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Israel einer AnfĂ€ngerin [17]: Vom FrĂŒhstĂŒck zum Friedhof

Ziemlicher Verkehr, letzte Nacht! Nein, nicht in meinem Bett, sondern draußen. Welch ein Unterschied zur Nacht vorher, da des Sabbats wegen die meisten Autos nicht fahren. FlugzeuglĂ€rm gibt´s gratis dazu. Ruhe herrscht ab 1 Uhr, schlagartig, und ich schlafe bis 8 Uhr. FĂŒr die nĂ€chsten eineinhalb NĂ€chte muß Ohropax her, Ohrenfrieden. (1)

Ich mache mich auf zur Bograshov, kaufe ´ne Jerusalem Post und begebe mich zum CafĂ© X-Ray. Dort werde ich wie ein Stammgast willkommen geheißen: Was wĂŒnschen Sie heute zum FrĂŒhstĂŒck? Das Ehepaar mit dem Hund ist ebenfalls anwesend und begrĂŒĂŸt mich freundlich. Ich bestelle Israeli Breakfast und ein Glas Wasser mit Nana. Ich bekomme Orangensaft, Tomaten-Gurkensalat, Brot, Butter, KĂ€se und Oliven sowie Eier, Spiegeleier nach meiner Wahl, und den wunderbaren CafĂ© amĂ©ricain. Ein solches FrĂŒhstĂŒck ist empfehlenswert, dann kann man die Nachrichten besser ertragen, die einem in der Zeitung prĂ€sentiert werden:

Die Hezbollah, alliiert mit Syrien und dem Iran, finanziert das Wiederaufbauprogramm nach dem 34-tĂ€gigen Krieg vom Sommer 2006 mit internationalen Spenden, die zur StĂ€rkung des MinisterprĂ€sidenten Fuad Siniora gedacht waren. Sinnigerweise soll das Geld, mehr als eine halbe Milliarde Dollar, von Saudi-Arabien stammen, einem strikten Gegner der schiitischen Hezbollah. Eine Woche drauf, wieder in Perpignan, lese ich darĂŒber ausfĂŒhrlich im Internet. (2)

Über die Art des Wiederaufbaus berichtet Amir Taheri, in der New York Post, bereits am 2. September 2007: Das ganze Gebiet sĂŒdlich des Litaniflusses soll nach dem Willen Teherans und der Hezbollah eine Pufferzone werden fĂŒr einen zukĂŒnftigen Krieg. Zerstörte Dörfer werden dort nicht wieder aufgebaut. SĂŒdlich des Litaniflusses dĂŒrfen nach Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates keine Waffen getragen, anscheinend aber mit Wissen der UNIFIL stillschweigend eingelagert werden. Teheran kauft ĂŒber StrohmĂ€nner und Firmen der Hezbollah libanesische Dörfer auf. Nun wird die Zone nördlich des Litaniflusses zum Aufmarschgebiet fĂŒr Waffen ausgebaut. (3)

Ich verlasse die Terrasse des X-Ray in gedĂ€mpfter Stimmung, passend fĂŒr einen Besuch des Alten Friedhofs von Tel Aviv, schrĂ€g gegenĂŒber von meinem Hotel. Der heute ziemlich baufĂ€llige Friedhof wird vor mehr als 100 Jahren anlĂ€ĂŸlich einer in Jaffa ausgebrochenen Cholera-Epidemie gegrĂŒndet, deren Opfer dort begraben werden. Die Stadt Tel Aviv gibt es zu der Zeit noch nicht. Von bizarren Zeremonien der Juden zur Beendigung der Plage berichtet Lydia Aisenberg, im leider vom einen Tag zum anderen nicht mehr im Internet zugĂ€nglichen English Language Community Magazine in Israel, von "Schwarzen Hochzeiten" von Waisenkindern, deren Eltern durch die Epidemie umgekommen sind. Die Kinder werden mit Gesang und Tanz, begleitet von Geigenspiel, durch die Straßen von Jaffa gefĂŒhrt. Es herrsche der Glaube, daß es den Fluch der Cholera bannen könne, und tatsĂ€chlich sei die Zahl der Opfer unter den Juden danach drastisch gesunken. (4)

