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George Habash: Deutscher Nachruf und Nécrologie à la française

Der Terroristenführer gründet Ende 1967 gemeinsam mit Wadi Haddad die marxistisch-leninistische Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP), die Volksfront zur Befreiung Palästinas. Er wird christlichen Eltern am 2. August 1926 im palästinensischen Lydda, heute Lod, in Israel, geboren. 1951 erhält er sein Diplom als Arzt an der American University von Beirut. Seit einigen Jahren lebt er in Jordanien, dem Heimatland seiner Ehefrau.

Am 26. Januar 2008 stirbt er in Amman nach einem Herzinfarkt. Unter den trauernden Hinterbliebenen findet sich von offizieller Seite der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Trauerzelt von Ramallah; er ordnet eine dreitägige "Staats"-Trauer an. Die deutschsprachigen Medien halten es gerade noch für erwähnenswert, daß er der Drahtzieher der Entführung der Landshut und ein Widersacher des Yasser Arafat ist sowie, daß das genaue Alter des Verstorbenen nicht bekannt sei: ist er 81 oder 82 Jahre alt geworden? (1)

Warum Israel hinter George Habash her ist, das fällt für deutschsprachige Medien unter die Rubrik politische Verfolgung, unter Bestrafung für Gesinnung: Wegen seiner radikalen Haltung wurde Habasch zur Zielscheibe für den israelischen Geheimdienst, wissen der oesterreichische ORF und die Neue Zürcher Zeitung, die kommentarlos meldet, daß der Tod ihres einstigen Gebieters von der 64-jährigen Leila Khaled der Öffentlichkeit telefonisch aus der Klinik mitgeteilt wird. Zu dieser Person gibt es ebenfalls keinen Kommentar. (2)

Die Medien bekommen es fertig, über keinen einzigen Mord zu berichten, den die Terrorgruppe unter der Leitung des George Habash begangen hat. Was geschieht, wenn Flugzeuge während des Take-offs zur Explosion gebracht werden? Es ist den Medien nicht der Erwähnung wert, daß die Terrorgruppe des George Habash sich immer auch zuständig fühlt für Jordanien, das sie zurecht, wie der Phased Plan der PLO, vom 9. Juni 1974, als Ost-Palästina ansieht, gehört es doch bis zur willkürlichen Ausrufung von Transjordanien, später Jordanien genannt, durch die Briten zum Mandat Palästina; es erstreckt sich über 76 Prozent des gesamten palästinensischen Gebietes. Israel, das Westjordanland und Gaza nehmen zusammen 24 Prozent Palästinas ein. Eine Bemerkung über die Ansprüche des George Habash, für Jordanien ebenfalls zuständig zu sein, könnte ans Licht bringen, daß die Medien die Fakten über Palästina seit Jahrzehnten verschweigen und verfälschen. Dann könnten auch Äußerungen, die Palästinenser hätten doch längst einen Staat, nämlich Jordanien, nicht empört abgetan werden, sondern sie wären zumindest eines Nachdenkens wert. (3)

Den Anteil der Palästinenser in Jordanien kann man auf der offiziellen Website Jordaniens nachlesen, wobei dort nur die aus den 24 Prozent Palästinas flüchtigen Araber und ihre Nachkommen aufgeführt werden. Die in dem Gebiet vor der Teilung vom Juli 1922 ansässigen Palästinenser und deren Nachkommen sind nicht einbezogen, sie heißen Jordanier. (4)

Unterschlagen werden auch die aus Transjordanien vertriebenen Juden, denen ein Verbleib nicht gestattet wird. Nach dem Jordanian Nationality Law, dem Gesetz der jordanischen Nationalität, ist es bis zur Besetzung des Westjordanlandes durch Israel, Juni 1967, Juden ebenfalls nicht gestattet dort zu leben, im jüdischen Kernland Galiläa und Samaria: Any man will be a Jordanian subject if he is not Jewish, jedermann dort ist jordanischer Bürger, wenn er nicht Jude ist. Westjordanland oder Westbank sind die geschichtsverschleiernden Bezeichnungen für Galiläa und Samaria. (5)

