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Israel einer AnfÀngerin [22]: Von Madrid und Barcelona nach Perpignan

Versprochen ist versprochen, die Reise wird bis zum Ende dokumentiert und kommentiert.

Gebucht bin ich auf der Maschine der Iberia IB 7867. Die El Al LY 0395 fliegt die Route im Auftrag von Iberia. Sie ist avisiert fĂŒr 10:50 Uhr und landet mit halbstĂŒndiger VerspĂ€tung in Madrid, am Terminal 4S, am 13. November 2007, um 11:20 Uhr. (1)

Dann beginnt ein Horror. Der erst kĂŒrzlich modernisierte Flughafen gleicht einem Provinzbahnhof. Ich komme irgendwo heraus und sehe durch die Glasscheiben LĂ€den und ein kleines Restaurant. Wie ich dorthin gelangen kann, wird mir nicht klar, ich versichere aber, daß ich hellwach bin, da ich wĂ€hrend des Fluges gut geschlafen habe. Irgendwann begreife ich, daß ich einen Flughafenzug nehmen muß, der in kurzen AbstĂ€nden fĂ€hrt. Ich komme meinem Ziel nĂ€her, aber es stellt sich heraus, daß ich da nur speisen kann, wenn ich innerhalb des internationalen Abfertigungsraumes bin - also vielleicht da, woher ich gerade komme?

Ich streife ĂŒbers GelĂ€nde, es ist Mittag, und ich habe Hunger, aber ich finde kein einziges brauchbares Restaurant. Ich frage jemanden, der schlĂ€gt vor, ich solle zum Essen in die Stadt fahren. ÂĄQuĂ© es buena la idea!

Endlich finde ich eine Snackbar, sie verkauft sogar Wein; ich kann mich dort auf der kleinen umfriedeten Terrasse aufhalten. Unterwegs habe ich eine El Mundo gefunden, aber das Lesen von auf FlughĂ€fen erstandenen Zeitungen bringt mir kein GlĂŒck, so daß ich eine Weile in Joan Peters: From Time Immemorial weiterlese, bis ich´s vor MĂŒdigkeit dreingebe. (2)

WĂ€hrend ich wartend vor mich hin stiere, wird mir die ganze Gemeinheit der eDreams deutlich. Sie buchen mich auf einen Anschlußflug fĂŒnf Stunden nach der Ankunft in Madrid. Die internationalen IATA-Richtlinien schreiben zwei Stunden vor, soviel ich mich erinnere, und der Flughafen von Madrid macht Werbung damit, daß Maschinen nach Barcelona gewissermaßen im Shuttle Service fliegen. Dem darf ich nun am Display beiwohnen, ein Flugzeug nach dem anderen startet Richtung Barcelona. Die fĂŒnf Stunden sind auch nicht mit etwaigen Regreßforderungen bei verpaßten AnschlußflĂŒgen zu rechtfertigen. Der zum Anschlußflug transportierende Carrier zahlt die eventuellen Kosten bei VerspĂ€tungen, wenn man den Anschlußflug der anderen Airline verpaßt, und wenn man gar am Flughafen ĂŒbernachten muß. Der Carrier ist aber in beiden FĂ€llen die Iberia, bei ihr bin ich gebucht, auch wenn die El Al fliegt. Die Iberia hĂ€tte mich kostenlos auf eine spĂ€tere Maschine setzen mĂŒssen, wenn ich die nĂ€chstmögliche nicht geschafft hĂ€tte. (3)

Freunde, solche Überraschungen auf Flugreisen habe ich wĂ€hrend meiner Berufszeit hĂ€ufig erlebt, da fĂ€llt beispielsweise der Flug der KLM von Bangkok nach Athen einfach aus, angeblich, weil ein technisches Problem aufgetreten ist, tatsĂ€chlich aber, weil sich nicht genug Passagiere einfinden. Man erfĂ€hrt es, als der letzte Konkurrent Richtung Westen fort ist; denn die KLM wĂ€re verpflichtet, die acht Passagiere auf einen anderen Flug der zur gleichen Zeit fliegenden LH, BEA, Air France umzubuchen, wenn die es wĂŒnschten. Der in Athen wartende Ehemann stirbt fast vor Angst, weil er denkt, die Maschine könnte abgestĂŒrzt sein, niemand hĂ€lt es fĂŒr angebracht, die Wartenden zu informieren. Der Flug kommt, als wenn nichts gewesen wĂ€re, einen Tag spĂ€ter an. Seid froh, daß er ĂŒberhaupt landet! Oder der KapitĂ€n der Air Nauru hat keine Lust, am Sonntag von seiner Phosphatinsel ĂŒber Guam nach Manila zu fliegen, und lĂ€ĂŸt fragen, ob man nicht lieber am Montag flöge. Na, auch gut, fahre ich am Sonntag mit dem Glasfiberboot Korallenfische bewundern! (4)

