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Israel einer AnfĂ€ngerin [10]: RĂŒckkehr nach Kfar Saba

Von Nahariya nach Kfar Saba fahre ich nicht mit den Bussen Egged oder Dan, sondern mit RakĂȘwet Israel, der Eisenbahn. Um 11:15 Uhr geht´s los, die Fahrt kostet 46 Schekel, ungefĂ€hr 8 Euro. Sally bleut mir ein, daß ich nicht bis Tel Aviv, sondern nur bis Tel Aviv University, eine Station nach Binjamina, fahren und dort umsteigen soll. Im Zug finde ich eine Fahrtroute und kann mich darauf einrichten, dass die Reise eine Weile dauert. (1)

Die Mitreisenden lesen oder telefonieren mit ihren Mobilphones. Leider hat mein GegenĂŒber eine stundenlange laute Auseinandersetzung mit seinem GesprĂ€chspartner am anderen Ende der Leitung; damit nervt er die ganze Umgebung, aber das stört ihn nicht. Als er endlich aufhört, sind wir schon in Binjamina. Die Stationen sind ausgeschildert in hebrĂ€isch, arabisch und lateinisch. Wer da nicht rafft, wo die Tel Aviv University ist!

Ich steige aus, folge den Schildern und warte auf den Anschluß nach Kfar Saba. Es halten mehrere ZĂŒge, die nicht zu meinem Ziel fahren, aber wie das so ist, wenn man als Fremder auf den Zug wartet: man meint, seinen zu verpassen und rennt mehrmals zum Fahrplan. Das mache jedenfalls ich, und dabei fĂ€llt mir MerkwĂŒrdiges auf: die keinesfalls neuen Gleisanlagen sind in einem Zustand, wie ich ihn noch nicht gesehen habe. Auf dem Schotter liegt keine Plastikflasche, keine Dose, kein Papier, keine Kippe. Zwei junge MĂ€nner sitzen auf der Bank nahe den Gleisen, einer ißt einen Apfel. Als er damit fertig ist, schnipst er das KerngehĂ€use nicht lĂ€ssig auf die Gleise, sondern er steht auf und bringt es zum MĂŒlleimer. Mir fallen beinahe die Augen aus dem Kopf!

Eine Ă€ltere Dame redet mich auf deutsch an, wohin ich denn fahren wolle. Sie hat mich sofort als Deutsche erkannt. Sie ist 1938 im Alter von 4 Jahren nach PalĂ€stina gekommen, nach Nahariya, und so gut deutsch spricht sie, weil ihre Eltern sich schwertaten mit dem HebrĂ€ischen und lieber deutsch redeten. Nahariya ist eine deutsche GrĂŒndung aus den 30er Jahren. Deutsche Juden der fĂŒnften Aliyah haben sich dort angesiedelt. (2)

Die Dame steigt in den nĂ€chsten Zug, ich in den ĂŒbernĂ€chsten. Mit dem Taxi fahre ich zu Hanah. Gegen 15 Uhr stehe ich vor der TĂŒr. Die HöllenhĂŒndin Nika freut sich, nix mehr mit lautem Bellen! Ich erzĂ€hle von Maalot-Tarshiha. Hanah wundert sich, was ich dort ĂŒberhaupt wollte, in diesem öden Ort. In der Tat ist es in Kfar Saba interessanter, das ist eine lebendige Stadt mit vielen LadengeschĂ€ften, und im Einkaufszentrum Canyon Arim steppt der BĂ€r!

Aber was noch besser ist: am Abend bekomme ich von Hanah eine traumhafte Graupensuppe zu essen und anschließend Geschnetzeltes. Graupensuppe, als wenn sie es geahnt hĂ€tte, ist eine meiner Lieblingssuppen, außer Erbsen-, Bohnen-, Linsen- sowie alle anderen Suppen Westfalens, Deutschlands, Europas und der Welt, die ebenfalls meine Lieblingssuppen sind. Aber die Graupensuppe liegt dabei doch ziemlich vorn, schon allein, weil meine Mutter sie nicht mochte und sie deshalb nicht zubereitete. "Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!" gilt nur fĂŒr wehrlose Kinder, die Erwachsenen bringen gar nicht erst auf den Tisch, was sie nicht mögen ...