Kurze Rekapitulation einiger Aktivitäten der PFLP

Zur Gewinnung eines Eindrucks vom Informationsgehalt deutscher und französischer Beiträge zum Tod des Terroristen, des historischen Führers, des revolutionären Tribuns, einige Fakten: (6)

  • Am 23. Juli 1968 entführen drei Terroristen der PFLP ihr erstes Flugzeug, eine Boeing der israelischen El Al, die statt von Rom nach Tel Aviv zu fliegen, nach Algerien umgeleitet wird.
  • PFLP Terroristen lassen Flugzeuge während des Take-offs explodieren.
  • Am 29. August 1969 entführen Leila Khaled und Salim Essawi von der PFLP die Maschine des Fluges TWA 707 Rom - Tel Aviv und landen in Damaskus, wo die Passagiere bis auf zwei Israelis freigelassen werden. Diese werden später gegen 13 in israelischen Gefängnissen inhaftierte Syrer ausgetauscht. Die Entführer werden unter Hausarrest gestellt und können einige Wochen später unbehelligt aus Syrien ausreisen.
  • Am 6. September 1970 beauftragt George Habash seine Terroristen, vier Flugzeuge simultan zu entführen. Leila Khaled und Patrick Arguello entführen eine El Al Maschine, die von Amsterdam nach New York fliegen soll. Die Entführung mißlingt, da zwei weitere Terroristen es nicht schaffen, ins Flugzeug zu kommen. Das Flugzeug landet in London Heathrow, Patrick Arguello wird erschossen. Leila Khaled wird in London inhaftiert.
  • Nach 28 Tagen Haft entscheidet Premierminister Edward Heath, Leila Khaled gegen Geiseln auszutauschen. Sie wird angeklagt, aber nicht dem Gericht vorgeführt. (Obgleich sie jederzeit in England angeklagt und verurteilt werden kann, reist sie im Mai 2002 zehn Tage unbehelligt durch England, wo sie u.a. vor Studenten der School for Oriental and African Studies Terrortaktiken lehrt und erklärt: Es gibt keine Suizidbomber, das sind Freiheitskämpfer.)
  • Weitere Flugzeuge werden entführt und zerstört, eines davon wird nach Kairo umgeleitet, weil es zu groß für die von den Palästinensern beflogene frühere britische Piste Dawson´s Field im nordjordanischen Zarka ist. Ein anderes landet erfolgreich, und die Piste wird daraufhin von der PFLP in Revolution Airstrip umbenannt.
  • Schwarzer September 1970. Die palästinensischen Terroristen werden von König Husseins Armee aus dem Lande vertrieben. Der Terrorist Ilich Ramirez-Sanchez, alias Carlos der Schakal, ist unter ihnen. Er geht für die PFLP nach London.
  • 1971 begeht der in Paris stationierte PFLP Terrorist Mohamed Boudia (er wird am 28. Juni 1973 von einem israelischen Kommando in Paris beseitigt) mehrere geglückte und nicht geglückte Attentate in Rotterdam, Jerusalem, Triest, auf die dortige Ölraffinerie, wobei ein Schaden von 2,5 Milliarden Dollar entsteht, und im Schloß Schonau/Oesterreich, dem Durchgangslager für russische Juden auf ihrem Weg nach Israel.