Von Isaac Bashevis Singer gibt es eine ErzĂ€hlung ĂŒber eine Schwarze Hochzeit im Schtetl Tschiwkew. Dietmar Pertsch schreibt, der Autor portrĂ€tiere damit das Leben jener frĂŒhen chassidischen Gemeinden in SĂŒdostpolen, die nicht dem landlĂ€ufigen Frömmigkeitsbild entsprechen, sondern kabbalistischen Lehren und altem Volksglauben vom SatansfĂŒrsten Asmodi und seinen Trabanten anhĂ€ngen. Diese Chassiden sehen in vielen misshelligen Begebenheiten des Alltags, die man psychologisch leicht als Fehlleistungen interpretieren könnte, die "schwarzen Heerscharen" am Werk. (5)

So haben diese kabbalistischen Lehren ihr Gutes; denn bei Hochzeiten, ob weiß oder schwarz, putzen sich die GĂ€ste heraus, sie waschen sich grĂŒndlich und sĂ€ubern ihre Kleidung, jeder will etwas darstellen, will glĂ€nzen. Gesang und Tanz bringen frische Luft und Fröhlichkeit unters strahlende Volk, eine positive Stimmung verbreitet sich; sie ist nötig, wenn Menschen Anfeindungen, welcher Art auch immer, widerstehen sollen; sie stĂ€rkt die AbwehrkrĂ€fte. Wer hĂ€tte das nicht schon am eigenen Leibe erfahren?

Ich betrete den Friedhof. Wo ist das Grab von Chaim Nachman Bialik, wo das seiner Geliebten und wo das von Achad Ha´am? Haim Nachman Bialik stirbt 1934 in Wien und wird in Tel Aviv neben dem BegrĂŒnder des kulturellen und moralischen Zionismus Achad Ha´am begraben. (6)

Damit habe ich nicht gerechnet, daß es keinen Wegweiser gibt - jedenfalls habe ich keinen gefunden. So muß mir fĂŒr dieses Mal ein erster Eindruck genĂŒgen. Der Friedhof sieht so Ă€hnlich aus wie die in Frankreich, kaum ein Baum und Strauch. Mehr kann ich nicht berichten. Im Internet sehe ich, daß das Grab von H N Bialik allerdings im Schatten eines Baumes liegt, wie man auf dem Foto von habushi sehen kann; es ist ein großes Grab. Seine Frau Manyah, die einige Jahrzehnte Ă€lter geworden ist als er, ist im Apendix daneben begraben, aber ihr Grabstein ist nur halb so hoch wie das ihres berĂŒhmten Ehemannes. Bei meinem nĂ€chsten Aufenthalt werde ich mir alles genau ansehen. Es gibt auch FĂŒhrungen. (7)

Lydia Aisenberg schreibt: Die ersten GrĂ€ber, die man beim Betreten des Friedhofs sieht, sind die der Opfer der arabischen Revolten von 1920 und 1929 im britisch kontrollierten PalĂ€stina. Im ausgedehnten, erst kĂŒrzlich renovierten Gemeinschaftsgrab liegen die ermordeten Juden, darunter der talentierte Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer Haim Brenner, der im Mai 1921 im SĂŒden Tel Avivs getötet wurde. Er ist wĂ€hrend der arabischen Angriffe, vom 1-6. Mai, am 2. Mai 1921 getötet worden. Insgesamt werden 47 Juden ermordet und 116 verletzt.

Die am Blutigen Pessach im Jahr 1920 in Jerusalem beginnenden, von den Briten geduldeten AufstÀnde der Araber gegen die Juden in Jerusalem und GalilÀa wÀhren zwei Jahre, das Pogrom von 1929 der Araber gegen die Juden, dauert sieben Tage, vom 23.-29. August 1929. Zu beklagen sind bei der ersten Revolte mehr als 50 Tote und Hunderte Verletzte, bei der zweiten 133 Tote sowie mehr als 300 Verletzte. (8)

