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Israels strategisches Debakel und die Folgen

Zusammenfassung des Artikels von St√©phane Juffa, vom 17. Juli 2008, √ľber die Verantwortung der israelischen Regierung f√ľr das strategische Debakel des Austausches von libanesischen H√§ftlingen gegen die √úberreste der vor zwei Jahren von israelischem Territorium verschleppten und get√∂teten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev. (1)

  • Es erfolgte ein Austausch von libanesischen H√§ftlingen f√ľr die Reste von vor zwei Jahren get√∂teten und im K√ľhlhaus von Beirut aufbewahrten Soldaten.
  • Von "Befreiung" und "R√ľckkehr" konnte nie die Rede sein, anders als in den Hoffnungen der Familien und in den Kommuniqu√©s der Regierung verk√ľndet.
  • Eine Regierung, deren Verhandlungen einmal mehr scheiterten. Nasrallah hatte nichts in H√§nden; seine St√§rke war es, immer entlang dessen zu handeln, was er erreichen wollte.
  • Hezbollahs Poker lautete: das, was wir an Israelis bei uns haben, gegen das, was ihr an Libanesen bei euch habt, plus einige Kleinigkeiten; auf diesen march√© des dupes, den Handel der Betrogenen, hat Israel sich eingelassen.
  • W√§hrend der zweij√§hrigen Verhandlungen hat Nasrallah dem deutschen Unterh√§ndler niemals eine Information √ľber den Zustand der beiden Geiseln gegeben: take it or leave it! Er bot die Katze im Sack, und Jerusalem hat akzeptiert;
  • schlimmer noch, Ehud Olmert hat die Sprache der Hezbollah bis unmittelbar vor dem Austausch benutzt. Noch bei der Trauerfeier haben die Minister von der "R√ľckkehr der Jungs" gesprochen, dabei handelte es sich um die "Aush√§ndigung der Leichen der beiden Soldaten".
  • Das Kabinett wu√üte seit langem, da√ü beide tot sind, sp√§testens seit der Feind die Bedingungen verk√ľndete: f√ľnf arabische H√§ftlinge und einige S√§rge gegen die lebenden Israelis. Das entspricht keiner bekannten Relation, die Hamas forderte zun√§chst f√ľr die Freilassung von Gilad Shalit 4000 verurteilte Terroristen, die ihre Haft in Israel verb√ľ√üen.
  • Der "Handel" wird demn√§chst stattfinden auf der Grundlage von 800 bis 1000 pal√§stinensischen H√§ftlingen f√ľr den israelischen Soldaten.
  • Diesen Tageskurs kennt man in Jerusalem, in Metula und in allen Redaktionsstuben Israels. Die Verhandlungsf√ľhrung Ehud Olmerts ging gegen die Interessen Israels; er hat, ohne ausreichend nachzudenken, die Hoffnung bestehen lassen, da√ü die Soldaten noch leben, obgleich er wie wir (die M√©na) wu√üte, da√ü diese Hoffnung nicht existierte.
  • Diese Hoffnung war eine Erfindung Nasrallahs, um seinen Interessen zu dienen. In Israel f√ľhrte sie zu einer Debatte √ľber lebendige auszutauschende Geiseln gegen verurteilte Verbrecher. Das f√ľhrte zum Anwachsen einer immer st√§rker werdenden, bestens organisierten Lobby, die sich um die betroffenen Familien bildete; sie hat die Regierung zum Abkommen mit der Hezbollah gen√∂tigt.
  • Die Regierung ist in die eigene Falle gegangen. Zum Zeitpunkt des Austausches waren 60 Prozent der Israelis damit einverstanden. Wenn sie √ľber die Modalit√§ten informiert gewesen w√§ren von dem Augenblick an, da man die Fakten kannte, w√§re das Ergebnis umgekehrt gewesen, und der Handel h√§tte nicht stattgefunden.
  • Es handelt sich um einen Handel mit katastrophalen Folgen. Israel hat seine Verhandlungsmasse zur Freilassung des seit 22 Jahren in einem iranischen Gef√§ngnis vegetierenden Navigators Ron Arad fortgegeben. (2)