  • Im Februar 1972 wird eine Lufthansa Maschine entführt. Die Passagiere, unter ihnen ein Mitglied der Kennedy-Familie kommen frei, nachdem Deutschland 5 Millionen Dollar Lösegeld bezahlt.
  • Im Mai 1972 ermorden PFLP Terroristen gemeinsam mit der Japanischen Roten Armee 23 Passagiere auf Israels internationalem Flughafen Lod. 76 Menschen werden verwundet.
  • Am 30. Dezember 1973 versucht Carlos, den einflußreichen jüdischen Geschäftsmann Joseph Sieff, den Präsidenten von Marks and Spencer, in dessen Londoner Haus zu ermorden. Er überlebt schwerverletzt.
  • Im September 1974 wirft Carlos, inzwischen als zweiter Mann unter Michel Moukharbal in Paris, eine Handgranate in das Pariser Café Les deux magots und tötet damit zwei Menschen und verwundet 34.
  • Im Juli 1976 entführen Terroristen der PFLP gemeinsam mit der Baader-Meinhof-Bande eine Maschine der Air France nach Tel Aviv und zwingen sie zur Landung in Entebbe/Uganda. Ein israelisches Kommando stürmt die Maschine und befreit die Geiseln.
  • Im Oktober 1977 entführt das Kommando Martyr Halimeh unter Leitung von Zohair Akache die Lufthansamaschine Landshut.
  • 1981 entführen und bedrohen PFLP Terroristen vier US-amerikanische Journalisten (zwei von der New York Times, je einen von der Washington Post und der Newsweek) in Beirut.
  • Ab Januar 1982 organisiert Carlos weitere Attentate in Frankreich.
  • Im Oktober 1989 werden 12 Terroristen der PFLP in Amman verhaftet, da sie ein Attentat auf Israel planen.
  • Am 8. März 1990 fordert George Habash die Palästinenser auf, gegen einen Friedensschluß mit Israel zu mobilisieren.
  • Im September 1991 versucht Carlos, der aus Syrien ausgewiesen wird, mit seiner Familie im Libanon unterzukommen. Das wird dort abgelehnt.
  • Im Oktober schafft er es mit syrischer Hilfe, illegal nach Jordanien einzureisen. Dort wird ihm gestattet, für zwei Jahre zu bleiben. Er nimmt sich eine zweite Ehefrau, die 23-jährige Jordanierin Abdel Salam Adhman Jarrar Lana. Seine übrige Familie reist aus Jordanien aus.
  • Im Mai 2000 zieht sich George Habash aus gesundheitlichen Gründen zurück. Sein Nachfolger wird Abu Ali-Maztaffa.
  • Seit September 2000 werden Terroranschläge unter der Leitung von Abu Ali-Maztaffa ausgeführt.
  • Maztaffa wird im August 2001 getötet und durch Ahmad Saadat ersetzt.
  • Ahmad Saadat baut die Terrorzelle auf, die am 17. Oktober 2001 den früheren israelischen Tourismusminister Rehavam Ze´evi ermordet.
  • Die PFLP ist verantwortlich für das Selbstmordattentat in Karni-Shumron, Israel, mit drei Toten, am 16. Februar 2002,
  • das Selbstmordattentat an der Geha-Kreuzung mit vier Toten, am 25. Dezember 2003, und
  • das Selbstmordattentat, vom 2. November 2004, auf einen belebten Markt in der Tel Aviver Innenstadt. Es sterben drei Israelis und der 16jährige Attentäter aus Nablus.

