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Israel einer Anf├Ąngerin [19]: Schwanengesang

Den letzte Tag meiner Reise m├Âchte ich besonders sch├Ân gestalten. Er beginnt, um 8 Uhr, mit einem ausgiebigen Fr├╝hst├╝ck im X-Ray, meinem Stamm-Caf├ę. Dort wei├č inzwischen fast jeder, da├č ich demn├Ąchst hier nicht mehr sitzen werde mit meiner Jerusalem Post. Es tut allen in hebr├Ąisch, englisch und franz├Âsisch leid, da├č ich fort mu├č aus Tel Aviv, am meisten mir, auf deutsch.

Auch das Ehepaar fr├╝hst├╝ckt wieder, diesmal ist nicht nur der Hund dabei, sondern die beiden haben zwei etwa 4 und 6 Jahre alte Enkel mitgebracht, der ├Ąltere kann schon lesen. Er nimmt einen Teil der Zeitung und beginnt, die gro├čen Buchstaben der ├ťberschrift zu entziffern. Dann h├Ąlt er inne und fragt den Gro├čvater nach der Bedeutung eines Wortes; der erkl├Ąrt es, und der Junge f├Ąhrt mit seinem Finger weiter ├╝ber die Zeilen - von rechts nach links.

├ťber den Zeitungsrand sehe ich, da├č die Gro├čeltern mit dem j├╝ngeren Enkel ins Caf├ę treten, wahrscheinlich, um zu bezahlen. Derweil wartet der gr├Â├čere Junge beim Fr├╝hst├╝ckstisch und entdeckt, da├č die Trinkhalme aus seinem und aus dem Glas seines Bruders unter den Tisch geweht sind. Er b├╝ckt sich, hebt sie auf und legt sie auf den Tisch zur├╝ck. Mich haut´s fast aus dem Sessel. Der Junge tut das, ohne da├č es ihm jemand geboten h├Ątte.

Wieder in Perpignan, erinnere ich mich manches Mal daran, wenn ich sehe, wie hier von der Kippe ├╝ber die leere Bierdose bis zur Plastikt├╝te alles einfach in die Gegend geworfen und geschnippst wird. In Berlin ist es nicht viel anders. Nach den Silvesterfeiern liegen die H├╝lsen der Feuerwerksk├Ârper tagelang auf Gehsteigen und Stra├čen, ich habe das vor einigen Jahren in der Steglitzer Albrechtstra├če erlebt. Es k├╝mmert niemanden, weder die Passanten noch die Bewohner der H├Ąuser, vor denen der Dreck liegt. Von Frankreich wei├č ich, da├č die Hausbewohner der banlieues, die Migranten, denen man angeblich immer unrecht tut, mit Fotoapparaten vor die H├Ąuser ziehen und den M├╝ll fotografieren, den ihre Jungen, les jeunes, dort aus den M├╝lleimern ausgeleert und verstreut haben, und von dem sie meinen, da├č die Stadtreinigung ihn zu entfernen h├Ątte. Emp├Ârte Linke dokumentieren das auf ihren Blogs, anstatt zu fragen, warum diejenigen, die so viel Zeit verschwenden aufs Fotografieren, nicht besser Besen und Kehrblech in die Hand genommen h├Ątten, um den Dreck wieder zur├╝ckzuschaufeln.

├ťber Sauberkeit und Ordnung wissen viele Deutsche, da├č es abzulehnende deutsche Sekund├Ąrtugenden sind, die uns Zwangscharaktere in den Totalitarismus gef├╝hrt h├Ątten: Es geh├Ârt in Deutschland zum sozialen Stand, die Sekund├Ąrtugenden Sauberkeit, Ordnung und Disziplin demonstrieren und durchsetzen zu k├Ânnen. Und es geh├Ârt zum rechten Konsens in der Gesellschaft, das rassistisch als eigene begriffene Volk als wohlhabender und ├╝berlegen anzusehen, liest man auf der Site des Wolfgang Sterneck. (1)

So weisen die angeblich gegen die ├ťberheblichkeit der Deutschen wirkenden Linken, wie es schon ihre Vorfahren taten und ihre Zeitgenossen bis heute tun, Ordnung und Sauberkeit allein den Deutschen zu, die sie auch noch demonstrieren und durchsetzen, bisweilen mittels Anquatschungen. Die Ablehnung dessen hat uns gerade Jens Jessen, der Feuilletonchef der ZEIT, vor m├╝llhaldenverd├Ąchtigen Papierbergen, vor Leninbild, schwarzer Thermosflasche und Bunzlauer (?) Teetasse hinreichend vermittelt. (2)

