Juli sind 59 Israelis durch Hisbollah-Angriffe getötet worden. Newsletter der Botschaft des Staates Israel, 4. August 2006
http://tinyurl.com/2m8z87

(8) Reste von Katjuschas werden zu einer Skulptur in Maalot. Newsletter der Botschaft des Staates Israel, 5. Oktober 2006
http://tinyurl.com/yucl2j

Symposium "Practical Art". Environment Sculptures in the use of Public
http://www.maltar.org.il/even15eng/index.htm

(9) Nationalstaat - ein Relikt? Von Bernhard Barkholdt, Aula 4/2002, S. 33
http://tinyurl.com/2tdzk3

(10) Alain Finkielkraut: La défaite de la pensée, folio essais 117. Gallimard 1987

(11) Marr, Wilhelm. Von Uwe Puschner, Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, Band V (1993), Spalten 879-883
http://www.bautz.de/bbkl/m/marr.shtml

Population transfer. South Asia. Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Population_transfer

(12) Dhimmis oder der institutionalisierte Rassismus: demnächst auch bei uns!
19. Juli 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-07-19_01-54-16.html

(13) Sure 9 At-Taubah. Die Surenwahl. Arabische Schrift und Sprache
http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure009.html

(14) Shlomo Bohbot. Knesset
http://www.knesset.gov.il/mk/eng/mk_eng.asp?mk_individual_id _t=136

Bisher erschienen:

Israel einer Anfängerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html

Israel einer Anfängerin [2]: Von Barcelona nach Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-20_18-17-23.html

Israel einer Anfängerin [3]: Tel Aviv-Yafo
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-24_18-50-35.html

Israel einer Anfängerin [4]: Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-25_17-54-33.html

Israel einer Anfängerin [5]: Neve Tsedek - Rehovot
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-26_20-51-40.html

Israel einer Anfängerin [6]: Kfar Saba
http://eussner.net/artikel_2007-12-03_23-45-13.html

Israel einer Anfängerin [7]: Maalot-Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-07_22-20-33.html



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