
Doch mehr Soldaten nach Afghanistan?
Ich habe mir die Wiederholung der Sendung um 1:50 Uhr angetan. Wer sie noch einmal sehen möchte, der suche den Podcast zum Thema auf der Web Site des Bayerischen Rundfunks. (1)
Der Zynismus und die Unverschämtheit der Deutschen Peter Scholl-Latour und Reinhard Erös sind kaum zu überbieten. Von ihnen heben sich der Staatssekretär im Verteidigungsministerium Christian Schmidt (CSU) und der Grüne (!) Jerzy Montag positiv ab. Die Stoßrichtung der Moderatorin wird klar durch die Einladung des Frank Dornseif. Dieses Opfer eines Terroranschlages in Kabul, am 7. Juni 2003, läßt sie zuerst zu Worte kommen. Damit hätte man die Sendung im Grunde beenden können. Das persönliche Leid des Mannes mißbraucht sie als Anreißer für die von ihr vorgesehene Richtung der Diskussion und für eine von den Zuschauern erbetene telefonische Stellungnahme: Sollen noch mehr Soldaten nach Afghanistan geschickt werden? Die Antwort, wie könnte sie anders lauten: JA: 7,3 Prozent, NEIN: 92,7 Prozent. Wahrscheinlich wäre die Befragung auch ohne die Schilderung des erschütternden Schicksals des Frank Dornseif negativ ausgefallen, aber die Ausmaße der Ablehnung des Einsatzes, die sind der geschickten Inszenierung zu verdanken. Ein Bravo dem objektiven Journalismus!
Das weiß die FAZ über den Abenteurer Frank Dornseif: (2)
Mit 21 Jahren ging der gelernte Bäcker Frank Dornseif zur Bundeswehr - um aus der Provinz herauszukommen, dort wo jeder jeden kennt und alles wirkt, als sei die Zeit seit langem stehengeblieben. Abenteuer erleben und die Welt kennenlernen. Sich vielleicht auch etwas beweisen. So sagte Dornseif sofort ja, als ihn seine Vorgesetzten 1998 fragten, ob er nach Bosnien-Hercegovina wolle. Es war ein Abenteuer, ein Erlebnis unter Kameraden. "Wie ein Familienausflug", sagt Dornseif. Natürlich waren da die Minen, die ausgebombten Häuser, das Leid der Bevölkerung, die Angst vor den flüchtigen Kriegsverbrechern. Und doch weinte Dornseif, als er wieder zurückmusste, zurück zu seiner Frau, der damals sechs Jahre alten Tochter und der Scheune etwas abseits der Straße, an der sie seit Jahren bauten, um dort glücklich zu werden.
Ihre verquere Vorstellung von der Rolle der Berufssoldaten der Bundeswehr kann Ursula Heller nicht deutlicher machen als durch die Einladung dieses "Familienausflüglers": Wenn es mit dem Einsatz von Bundeswehrsoldaten ohne größere Gefahren etwas zu holen gibt für die Interessen Deutschlands, dann wird er gern gesehen. Wenn Deutschland sich auf Kosten der USA und anderer politischer und wirtschaftlicher Konkurrenten beliebt machen kann im Einsatzgebiet, dann ist´s in Ordnung mit der politischen Entscheidung. Wenn die Bundeswehrsoldaten aber unter erhöhter Lebensgefahr an ihre Aufgabe müssen, dann sollen besser andere die machen. Glaubt jemand, daß der PR-wirksame Auftritt der Bundeswehr in Afghanistan ohne die kämpfenden Truppen möglich wäre? Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, das sind die Taten der Deutschen im Norden Afghanistans; unter der friedlichen afghanischen Bevölkerung Tod und Verderben bringen, das sind die Taten der USA?
Der Bayerische Rundfunk hätte noch mehr tun können, die Arbeit der Deutschen in Afghanistan ins rechte Licht zu setzen, meint Reinhard Erös, Oberstarzt a.D. und Gründer der menschenfreundlichen "Kinderhilfe Afghanistan"; er hätte es gern gehabt, wenn seine guten Taten in Deutschland über die Bildschirme geflimmert wären: die deutschen Sender könnten noch viel mehr Propaganda machen für die Friedenseinsätze der Bundeswehr!
Sieht man von Frank Dornseif einmal ab: Der alte Grantler Peter Scholl-Latour darf unhinterfragt äußern: "Die Mission ist gescheitert. Der Krieg in Afghanistan ist gescheitert." Oder war ich schon so müde, daß ich Ihre Frage, sehr geehrte Frau Heller, nicht gehört habe: Warum ist die Mission gescheitert, welches sind Ihre Kriterien dafür, Herr Scholl-Latour? Vielleicht wären sie ja einleuchtend. Der langjährige Auslandskorrespondent verbietet denjenigen, die keine längeren Aufenthalte in Afghanistan vorweisen können, jegliches Urteil. Am besten, man überläßt die politischen Entscheidungen über Kampfeinsätze gleich dem Peter Scholl-Latour; denn er war schon überall in der Welt.