An solche und Àhnliche MÀtzchen denkt die Dienstreisende, wenn die daheim gebliebenen Sachbearbeiterinnen vor Neid erblassen, wohin unsereine fliegen darf, und daran denke ich jetzt auf dem öden Flughafen von Madrid.

Endlich, auch noch mit halbstĂŒndiger VerspĂ€tung, fliegt die IB 2606 ab. Bei der Ankunft in Barcelona ist es bereits dunkel. Ich nehme ein Taxi zum Hotel; es heißt Hotel Call und liegt in der Altstadt, in der Calle Call, vier Kilometer entfernt vom Bahnhof Sants, im Zentrum von Barcelona, bestens geeignet fĂŒr Tourismus oder Dienstreise, wie die Werbung verspricht; zu Fuß zu erreichen seien die Kathedrale, die Ramblas und Restaurants. Der Taxifahrer aber kennt seine Stadt angeblich nicht, er fĂ€hrt mich kreuz und quer herum. Hotel Call? Calle Call? Er fĂ€hrt rechts ran und sucht die Straße in seinem Stadtplan, allmĂ€hlich wird er böse, daß ich an einen Ort will, den er nicht kennt. Den Straßennamen hat er noch niiie gehört. Irgendwann, als er genug Geld eingefahren hat, meint er, ich könnte jetzt aussteigen, die Straße da drĂŒben hineingehen, ein wenig schauen, und dann fĂ€nde ich das Hotel schon. Er jedenfalls dĂŒrfe nicht dort hinein. Inzwischen ist es 19:30 Uhr. Am nĂ€chsten Morgen stellt sich das als LĂŒge heraus, aber ich greife vor. (5)

Mein Zimmer ist angenehm, modern eingerichtet und sauber, die Dusche funktioniert, und ich bin froh, mich endlich ausruhen zu können. Zum GlĂŒck speist man in Spanien nicht so frĂŒh wie in Frankreich, vor 22 Uhr geht eh keiner los. Wenn ich bedenke, daß die Chinesen um 18 Uhr essen - aber die sind eben weise. Ich dusche und will danach das Fenster öffnen. Wie entsetzt bin ich, daß es sich um ein winziges Loch handelt, das Ausblick auf einen dunklen Schacht gewĂ€hrt; himmelwĂ€rts ist´s schwarz. Ich sitze im GefĂ€ngnis! Soll ich gleich durchdrehen oder noch etwas damit warten? Was mache ich? HĂ€tte ich beim Eintreten die VorhĂ€nge vorm Fenster weggezogen, dann vielleicht hĂ€tte ich ein anderes Zimmer fordern können, aber so? Ich fĂŒge mich drein. Mir fĂ€llt mein Erlebnis in Istanbul ein, als man mich im berĂŒhmten 100 Jahre alten Hotel Pera Palas ebenfalls in ein Zimmer ohne Fenster stecken will. So wird frau behandelt, mit einem Mann hĂ€tten sie´s nicht gewagt, denke ich damals. In Istanbul merke ich das rechtzeitig und mische lauthals die ganze Rezeption auf. Unter vielen Entschuldigungen bekomme ich zum gleichen Preis ein Zimmer mit Balkon und Blick auf den Bosporus. Zum Abschied gibt´s einen Aschenbecher aus Messing mit eingraviertem Hotelnamen. Mein Freund Wolfgang, dem ich ihn geschenkt habe, besitzt ihn noch heute. Im Hotel Call kriege ich gar nichts. (6)