Diese beeindruckende unvollständige Liste der Verbrechen der PFLP, des Terrors und der Morde, hindert die modernen Glaubenskämpfer nicht, die säkulare Gruppe auf die hinteren Plätze zu verweisen. Am 14. März 2007 meint der Kommentator libnani auf dem Blog The Angry Arab News Service zu einer Debatte über den Säkularismus im politischen und wirtschaftlichen Raum, auf Al-Jazeera:

Mit allem gebotenen Respekt für die Anhänger von Michel Aflak, George Habash und Nayef Hawatmeh, der Beitrag der Linken zur Sache verdient, wenn die Geschichte des palästinensischen Kampfes für die Freiheit geschrieben wird, nicht mehr als eine Fußnote von "sie haben ebenfalls beigetragen".

Anonymos gibt fünf Minuten später zu bedenken: (7)

Agian, palästinensische Befreiungsbewegungen sollten säkular sein, um die Unterstützung der Welt zu erlangen und um zu vermeiden, als "religiöse Fanatiker" dämonisiert zu werden. Was die Fedayin zu Palästina beigetragen haben, ist schlicht großartig.

Liebe Mitglieder und Sympathisanten der Volksfront zur Befreiung Palästinas, laßt es Euch gesagt sein: Ihr werdet bei der sicheren Machtübernahme der Muslimbrüder in einem irgendwie gearteten palästinensischen Staat alle enden wie der säkulare Linke Noureddin Kianouri, der Sekretär des Zentralkomitees der Volkspartei, der Tudeh-Partei des Iran. Schon jetzt beweist die Hamas, die Zweigstelle der Muslimbrüder, das es so sein würde. Deshalb solltet Ihr die allerletzten sein, die für einen Palästinenserstaat kämpfen. Ihr existiert nur dank der Existenz Israels, Ihr werdet nämlich von den islamischen Fundamentalisten im Kampf gegen Israel gebraucht, um nicht zu sagen benutzt. Danach geht´s ab mit Euch in Folter und Tod. Auch Euch widme ich meinen Lieblingsbeitrag aus al-Guardian dazu: (8)

Nach Monaten ständiger wüstester Folterungen schleppte das Regime den gebrochenen und halb gelähmten Körper des Genossen Kianouri vor die Fernsehkameras, damit er dort den Ansichten, die er 50 Jahre vertrat, abschwörte, die historische Legitimität der Tudeh-Partei des Iran "bestritte", und nicht verübte "Verbrechen" "gestünde", womit er an Szenen des Prozesses und des Geständnisses von Galileo erinnerte.

La France aime son Georges Habache

George Habash, Jahrgang 1926, gebürtiger orthodoxer Christ und wie mancher palästinensische Terrorist von Beruf Kinderarzt, lebt ab 1982 in Damaskus. Im Januar 1992 erleidet er mehrere Schlaganfälle. Er wird zur medizinischen Behandlung ins Krankenhaus Henri Dunant nach Paris geflogen, wo er am nächsten Tag unter Polizeiaufsicht gestellt wird. Er soll eines Waffenverstecks wegen befragt werden, das 1986 im Wald von Fontainebleau gefunden wird. Die Franzosen scheinen seinen Aufenthalt dazu benutzen zu wollen, ihn über ungeklärte Ereignisse im Zusammenhang mit den Bombenattentaten von 1985 und 1986 zu befragen.

13 Tote und mehr als 300 Verletzte fordern diese Kaufhaus-, RER- und Metro-Attentate. Selbst die Poststelle des Pariser Rathauses wird nicht verschont.

In französischen politischen Kreisen herrscht Aufregung darüber, daß der Führer einer bekannten und berüchtigten Terrororganisation nach Frankreich einreisen darf. Die Premierministerin Edith Cresson und einige weitere verantwortliche Mitglieder der Regierung werden ihrer Posten enthoben. Trotz der von ihm über 24 Jahre gelenkten terroristischen Aktivitäten der PFLP behauptet die französische Regierung unter der Präsidentschaft des François Mitterand, es liege gegen George Habash nichts vor, was eine Verhaftung rechtfertige, seine Polizeiaufsicht wird am 1. Februar 1992 beendet und er darf unbehelligt nach Tunis ausfliegen.

Zur Erinnerung: Das strategische Ziel der von George Habash und Wadi Haddad (er stirbt am 28. Mai 1978 an Krebs oder an Gift) gegründeten PFLP ist bei ihrer Gründung 1967, im Februar 1992 und bis heute die Zerstörung Israels mit allen Mitteln. Daraus macht George Habash nie ein Hehl, sondern er bekräftigt das, wo er geht und steht. 1974 trennt sich die PFLP deshalb von der PLO, die ihr nicht radikal genug ist in der Verfolgung dieses Zieles. Das und die entsprechenden Verbrechen der PFLP zur Durchsetzung ihres Zieles sind der französischen Regierung bekannt. (9)