Wohlgemerkt: die Frage, ob die westlichen Staaten in Afghanistan verbleiben sollen, welches ihre Strategie und Taktik dort ist, wird in der Sendung gar nicht gestellt. Es ist nur wichtig, die Deutschen in einer Rolle zu bestätigen, die ihnen bei einem Minimum an Einsatz ein Maximum an politischem und wirtschaftlichem Gewinn verspricht. Der wird auf Kosten der USA, Kanadas, Großbritanniens, der Niederlande, Italiens, Frankreichs eingefahren, so daß gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden, man saniert sich auf Kosten Amerikas und der europäischen Konkurrenten. Die Argumentation des US-Journalisten Don F. Jordan verhallt ungehört und unkommentiert: "Ob wir diesen Krieg gewinnen können oder nicht, hängt davon ab, in wie weit die Politiker - zum Beispiel in Deutschland - die Bevölkerung davon überzeugen, dass es notwendig ist, in Afghanistan zu sein. So dass Afghanistan nicht hier her kommt, im übertragenen Sinne. Dass das keine Brutstätte wird für den Terrorismus, der dann exportiert werden kann. Die politische Verantwortung ist hier gefragt," wird er auf der Site der Münchner Runde zitiert - und es interessiert niemanden.
Afghanen hier, bei uns? Was war noch gleich mit dem Attentat des afghanisch-stämmigen Deutschen in der liberalen Stadt Frankfurt auf den Rabbiner Zalman Gurevitch? (3)
Wie erklärt man den Menschen, wie sehr der Einsatz ihre Sicherheit betrifft? fragt Jochen Bittner in der Zeit. Na, gar nicht, wie man an der "Münchner Runde" sieht. Im Gegenteil, durch geschickte Einladung der Rundenteilnehmer erstickt man solche Fragen im Keime. Aber Jochen Bittner hat zur Würdigung des französischen Beitrags nur Spott über den französischen Verteidigungsminister Hervé Morin bereit. Der äußere zur Münchner Sicherheitskonferenz, sie müsse der Augenblick sein, da die Europäer entscheiden, ihren Anteil an der Last auf sich zu nehmen, zitiert ihn Jean-Dominique Merchet auf seinem Blog. Wirklich langweilig, solche Rede. Im Gegensatz zu Deutschland ist Frankreich im Süden Afghanistans präsent, aber das weiß Jochen Bittner vielleicht nicht? (4)
Das wissen anscheinend nicht einmal die Journalisten Frankreichs.
Wie die europäische Distanzierung von den USA funktioniert, habe ich am Beispiel Frankreichs in den Artikeln Die Schizophrenie der französischen Medien am Beispiel der Afghanistan-Berichterstattung des "Midi Libre", vom April 2005, und Die proamerikanische Macht in Kabul und die kleinen Gesten Frankreichs, vom April 2007, vorgestellt. Der Unterschied zu Deutschland besteht allerdings darin, daß sich Frankreich sehr wohl an den Kämpfen im Süden Afghanistans beteiligt. Selten klaffen Tatsachen und mediale Wahrnehmung weiter auseinander als in Frankreich, und wie´s heuer tatsächlich in Afghanistan aussieht, zeigt übersichtlich der BBC-Artikel US seeks troops for Afghanistan sowie die ISAF-Karte der NATO. (5)
Was die kleinen Gesten angeht, so stellt Frankreich heute 1515 Truppen in Afghanistan. Neben der Stationierung der ISAF-Truppen trägt Frankreich bei zur Ausbildung der afghanischen nationalen Armee sowie zu Lande, in der Luft und zu Wasser mit Spezialtruppen zur Operation Enduring Freedom, mit Fregatten, Jagdbombern, Tankern, Transportflugzeugen, Mirage 200D, Mirage F1CR Aufklärern. Einzelheiten berichtet die Botschaft Frankreichs in Washington auf ihrer Site. Die Taliban und Al Qaida werden seit 2001 gemeinsam von den USA und Frankreich gejagt: France is a major NATO player. (6)
Am 8. April 2005 ist der US-Militär Bobby Bran des Lobes voll über die französische Task Force Arès. Er beobachtet ihr Vorgehen im Süden Afghanistans, wo sie die Taliban geschnappt hätten. Im Kontrast dazu wäre das deutsche Kontingent in Kunduz durch seine eigenen Truppensicherungsregeln derartig behindert, daß es wenig erreichte. "Das französische Militär ist eine sehr gute Kampftruppe, im Gegensatz zu dem, was Amerikaner (die sie niemals vorher in Aktion gesehen haben), glauben möchten." (7)
Zweidrittel des französischen Kontingents der ISAF in Afghanistan sind nichtfranzösische Söldner, die einem berühmten 1841 gegründeten Regiment angehören. Es nimmt an allen Kämpfen der Légion teil. Seine Heldentaten von der Eroberung Algeriens über Mexiko, den Krimkrieg und die Eroberung Indochinas und Madagaskars und der Befriedung Marokkos bis hin zu seiner Auflösung im Jahre 1968 können nachgelesen werden. 1972 wird das "2e REI" auf Korsika wieder gegründet. Seine gegenwärtige Struktur erhält es 1980 unter der Präsidentschaft von Valérie Giscard d´Estaing. 1983 wird es nach Nîmes verlegt. Nach seiner Neugründung ist es an allen militärischen Einsätzen Frankreichs in Afrika, im Libanon (1983), am Golf (1990-91), wo es sich besonders auszeichnet, in Kambodscha (1992-93) und in Jugoslawien (1993-2001) beteiligt. Die Aufzählung ist sicherlich unvollständig. (8)
Es wundert somit nicht, daß die von Frankreich eingesetzten Kontingente im Gegensatz zu den deutschen einem weniger strengen Schutz der eigenen Truppe unterliegen, und daß Bobby Bran ihren Kampfesmut so loben kann; es sind Söldner aus anderen Staaten.