  • Es gibt Beweise, da√ü er 1986 lebendig und bei bester Gesundheit in die H√§nde der Schiiten fiel. Wenn er von seinen Folterern nicht get√∂tet wurde oder an einer Krankheit gestorben ist, lebt er von der Welt isoliert.
  • Die Iraner k√∂nnen kein Interesse daran haben, den Piloten eines Flugzeuges umzubringen, dessen Modell seit langem nicht mehr in den Diensten der israelischen Luftwaffe ist. Wenn er krank w√§re, h√§tten die iranischen √Ąrzte gewi√ü alles getan, ihn am Leben zu erhalten.
  • Die israelische Regierung hat mit ihrem Vorgehen im Fall der beiden Soldaten ein gef√§hrliches Element konzeptueller Korruption in die israelische Politik eingef√ľhrt, in dem sie den betroffenen Familien gestattete, der Regierung ihr Verhalten zu diktieren. Israel hat auf f√ľr den Nahen Osten typische und √§u√üerst be√§ngstigende Art bei seinem Entscheidungsproze√ü Gef√ľhle mit Vernunft vermengt.
  • St√©phane Juffa hat gestern nicht aufgeh√∂rt, an die 160 Familien der anderen Opfer des Zweiten Libanonkrieges zu denken; ihre Trauer ist verletzt durch die unangemessene Fokalisierung auf die Familien von Ehud und Eldad. Solches w√§re zu Friedenszeiten vielleicht verst√§ndlich, aber nicht in Israels Lage.
  • Im Falle eines Konfliktes mit dem Iran, der Hezbollah, der Hamas und mit Syrien sch√§tzt die M√©na die m√∂glichen Verluste auf 5 bis 10 000 Menschen. Bei der nun erwachsenen √úberempfindlichkeit, wie sie anl√§√ülich der F√§lle Goldwasser und Regev entstand, ertr√§gt Israel das nicht, erst recht nicht eine Operation im Irak. In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, da√ü s√§mtliche Medien Israels, anstatt ihre Rolle der Information wahrzunehmen, sich gemeinsam mit den Familien der beiden toten Geiseln den Aff√§ren des Landes zugewandt haben.
  • Diese Entwicklung wurde durch die Schw√§che des Premierministers m√∂glich, den seine Inkompetenz und seine juristischen Verstrickungen in die Demagogie getrieben haben, in Verhandlungen um jeden Preis, und in die Nichtaus√ľbung seiner Verpflichtungen zur Entscheidung. In dieses Machtvakuum sind Interessengruppen und die Medien gesto√üen und haben statt seiner entschieden.
  • Armes Israel, wenn es in der heutigen konjunkturellen Lage durch die Stra√üe, ihre Instinkte und ihre Launen regiert wird. Es ist nicht mehr nur eine juristische Frage: nach welcher Regel der Regierung hat der Premierminister auf die Klage eines Gerichtes zu warten, um zur√ľckzutreten? Was ist mit der Ethik, der Selbstachtung, dem Sinn f√ľr Verantwortung und den Interessen des Landes? Die Justiz ist nicht das einzige Kriterium f√ľr politisches Verhalten, sondern sie mu√ü f√ľr den Extremfall vorbehalten bleiben. Ehud Olmert mu√ü gehen - und zwar sofort.
  • Er hat Hassan Nasrallah, der nicht den geringsten Trumpf hatte, erlaubt, gestern in Beirut zu triumphieren. Er hat versprochen, die Freilassung des Samir Kuntar zu erreichen, und er hat Wort gehalten. In der arabischen Welt, die sich sonst nur von zweifelhaften Versprechungen n√§hrt, ist das ein gro√üer Sieg. Hassan Nasrallah, der arabische F√ľhrer, der Israel verr√ľckt macht, in dem er ihm eine Katze im Sack verkauft, er wird zum Idol der arabischen Stra√üe, zum Vorbild, dem man folgen mu√ü, zur wiedergefundenen Ehre etc.
  • Er hat die israelische Justiz in einen Laden der Scherze und Attrappen verwandelt, sie hat alles verloren, was ihr an Abschreckungsmacht blieb. Terroristen, die Kinder ermorden, wissen nun, da√ü sie daf√ľr nicht ein Leben Lang in Israel inhaftiert bleiben, und da√ü jede Stunde, die sie in Haft verbringen, ihnen bei der Entlassung vom arabischen Volk und seiner politischen Klasse in gro√üem Stil und hundertfach mit Bewunderung entlohnt wird, wie im Fall von Kuntar in Beirut.
