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Israel einer AnfÀngerin [15]: Wieder in Tel Aviv

Am Freitag hat Varda ihre Stimme verloren. Wo und warum, weiß sie nicht, sonst könnte sie ja eben dort vorbeischauen und die Stimme abholen. Trotzdem zaubert sie ein herrliches FrĂŒhstĂŒck. Dann bringt Uli mich zum Zentralen Busbahnhof, ich löse fĂŒr 17,70 Schekel einen Fahrschein nach Tel Aviv, und los geht´s. Danke, Varda und Uli! (1)

Was hast du bezahlt? fragt Hanah spĂ€ter. Die Frau am Schalter hat sich bestimmt vertan. Mir ist´s recht. Mit dem Taxi fahre ich zu meinem neuen Hotel. Der Taxifahrer hört gerade tolle Musik, sie erinnert mich ein wenig an meinen tĂŒrkischen LieblingssĂ€nger Zeki MĂŒren: Was ist es? Wer singt? Es ist halom matoq, SĂŒĂŸer Traum, von Moshik Afia. Die deutsche Übersetzung suche ich aus meinem Wörterbuch heraus, was gar nicht so einfach ist fĂŒr eine AnfĂ€ngerin, die entweder die Druckbuchstaben, oder die Kursivschrift, oder einige Druckbuchstaben und einige Buchstaben der Kursivschrift entziffern kann. Aber was tut frau nicht fĂŒr einen sĂŒĂŸen Traum? (2)

Das Hotel hat mir Zigi empfohlen, Serge, das Sea Side Motel, das an der Rehov Trumpeldor liegt. Die Straße ist benannt nach Joseph Trumpeldor, gebĂŒrtig in Rußland. 1912 siedelt er nach PalĂ€stina ĂŒber, wird des Landes verwiesen, weil er nicht die osmanische StaatsbĂŒrgerschaft annehmen will, kĂ€mpft auf der Seite der Alliierten und grĂŒndet 1915 die zionistische Maultierbrigade des britischen Heeres. Die meisten MitkĂ€mpfer in der Brigade sind Juden, die von den Osmanen des Landes verwiesen wurden. (3)

Das Hotel ist ein preiswertes, ruhiges Etablissement, recht sauber, aber mehr auch nicht. Da ich beabsichtige, die meiste Zeit des Tages unterwegs zu sein und nicht in dem Zimmer zu leben, reicht es. Von der im Link prĂ€sentierten Badewanne ist in meinem Zimmer nichts zu sehen. Dort gibt´s ´ne Dusche und ein besenĂ€hnliches GerĂ€t zum SĂ€ubern des Bodens. (4)

Von meinem Hotel fĂŒhrt eine kurze Straße direkt auf die Brograshov. Wer Chaim Boger (Bograshov) ist, liest man in Israel einer AnfĂ€ngerin [4]: Tel Aviv. Die Frau an der Rezeption meint, auf der Borgrashov gebe es eine nette Sushi-Bar. Also, nichts wie hin!

Die Besitzer sind Kanadier aus Toronto. Als ich sage, ich hĂ€tte Freunde in MontrĂ©al, findet sich gleich ein Gast, der daher stammt, aber schon lĂ€nger in Tel Aviv wohnt. Er war gerade Einkaufen am Namal Tel Aviv, dem Hafen im Norden Tel Avivs, am Ende der Rehov HaYarkon. Der laden hieße Le´ela, und dort bekĂ€me man die schrĂ€gsten Geschenkartikel ĂŒberhaupt. Den Namen merke ich mir; denn zum Hafen will ich auf jeden Fall noch einmal, und Mitbringsel benötige ich ebenfalls. Als Erika und Daniel, vom Middle East Info, mit mir am Hafen essen, sehe ich nichts weiter davon. (5)