Georges Habache est mort

Die Liebe Frankreichs zu arabischen Terroristen hat sich mit der Präsidentschaft des Nicolas Sarkozy, Motto: la rupture, nicht geändert. Es ist weniger an dem geschäftlich bedingten Theater mit dem Staatsführer Libyens Muammar al-Gaddafi oder dem Herumgefuchtele des Petit Nicolas mit ´nem saudischen Säbel unter den begeisterten Blicken seines Außenministers, als daran abzulesen, daß selbst der Figaro, noch die bessere Zeitung Frankreichs, in den wärmsten Tönen über den Tod dieses Massenmörders berichtet und dazu ein freundliches Foto des Arztes einstellt. Der AFP-Bericht beginnt mit einem Zitat der Nécrologie, des Nachrufs, mit der Ehrenbezeigung des Mahmud Abbas für denjenigen, der zeit seines Lebens nichts anderes im Sinn hat als Yasser Arafat und die Fatah zu entthronen: (10)

"Der Tod dieses historischen Führers ist ein großer Verlust für die palästinensische Sache und für das palästinensische Volk, für das er 60 Jahre lang gekämpft hat."

Der AFP-Bericht erwähnt ohne kritische Distanz den unerbittlichen Anwalt des palästinensischen Nationalismus, den revolutionären Tribun, der sein Publikum durch sein Charisma entflammt. Die Volksfront zur Befreiung Palästinas sei eine wesentliche Komponente des palästinensischen Widerstandes (sic!). Im Plauderton geht´s dann weiter damit, daß George Habash bis zum Schluß unerbittlich in der Ablehnung Israels gewesen sei und dadurch nach und nach marginalisiert worden wäre. Kein Wort davon, was der Grund ist, nämlich die Zurückdrängung des Nationalismus und Säkularismus in der islamischen Welt und besonders bei den palästinensischen Terrorgruppen durch die Finanzierung der salafistischen und schiitischen islamischen Fanatiker mit Milliarden Petrodollar durch Saudi-Arabien und den Iran.

Dann behauptet der AFP-Bericht, und das alles im Figaro, daß George Habash Gegner eines Kompromisses gewesen sei, den Yasser Arafat gesucht habe. Yasser Arafat ist der Initiator, laut der Nachrichtenagentur AFP, deren erster Kunde der französische Staat ist.

Zum Terror der FPLP weiß die AFP, und der Figaro übernimmt es wörtlich:

Die FPLP leitet also den harten marxistisch-leninistischen, sehr politisierten und hin zu spektakulären Aktionen getriebenen Flügel, was ihm die Fatah und Yasser Arafat vorgeworfen haben. Die FPLP hat sich ebenfalls einen Namen gemacht durch Attentate auf die Flugzeuge der israelischen Firma El Al, die Sabotage von Erdölpipelines und die Angriffe auf Botschaften Israels.

Man vergleiche diese Aussage mit der obigen Terrorliste. Der Bericht gibt vor, daß alle Aktivitäten nur gegen Israel gerichtet waren, was eh schlimm genug gewesen wäre. Es ist auch nicht mit Platzgründen zu rechtfertigen; denn man hätte die Verbrechen in wenigen Sätzen zusammenfassen können: die FPLP führt ihre Terroraktionen weltweit mit dem Ziel, die Sympathien für Israel zu zerstören und damit der Vernichtung des verhaßten Staates näher zu kommen.

Dieser Bericht ist nicht etwa eine Eilmeldung, sondern der Figaro bringt sie zwei Tage nach dem Tod des George Habash. (11)

Das politische Testament des George Habash

Wer nun meint, damit sei´s genug, der irrt, denn der Figaro legt jetzt erst richtig los, und wie immer schickt er dazu seinen besten Mitarbeiter und Experten für den Nahen Osten ins Rennen. Leider ist die Perle nicht online. Georges Malbrunot, Grand Reporter des Figaro, ist Konversationspartner des George Habash bis zwei Wochen vor dessen Tod. Der Auslandskorrespondent ist in Hochform. Auf Seite 4, neben einem Vierspalter über den Sieg der Hamas, die durch die Grenzöffnung Gesprächspartner Ägyptens wird, gibt´s das letzte Interview des Grand Reporter mit dem Terroristen, kurz bevor der seine Memoiren mit Hilfe des Georges Malbrunot bei Fayard veröffentlicht, Georges Habache: Les révolutionnaires ne meurent jamais. Conversations avec Georges Malbrunot, die Revolutionäre sterben niemals aus, Gespräche mit Georges Malbrunot. Das Buch ist am 23. Januar 2008 erschienen. (12)