Juden jedenfalls bringt man mit Ordnung und Sauberkeit, mit Flei├č, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Treue nicht in Verbindung. Repr├Ąsentative Meinungsumfragen aus den Jahren 1987 und 1993 belegen es: Sozialethische Verhaltensstandards wie "Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Treue" und so genannte Sekund├Ąrtugenden wie "Ordnung, Sauberkeit, Flei├č" bewerten im Durchschnitt nur 20 Prozent der Deutschen als typische Eigenschaften von Juden. Vor allem Ehrlichkeit und Treue werden mit elf Prozent nur selten zugeschrieben. (3)

In der Torah, Exodus 30:20-21, steht geschrieben, in der ├ťbersetzung von Leopold Zunz: Wenn sie (Aharon und seine S├Âhne) hineingehen in das Stiftszelt, sollen sie sich mit Wasser waschen, da├č sie nicht sterben ... Und sie sollen ihre H├Ąnde und F├╝├če waschen, da├č sie nicht sterben ... ├ťber die rituelle Reinigung wei├č das Forenarchiv von wer-weiss-was einiges zu berichten, ├╝ber Rituale f├╝r M├Ąnner und Frauen, das rituelle Tauchbad und ├╝ber die Reinigung von Geschirr. (4)

Im Mittelalter werden die Juden als Brunnenvergifter verantwortlich gemacht f├╝r das Ausbrechen von Epidemien, in der Mitte des 14. Jahrhunderts f├╝hrt dies anl├Ą├člich der Schwarzen Pest zu Ausschreitungen und Pogromen gegen Juden. Beobachtet wird, da├č sie signifikant weniger von der Pest befallen werden als die Christen, was seinen Grund in der Sauberkeit der Juden hat, worauf die Christen aber nicht kommen, sondern sie nehmen es als Beweis, da├č die Krankheit von den Juden ├╝ber sie gebracht wird.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgt Abraham Neumann, ein j├╝discher Beamter f├╝r besondere Aufgaben in j├╝dischen Angelegenheiten beim General-Gouverneur Liv-, Est- und Kurlands, eingesetzt vom russischen Minister f├╝r Volksaufkl├Ąrung, f├╝r Ordnung, Sauberkeit und ├ästhetik im j├╝dischen Bildungswesen. (5)

Bis heute hat die Sauberkeit in Wort und Tat im Judentum einen besonderen Stellenwert: Der Mensch wird an seinem Ma├č an Gerechtigkeit gemessen, oder auch der "Sauberkeit", antwortet Rabbi Schlomo Aviner in einem Interview. (6)

Die sprichw├Ârtliche Sauberkeit der Juden schafft es bis hinein in die Witze. Auf der Site SeniorenTreff berichtet iustitia dar├╝ber:

Neben Namensfragen, gesch├Ąftlichen Umst├Ąnden, der Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden ist auch die Hygiene ein wichtiges Stichwort f├╝r jiddische, heute j├╝dische, meist ironisch verspielte Witze:

Die Reinlichkeit ist eine Vorschrift des Judentums schon in der Bibel, meist von Gottes Gesetzen hergeleitet; erst recht im Mittelalter, wo alle Synagogen in Deutschland mit einer Badekammer, der mikwa, ausgestattet sind. Die Tauchb├Ąder sind zu vielen Anl├Ąssen Pflicht, um hygienische Gef├Ąhrdung auszuschlie├čen. Seine Sauberkeit unterschied den Juden geradezu vom Christen, wie Salcia Landmann schreibt: "W├Ąhrend der spanischen Inquisition galt schon der Besitz einer Badewanne bei getauften Juden als ausreichender Beweis daf├╝r, da├č die Betreffenden heimlich an ihrem alten Glauben festhielten." (7)

Die Einstellung zu Ordnung und Sauberkeit h├Ąlt sich bis heute unter den Juden, wie man an dem Jungen am Tisch des Caf├ę X-Ray sehen kann.

Ich verabschiede mich von der Familie und vom Caf├ęhausbesitzer und mache mich auf den Weg zur Fluggesellschaft ElAl, in der Ben Yehuda/Shalom Aleichem, um meinen R├╝ckflug zu best├Ątigen. Die Dame am Schalter fragt mich, ob es mir in Israel gefallen habe, und sie freut sich ├╝ber meine Antwort. Ich kann mich nicht erinnern, in einem anderen Land gefragt worden zu sein, wie´s mir gefallen hat, nicht einmal in Asien. Ich mag´s aber vergessen haben.