Was mir auffĂ€llt, nicht nur in der Sushi-Bar, sondern in allen Restaurants in Israel wird man mindestens einmal von der Bedienung freundlichst gefragt, ob einem das Essen schmecke. Das machen sie mit allen GĂ€sten, ob Israelis oder AuslĂ€nder, und jeden Gast fragen sie so, als wenn er der einzige wĂ€re, als wenn sich alles um ihn drehte. Das sticht schon sehr ab von meinen Erfahrungen in Frankreich, wo jeder Wirt davon ausgeht, daß sein Essen sowieso schmeckt. Nur in erstklassigen Restaurants kommt der Koch bzw. der Restaurantbesitzer gen Schluß des Essens an die Tische und fragt, wie´s war. Es gibt auch Restaurants, vor allem in Paris, da fragt der Koch nur die Leute, die er kennt, und lacht und scherzt mit ihnen. Das ist dann sehr erhebend, wenn man dazu gehört, gewissermaßen Freund des Hauses ist. Man darf sich etwas darauf einbilden. Die anderen sind eh nicht wichtig.

Fröhlich verlasse ich die Sushi-Bar und streife durch die Stadt. Es wird in Israel frĂŒh dunkel, warum sie ihre Uhr so einstellen, weiß ich nicht, Hanah meint, der "Frommen" wegen. Um 17 Uhr ist´s nicht nur dunkel, sondern es fĂ€ngt an zu regnen, zu schĂŒtten. Das ist mein erster Regen nach zwanzig Tagen Aufenthalt in Israel. Es regnet Ă€hnlich heftig wie in SĂŒdostasien. Ich eile ins nĂ€chstbeste Restaurant und esse etwas, obgleich ich noch gar keinen Hunger habe. Der Name des Restaurants ist nicht erwĂ€hnenswert, nicht einmal bei Regen.

Dann ziehe ich weiter, zur Dizengoff, wo ich gegen 18:30 Uhr an der Ecke Bar Kokhba ankomme. Die Straße ist benannt nach dem AnfĂŒhrer der Revolte gegen die Römer, zwischen 132 und 135. (6)

Der Dunkelheit wegen scheint es schon viel spĂ€ter zu sein, gestĂŒtzt wird dieser Eindruck von den KlĂ€ngen heißer Jazz-Musik, die aus dem CafĂ©-Restaurant Amelia dringen. Dort schaffen sich einige betagte Herren, es ist Ă€hnlich wie im Peace Hotel von Shanghai. Ich komme mit einem Gast ins GesprĂ€ch, der nach 60 Jahren in Israel noch immer sehr gut deutsch spricht. Er erzĂ€hlt mir bei einem Glas Rotwein vom Mount Hermon, daß zwei der Jazzmusiker in ihrer Jugend in Israel berĂŒhmt gewesen seien. (7)

Als ich ihm sage, wo ich wohne, meint er: Ach, beim alten Friedhof. Da liegt auch Chaim Nachman Bialik. Er ist Israels Nationaldichter. (8)

Ich habe von ihm noch nichts gelesen, das soll anders werden. Es ist schon heftig, was ich als erstes im Internet finde, ein Gedicht ĂŒber die Pogrome von Kischinew, "Be Ir HaHaregah", In der Stadt des Tötens: (9)

ARISE and go now to the city of slaughter;
Into its courtyard wind thy way;
There with thine own hand touch, and with the eyes of thine head,
Behold on tree, on stone, on fence, on mural clay,
The spattered blood and dried brains of the dead.
Proceed thence to the ruins, the split walls reach,
Where wider grows the hollow, and greater grows the breach;
Pass over the shattered hearth, attain the broken wall
Whose burnt and barren brick, whose charred stones reveal
The open mouths of such wounds, that no mending
Shall ever mend, nor healing ever heal. ...

For God called up the slaughter and the spring together,—
The slayer slew, the blossom burst, and it was sunny weather!
Then wilt thou flee to a yard, observe its mound.
Upon the mound lie two, and both are headless—
A Jew and his hound. ...