Wenn man den Buchtitel googelt, findet man ihn vor allem in der Welt der francophonen arabischen Blogger rezensiert: George Habash hat uns verlassen, lautet die Überschrift zu einer der zahlreichen Trauerbekundungen. (13)

Bei dem Experten für den Nahen Osten findet man die gleiche Voreingenommenheit und kritiklose Parteinahme wie im AFP-Bericht. Für Georges Malbrunot handelt es sich bei seinem Gesprächspartner um einen revolutionären Tribun. Vorab wird eine Erklärung für die späteren Aktionen des Terroristen gegeben: er habe 1948 den Exodus von Tausenden von Palästinensern bei der Gründung Israels erlebt. Es ist also Israel geschuldet, daß der christliche Arzt zum Terroristen werden muß. Die von ihm 1967 gegründete FPLP macht sich bekannt durch die Entführung von Flugzeugen. Damit aber keine Aversion des Lesers entsteht, wird nachgeschoben: Der Marxist Habash wendet sich danach vom Terrorismus ab. Er habe es vorgezogen, sich auf den Kampf gegen die "Konzessionen" zu konzentrieren, die Yasser Arafat gegenüber Israel habe machen wollen. Auch dies völlig kritiklos, es versteht sich von selbst, daß es Yasser Arafat ist, der Konzessionen machen will, kein Wort von den zahlreichen durch ihn gescheiterten Verhandlungen, kein Wort von zwei Intifadas zur Aufrechterhaltung des Status quo. Yasser Arafat und George Habash sind sich uneins in Strategie und Taktik zur Aufrechterhaltung des Konfliktes, mehr nicht.

Georges Malbrunot fragt seinen Gesprächspartner zum islamistischen Terror. Es versteht sich fast von selbst, daß auch Georges Malbrunot den Unterschied macht zwischen Islam und Islamismus, er geht sogar noch weiter, und George Habash ist für ihn ein revolutionärer Tribun. Die Antwort lautet: Die Religion darf nicht im Zentrum von allem stehen. Welch ein Glück für den Verstorbenen, daß er das Schicksal des Noureddin Kianouri nicht erleiden wird, der ebenfalls meinte, es gäbe noch etwas anderes. Dann sagt er, und Terror ist bei ihm Kampf: Der Kampf gegen den Imperialismus darf sich nicht gegen zivile Ziele, sondern muß sich auf militärische Ziele richten. Wer nun eine Nachfrage des Georges Malbrunot erwartet, ob in Israel, wie die salafistischen Prediger vom Schlage der Scheichs Yusuf al-Qaradawi und Mohamed Said Ramadan al-Bouti verkünden, alle und alles militärische Ziele seien, der wartet vergeblich. Stattdessen berichtet der Terrorist dem Figaro-Korrespondenten, daß er zufrieden gewesen sei, daß die Amerikaner am 11. September 2001 in ihrer Macht getroffen worden seien, wenngleich er den Tod der Tausenden von Unschuldigen anschließend lebhaftest beklagt habe. Er weiß aber den Grund für das Attentat, der liegt nicht in den Weltherrschaftsplänen des politischen Islams, sondern in der Parteinahme der USA für Israel.

Nun leitet Georges Malbrunot über zur Affinität der linken laizistischen Kämpfer zur Religion des Islam, und er demonstriert damit bewußt oder unbewußt, wie der Schulterschluß von Linksradikalen und fundamentalistischen Muslimen funktioniert: Ist das nicht das Ergebnis Ihres Einvernehmens mit den Islamisten der Hamas? George Habash räumt ein, daß er die Hinwendung zu Moschee und Verschleierung des Gesichts bei den Frauen nicht schätze, und er antwortet, wie es jeder andere Sektenführer auch täte: Wir befassen uns mit dieser Abirrung, aber unsere Debatten, das stimmt, dringen nicht durch die verschlossenen Türen unserer Versammlungen nach außen. Die religiösen Gefühle der Sympathisanten dürften nicht verletzt werden, um sie nicht zu verlieren. Mit den Mitgliedern werde über den Feind Nr. 1 der Gruppe gesprochen: die Hegemonie der USA im Nahen Osten.