Am letzten Tag, zum kr├Ânenden Abschlu├č meiner Israelreise, treffe ich mich mit Hanah, und das geht so ...

26. Januar 2008

Quellen

(1) Kampagne zur R├╝ckgewinnung ├Âffentlicher R├Ąume: Es ist niemals falsch das Richtige zu tun! Save The Resistance! Leipzig. www.sterneck.net,
14. Oktober 2000
http://www.sterneck.net/politik/kampagne-ueberwachung/index. php

├ťberwachung in Leipzig. Kampagne zur R├╝ckgewinnung ├Âffentlicher R├Ąume
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/infoladen_leipzig/camer a/

(2) Atmosph├Ąre der Intoleranz. Video von und mit Jens Jessen, Die Zeit,
11. Januar 2008
http://www.zeit.de/video/player?videoID=20080111713707

(3) Wandel des Judenbildes. Shoa und Antisemitismus. Bundeszentrale f├╝r
politische Bildung
http://www.bpb.de/themen/LYX1EC,6,0,Shoa_und_Antisemitismus. html

(4) Judentum: rituelle Reinigung. Elemelech, Iris, maxet, Religionswissenschaft Forenarchiv, wer-weiss-was, 14. M├Ąrz 2005
http://www.wer-weiss-was.de/theme74/article2785423.html

(5) Abraham Neumann als Beamter f├╝r besondere Aufgaben in j├╝dischen Angelegenheiten beim General-Gouverneur Liv-, Est- und Kurlands. Von Tobias Grill, Aschkenas Vol. 15, S. 55-109, Dezember 2005
http://www.atypon-link.com/WDG/doi/abs/10.1515/ASCH.2005.55

(6) Frage und Antwort. Koschere Freizeitgestaltung. Rav Schlomo Aviner, Betrachtungen zum Wochenabschnitt "Be´Ahawa ube´Emuna", PARSCHAT WAJIKRA Nr. 558, Machon Meir, 3. Nissan 5766
http://www.kimizion.org/5766/wkr66.html

(7) J├╝dische Witze als Beispiel f├╝r Lebensart, iustitia, 21. September 2004
http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a957.html

Landmann, Salcia. Von Manfred Schlapp, Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Band XXI (2003) Spalten 780-786
http://www.bautz.de/bbkl/l/landmann_s.shtml

Bisher erschienen:

Israel einer Anf├Ąngerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html

Israel einer Anf├Ąngerin [2]: Von Barcelona nach Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-20_18-17-23.html

Israel einer Anf├Ąngerin [3]: Tel Aviv-Yafo
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-24_18-50-35.html

Israel einer Anf├Ąngerin [4]: Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-25_17-54-33.html

Israel einer Anf├Ąngerin [5]: Neve Tsedek - Rehovot
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-26_20-51-40.html

Israel einer Anf├Ąngerin [6]: Kfar Saba
http://eussner.net/artikel_2007-12-03_23-45-13.html

Israel einer Anf├Ąngerin [7]: Maalot-Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-07_22-20-33.html

Israel einer Anf├Ąngerin [8]: Maalot-Tarshiha in Perpignan
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-09_22-20-26.html

Israel einer Anf├Ąngerin [9]: Shlomo Bohbot, Maalot und Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-13_22-57-27.html

Israel einer Anf├Ąngerin [10]: R├╝ckkehr nach Kfar Saba
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-15_19-07-30.html

Israel einer Anf├Ąngerin [11]: Auf dem Weg nach Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-18_19-02-01.html

Israel einer Anf├Ąngerin [12]: Dieses Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-20_23-28-21.html

Israel einer Anf├Ąngerin [13]: Ein Tag in Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-26_21-23-45.html

Israel einer Anf├Ąngerin [14]: N├Ąchstes Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-29_19-35-47.html

Israel einer Anf├Ąngerin [15]: Wieder in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-12_15-08-44.html

Israel einer Anf├Ąngerin [16]: Sabbat in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-13_21-22-52.html

Israel einer Anf├Ąngerin [17]: Vom Fr├╝hst├╝ck zum Friedhof
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-17_22-24-18.html

Israel einer Anf├Ąngerin [18]: La flaneuse - Promenade in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-23_19-01-17.html



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