Weite Teile der deutschen Politik und nahezu alle deutschen Mainstream Medien aber loben außer den eigenen Soldaten niemanden der anderen beteiligten Staaten, nicht Großbritannien, nicht Frankreich und erst recht nicht die USA, sondern sie warten auf den Tag, an dem die USA endlich auf die Plätze verwiesen werden. Die Medien können nicht an sich halten und verkünden ihre Wünsche bereits in der Überschrift zu den Berichten, wie Jörg Häntzschel: Aufstieg und Fall des Empire. (9)
Er ist nicht der erste und er wird nicht der letzte bleiben, der Opfer seiner Ideologie wird. Vielleicht hat er auch kein Geld angelegt, und bekommt es deshalb nicht mit, was Mißerfolg der USA für Europa bedeutet. Stichwort: Subprimes. Diese Verblendung macht selbst vor versierten Tradern nicht Halt, wie man am Skandal um die Société Générale und ihren inzwischen eingebuchteten Mitarbeiter Jérôme Kerviel verfolgen kann. Der junge Mann hat auf die Hausse des DAX spekuliert, des DAX! Er hat vielleicht zu viel Immanuel Wallerstein gelesen; der gibt bereits Ende der 90er Jahre die Marschrichtung vor, zusammengefaßt für den an internationaler Politik interessierten Leser in seinem Artikel The Eagle Has Crash Landed, im Sommer 2002; der Niedergang der USA sei der Aufschwung Europas. (10)
Ihr armen Irren, wenn der Adler ´ne Bruchlandung macht, landen Krähen, Elstern und Geier mit!
13. Februar 2008
Quellen
(1) Doch mehr Soldaten nach Afghanistan? "Münchner Runde" vom 12. Februar 2008, Moderation: Ursula Heller, Bayerischer Rundfunk
http://www.br-online.de/bayern-heute/sendungen/muenchner-run de/index.xml
(2) Traumata. Krieg in der Seele. Von Philip Eppelsheim, FAZ.net, 2. April 2007
http://tinyurl.com/2brj5r
(3) Die Messerattacke auf Rabbiner Zalman Gurevitch. 15./19. September 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-09-15_16-21-17.html
(4) Mal die Zukunft in Ordnung bringen. Von Jochen Bittner. Die Zeit,
9. Februar 2008
http://www.zeit.de/online/2008/07/sicherheitskonferenz-sonnt ag
Afghanistan: les renforts français passeront par Bucarest. Blog de Jean-Dominique Merchet, journaliste à Libération, 10 février 2008
http://secretdefense.blogs.liberation.fr/defense/2008/02/afg hanistan-les.html
(5) Die proamerikanische Macht in Kabul und die kleinen Gesten Frankreichs.
7. April 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-04-07_17-50-10.html
US seeks troops for Afghanistan. BBC News, February 1, 2008
http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/7221485.stm
International Security Assistance Force. NATO
http://www.nato.int/isaf/docu/epub/pdf/isaf_placemat.pdf
(6) National Defense, update August 24, 2006
http://www.ambafrance-us.org/atoz/defense.asp
(7) Bobby´s World, 8 April 2005
http://bobbybran.blogs.com/bobbys_world/2005/04/arounf_the_w orl.html
Die Schizophrenie der französischen Medien am Beispiel der Afghanistan-Berichterstattung des "Midi Libre". 13. April 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-04-13_17-30-06.html
(8) 2ème régiment etranger d´infanterie (REI). Légion étrangère.
Legio Patria Nostra
http://www.legion-etrangere.com/fr/rgt/2rei.php
2ème Régiment Etranger d´Infanterie. L´essentiel de la Légion étrangère
http://www.lalegionetrangere.fr/2rei.php
(9) Aufstieg und Fall des Empire. Von Jörg Häntzschel. Süddeutsche Zeitung,
1. Februar 2008
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/95/155687/
(10) The Eagle Has Crash Landed. By Immanuel Wallerstein, Foreign Policy Magazine, July/August 2002
http://www.yonip.com/main/articles/eagle.html
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