Welch ein Tag!

Am nĂ€chsten Morgen ziehe ich nach dem FrĂŒhstĂŒck gleich wieder los ins ArcaffĂš, erst kaufe ich aber meine Jerusalem Post. Nebenbei lerne ich, daß es diese Zeitung nicht in hebrĂ€isch gibt, sondern nur englisch und als Wochenzeitung, in französisch. Ich kaufe eine Nummer, aber es scheint wie verhext: sollten mir Frankreich und seine schrĂ€ge Nahostpolitik bis in die französische Ausgabe der Jerusalem Post folgen? (3)

Die Zeitung macht auf mit den Refuzniks, heutzutage bekannt als die bevorzugten israelischen Soldaten der französischen Medien. Als wenn die AffĂ€re des Charles Enderlin noch nicht ausreichte, verbreiten beispielsweise der Jerusalem-Korrespondent Marc de Chalvron und sein Kollege Guillaume Auda im Staatssender France24 statt Nachrichten primitivste einseitige Propaganda ĂŒber Refuzniks, Rechtsextreme und Siedler; der Sender bringt dies und Ă€hnliches Agitprop anschließend als Video bei YouTube unter. (4)

Sollte das sogar bis in die Jerusalem Post vorgedrungen sein? Nein, sondern die Zeitung erinnert zum zwanzigsten Jahrestag der Proteste in Washington anlĂ€ĂŸlich des Treffens von Ronald Reagan und Mikhail Gorbatschow an die daraufhin gewĂ€hrten weiteren Ausreisen von Juden aus der Sowjetunion, sie erinnert an den Beitrag der Refuzniks der Sowjetunion zu dieser Entwicklung, an ihre jahrzehntelangen KĂ€mpfe, ihre zionistischen Ideale und ihre geheimen SehnsĂŒchte. Der Kongreß der USA ĂŒbt Druck aus auf den Kreml durch Verabschiedung des Jackson-Vanik Amendments, im Oktober 1974. Über einige seiner bis heute negativen Auswirkungen kann man in meinem Artikel Skinheads und Neonazis in Israel nachlesen. Da ich mir den Tag nicht verderben will, lege ich die Wochenzeitung erst einmal beiseite. Ungelesen fliegt sie eine Woche darauf in irgendeinen Papierkorb. (5)

Die Jerusalem Post, vom 6. November 2007, ist voll von Berichten ĂŒber das Treffen von Annapolis sowie ĂŒber das vom 3. bis 5. November veranstaltete Saban Forum 2007 zu seiner Vorbereitung. Auch Ulrich Sahm berichtet darĂŒber aus Jerusalem. (6)

Die Jerusalem Post und die internationalen Medien bieten eine bunte Mischung von Kommentaren ĂŒber das Programm und die Teilnehmer: (7)

  • ein zum Ende der Amtszeit von George W. Bush dringend benötigtes Friedensabkommen,
  • Condi im Schafstall von Ariel Scharon,
  • Syriens laut Avi Dichter mentale Bereitschaft zum Frieden,
  • Ehud Olmerts Ansprache an sein Volk, in hebrĂ€isch,
  • den Abstecher der internationalen Teilnehmer des Forums nach Amman, wo ĂŒber Friedensinitiativen der Arabischen Liga diskutiert wird,
  • the Jewish nature of the state of Israel,
  • die RĂŒckkehr bzw. den Zuzug - oder nicht - von Millionen muslimischer Araber nach Israel,
  • What to do about Iran?
  • Syriens wahrscheinliche Teilnahme an der Konferenz von Annapolis etc.