Es versteht sich, daß mir der NachtwĂ€chter an der Rezeption kein Restaurant empfehlen kann, was weiß denn er, der sowieso immer zu Hause ißt? Nach dreistĂŒndigem Tiefschlaf mache ich mich gegen 22:30 Uhr auf die Suche nach einem Restaurant, und da schlĂ€gt mir der versammelte Nepp entgegen. Preise wie im Sterne-Restaurant, Speisekarte MacDo. Das wunderbare Seafood-Restaurant finde ich eh nicht wieder, aber das Restaurante Francesa La DentelliĂšre, ein nettes Raucherrestaurant, zwar mit gepfefferten Preisen aber guter Speisekarte, entschĂ€digt mich. Der Wein taugt ebenfalls, und so geschieht´s, daß ich meine Straße mit dem entzĂŒckenden Hotel nicht wiederfinde. Alle LĂ€den und Restaurants haben inzwischen ihre Fenster verrammelt, es herrscht absolute Ödnis. Wer jemals in Barcelona war, wird mir bestĂ€tigen, daß man nicht besoffen sein muß, um sich in den engen dĂŒsteren Gassen zu verirren. Schließlich komme ich doch an und falle hundemĂŒde ins Bett. (7)

Am nĂ€chsten Morgen erzĂ€hle ich an der Rezeption, daß mich der Taxi-Fahrer ja leider nicht habe vors Hotel fahren können. Vielleicht erinnert sich der Leser noch, daß ich mit einem riesigen Koffer unterwegs bin, worin ich meine Sachen fĂŒr den nicht vorhandenen Herbst in Israel mitschleppe. Das stimmt nicht, protestiert der Rezeptionist, hier können alle Taxis vorfahren. Ich moniere, daß ich ein Zimmer ohne Fenster bekommen habe, was fĂŒr mich ganz schrecklich sei. Der Mann versteht nicht, was das fĂŒr eine Nacht ausmacht, außerdem wĂ€ren die Zimmer mit Fenster fĂŒr Paare. Strafe muß sein!

Nun bitte ich ihn, ein Taxi zu bestellen, das mich zum Busbahnhof bringen soll. Der Rezeptionist versucht es bei zwei Adressen, kein Taxifahrer sei bereit, mich eine derartig kurze Strecke zu fahren, ich solle mal mit meinem Koffer und meiner Tasche ein paar Meter bis zum nĂ€chsten Platz rollern, da kĂ€men Taxis vorbei. "Ja, wenn´s zum Flughafen ginge", habe einer der Taxifahrer gemeint.

Ich ziehe also meinen Koffer hinter mir her, in der anderen Hand die schwere Tasche, bis ich an den nĂ€chsten Platz komme. Prachtbauten umgeben mich, es herrscht reger Autoverkehr, der sich in die vom Platz abgehenden kleinen Straßen ergießt. Dann kommt endlich ein Taxi, der Taxifahrer winkt ab, hĂ€lt dann aber doch und erklĂ€rt mir, er dĂŒrfe mich nicht transportieren, ich hĂ€tte jetzt, bitte sehr, die Straße da drĂŒben reinzurollern bis zum nĂ€chsten Taxistand am Platze. Man ahnt nicht, wie gut ich plötzlich spanisch kann. Solches hĂ€tte ich noch nicht erlebt, er nötige mich, zu Fuß mit meinem schweren GepĂ€ck weiterzugehen bis zum nĂ€chsten Taxistand? Na, ja, flĂŒstert er resignierend, packt meinen Koffer, meine Tasche und mich ein und fĂ€hrt mich zum Busbahnhof Nord, wo die Busse nach Frankreich und dem ĂŒbrigen Nordeuropa abgehen. Die Fahrt kostet 7,20 Euro, ich gebe ihm, weil er mich auf dem Platz nicht hat versauern lassen, 8 Euro. (8)

Am Busbahnhof werde ich an Eurolines verwiesen. Das Unternehmen ist mir lange bekannt; es unterhĂ€lt ein BĂŒro auf unserer Bahnhofsstraße; die jungen Freundinnen Jenny und Jana sind mit Eurolines sogar schon von Berlin nach Perpignan gefahren, um mich zu besuchen. FĂŒr 9:30 Uhr bekomme ich einen Platz im Eurolines-Bus. Der Fahrschein kostet 21 Euro, und der ihn mir verkauft, ist ein sympathischer junger Mann, der außer katalanisch noch spanisch, französisch und sogar deutsch spricht. Die RĂŒckreise nach Perpignan, mit kurzem Aufenthalt in Gerona, gestaltet sich angenehm, comfortable. Meine Sitznachbarin heißt Lourdes, sie ist eine junge Afrikanerin aus Guinea Ecuatorial; sie lebt in Gerona und bei uns im Roussillon. (9)

Gegen Mittag komme ich zu Hause an und gehe gleich in mein Stammlokal Mittagessen. Da bist du ja endlich wieder, wo warst du so lange?