  • Der Austausch vom Mittwoch hat die israelische Gesellschaft f√ľr terroristische Initiativen leichter zug√§nglich gemacht. Die Gerechtigkeit ist ersch√ľttert, die nicht toleriert, da√ü ein Kinderm√∂rder seine Freiheit wiedergewinnt. Um respektiert zu werden, mu√ü das Recht f√ľr alle gleich gelten, darauf beruht seine Glaubw√ľrdigkeit und in Folge die Rechtschaffenheit der B√ľrger.
  • Starker Nasrallah! Er √ľberschreitet √ľberraschend eine international anerkannte Grenze und ermordet acht israelische Soldaten, seine Milizen sammeln die Reste von zweien von ihnen auf und treten damit einen Krieg los, in dem 1500 Libanesen ihr Leben verlieren und ein weiteres Tausend verwundet wird, in ihrer gro√üen Mehrheit Milizion√§re, Terroristen und kleine Helfer seiner Organisation, die im August 2006 dezimiert wird; und die im Juli 2008 mit der Hilfe von Olmert und seiner Regierung die Herrschaft √ľber den Libanon bekommt, das Vetorecht √ľber die Entscheidungen seiner Regierung. (3)
  • Ohne gestern aus Angst, Israel k√∂nnte ihm die Tore zur H√∂lle √∂ffnen, selbst anwesend zu sein, hat er die Vertreter aller politischen Str√∂mungen des Libanon vereint, den Pr√§sidenten Suleiman, den Premierminister Siniora, den er noch vor zwei Monaten in seinem Regierungspalast eingekreist hatte, den General Aoun, der seine Seele und Israels Respekt verlor, alle Scheichs, Imame und die Chefs aller Kirchen, genau auf dem Rollfeld des Flughafens von Beirut, wo die politische Klasse Frankreichs vor einigen Wochen seinen Putsch hinnehmen mu√üte, Nasrallah zwingt sie alle, einen schnell in die libanesische Uniform gesteckten Abschaum zu umarmen, dessen einzige noble Tat seines Lebens darin bestand, eine Familie zu ermorden.
  • Die Hezbollah hat es seit der Wahl Bashir Gemayels erstmalig verstanden, wenigstens f√ľr einige Stunden die heilige Einigkeit der heuchlerischsten Politiker der Welt zu herzustellen.
  • So viele zu versammeln, um die Zertr√ľmmerung des Kopfes eines vierj√§hrigen M√§dchens zu heiligen, mu√üten seine Feinde entsprechend naiv sein, ihn das machen zu lassen. Das hat den naiven Ehud Olmert den der Formel eingeborenen Sinn treffen lassen:
  • "Schande der Nation, die die Freilassung eines menschlichen Biestes feiert, das den Sch√§del eines Kindes von vier Jahren zertr√ľmmert hat."
  • Eine Nation, deren Armee von nun an vermischt ist mit den Milizen der Hezbollah, wozu Mgr. Sfeir, der Patriarch der Maroniten das passende Wort findet: "Im Grunde besitzt ein Staat eine Armee und nicht zwei." Er hat nicht unrecht, und das l√§√üt ein Problem aufbl√ľhen, das den Libanon unzweifelhaft in seinen Untergang f√ľhren wird.
  • In der Hochburg der Hezbollah, in Daaya, waren gestern Zehntausende ihrer Sympathisanten versammelt, um Kuntar zu empfangen, es gab Tausende von gr√ľn-gelben ihrer und einige zig von sowjetischen Fahnen, aber keine einzige Fahne des Libanon, womit das Projekt Nasrallahs f√ľr das Land klar sein d√ľrfte.
  • Die befreiten H√§ftlinge wurden in Nakura von Ehrenspalieren der Milizen der Hezbollah empfangen, die mehrfach den Hitlergru√ü entboten, und von einer Abteilung des libanesischen Sicherheitsdienstes. Kuntar und seine Komplizen folgten im Milit√§rschritt drei strikt angeordneten Bannern, der Hezbollah zuerst, dann mit Abstand der libanesischen und einige Meter darauf der Fahne der PLO.