Eines ist sicher: wenn man die Informationen der Jerusalem Post liest, kann man sich nur wundern ĂŒber jeden, der den geringsten Optimismus hegt ĂŒber Friedensmöglichkeiten in der nĂ€chsten Zeit. Nach Bill Clinton wird auch George W. Bush in den zukĂŒnftigen SchulbĂŒchern unter der Überschrift "Frieden zwischen den arabischen Staaten und Israel" unerwĂ€hnt bleiben. DafĂŒr sorgen allein schon die VerhĂ€ltnisse in Westbank und Gaza. Fatah Gangster terrorisieren die BĂŒrger von Nablus, die Polizei bekommt von Mahmud Abbas keine eindeutigen Weisungen und unternimmt nichts dagegen, Dutzende von Gangsterbanden bevölkern die Gegend, die ein Staat werden soll, die Bewohner der Orte schlagen sich oftmals auf die Seite der Banden, die FlĂŒchtlingslager sind fĂŒr die Polizei off limits. Die Fatah fungiert als Polizei, Richter und Vollstrecker. In Balata, dem grĂ¶ĂŸten FlĂŒchtlingslager, sind die KĂ€mpfer der Fatah Helden. Die UNRWA hat ganze Arbeit geleistet.

Im Rahmen des vorgezogenen Wahlkampfes beklagen sich derweil die Abgeordneten der Demokraten Gary Ackerman, New York, und Howard Berman, Kalifornien, gemeinsam mit anderen Abgeordneten des US-Kongresses Teilnehmer am Saban Forum 2007, in der Jerusalem Post ĂŒber mangelhafte Vorbereitung der Annapolis-Konferenz. Gary Ackerman ist sich darin mit hochrangigen PalĂ€stinensern einig, die ebenfalls heftige Kritik an dem Projekt ĂŒben. Die Krönung seiner EinschĂ€tzung ist wohl diese: (8)

"How do you make peace with half of a wanna-be country?" he asked, referring to the exclusion of Hamas, which currently controls the Gaza Strip, from the summit.

Der Kongreßabgeordnete hĂ€lt also die Hamas fĂŒr ausgeschlossen von der Konferenz in Annapolis? Es ist unwahrscheinlich, daß er die seit nunmehr bald 20 Jahren gĂŒltige Verfassung der Hamas nicht kennt, The Covenant of the Islamic Resistance Movement, und darin diese SĂ€tze: (9)

  • Israel will exist and will continue to exist until Islam will obliterate it, just as it obliterated others before it" (The Martyr, Imam Hassan al-Banna, of blessed memory).
  • The Islamic Resistance Movement is a distinguished Palestinian movement, whose allegiance is to Allah, and whose way of life is Islam. It strives to raise the banner of Allah over every inch of Palestine ... (Art. 6)
  • The Islamic Resistance Movement believes that the land of Palestine is an Islamic Waqf consecrated for future Moslem generations until Judgement Day. It, or any part of it, should not be squandered: it, or any part of it, should not be given up. Neither a single Arab country nor all Arab countries, neither any king or president, nor all the kings and presidents, neither any organization nor all of them, be they Palestinian or Arab, possess the right to do that. (Art. 11)
  • Initiatives, and so-called peaceful solutions and international conferences, are in contradiction to the principles of the Islamic Resistance Movement ... There is no solution for the Palestinian question except through Jihad. Initiatives, proposals and international conferences are all a waste of time and vain endeavors. (Art. 13)
  • The day that enemies usurp part of Moslem land, Jihad becomes the individual duty of every Moslem. In face of the Jews´ usurpation of Palestine, it is compulsory that the banner of Jihad be raised. (Art. 15)
  • Leaving the circle of struggle with Zionism is high treason, and cursed be he who does that. (Art. 32)

In eben der Jerusalem Post, vom 6. November 2007, schreibt der AP-Korrespondent Albert Aji unter dem Titel Hamas leader: Annapolis is US ´distraction´ to attack Iran, daß der FĂŒhrer der Hamas Khaled Mashaal von seinem Sitz in Damaskus aus die palĂ€stinensischen FĂŒhrer warne, ZugestĂ€ndnisse zu machen. Auch sollte kein Araber an dieser falschen Konferenz teilnehmen, wĂ€hrend sich die USA fĂŒr das echte Spiel vorbereiteten. Er sagt: "No one is authorized to give up an inch of land, exchange it or give up the right of return." So steht es in Artikel 11 des Hamas Covenant. Khaled Mashaal wiederholt diese Forderung seit vielen Jahren gebetsmĂŒhlenartig. (10)

Man gewinnt eine Vorstellung davon, was Israel erwartet, wenn Politiker wie Gary Ackerman unter einem zukĂŒnftigen PrĂ€sidenten oder einer PrĂ€sidentin der Demokraten noch mehr Einfluß bekommen. Wider besseres Wissen erklĂ€rt er die Nichtteilnahme der Hamas als exclusion of Hamas from the summit.