Schon allein das macht die FPLP zum natürlichen Verbündeten Frankreichs, und wer gemeint haben sollte, das hätte sich mit Amtsantritt des Nicolas Sarkozy geändert, der wird durch den Figaro widerlegt.

Das islamistische Modell weise viele negative Punkte auf. Was die Gesellschaftsordnung angehe, so seien die Vorstellungen der FPLP andere, vor allem, was die Stellung der Frau betreffe. Der Islamismus sei ein indiskutabler Rückschritt, aber die Integristen sind heute (sic!) nicht unsere Feinde. Der politische Islam berge eine sichtbare nationale Komponente: die Führer der Hamas und der Hezbollah sind wahre Nationalisten. Wir bedürfen der Alliierten gegenüber Israel. Auch wenn ich zurückhaltend bin, was die Zustimmung ihrer Führer zur Demokratie angeht, ist die Hamas eine unserer Alliierten. Die Differenzen seien zweitrangig. Hier propagiert er den Schulterschluß von Linksradikalen und Nationalisten mit dem politischen Islam zur Abschaffung des herrschenden Systems, und wahrscheinlich bildet er sich ein, daß die säkulare Variante der Diktatur letztlich siegen werde.

Eine solche gigantische Fehleinschätzung der Ziele und Mittel des politischen Islams, genannt Islamismus, wird nur noch von europäischen Linken übertroffen, die meinen nämlich, die weltweiten Terroraktionen wären Widerstand gegen Israel und die USA. Die salafistischen Kollegen der Hamas und der anderen Terrorgrupppen freuen die Ansichten der säkularen Mitstreiter gar nicht, wie man schon auf dem Blog des Angry Arab News Service lesen darf. (7)

Was antworte er, wenn man ihn anklage, ein Terrorist gewesen zu sein, fragt Georges Malbrunot, und es impliziert, daß er meint, der alte Mann sei keiner mehr. Die Flugzeugentführungen hätten dazu gedient, die palästinensische Sache aus der Anonymität zu holen, sie wären das einzige Mittel dazu gewesen. Er habe aber bereits auf dem Dritten Kongreß der FPLP, 1972, demandé, gebeten (sic!), die Flugzeugentführungen einzustellen. Seine Bitten sind nicht erhört worden, wie an der Geschichte weiterer Flugzeugentführungen und Morde ersichtlich. Die Palästinenser hätten die Flugzeugentführungen mehrheitlich gutgeheißen. Dies zum Thema, daß die armen Palästinenser nichts dazu können zu den Aktivitäten ihrer Führer. Wadi Haddad habe die Entführungen weiter betrieben, und er habe sich von ihm getrennt. Wahrscheinlich ist er also doch an Gift gestorben und nicht an Krebs.

Selbstmordattentate seien jedenfalls seit der Zeit nicht mehr nach seinem Sinn gewesen: Vielleicht ist das meiner christlichen Religion geschuldet, in der das Wort Glaubenskrieg nicht existiert. Diesen Zynismus sollte man sich nur in kleinen Dosen zumuten, sonst verfällt man dem Liebermann-Syndrom. Dieser Christ befiehlt über Jahrzehnte Zerstörung und Mord, und nun argumentiert er mit seinem christlichen Glauben. Schon einmal vom Fünften Gebot vernommen? (14)

Wie sehen Sie die Zukunft der Beziehungen zu Israel? fragt Georges Malbrunot zum Schluß. Da ist der Gesprächspartner wieder ganz der alte: Wir müssen von unserem unverzichtbaren Recht Gebrauch machen, unseren Boden bis zum letzten Quadratmeter zurückzuholen. Man dürfe aber die Anwesenheit von fünf Millionen Juden eines Staates, der sich Israel nenne, nicht außer acht lassen. Nach langem Nachdenken sei er zu dem Ergebnis gekommen, daß es einen demokratischen laizistischen Staat geben müsse, in dem Juden und Araber koexistieren. Das sei die einzige Lösung, auch wenn das Projekt heute unrealistisch sei: Ich stelle meinen Kampf in eine historische Perspektive. (15)

Da steht er gut.