  • Der Imam der Hezbollah best√§tigte in seiner Begr√ľ√üungsrede, die selbstverfreilich nicht von den westlichen Medien √ľbersetzt wurde, da√ü Kuntar nicht von Israel, sondern von allen westlichen Nationen gemeinsam in Haft gehalten wurde, da√ü die Hezbollah nicht Israel besiegt habe, sondern die Gemeinschaft dieser Nationen, und da√ü der bislang schwache Libanon nunmehr in eine Speerspitze des weltweiten Heiligen Krieges umgewandelt sei.
  • Gegen√ľber diesem Glaubensbekenntnis kann man verschiedene Haltungen w√§hlen: unsere √úbersetzung anzweifeln, sie nicht ernst nehmen, ihr nicht glauben, oder sehr beunruhigt sein √ľber das Projekt, was ich Ihnen rate.
  • Das gestrige Ereignis wirft Probleme auf, unbeschadet, da√ü man wei√ü, da√ü es im Libanon sehr zahlreiche sensible, mutige und moralisch integre Menschen gibt, darunter die freien libanesischen Mitarbeiter der Kamerad der M√©na B√©h√© und einige andere Kollegen Journalisten, die √ľber die geschmacklosen Zeremonien von gestern berichtet haben. Man kann getrost wetten, da√ü der Empfang, den man dem Schl√§chter Kuntar gestern bereitete, die Beziehungen zwischen Israel und dem Libanon ver√§ndern werden. (4)
  • Im Falle eines neuen von Nasrallah verursachten Konfliktes wird die israelische Armee sehr viel weniger R√ľcksicht nehmen, nichtschiitische Gemeinden im Libanon zu verschonen. Bis gestern waren Israel seine n√∂rdlichen Nachbarn gleichg√ľltig, oder sie hatten sogar Sympathie f√ľr sie; seit Mittwoch hat sich das ge√§ndert in Mitleid, in Widerwillen und sogar in Ha√ü, Gef√ľhle, hervorgerufen durch den prim√§ren Antijudaismus, den die Vertreter aller libanesischen Institutionen am Flughafen Rafik Hariri bekundeten oder unterst√ľtzten. Niemand zweifelt daran, da√ü der Libanon die Bedeutung massiver Zerst√∂rung kennenlernen wird, wenn er sich vom Glaubenskrieg des Nasrallah hinwegtragen l√§√üt.
  • Der Westen hat mit Mi√ütrauen die Verherrlichung eines Kinderm√∂rders durch ein ganzes Land gesehen, von dem er meinte, es w√§re zum Teil verwestlicht. Im Elys√©e konnte man es kaum glauben, da√ü Michel Suleiman, der Kuntar auf dem Flugplatz umarmte, noch vor drei Tagen dies mit Nicolas Sarkozy veranstaltete. Gestern waren die Erkl√§rungen von Suleiman den Aufrufen zum Heiligen Krieg sehr viel n√§her als dem Geist der Einheit der Mittelmeeranrainer. "Man k√∂nnte an diesen Dummk√∂pfen verzweifeln ... seufzte ein enger Ratgeber von Sarkozy einem unserer Mittelsm√§nner in Paris zu.
  • Wenn Israel in seiner feindlichen Umgebung √ľberleben will, sollte es sehr schnell seine konzeptuellen Priorit√§ten √ľberdenken und die R√§nge seiner Politikerklasse sanieren, weil es kaum m√∂glich ist, schlechter und gef√§hrlicher zu handeln als in dieser Runde des Zusammensto√ües mit der Hezbollah.

Zusammenfassung: Gudrun Eussner, 17. Juli 2008

Quellen

(1) La responsabilit√© du gouvernement dans la d√©b√Ęcle strat√©gique d´hier est totalement engag√©e. Par St√©phane Juffa, Metula News Agency, 17 juillet 2008
http://www.menapress.com/article.php?sid=2109

(2) Die vermissten Israelis. Von Jörg Bremer, FAZ.net, 15. Juli 2008
http://tinyurl.com/6gyeuf

(3) Die Fähigkeiten der Hezbollah waren niemals so groß wie jetzt.
1. Dezember 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-01_20-43-48.html

(4) C¬īest loin, Paris ! Par Micha√ęl B√©h√© √† Beyrouth. Metula News Agency,
15 juillet 2008
http://www.menapress.com/article.php?sid=2108


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