Mordecai Naor schreibt ĂŒber das Pogrom in Kischinew, vom 19. April 1903: Dutzende von Juden werden erschlagen, Hunderte verletzt, und an jĂŒdischem Besitz entsteht großer Schaden. Daraufhin verfaßt Chaim Nachman Bialik sein bekanntes "In der Stadt des Tötens". Das Pogrom löst in der jĂŒdischen Welt einen Schock aus und verstĂ€rkt die Auswanderung von Juden aus Rußland. Ein Teil von ihnen gelangt nach PalĂ€stina. (10)

Gott rief das Töten und den FrĂŒhling gemeinsam auf. Der Mörder tötete, die Knospen brachen auf, und die Sonne schien. Alles wird sein wie immer ...

Das reicht fĂŒr den ersten halben Tag in Tel Aviv.

12. Januar 2008

Quellen

(1) Varda Polak Sahm
http://www.polak-sahm.com/

Ulrich Sahm
http://usahm.info/

(2) Moshik Afia. Greatest Hits
http://de.israel-music.com/moshik_afia/greatest_hits/

Deutsch-HebrÀisch. HebrÀisch-Deutsch. Prolog Verlag
http://www.prolog.co.il/prologweb/

(3) Joseph Trumpeldor (1880 - 1920. Jewish Virtual Library
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biography/trumpe ldor.html

Mordecai Naor: Eretz Israel. Das zwanzigste Jahrhundert.
Verlag Könemann 1998, S. 70
http://tinyurl.com/2vh5eu

(4) Zigi´s Tel Aviv, 30 Pinsker St. Restaurants in Israel
http://www.restaurants-in-israel.co.il/SearchResults.aspx?pa ge=187

Sea Side Motel Tel Aviv. Hotel Planner
http://tinyurl.com/3bgbyp

(5) Middle-East-Info.org
http://www.middle-east-info.org/

(6) Shimon Bar-Kokhba (Approx 15 - 135). By Shira Schoenberg, Jewish
Virtual Library
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biography/Kokhba .html

(7) Peace Hotel Shanghai. Jazz Bar
http://www.shanghaipeacehotel.com/indexe.htm

Yarden Galilee. Mount Hermon 2006. Golan Heights Winery
http://www.golanwines.co.il/wine_eng.asp?id=189

(8) Chaim Nachman Bialik (1873 - 1934). The Jewish Agency for Israel
http://tinyurl.com/3y2g8n

The Songs of Chaim Nachman Bialik (2004). Israel Musik
http://de.israel-music.com/various/the_songs_of_chaim_nachma n_bialik/

(9) H.N. Bialik, "The City of Slaughter". Department of History. University
of Maryland
http://www.history.umd.edu/Faculty/BCooperman/NewCity/Slaugh ter.html

(10) Mordecai Naor: Eretz Israel. a.a.O., S. 22

Bisher erschienen:

Israel einer AnfÀngerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html

Israel einer AnfÀngerin [2]: Von Barcelona nach Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-20_18-17-23.html

Israel einer AnfÀngerin [3]: Tel Aviv-Yafo
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-24_18-50-35.html

Israel einer AnfÀngerin [4]: Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-25_17-54-33.html

Israel einer AnfÀngerin [5]: Neve Tsedek - Rehovot
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-26_20-51-40.html

Israel einer AnfÀngerin [6]: Kfar Saba
http://eussner.net/artikel_2007-12-03_23-45-13.html

Israel einer AnfÀngerin [7]: Maalot-Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-07_22-20-33.html

Israel einer AnfÀngerin [8]: Maalot-Tarshiha in Perpignan
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-09_22-20-26.html

Israel einer AnfÀngerin [9]: Shlomo Bohbot, Maalot und Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-13_22-57-27.html

Israel einer AnfĂ€ngerin [10]: RĂŒckkehr nach Kfar Saba
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-15_19-07-30.html

Israel einer AnfÀngerin [11]: Auf dem Weg nach Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-18_19-02-01.html

Israel einer AnfÀngerin [12]: Dieses Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-20_23-28-21.html

Israel einer AnfÀngerin [13]: Ein Tag in Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-26_21-23-45.html

Israel einer AnfÀngerin [14]: NÀchstes Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-29_19-35-47.html



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