Welch ein GlĂŒck, daß die LektĂŒre der Jerusalem Post nicht alles ist an dem Tag! Ich verbringe noch eine schöne Zeit mit Hanah. Danke fĂŒr die Gastfreundschaft, liebe Hanah!

Am nĂ€chsten Morgen geht´s weiter nach Jerusalem. Davon demnĂ€chst mehr ...

15. Dezember 2007

Quellen

(1) Egged
http://www.egged.co.il/Eng/

Dan
http://www.dan.co.il/english/default.asp

RakĂȘwet Israel. Israel Railways
http://www.israrail.org.il/english/

(2) The Fifth Aliyah (1929 - 1939). New Aliyah - Modern Zionist Aliyot
(1882 - 1948)
http://www.jafi.org.il/education/100/concepts/aliyah3.html

Nahariya. Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Nahariya

(3) ArcaffĂš, passione dÂŽespresso
http://www.arcaffe.co.il/

(4) FRANCE24-FR-Reportage-Israel: refuzniks. Par Marc de Chalvron et Guillaume Auda. YouTube, added by France24, September 25, 2007
http://ie.youtube.com/watch?v=EC7Bs9cZ6Xk

(5) Refuznik : la libertĂ© refoulĂ©e. Par Sam Ser, Jerusalem Post, Édition française,
6 novembre 2007
http://tinyurl.com/25qzfb

Skinheads und Neonazis in Israel: Die israelische Einwanderungspolitik und die Folgen. 29. Juni 2003
http://www.eussner.net/artikel_2004-08-11_23-03-43.html

(6) The Saban Forum 2007. War and Peace in the Middle East. Saban Center for Middle East Policy. Brookings
http://www.brookings.edu/events/2007/1103_middle_east.aspx

The Saban Forum 2007. War and Peace in the Middle East, Jerusalem,
November 3-5, 2007. Program Schedule
http://tinyurl.com/2j9u2f

Vor dem Treffen in Annapolis. Medienmogul bietet Forum. Von Ulrich Sahm, n-tv,
6. November 2007
http://www.n-tv.de/875651.html

(7) Dichter: Syria mentally ready for peace, are we? By Marc Weiss, Jerusalem Post, November 6, 2007
http://rapturewatch.proboards38.com/index.cgi?board=israel&a ction=display&thread=1194307242

Syria mentally ready for peace, Dichter says. By Roni Sofer, ynetnews.com, November 5, 2007
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3467960,00.html

(8) US congressmen: Mideast parley lacks preparation. By Sheera Claire Frenkel, Jerusalem Post, November 6, 2007
http://tinyurl.com/2ogzhx

(9) Hamas Covenant, August 18, 1988. The Avalon Project at Yale Law School
http://www.yale.edu/lawweb/avalon/mideast/hamas.htm

(10) Mashaal: ME summit US ´distraction´ for war with Iran. By Associated Press, Jerusalem Post, November 5, 2007
http://tinyurl.com/2b2jdu

On 20th anniversary, Hamas vows never to recognize Israel. By Avi Issacharoff, Haaretz, December 15, 2007
http://www.haaretz.com/hasen/spages/934774.html

Bisher erschienen:

Israel einer AnfÀngerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html

Israel einer AnfÀngerin [2]: Von Barcelona nach Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-20_18-17-23.html

Israel einer AnfÀngerin [3]: Tel Aviv-Yafo
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-24_18-50-35.html

Israel einer AnfÀngerin [4]: Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-25_17-54-33.html

Israel einer AnfÀngerin [5]: Neve Tsedek - Rehovot
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-26_20-51-40.html

Israel einer AnfÀngerin [6]: Kfar Saba
http://eussner.net/artikel_2007-12-03_23-45-13.html

Israel einer AnfÀngerin [7]: Maalot-Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-07_22-20-33.html

Israel einer AnfÀngerin [8]: Maalot-Tarshiha in Perpignan
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-09_22-20-26.html

Israel einer AnfÀngerin [9]: Shlomo Bohbot, Maalot und Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-13_22-57-27.html



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