Die Mandatsregierung sei bei ihren Untersuchungen der Revolten von 1920/21 unter der Leitung des Richters am Obersten Gerichtshof Sir Thomas Haycraft zu dem Ergebnis gekommen, daß die hebrĂ€ische Brigade aufzulösen sei, weil ihre MĂ€nner am 1. Mai ohne Zustimmung der britischen Befehlshaber dem angegriffenen Tel Aviv zu Hilfe eilten, schreibt Mordecai Naor. Zwei Tage nach Ende der Revolten, am 8. Mai 1921, ernennen die Briten gegen den Protest der jĂŒdischen FĂŒhrung einen der AnfĂŒhrer, Haj Amin al-Husseini, zum Dank fĂŒr seine Leistungen zum Mufti von Jerusalem und Vorsitzenden des Obersten Muslimischen Rates. (9)

Der talentierte Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer Yosef Haim Brenner wird nur 40 Jahre alt. Er emigriert im Jahr 1909 nach PalĂ€stina, wo er als sĂ€kularer Jude lebt. Yosef Haim Brenner ist zu seiner Zeit die prominenteste literarische Persönlichkeit in Eretz Israel, er verschiebt das Zentrum der hebrĂ€ischen literarischen AktivitĂ€ten von Europa nach PalĂ€stina. Schuld und SĂŒhne, von Fjodor Dostojewski, ĂŒbersetzt er ins HebrĂ€ische. (10)

Mordecai Naor schreibt ĂŒber den Grund der hohen Zahl der Opfer unter den Juden, im Jahr 1929: Weil in der Altstadt von Jerusalem sowie an einigen anderen Orten keine Haganna-Truppen prĂ€sent sind - die alteingesessene, nichtzionistische jĂŒdische Bevölkerung lehnt ihre Anwesenheit ab -, werden allein in Hebron ĂŒber 60 Juden niedergemetzelt. Das jĂŒdische Viertel Safed geht in Flammen auf. Ramat-Rachel Moza, Hartuv, Kfar Urije, Be´er Tuvia und Hulda werden vom arabischen Mob zerstört. In Tel Aviv und Haifa hingegen kann die Haganna die Angreifer zurĂŒckschlagen. (11)

Diese EinschĂ€tzung paßt zu der Diskussion, die ich mit Miriam Woelke ĂŒber die Haredim gefĂŒhrt habe, nachzulesen in Israel einer AnfĂ€ngerin [11]. Aus Israel hat mich dazu ein Kommentar erreicht, der im Artikel nachzulesen ist, und der die Schilderung von Mordecai Naor aufs vortrefflichste ergĂ€nzt.

Soweit zum FrĂŒhstĂŒck und zum Friedhof von Tel Aviv, zu den toten Juden der arabischen Revolten, den literarischen GrĂ¶ĂŸen und ihren halbhohen Ehefrauen, zu Nana, Nanas et de trĂšs belles Super Nanas. Israel gleicht keinem anderen Land, Israel gleicht nicht einmal sich selbst! (12)

Und jetzt kaufe ich endlich Crocs Cayman Model, Couleur Corail ... (13)

17. Januar 2008

Quellen

(1) Ohropax. Luxus fĂŒr die Ohren
http://www.ohropax.de/index.php?article_id=1

(2) Hizbullah to rebuild its Beirut stronghold. By Bassem Mroue, The Jerusalem Post, Nobember 11, 2007, p. 5

Hezbollah rebuilding south Beirut -- using governmentÂŽs international funds.
By Bassem Mroue, AP, North County Times, November 19, 2007
http://tinyurl.com/3andee

(3) Iran´s Land Grab. By Amir Taheri, The New York Post, September 2, 2007
http://tinyurl.com/2y4rjx

Resolution 1701 (2006), verabschiedet auf der 5511. Sitzung des Sicherheitsrates, 11. August 2006
http://tinyurl.com/yo3csh

Die FĂ€higkeiten der Hezbollah waren niemals so groß wie jetzt. 1. Dezember 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-01_20-43-48.html

(4) Trumpeldor Cemetary. Picasa Web-Alben
http://picasaweb.google.com/destroytelaviv/TrumpeldorCemeter y