28. Januar 2008

Quellen

(1) Drahtzieher der "Landshut"-Entführung ist tot. DPA/AB, WeltOnline,
27. Januar 2008
http://www.welt.de/politik/article1601934/Drahtzieher_der_La ndshut-Entfhrung_ist_tot.html

Porträt: Georges Habash - Vom Kinderarzt zum Terroristenchef. APA/dpa/AP, derstandard.at, 26. Jänner 2008
http://derstandard.at/?url=/?id=3199071

(2) Radikaler Palästinenser-Führer Habasch verstorben. ORF.at, 26. Jänner 2008
http://tinyurl.com/yvnny4

Arafat-Widersacher George Habasch gestorben. AP, NZZ, 26. Januar 2008
http://tinyurl.com/26o44b

(3) What was the White Paper of 1922? Palestine Facts
http://www.palestinefacts.org/pf_mandate_whitepaper_1922.php

What was the 1974 PLO "Phased Plan" for Israel´s destruction? Palestine Facts
http://www.palestinefacts.org/pf_1967to1991_plo_phasedplan_1 974.php

(4) Brief about the Palestinian Exodus and their arrival to Jordan
http://www.dpa.gov.jo/menupalestinian.html

(5) Ancient History Sourcebook. Josephus (37- after 93 CE): Galilee, Samaria, and Judea in the First Century CE
http://www.fordham.edu/halsall/ancient/josephus-wara.html

Jordanian Nationality Law, Official Gazette, No. 1171, Article 3(3) of Law No. 6, 1954, (February 16, 1954), p. 105. The Treatment of Jews in Arab/Islamic Countries. By Mitchell G. Bard, The Jewish Virtual Library
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/myths/mf15.html

(6) Aktivitäten der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP) von ihrer Gründung bis heute. 3. November 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-11-03_20-41-32.html

Platform of the Popular Front for the Liberation of Palestine (1969)
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Terrorism/pflppl at.html

(7) secularism is over and finished with... The Angry Arab News Service,
March 14, 2007
http://tinyurl.com/35aru8

(8) Death of Noureddin Kianouri. Statement of the CC of the Tudeh Party of Iran,
November 6, 1999, The Guardian, November 17, 1999
http://www.cpa.org.au/garchve1/980iran.html

(9) Arabische Terroristen: ja! - Ariel Sharon: nein! 7. August 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-08-07_18-54-40.html

(10) Kadhafi plante sa tente à Paris. Par Thomas de Rochechouart, France Soir,
11 décembre 2007
http://tinyurl.com/2x9nqn

Die Wollen nur spielen ... Calamitas, Die Flache Erde, 15. Januar 2008
http://calamitas-bystander.blogspot.com/2008/01/die-wollen-n ur-spielen.html

(11) Georges Habache est mort. AFP, Le Figaro, 28 janvier 2008
http://tinyurl.com/27xx55

(12) Georges Habache : Les révolutionnaires meurent jamais. Conversations avec Georges Malbrunot. Témoignage pour l´Histoire, Fayard, 23 janvier 2008
http://www.mollat.com/cache/couvertures/9782213630915.jpg

(13) Georges Habache nous a quittés ... Par Arabdiou, 27 janvier 2008
http://observateur.dzblog.com/article-212368.html

(14) Die Zehn Gebote in verschiedenen Variationen. Religion Infos
http://infos-zum-thema.info/Religion/Zehn-Gebote/

(15) Le testament politique de Georges Habache. Par Georges Malbrunot,
Le Figaro, 28 janvier 2008, p. 4


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