Ende der Reise. Sie wird mir unvergessen bleiben. Ich danke allen, die dazu beigetragen haben, mir meinen Aufenthalt in Israel derartig angenehm zu gestalten. Bleibt gesund und munter, und habt immer einen Schekel mehr in der Tasche, als Ihr gerade benötigt!

NĂ€chstes Jahr in Jerusalem! (10)

3. Februar 2008

Quellen

(1) Aeropuerto de Madrid-Barajas. Wikipedia
http://es.wikipedia.org/wiki/Aeropuerto_de_Madrid-Barajas

(2) Joan Peters: From Time Immemorial. The Origins of the Arab-Jewish Conflict over Palestine, Harper and Row 1982
http://tinyurl.com/2u9ytq

(3) eDreams
http://www.edreams.es/

(4) Our Airline/Republic of Nauru
http://www.southpacific.org/map/airnauru.html

Nauru. Goruma
http://www.goruma.de/Laender/Australien/Nauru/Einleitung/ind ex.html

(5) Hotel Call Barcelona
http://www.hotelcall.es/

(6) Pera Palas Istanbul
http://www.perapalas.com/

(7) Restaurante La DentelliĂšre Barcelona. NetOcio
http://tinyurl.com/3xgruv

(8) EstaciĂłn de Autobuses Barcelona Nord
http://www.barcelonanord.com/

(9) Eurolines Organisation
http://www.eurolines.com/index.php?id=113&L=0

(10) André Kaminski: NÀchstes Jahr in Jerusalem, Suhrkamp Taschenbuch 2007
http://www.schieb.de/tipps/result.php?asin=3518380192

Bisher erschienen:

Israel einer AnfÀngerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html

Israel einer AnfÀngerin [2]: Von Barcelona nach Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-20_18-17-23.html

Israel einer AnfÀngerin [3]: Tel Aviv-Yafo
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-24_18-50-35.html

Israel einer AnfÀngerin [4]: Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-25_17-54-33.html

Israel einer AnfÀngerin [5]: Neve Tsedek - Rehovot
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-26_20-51-40.html

Israel einer AnfÀngerin [6]: Kfar Saba
http://eussner.net/artikel_2007-12-03_23-45-13.html

Israel einer AnfÀngerin [7]: Maalot-Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-07_22-20-33.html

Israel einer AnfÀngerin [8]: Maalot-Tarshiha in Perpignan
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-09_22-20-26.html

Israel einer AnfÀngerin [9]: Shlomo Bohbot, Maalot und Tarshiha
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-13_22-57-27.html

Israel einer AnfĂ€ngerin [10]: RĂŒckkehr nach Kfar Saba
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-15_19-07-30.html

Israel einer AnfÀngerin [11]: Auf dem Weg nach Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-18_19-02-01.html

Israel einer AnfÀngerin [12]: Dieses Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-20_23-28-21.html

Israel einer AnfÀngerin [13]: Ein Tag in Jerusalem
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-26_21-23-45.html

Israel einer AnfÀngerin [14]: NÀchstes Jahr in Jerusalem!
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-29_19-35-47.html

Israel einer AnfÀngerin [15]: Wieder in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-12_15-08-44.html

Israel einer AnfÀngerin [16]: Sabbat in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-13_21-22-52.html

Israel einer AnfĂ€ngerin [17]: Vom FrĂŒhstĂŒck zum Friedhof
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-17_22-24-18.html

Israel einer AnfÀngerin [18]: La flaneuse - Promenade in Tel Aviv
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-23_19-01-17.html

Israel einer AnfÀngerin [19]: Schwanengesang
http://www.eussner.net/artikel_2008-01-26_19-44-14.html

Israel einer AnfÀngerin [20]: Du sollst nicht stehlen!
http://www.eussner.net/artikel_2008-02-01_20-27-39.html

Israel einer AnfĂ€ngerin [21]: Unkomfortabler RĂŒckflug nach Madrid
http://www.eussner.net/artikel_2008-02-02_21-44-32.html



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