(5) Vorwort zu Isaac Bashevis Singers Geschichten ĂŒber die ausgelöschte Welt des polnischen Judentums. Von Dietmar Pertsch
http://www.lyrikwelt.de/gedichte/pertschg2.htm

Isaac Bashevis Singers Geschichten ĂŒber die ausgelöschte Welt des polnischen Judentums. Eine Monographie zum 100. Geburtstag des jiddischen NobelpreistrĂ€gers. Hrsg. von Dietmar Pertsch, Hamburg 2002
http://www.kraemer-verlag.de/Neuerscheinungen/isaac/isaac.ht m

(6) Chaim Nachman Bialik (1873 - 1934). The Jewish Agency for Israel
http://tinyurl.com/3y2g8n

Biography - Achad Ha´am alias Asher Ginzberg (1856-1927), and Cultural Zionism. Zionism and Israel
http://www.zionism-israel.com/bio/echad_haam.htm

(7) Grab von Haim Nachman Bialik und seiner Frau Manyah, Foto habushi, trumpeldor cemetery tel-aviv
http://www.panoramio.com/photo/3161353

(8) British Mandate. Arab riots of 1920-1921. Palestine Facts
http://www.palestinefacts.org/pf_mandate_riots_1920-21.php

British Mandate. Arab riots of 1929. Palestine Facts
http://www.palestinefacts.org/pf_mandate_riots_1929.php

(9) Mordecai Naor: Eretz Israel. Das zwanzigste Jahrhundert.
Verlag Könemann 1998, S. 92 f., 114 ff., 154 ff.
http://tinyurl.com/2vh5eu

(10) Yosef Haim Brenner (1881 - 1921). The Institute for the Translation of Hebrew Literature, 2004
http://www.ithl.org.il/author_info.asp?id=63

Breakdown and Bereavement. By Yosef Haim Brenner, Translated by Hillel Halkin. The Jewish Reader, November 2004
http://www.yiddishbookcenter.org/+10209

(11) Mordecai Naor, a.a.O., 154 ff.

(12) Peppermint (Mentha Piprita L.) Synonyms. Gernot Katzer´s Spice Pages
http://tinyurl.com/2e3gma

Les nanas fĂȘtent le Pourim 2003 au Technion: le mishtĂ© au Bet-Hamidrash,
le festin au Betamid
http://tinyurl.com/26v4fp

Une bimbo pour Need for Speed. Le Journal du Gamer, 7 décembre 2006
http://tinyurl.com/36c52n

(13) Crocs Cayman Model Coral. Taylor Shoes, Kansas City
http://www.taylorshoes.com/cayman.htm

Bisher erschienen:

Israel einer AnfÀngerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html

Israel einer AnfÀngerin [2]: Von Barcelona nach Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-20_18-17-23.html

Israel einer AnfÀngerin [3]: Tel Aviv-Yafo
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-24_18-50-35.html

Israel einer AnfÀngerin [4]: Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-25_17-54-33.html

Israel einer AnfÀngerin [5]: Neve Tsedek - Rehovot
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-26_20-51-40.html

Israel einer AnfÀngerin [6]: Kfar Saba
http://eussner.net/artikel_2007-12-03_23-45-13.html

Israel einer AnfÀngerin [7]: Maalot-Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-07_22-20-33.html

Israel einer AnfÀngerin [8]: Maalot-Tarshiha in Perpignan
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-09_22-20-26.html

Israel einer AnfÀngerin [9]: Shlomo Bohbot, Maalot und Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-13_22-57-27.html

Israel einer AnfĂ€ngerin [10]: RĂŒckkehr nach Kfar Saba
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-15_19-07-30.html

Israel einer AnfÀngerin [11]: Auf dem Weg nach Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-18_19-02-01.html

Israel einer AnfÀngerin [12]: Dieses Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-20_23-28-21.html

Israel einer AnfÀngerin [13]: Ein Tag in Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-26_21-23-45.html

Israel einer AnfÀngerin [14]: NÀchstes Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-29_19-35-47.html

Israel einer AnfÀngerin [15]: Wieder in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-12_15-08-44.html

Israel einer AnfÀngerin [16]: Sabbat in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-13_21-22-52.html



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